Ausgabe 
2.2.1931
 
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SiehenerZainilienbliitter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang <931

Montag, öen 2. Februar

Nummer 10

Stilleben.

Von Gottfried Keller.

Durch Bäume dringt ein leiser Ton, Die Fluten hört man rauschen schon, Da zieht er her die breite Bahn, Ein altes Städtlein hängt daran.

Mit Tünnen, Linden, Burg und Tor, Mit Rathaus, Markt und Kirchenchor: So schwimmt denn aus dem grünen Rhein Der goldne Nachmittag herein.

Im Erkerhäuschen den Dechant Sieht man, den Römer in der Hand, Und über ihm sehr stille steht Das Fähnlein, da kein Lüstchen geht.

Wie still! nur auf der Klosterau

Keift fernhin eine alte Frau;

Im kühlen Schatten nebendran Dumpf bornierte auf der Kegelbahn.

Das Haus ohne Nach.

Von Albert D a u d i st e l.

Nachdem ich während meiner Wanderschaft, so in meinem 18. Jahre, von See her in Spanien angekommen war, muhte ich mir gar bald wegen trostloser Strecken einen Kochtopf, einen Sack für Lebens­rnittel, eine Schlafdecke und zwei Schweineblasen, die eine für den roten, die andere für den weißen Wein, besorgen. Und dennoch vermochte mich der Kram aus die Dauer nicht in freudiger Stimmung zu halten. Mittags und abends kochte ich zwar herrlich ab; aber was übrig blieb, mußte ich ausfchiitten. Und noch nicht mal ein kleines Tafelgefpräch war mir mög­lich. An Gelächter durfte ich überhaupt nicht denken. Und wenn mein sich die Wünsche selbst erfüllen muß, und man niemand an dem, was man so erlebt und genießt, teilnehmen lassen kann, besteht die Gefahr, daß auch die Lust zur Unternehmung leidet. Ich war jedoch, da ich keinen Kameraden hatte, zu der Angewohnheit gekommen, an Wegweisern stehen zu bleiben und die Inschriften der längst vorbeigewanderten zu be­trachten. Die amtlichen Kilameterzahlen und die starren Hinweise nach der Richtung, in der zu gehen ich mir eigentlich vornahm, wurden mir immer mehr und mehr zur Nebensache.

So wanderte ich den Gefühlen nach, die mich beseelten. Ich geriet kn Städte und in entlegene Nester. Aber einen Kameraden sand ich nicht. Gerne hatte ich den Menschen im Hinterland des Abends, wenn ich mit ihnen durch das Nachtquartier, das sie mir im Stall gewährten, in bessere Berührung kam als bei Tag, all das, was mich so bewegte, erzählt. Aber diese Einheimischen konnten mir nicht nachsühlen; denn nie waren sie so wie ich allein gewesen. In den Pyrenäen schrie ich oftmals aus meiner Sehnsucht von irgendeiner hohen Kante den Namen eines Kameraden über die Wälder. Aber mir antwortete nur das Gestotter der aufgescheuchten Vögel. Ob ich dort sechs Wochen ober bloß brei derart herumwanderte, weih ich nicht, da die Sonne ausblieb. Und nach den Feiertagen konnte ich mich nicht richten; denn sie fielen mir nicht auf. Und fragte ich die Holzfäller, weil ich keinen anderen Ausweg wußte, einfach nach dem Weg nach VJiabrib, so schauten sie wie vor einem Rätsel und empfahlen aus dem Drange- mir immerhin ge­fällig zu fein, Maladetta ober Murillo unb schickten mich also noch weiter von ben kultivierten Ströhen weg. Unb ich lief mir schließlich durch die zerfchunbenen Schuhe die Füße wund, bah ich Angst bekam, sie könnten wegen des Straßenschmutzes zu eitern anfangen unb abfaulen. Za, so vereinsamt fühlte ich mich schon, daß ich glaubte, es gäbe da auch teilten Arzt für mich. Ich riß breite Streifen von ber Decke ab und wickelte damit meine Füße ein. Die Schuhe lieh ich liegen und roanberte unb wanderte unb verbrauchte bie Decke zu Bandagen. Unb so kam ich end- lich in ein Tal, bas Schienen hatte. Ich humpelte an bie Strecke heran, setzte mich unb wartete. Unb als mir auf einmal berExpreß Paris- BordeauxMabrid" den Ausweg bahnte, erhob ich mich sogleich und tappte dahin. Unb ich beeilte mich sogar, trotzdem mir dabei bie Tränen tarnen.

Nachdem ich noch etwa 10 Kilometer in süblichem Kurs zurückgelegt hatte, erschien bie Sonne. Unb, obzwar ich vor Schmerz auf ben Zehen­spitzen gehen mußte, erfreute sie mich hoch, zumal bie naßkalten Blätter ber Wilbnis, bie ich nun hinter mir hatte, nicht mehr mein Gesicht

unb meine Hänbe streifen konnten, so daß es sich anfühlte, als schleckten eklige, kaltschnäuzige Tiere baran. Den Wegweisern sagte ich laut: , Guten Tag Ja, bie Sonne wirkte schließlich berart auf mein Gemüt, baß >ch mich zu der geradezu närrischen Vertröstung verstieg, in dieser Rich- tung ich nannte sie vor lauter HoffenGeneralrichtung" mög- licherweife doch mal einen Kameraden zu treffen. Aber als ich, so nach weiteren zwei oder drei Tagen, in einem Dorf ankam, hätte ich am liebsten auf ben Hiinben laufen mögen, so schmerzten die Wunben. Und id> würbe auf einmal bermaßen von Trostlosigkeit befallen, baß ich den Burgermeiftster aufsuchte, ihm meine Füße zeigte unb erklärte, so könne ich nicht weitergehen. Unb ich legte mich, ba er mir nicht helfen wollte, einfach nieber, inbem ich sagte, ich verließe nicht eher bas Dorf, bis ich heil sei. Da ließ er mich von seinem Knecht auf ben Marktplatz tragen. Unb ich schrie, als solle ich umgebracht werben. Aus allen Türen unb Gassen liefen bie Leute herbei, zuvorberst die Frauen, von denen manche unb bas gefiel mir, während ich fo schrie sofort für mich Partei ergriffen. Sie geiferten ben Bürgermeister mit harten und scharfen Worten an. Eine kniete neben mir, streichelte mich; und ich begeisterte sie, indem ich sagte, Gott solle es ihr lohnen. Da küßte sie mich, erhob sich und ging von neuem gegen den Bürgermeister vor unb hetzte bie Manner gegen ihn. Unb mit einem Male knieten, währenb ich so da­lag, viele Frauen bei mir. Unb ich berounberte ihre offenherzigen Augen, bie mir viel mehr sagten, als bie schönen Worte:Armer Teufel ..."

*

Olein Kamerad, ein zwanzigjähriger Lothringer, war erst aus der gemeinsamen Freude über uns zu sich gekommen, als ich plötzlich dem bereite weiter galoppierenden Maultiergespann aus Leibeskräften nach- rief:Mein Esel! Mein Efell" Den hatten wir vergessen abzuknoten. Mein Kamerad, der Martin hieß, warf seinen Hausstand, den Lebens- mittelsack, bie Schlafdecke unb ben Kochtopf ab unb reichte mir seine beiden noch ziemlich vollen Schwei,leblosen unb flitzte bem Gespann nach. Als er enblich mit bem Esel bei mir ankam, half er mir auf« sitzen unb nahm seinen Kram an sich. Dann zogen wir, währenb wir uns so aussprachen, in bas Dunkel ein. Links unb rechts ber Chaussee geisterte über den Wiesen ber Nebel. Der Monb schien blank. Aber die Schatten ber Nacht fürchteten wir nicht. Ja, von bem Schmerz an meinen Faßen fühlte ich nichts mehr. Unb wenn unser Esel vor Mübigkeü mal stolperte, gab ihm Martin Zucker. So tarnen wir auf eine Brücke unb lauschten bem Geräusche bes Stromes. Unb ba erfüllten auf einmal zwölf tönende Schläge die weite Stille. Wir bogen links ab und zogen am Ufer entlang, dem Flecken, der sich gemeldet hatte, entgegen. Unb nicht weit von einem Sieg, ber bie Mündung eines Baches überbrückte, staub ein Haus. Wir gingen hin. Kein Hunb kläffte. Die Tür stand offen. Unb durch die zersplitterten Fensterscheiben sahen wir, es hatte, statt eines Daches, ben Himmel über sich. Unb wir zogen ein.

Am folgenben Morgen erkannten wir, baß es ein ausgebranntes Haus war. Bon seinem Dach sah man nur noch schwarze Balkenstützen. Martin begann bie Mauersteine, bie ba herumlagen, in eine Ecke zu werfen. Ich trug unsere Bagage in bie Abteilung Küche. Unb so war, ohne baß es ausgesprochen wurde, unser Wunsch, hier wohnen zu bleiben, zur Geltung gekommen. Martin ritt alsdann aus, kam aber bald wieder mit einer Ladung Heu, unter der unser Esel kaum zu sehen war. Nachdem aus dem größten Teil des Heues Lagerstätten für uns gemacht worben waren, burfte der Esel das übrige fressen. Und Martin sagte, ich müsse liegen bleiben, bis meine Füße kuriert seien. Er kochte ab unb besorgte alles, was wir so zur Haushaltung benötigten; unb zwar ging cs auf Konto meiner kranken Füße. Wir bekamen Besuch unb erhielten auch Salben. Unb als wir uns schon nahezu zwei Wochen an ber Zivilisation erfreuten unb meine Füße geheilt waren, unb mich Martin einmal, da nun ich für bie Herbeischaffung ber notroenbigen Sachen zu sorgen hatte, fragte, wohin ich benn heute gehen wolle, ba" antwortete ich, ich ginge zur Polizei, um uns als ordentliche Staatsbürger anzu- melben. Ja, es ging uns so gut, daß wir all das Mißliche, das hinter uns lag, verhöhnten. Unb abenbs faßen wir auf einer Bank vorm Haus, wie Einheimische. Wir würben sogar gegrüßt. Ja, einer sorgte für ben anberen. Unb es schien alles vortrefflich. Aber wenn es dunkel geworden war, unb wir fo nebeneinanber auf ber Lagerstätte tagen und irgendwo bie Mäbchen fangen, ba merkte ich burch unser Schweigen, in bem wir ba verharrten, daß auch Martin dorthin sann ... Unb bennoch wir sagten es uns nicht, was wir so fühlten ... Aber bann, an einem Abend, brauste es mit einem Male auf. Unb wir erschraken Es bonnerte. Die ersten Tropfen fielen. Der Sturm nahm zu. Es funkte dazwischen. Unb es begann in Strömen zu gießen. Wir erhoben uns unb nahmen unsere Sachen über bie Schultern, und während der Regen auf uns niederprasselte, unb das Gewitter tobte, gingen wir, fo stumm wie ganz Enttäuschte, auf unserer Straße weiter. Unb bas Tier tappte uns frei willig nach.