[riff das Zahnputzglas, ritzte die Haut, um dann die Bluts- , Wasser fallen zu lassen... Weiter kam er nicht. Das kleine
nicht lange.
tropfen ins Wasser fallen zu lassen... Weiter kam er nicht. Das kleine Mädchen, mißtrauisch geworden durch die Zuhilfenahme des Federmessers, heulte gleich beim ersten kleinen Schmerz laut los. Linkte hielt ihr den Mund zu, bedrohte sie mit dem Messer. Aber schon war es zu spat. Die Tür die er im Eifer des Gefechtes abzuriegeln vergessen hatte, wurde aufg'erissen. Don zwei Seiten herbeigestürzt, standen die Eltern der Kleinen aus der Schwelle. Sie sahen nur, wie der Junge das heulende Mädchen mit einem spitzen Gegenstand bearbeitete, hörten nur das jämmerliche Geschrei. „Eine Art von sadistischem Anfall", hörte Linkie seinen Onkel schäumend zum Vater sagen. Sadistischer Anfall — dieser lange, komische Ausdruck, der für ihn keinen Sinn hatte, belustigte ihn. Aber
Er erklärte ihr am nächsten Tage: daß er sie liebte, hatte sie ihm ja oft genug schon selbst gesagt, er liebte sie aber so rasend, daß sie Blutsbrüderschast machen wollten. Blutsbruderschaft? Nichts JBofes ahnend zudem froh, ihn aufs neue demütigen zu können, ging die Kusin« daraus ein. Linkie triumphierte. Nun würde er sie einmal quälen; ein ganz klein bißchen, mit Feierlichkeit, mit einem kleinen Picken in den Oberarm. Noch am gleichen Nachmittag lief er, zitternd vor Lampenfieber, zu seinem Freunde Christoph, dem Mogler. Er bat ihn um Jem Federmesser und er möchte niemandem, niemandem je ein Wort davon sagen. Ein« Stunde nach Eintritt der Dunkelheit trafen sich di« beiden, Christoph übergab Linkie einen kleinen, dick umwickelten Gegenstand, und was die beiden redeten, wird ewig im Dunkeln bleiben.
Dann kam der große Abend. Linkie klaute zwei kleine Stümpfe von den Weihnachtskerzen, und nach dem Effen, zu Haufe, ging die Zeremonie in der Plättkammer vor sich. Die Kerzen wurden angezündet, er entblößte ihren Arm, beschwörende Formeln murmelnd, zog Christophs Federmesser l)crvor rtMt> hio Amit um hnnn bi<> Bluis-
„Grinse nicht! Du unverschämter Lausejunge, sch werde dir beibringen noch ..." Linkie wurde fürchterlich verhauen und dann ins Bett geschickt. Die Kusine durfte er zur Strafe nie mehr besuchen. Ihr wurde verboten, ihn fortan zu begrüßen, mit ihm zu spielen, m seiner Anwesenheit das Haus zu betreten. Als Linkie sich von feinen Prügeln erholt hatte und das erfuhr, war er ungeheuer erleichtert. Dann konnte und mußte er sie wohl nicht heiraten. Dann war er frei und „den Balg los. Zeit eines Lebens sprach er in Ausdrücken größter Hochachtung von Bluts- brüderschaft und ähnlichen Erfindungen.
In der Klasse kam die Angelegenheit aus, als an Christophs Federmesser Blutflecken entdeckt wurden. Der — weit entfernt, jetnen Sreunb zu verraten — redete sich mürrisch mit Nasenbluten heraus. Aber Bill, der Dicke (der einzige, der schon Detektivheftchen gelesen hatte), gab sich nicht zufrieden, spürte nach. Seinen Quertreibereien war auch das hochnotpeinliche Verfahren zu verdanken, das man vier Tage später gegen Christoph einleitete und das einen so unerwartet rührenden und dramatischen Verlauf nahm.
Mitten in der Anklage trat Linkie vor, von dem bisher in der Angelegenheit überhaupt nicht die Rede gewesen war. Er deckte den ganzen wahren Sachverhalt auf, dem auch sofort geglaubt wurde, weil alle, wie gesagt, Linkie als Ehrenmann, als Gentleman kannten. Christoph wurde mit Pomp freigesprochen und Alfred erklärte laut und feierlich Linkies Dazwischentreten als einen schönen Zug, wobei mehreren Insassen der Sexta, sogar Otto, dem seist verschwitzten Klassenprimus mit ben vielen Heftklammern, eine mannhaft unterdrückte Träne ins linke Auge stieg.
Stranddistel.
Von Rudolf Behrens.
Wo das Land ins Meer stößt und die See den Strand zerreißt, liegt das Chamäleon unter den Landschaften, das Watt mit dem Dünenkranze auf dem Haupte. Die Gezeiten heben es im bunten Wechsel des Spiels bei Ebbe aus der Taufe, um es bei Flut wieder unter das Meer zu ducken. Keine andere Landschaft kann sich solcher Wandlung rühmen. In ihr liegt der Zauber, dem Wattenmeer und Dünen Farbenwechsel, Sonderheit und Verlassenheit verdanken. Solch schwankes Ufer verdammt zur Einsamkeit; denn wer möchte einen gefährlichen Rücken zum Wohnsitz wählen? Watten- und Düneneinsamkeit bergen Reiz und Oede. Diese ist schuld daran, bah sie nahezu kulturlos sind und bis heute roeber ihren Sänger noch ihren Maler gefunben haben. Durchwanbert man aber bas Watt ober durchkreuzt es auf einem kleinen Kutter, so erschließt sich einem, wenn auch nicht leicht, diese wechselblütige Landschast die an Farbenstimmung nicht hinter der Marsch zurucksteht und an Mannigfaltigkeit mit dem Meere wetteifert.
Dieser amphibischen Landschaft nähern wir uns jenseits der Dünen- kette des natürlichen Grenzwaldes der Küste. Er ist bas Abbilb urewigen Kampfes der Elemente mit dem Leben. Hier ringen Land und Wasser um die Oberherrschaft und zeigen täglich das Spiegelbild gewaltiger Schop- fiingsperioden. Was die Tertiärzeit revolutionierend in Erbepochen schuf, Überflutung des gesamten Tieflandes zu einem großen Meere, Empor- steiqen der versunkenen Welt zu neuem Leben, das wiederholt sich in ununterbrochener Folge heute noch an den Küsten im kleinen. In diesen Kampf greift das Leben ein und streitet um seine Behauptung.
Der Höllenrachen der Brandung speit den Sand ans Ufer und überläßt ihn dem Winde, der ihn zu Mauern und Buckeln, zu Hügeln und Rippen türmt. Strandhafer und Strandweizen stellen sich ihm entgegen und versuchen, ihn zu halten, indem sie ihn mit ihrem Wurzelwerk durch- dringen und so aus dem flüchtigen Nomaden einen seßhaften Landser machen. Oftmals werden sie verschüttet, doch immer schießen sie aufs neue durch den Sand. Ihre Bundesgenossen sind Sandegge und Salzmiere, Salzkraut und Meersenf. Die helfen ben Sieg über bie Naturgewalten gewinnen. Den Erstlingsbünen entwachsen weiße, graue unb buschige Wälle, jene Wandergesellen müdegeworbenen und bereits zur Kultur übergehenden Sandwehen, über die das Meer die Herrschaft verloren hat.
In diesem Reiche herrscht die „Seemannstreue", bie Stranbbistel, als Zierbe ber „blonben Düne", wie ein nieberlänbisches Lied sagt. Ihre Blüte hat Himmelsblau getrunken, unb in ihren Blättern vereinigt si-Y Wattengrün mit Dünengrau und Sandweiß als Randleiste. Sie ist em echtes Seemannkind, dessen Antlitz so ernst ist wie feine Umwelt. „Seemannstreue" ist der Heimatgruß, ben ber Schiffer mit hinausnimmt auf [eine Meerfahrt, bas Willkommzeichen in ber Hanb der harrenden Braut, bie ben (Beliebten bamit empfängt, wenn er heimkommt. Si« ist der schönste Dünenftern unter den Blüten. Sein Leuchten ist leider im Verlöschen begriffen, so daß sich ber Staat genötigt sah, ihn vor dem Ban- balismus ber Menschen zu schützen.
Die „Seemannstreue" umblühen Schafschwingel unb Dünenrose, Nackstkerze unb Silberweide. Ihnen begegnen von der Dunem eite her gepeitschte unb zersetzte Zwergbäume, flatternde Kiefernfahnen und versuchen, sich gegen die Seestürme zu behaiipten. So durchschreitet oer Wattenfreund mit wenigen Schritten eine ganze Welt vorn Urmeere uver Unland zur Kultur, von ber See über Watten unb Dünen zum wogenden 2[cbrcnfc(bc. .. m.
Das Grenzlanb zwischen Erbe unb Wasser ist keine Heimat für Vierfüßler. Den Kaninchen und Hafen, sowie den Fuchsen wacht nur der Mensch das Feld streitig. Um so reichhaltiger tummeln fab bie Segelflieger in biesem Revier. Da lacht bie Silbermbue, da Wießt bie exe- schwalbe durch die Lust, da stelzt der Regenpfeifer und watschelt die Stoa ent«. Sie wechseln von der Düne ins Wattenmeer und zurück. Folge» wir ihnen in ihr Reich.
Noch liegt es als einförmige Wasserwüste endlos vor uns. Jetzt beginn es zu fliehen. Schlick unb Sanbflächen bringen vom Meeresgrunbe am- In ben „Pielen" laufen die verlorenen Was!ermassen ber fliehenben se nach unb brausen durch die „Tiess". Das Watt ist frei, wir gehe 0 durch. Nur hüten mir uns, in die Prickenalleen zu geraten. Das 1 abgefteette Wasserstraßen für die Wattenjchiffahrt. Eine verwirrens
Eine Handharmonika In einer lauen Nacht überm Wasser bei Schiffs- lichtern, bie vorüber in bie unbekannte Ferne gleiten, bas ist nicht ungefährlich für «in junges Mäbchen. Ich hörte es wohl, wie Alwel
schwerer zu atmen begann. Oho, Sulus war boch ein raffinierter Hunb.
Ob ich sie fragte? Natürlich! Jedoch der Mensch ist em bofes Tier
von Jugend auf. Ich fragte sie, wie es sei mit ihr und
daß ich, an der Flaggleine meines Daseins ihre kleinen seidenen Sachen in Ewigkeit als Nationale zu führen, als mein Ziel ansehe unb verrückt fei wie ein entseelter Hering... , . ..
Sie weinte ein wenig an meinem Halse, bas schone Kirch. Es sei dies ber Ab schieb von uns allen, sagte sie. Denn bie anbere Woche, da fahre sie nach Makassar. Und ich solle es auch Herrn von Dalben mitte,len daß nämlich bie Gonbefros nicht gern in Hamburg-Altona unb Blankenese heiraten, solchem lieber in ber weiten Welt.
Blutsbrüderschast.
Von Hans Ammer.
Also, das haben sie alle zugegeben, als sie davon erfuhren: Bill, der Dicke, hat es zugegeben (ber mit bem permutternen Taschenmesser wissen Sie) unb Alfred (dem man nachsagte, er kann« brennende Streichhölzer eine halbe Minute im Munde behalten), auch Christoph- Weltm.-st«>r ,m Mogeln beim Aufsagen von Gedichten, ja, sogar Otto, der ble,chverschwitzte Klassenprimus mit den vielen Heftklammern — fie alle haben e- 8U9Sinbtie'roar Kavalier, ganz sicher. Auch in diesem Fall muß er, ganz genau gewußt haben, was er anfteüte, das stand fest! Und überhaupt, wenn Mädels im Spiele waren, wußte man schon gar nicht mehr, woran
war bie: Linkie hatte eine Kusine unb die war zehn Jahre, während er als Sextaner seine neun auf dem Buckel hatte. Und das war an und für' sich schon eine Gemeinheit. Schlimmer noch — er betrachtete es als Pflicht und Tatsache, mit der er sich abfinben mußte, das kleine verzogene Göhr eines Tages zu heiraten. Warum? Das hatte sich so ergeben an den vielen Nachmittagen, an denen die Erwachsenen, Linkies Eltern und bie des Mädchens, die Kinder zum Spielen weggeschickt hatten.
Sehr wohl war Linkie bei dem Gedanken keinesfalls. Vor allem, weil er sich schon beim Spielen immer furchtbar mit ihr langweilt«. Denn richtig was mit ihr anzustellen, Streiche ober Fußballspielen — all das tonnte er nicht. Dazu war sie „nur ein Mäbchen", also zimperlich. Insgeheim erzählte er seinem Freunbe Christoph (bem Weltmeister im Mogeln beim Aussagen ber Gebichte), er hoffte, es sei noch sehr lang« bis zur Eheschließung. Aber er habe sein Kavalierswort gegeben, unb was [ei da zu tun? Da sei doch nichts zu machen, sagte Christoph, worauf Linkie ausspuckte. (Das tat er immer, wenn er wuterch war werk die Trapper es auch so machten, so erzählte wenigstens fein Wilbwestbuch.)
Mit der Zeit merkte Linkie, daß das Mädchen die Situation auszunützen begann. Wenn mal rasch einer rüber zum Milchmann gehen muhte, bann sah ihn die Kusine spöttisch an, unb Linkie mußte sich trollen. Wenn es Mohrenköpfe gab, die beide so sehr gerne hatten — em rascher Tritt unter dem Tisch, ein süßschnäuziges „bitte Linkie, ach bitte, bitte“ und weg war Linkies, auch Linkies Mohrenkopf. Gab es ein Zirkusbillett, nur eins, und war die Kusine gerade in ber Wohnung, (o dauerte es keine zehn Minuten unb ber einsame Linkie zog heulenb mit wütendem Ritschratsch die Gardinen zu, um nicht zu sehen, wie das Mädel ihm von der anderen Seite der Straß« noch ein ironisches Kutz- händchen zuwarf, ehe sie verschwand.
Immer mußte er zurückstehen. Handgreiflich konnte unb wollte nicht werden das verbot ihm seine Kavaliersehre. Unb, ba war nit^s zu machen, eines Tages mußte er sie ja boch heiraten. Da halfen keine Pillen.
Das Mäbchen gewann immer mehr Macht über ihn. Das ging soweit, daß sie ihn zu allerlei zwang, unter dem Hinweis er mußte, weil er sie liebte. Unb was sollte Linkie barauf antworten? Um ihn zu quälen, erpreßte sie die Bekanntschasi seiner besten Freunde, vor allem Alfreds, unb zog sie ihm bann in so beschämenber Weise vor, daß ßmhe vor Wut beinahe heulte. Schließlich aber sann ber großzügige Linkie doch


