Ausgabe 
4.9.1931
 
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Fülle von Lichtern und Seezeichen bietet sich dem Auge, Leuchtbaken und Feuerschiffe, Tonnen und Pricken, Stangen und Dalben, Masten und Besen sind die Schriftzeichen der Schiffersprache. Jedes Verlesen kann Tod und Verderben bringen. Das mäandrische Labyrinth des Watten- ineeres strahlt alle Himmelsfarben zurück und gibt ihm durch erhöhte Leuchtkraft auch verstärkten Zauber. Zu diesem Zauber gesellt sich ein fremdartig anmutendes Leben im Wasser.

Laichkraut, Seegras und Tang dringen als einzige Pflanzen ins Meer hinein. Um so reicher wimmelt es von Tierleibern aller Art, Fischen, Krebsen, Weichtieren, Stachelhäutern, Hohltieren und Urtieren. Alle kommen sie zum Vorschein, wenn das Wattenmeer zur Ebbezeit den Tisch deckt. Man sieht es an den Vogelschwärmen, die über ihn herfallen uni) ein reiches Mahl halten. Der Wattenfischer macht nicht schlechtere Beute. Ihm geht der Wanderbursche, der Stör, ins Netz; er sängt den Dorsch und zahlreiche Plattfische, auch Krabben und Krebse verschmäht er nicht.

Den Wissenschaftler reizt insbesondere das niedere Leben, wie es Quallen und Polypen, Korallentiere und Leuchttiere bieten. Jedem gibt das Wattenmeer etwas aus seinem reichen Schatze, dem Fischer und Schiffer, dem Vogelfreund und Jäger, dem Pflanzenliebhaber und Natur- lchwelger.

Am Rande des Stranddistelreiches wohnt auch der Mensch. Sein Haus ist seine Burg, die er gegen Wind und Wogenprall verteidigt. Er ver- ichanzt sich auf Halligen hinter Weiden und Buhnen, trotzt auf den Wersten Brandung und Springflut und versucht manchen harten Aus­fall, um den Watien Schlick und Schlamm zu entreißen; denn nur aus hm wird Marschenland, das ihm Nährboden zu geben vermag. Vom Feft- ande aus dringt er mit Faschinen vor, riegelt Buchten ab und poldert Keuland. Was die Hände in jahrelanger harter Arbeit schufen, macht oftmals eine Sturmflut in einer Nacht zunichte. Die Wogen züngeln ju den Türen und Fenstern der Wersten hinauf, dringen durch Fugen anb Ritzen in die Häuser und jagen die zitternden Bewohner auf den Dachboden. Die Mauern beben und wanken von dem wütenden Wogen- gebell. Balken stürzen und die stolze Burg der Insulaner liegt in Trüm­mer. Alles verschlingt das Wellengrab. So gehen Leben und Land wieder verloren.

Ein rauhes und hartes Geschlecht muß es sein, das sich immer aufs icue den Elementen entgegenstemmt und ohne das Meer nicht leben »ill. Doch aus den verwitterten Zügen lacht das blaue Auge und spiegelt treue und Güte, Liebe zur Scholle und Sehnsucht nach den Weiten des Meeres. Es strahlt wie dieSeemannstreue", die blaue Stranddistel aus >em Dünengesicht. Das Reich der Stranddistel ist auch sein Reich. Zwischen Wattenmeer und Dünen liegt sein Leben auf vorgeschobenem, nicht selten verlorenem Posten, stets bereit, in den Kampf der Elemente einzugreifen dns zum Unterliegen.

Ein flüchtiger Blick über dieses Meerland läßt es karg und reizlos rscheinen. Erst im Verweilen vermag man auch seine Schönheiten, die tur ihm eigen sind und die keine andere Landschaft aufzuweisen hat, zu rsassen.

Oer Kampf der Tertia.

Erzählung von Wilhelm Speyer. Alle Rechte beim Rowohlt Verlag, Berlin W 35. (Schluß.)

Nicht eine Gestalt war Daniela, sie war hunderfältig geworden. Ihr 'urjes honigbraunes Haar flatterte mit süßen Düften >m Winde, steil prang sie vom Stand aus in die Lüfte, und mitten ins Getümmel der »einbe ließ sie sich wie eine fpeer-fchüttelnde Göttin herab. Dort schlug ic mit gewaltigem Speer rasend auf die Feinde ein. eie griff auch, cbalb sie Raum genug hatte, mit den herben Händen in den hawmono- ormigen Bügel ihres Bogens, sie schleuderte aus großer Nahe ihre Ichwirrenden Pfeile, und überall dort, wo ihre Gegenwart, ihre Bogen mb Pfeile, ihre Doggen, der wild gewürzte Heideduft ihres Korper.s oaren, da wichen mit offenen, blöd staunenden Augen und Mäulern die Lnötzingianer zurück, und die Knüppel entsanken ihren Händen.

Borst aber ging feiner Kriegerin nicht von der Seite. Er überschätzte feine Kräfte aufs lächerlichste. Er, der Schwächste und Kleinste von allen, achte sich nur die Stärksten und Größten von Danielas Feinden aus tenen er gegen die Brust sprang. Er schien von der wahnwitzigen Luft Gefallen zu sein, nur das Unmögliche wagen zu wollen.

Alexander Kirchholtes aber trieb die Feinde wie ein mit erhobenem »aut brüllender Löwe vor sich her. Es gab kern ehrbares Sch mpfwort les er den immer weiter Zurückweichenden Nicht entgegennef. Seine kwenhafte Empörung über die Schandtat der Knotzingianer brüllte er ^Und Reses^dreifache Bild: die hundertfältige Amazone mit chren Soggen; der kleine affenartige Knabe, der den Giganten an die Kehle drang; und der herakleisch brüllende Kirchholtes erfüllte die Feind« mit entsetzen und Furcht. _ ,

Plötzlich hatten sie keine Lust mehr am Kamps.

Sie trollten sich davon, die einen langsam, die andern W»11! ' fetzen es zu, daß Daniela ihre Gefangenen mit kurzen rauhen -rnimph^ freien befreite Keine Schmachreden des ^"Händlers kem höhnisches Gelächter der zuschauenden Knaben vermochte die Knotzingianer zum imeiten Male ins Schlachtfeld zu treiben, wiederum den Kampf gege lie Bande zu wagen, deren Gesichter setzt nut einer neuen Wildheit

Daniela und ihre Doggen, die ritterlich um die Errettung der Katzen nmpsten; die zu neuem Leben erwachte Lama und h ... ( _s

tzwarze Dogge; Josua, der Miniatursoxterner, und derlustikgak* inerenbe Peggy, sie alle trieben nach Haus, was noch zögerte, sich vom Schlachtfeld davonzumachen. ..... » «du Daniela an

Hinter dieser Phalanx sammelten sich die lertmner. ftürmten ije iar Spitze, welche die Standarte der Bande ergriffen hatte, stürmten sie

zum letzten Male. Sie riefen ihr Feldgeschrei aus bei Juninacht mit blutenden Lippen, die Stirnen übermütig und verwegen erhoben:

Es lebe der Hund! Es lebe die Katze!"

Sie blieben Herren des Schlachtfeldes und seiner Beute.

Dann aber brachen sie insgesamt keuchend zusammen.

Nur Daniela stand in ihrer Mitte, stand aufrecht, mit der schön gekrümmten Hüfte des Bogenschützen, den Daumen der linken Hand im Bügel, die rechte Faust an der Sehne. Sie zielte. Ihren letzten Pfeil gab sie dahin.

Droben, schräg zu ihren Häuptern, führte der Bauer das mähende Gespann.

Zwei Stunden später waren ungehindert sämtliche Katzen der Stadt im Waldeszwinger der Tertia geborgen.

Viele der Katzen lagen ermattet, mit zuckenden Läufen auf dem Boden. Andere bekämpften und befehdeten sich noch.

Die meisten aber putzten sich, beleckten ihr Fell und ihre Pfoten, ober sie schauten verstört, menschenfeindlich, mit einem blutenden Irrsinn Im Hintergründe ihrer Augen, geradeaus in den Wald.

XVI.

Es war der letzte Sonntag vor den großen Ferien.

Auf dem Gutshof, im Sonntagsmorgenlicht, vor der offenen Scheune Nr. 2, deren grünes Heu gletfcherhaft schillerte, stand der Doktor aus dem Eichenwalde, und hinter ihm standen die Lehrer des Schulstaates.

Das Gesicht des Doktors war eckig, klar, scharf und gütig, wie das Gesicht der großen Deutschen vergangener Zeiten, die von den alten Meistern gemalt worden waren. Er war nicht hoch von Gestalt und nicht niedrig. Auf seinen starken Beinen ruhte sein starker Leib, wie ein Mo­nument auf einem Sockel.

Wollt chr beim Sportfest gegen die Sekundaner spielen?"

Ja!" riefen die Tertianer über den Hof.

Trotzdem ihr alle Krüppel seid?"

Ja!" riefen die Tertianer, und sie schwenkten ihre Stöcke, mit denen sie herumhumpelten, oder sie schwenkten ihre bandagierten Pfoten.

Gut! Es hat sich im Laboratorium nachträglich herausgestellt, daß die Tollwutdiagnose irrtümlich war! Ich habe dafür gesorgt, daß man den Kopf des Tieres nach Berlin schickt. Der Befund ist negativ! Ich bürge euch für eure Tiere!"

Hurra! Hurra! Hurra!" riefen die Tertianer, und der Ruf wurde sogleich von der Obersekunda, dann aber von der Prima, endlich von all den Kleinen bis herab zur Sexta ausgenommen. Die Sexta zumal konnte sich vor Begeisterung über die Sieger im Kampfe nicht beruhigen. Sie zerrissen ihre blauen Mützen und warfen sie als Fetzen in die Luft.

Streng, feierlich, mit mißbilligend gerunzelten Brauen stand allein die Untersekunda auf dem Hof, und ihre strafenden Augen sahen den Gott auf Erden an.

Es tut mir leib, euch sagen zu müssen, daß unser Kamerab Knötzin- ger nach ben großen Ferien nicht mehr zu uns zurückkehren wird, ba fein Vater in einen andern Bezirk versetzt worden ist, wo er einen höheren Posten bekleiden wird."

Schweigen,

Knötzinger hat bereits heute feinen Präfektenstern Zurückgegeben."

Der Große Kurfürst erhebt den Arm.

Er erhält das Zeichen, sprechen zu dürfen.

Die Obertertia hat Daniela zu ihrem Ehrenhäuptling erwählt."

Die jungen Lehrer lachen und winken Daniela beglückwünschend zu.

Die Wahl ist bestätigt."

Hurra!" ruft die Tertia, und Daniela steht wie ein kleines Mädchen, im sauberen Sonntagswaschkleid, vor der ersten Reihe der Bande. Doch sind ihre Augen keineswegs schamhaft gesenkt, sondern sie werfen scharfe, eisengraue Speerbündel in die Runde.

Der Ehrenhäuptling erhebt den Arm.

Daniela!"

Die Tertia bittet durch mich Herrn Doktor, den lierroärter Falk im Schulstaat anzustellen!"

Reppert erhebt den Arm.

Die Tertia bittet, bei den Eltern, die zu uns kommen, eine Kollekte veranstalten zu dürfen, daß der Schulstaat die Tiere vom Botanischen Garten kauft!" , .

Der Mann, den sie lieben, wendet sich zu den Lehrern. Er bespricht sich mit ihnen. Dann hebt er das gebietende Kinn.

Bewilligt!"

Hurra!"

Vorbeimarsch der Obertertia!"

Der Häuptling schwenkt seinen Stock.

Die Tertia marschiert.

Voran der Große Kurfürst, schnaufend, zerbeult und geradezu asthmatisch. Einen halben Schritt hinter ihm der Ehrenhäuptling, frisch, rosig und braun, ganz unversehrt, ganz unverwundet und unwandelbar, mit keck gekrümmtem Mund und stolz erhobener Stirn.

Im ersten Glied Reppert, Lüders und Borst, Borst, der aus einem ängstlichen, täppischen Hasenjungen zu einem Helden der Ilias wurde.

Im zweiten Glied Otto Kirchholtes, Hornbostel und Bamberger, die beiden letzteren mit Gesichtern, als seien sie in einen Bienenkorb gefallen.

Und es folgen die andern alle, zerschunden, zerschäbt, humpelnd und an den denkbar merkwürdigsten Stellen ihrer Körper bandagiert.

Aber niemand hat sich krank gemeldet, keiner ist der Parade fern« geblieben.

Rechts und links, auf ihren Flanken, marschieren d,e Hunde, deren Köpfe und Pfoten mit Verbandstoff umwickelt sind, wie die Köpfe und Pfoten ihrer Herren.

Alle Tertianer geben sich die größte Muhe, anständig Schritt zu halten nicht etwa Paradeschritt, dergleichen gibt es im Schulstaat nicht aber sie schreiten tüchtig, schnell und rhythmisch aus, sie heben