Ausgabe 
31.10.1930
 
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Geheim Zamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1930 Freitag, den 31- Oktober Nummer 8$

Lleberschnst: Hessen.

Von Albert S). Raus ch*.

Land meiner Liebe, Ruhstatt meiner Träume, Ich mußte deinen Wonnen lang entsagen, Eh mich das Duften deiner Apfelbäume Ganz in den mütterlichen Schoß getragen.

Ich mußte viele fremde Zungen lernen,

Eh deines Stammes Laute mich bewogen, Und bin, geführt von unbekannten Sternen, Zu mancher dunklen Reife ausgezogen:

Ich gab mich hin den Lüftöll, die all? granten Noch heute schmeichelnd meine Stirn umfptoren. Wenn auch schon lang dem lichtenden Gedanken Die welschen Hoffnungen zum Opfer sielen.

Ich gab mich preis dem dunkelblauen Süden Und schied als einer, der sich halb verloren So nahm am Ende seiner Fahrt den Müden Die Erde wieder auf, die ihn geboren.

Der Schlund.

Roman von Alfred Bock.

Der Schlund" nimmt unter den Erzählungen Alfred Bocks eine Sonderstellung ein; er gehört zu den wenigen Werken in der deutschen Literatur, welche die Kriegszeit auf den hessischen Dorfe schildern: ein Volks- und Heimatroman, der gerade in unseren Leserkreisen eine günstige Aufnahme finden füllte.

Es war im Erntemonat. 35eh ganzen Taä über hatte es gewittert. Erft gegen Abend verzogen sich die dunkelgebollE Wolken. Die Sonne, eh" daß sie zur Rüste ging, überstrahlte noch einmal das Dorf, die dampfenden Wiesen und den rauschenden Bach, der sich mit Ungestüm aus das mächtige Schaufelrad d?t Neumllhle stürzte. Die Höhen, die das Tal umsäumten, schienen von roter Glut entzündet. Die Luft war feucht und schwül.

Vor der Mühle, einem stattlichen Fachwerkbau, der seinen Giebel der Straße zukehrte, standen kleine und mittelschlägige Bauern in eifrigem Gespräch.

Wie ifts dann mit deinem Franzos'?"

Ich muß mir die Lung' aus dem Hals kreischen, ehnder der Kerl mich versteht."

Etz meiner, der hat eine Schnut' wie ein Schermesser und kann auch deutsch schwätzen."

Ich hab ein, der ist Metzger daheim. Und spricht, er wär in feinem Fach so groß wie der Napoleon.

Daß heiß ich den breiten Schuh anziehen."

Was batt das Gewerks mit den Rothosen! Geht in die Kirch und bet, daß wir ander Wetter kriegen."

Das Beten hilft nix, das wird man in dem Krieg gewahr."

Gest ist der Schreiner Pflichter aus der Stadt bei mir gewesen." Ach, der Dolpch!"

He ist matfelig worden wie ein Sack voll Geißenhörner und hat sich bei mir emal richtig satt gessen."

Die Stadtleut sind sehr zu bedauern."

Wer sagt das? Früher hatten sie volle Bäuch, wußten vor Stolz Wt, wie sie sich aufsprauzen sollten. Alleweil sollen sie emal spüren, wie der Hunger tut."

Ich hab selbst net viel zu knappem. Aber wann so einer ausge­hungert bei mich kommt, ich brings net fertig, daß ich ihn fortschick."

Wer keine Frucht zieht, braucht auch keine zu futtern."

Wir müssen uns schinden bis aufs Blut. Aus der Stadt kommt «Mer, der uns hilft."

«Und die Stadtkinder?"

Die (ungern den ganzen Tag hier herum."

Und find schnäubig bis dort hinaus. Nix ist ihnen gut genug."

* Wir entnehmen diese Strophen dem von den Verkehrsvereinen ütiebberg und Bad-Nauheim sowie der Kurverwaltung Bad-Nauheim Wausgegebenen schönen BändchenD a s Land um Friedberg und Bad-Nauheim" von Albert H. Rausch; wir behalten uns I u°r, demnächst ein wenig ausführlicher darauf zurückzukommen.

Wie man da seine Erfahrung macht. Ich hab ein' Jung' aus Schwelm. Der ist sehr ordentlich und tut, was er einem an den Augen absehen kann.

Sie Neumüllern ist auf ihr Stadtmädchen ganz narrig."

Wo ist dann das her?"

Aus Bochum."

s ist ein keck Tier!"

Die Neumüllern hat keine Kinder. Da kann man's verstehn. Ich hakt ein' Jung aus Barmen. Der stahl wie ein Ratz. Ich war froh, wie sie ihn heimschicken taten."

Vorm Krieg waren wir die dummen Bauern. Alleweil sind wir den Stadtleut gut genug, daß wir die Katz durch den Bach schleifen müssen."

Und als das Getäts mit den Lebensrnittel."

Das Hemd ist mir näher wie der Rock. Ich sorg vor. Wer weiß, wie lang der Krieg noch dauert."

Wann sie draüß' nix mehr zu acheln haben, hört der Krieg auf." ^d nu die Verordnungen!s wird einem ganz fchwimmelig." , Die VerorvT"-müssen fein, sonst sind wir all verloren."

.Mann der Handel fkK» die Welt ein ander Gesicht."

Die uns mit den Verordnungen ^ferfyauen, tun s in den eignen Sack."

«Nach dem Krieg gibts nur noch Settelleut und paßt der Regierung in ihren Kram."

Sie Oberen haben den Krieg gemacht."

Besser ein offener Krieg als ein schlechter Friede."

»Du Klotzkopp, frag emal die im Feld stehn, ob die den Krieg wollen!" 3

»Unds geht herüber und hinüber. Von Aufhören ist keine Red'." werben'"005 !Diori)0e^ä^ ohne Not angefangen haben, sollten gevierteilt

Kann dann unser Herrgott wollen, daß die Menschen so hingeschlacht' werden?"

Unser Herrgott weiß, was er tut."

Sas spricht man so."

Sos Feuer muß die Kerl' verzehren!"

Früher war man Herr über seine Sach. Alleweil steckt der Kom- munalverband seine Nas' in alles."

Sie sind beim Deubel in die Schul gangen."

Ich kann das Geplatz gar net hören. Deutschland muß etz einig sein, sonst kommt der Franzos an den Rhein."

Wann ich mein Werk beisammen hab, dernachert ist's mir einerlei, zu was für einem Land ich gehör."

Seit siebzig sind wir sowieso preußisch worden."

Wir sollen gehorchen und haben kein Vertrauen."

Wann ich kein Recht hab, wodefür bezahl ich meine Steuern?" Man meint, der jüngst Tag wär net mehr weit."

Die Postbotenmarie verzählt, die Engländer haben Kläpp gekriegt." Wer kann sich dann babrüber freuen, wo's immer soviel Opfer kost'!" Die Engländer kriegen wir net klein. Die sind zäh!"

Du mußt's ja wissen, du sürchtst dich, wann dir eine Mück an der Nas' vorbeifliegt."

Halt doch dein schlecht Maul! Ich hab zwei Buben im Feld. Deine gehn noch in die Schul.

Habt Ruh! Der Neumüller hat sich die Tag erst über den Spek­takel beschwert."

He trippelt vor Schmerz."

Der Steckschuß macht ihm viel zu schaffen."

Wann sich der Granatsplitter bei's Herz drückt, legt er den Löffel hin."

He hat Fieber und rebt auch als irr."

Ich schätz, he bringt kein Schiff mehr aufs Wasser."

Borgest' war der alt Boller bei ihm. Der tat ihn erst mit Rinds- fett einreiben, bann tat er Räucherwerk anstecken und schrakelt' um ihn herum. Dabrauf fühlt' he sich leichter.

So lang's dauert.

Wohin man guckt, schlägt einem das Elend unter die Augen."

Heut morgen verzählt mir der Schollehupper: 's war ein Mann in Queckborn, der hott feine achtundsiebzig auf dem Buckel. Und tat sich bei der Arbeit noch martern. Da fiel fein Sohn. Vierzehn Tag drauf sein Enkel. Und da saß er bei seiner halbblinden Schwiegertochter. Und ging auf den Boden und hing sich auf."

Die Menschen sind im Unglück verschieden. Drüben in Beuern ist ein Mann. Der schreibt sich Stammler und ist bei den Frommen. Er lag krank. Und da kam die Nachricht, daß sie fein Sohn in Rußland hinterrücks erschossen hatten. Und da ließ er sich das Bild von dem Jung' ans Bett bringen, guckt's an und spricht: ,Der Herr hat's ge­geben, der Herr hat's genommen, der Name des Herrn sei gelobt! Und stand auf und ging auf fein' Acker."