Ausgabe 
31.3.1930
 
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Du hast Sergeant die Lust.

Das war Rice und Drunten im

das verabredete Zeichen. ,,

der Eskimo konnten den Knall der Schüße noch nicht Horen.

Camp aber wurde es lebendig. Die Leute kugelten saft aus

Sie bringen Rettung. ,

-Das optische Instrument verkürzte die Entfernung. Kem Zweifel, die längst erwarteten Kameraden kamen vom Cap zurück.

Sagte ich dir nicht, William, daß heute Sonntag ist?"

~ " recht, Benjamin. Wir wollen das Lager alarmieren!

Croß schoß in regelmäßigen Zwischenräumen dreimal in

Cisland.

Roman einer Expedition.

Von Hellmuth Unger.

Copyright by Carl Schünemann, Bremen.

(Sortierung.;

Ein Polarschlitten mit zwei Männern bespannt ist in der großen Ein­samkeit Eislands ein so winziges Etwas, das es kaum Beachtung findet, wenn man es nicht mit aller Schürfe der Aufmerksamkeit sucht.

Israel hatte sich eine niedere Kanzel aus Schnee gebaut, vor der er bequem kauern konnte, um durch das aufliegende Rohr nach Cap Sabine hinüberzulpähn.

Du, William?"

Croß lag am Boden, wieder im Pelz verhüllt, und rauchte.

Was?"

Da drüben bewegt sich was."

Eh' sie nicht schieben, brauchen wir« nicht zuruck.

'Nein. Es könnte Rice sein."

Wo?"

*Oder ein Tier." t

Fern, fern stampften zwei Männer von Süden nach Cap Clay zu­rück und nur die Hoffnung, noch vor Abend das Lager zu erreichen, trieb sie zu immer neuer Anstrengung.

Mein Gott!"

Rice und Edvard? Glaubst du?"

dem gehöhlten Eingang heraus.

Drei Schüsse vom Lager als Antwort.

Verstanden!" ,

Einer zog die Flagge an einem in den Schnee gesteckten Ruder auf.

Das war Vrainard. Er hatte das Fahnentuch in Verwahrung. Das geliebte Sternenbanner mit seinen roten und weißen Streifen und seinen achtundvierzig Sternen im blauen Viereck.

©rech) machte sich mit einigen Leuten sofort auf den Weg, den {Er­warteten entgegen. Sie mochten schwer genug an den Lebensmittellasten geschleppt haben, die sie aus dem Depot vom Cap mitbrachten.

Der andere Teil der Mannschaft wartete vor den Baracken. Un­geduldig. . t m

Rur Korporal Elison lag allein im Halbdunkel des niederen Raumes. Bleich und mit gehöhlten Backen ruhte er auf seiner Pritsche und konnte sich nicht bewegen. Frostbrand wütete in den leblosen Füßen und peinigte den Hilflosen bei der kleinsten Bewegung.

Elison lauschte und rief. Niemand beachtete ihn jetzt. Er hielt die frostwunden Hände um sein Evangelienbuch gefaltet und betete.

Laß sie gute Nachrichten bringen, Gott, für uns alle!"

Er wartete. Wartete auf den Jubel der Kameraden draußen. Dies war vielleicht der letzte, der allerletzte Tag im Camp Clay. Und morgen würde man aufbrechen zum Cap, wo derProteus" schon wartete. Die Stille wurde erschreckend.

Hallo, Vektor!?"

Dr. Pavn kam als erster wieder. Warf sich auf sein Lager in der Ecke und lachte grimmig.

Ist Rice zurück?"

5a."

Nichts Gutes, Doktor?"

Scheint nicht so."

Haben Sie ihn gesprochen?"

Er gibt eben dem Alten Rapport."

Die Wahrheit, Doktor! Die Wahrheit!" stöhnte der Gequälte.

Hast du Gutes erwartet? Ich nicht."

Oh!" sagte Elison leise und schloß die Lider.

Sie werden uns doch nicht im Stich gelassen haben! Mit den Vor­räten von Cap Sabine werden wir ausreichen bis. zu den Littleton- Inseln. Und von dort ist es nicht mehr weit bis nach Etah, wo uns die Eskimos Helsen können. Sagen Sie doch, was geschehen ist, Doktor!"

Littleton-Inseln!" grunzte Dr. Pavy und sah den Korporal lauernd an.Glaubst du denn, daß du mitmarschieren kannst, Elison?"

Wenn Sie mir helfen!"

Ich müßte dir die Knochen absägen unterm Knie. Dann vielleicht."

Elison wurde bleich vor Entsetzen.

Sf)r wollt mich doch nicht zurücklassen."

Nein. Aber vorher krepieren wir alle."

Jetzt kam Sergeant Rice und hinter ihm Jens Edvard in die Hütts. Beide waren so erschöpft, daß sie nicht mehr reden konnten. Greely gab jedem einen Becher voll Rum, den sie gierig tranken.

Hallo, George!"

Rice starrte den rufenden Kameraden an. Sein Blick war gebrochen. Er erkannte ihn nicht. Dann stürzte er nieder.

«

Es waren Unglllcksnachrichten, die sie vom Cap mitgebracht hatten. Statt eines wohlgefüllten Proviantdepots fanden sie dort nur eine kärg­liche Menge, die kaum einen Monat ausreichte. Der DampferProteus" war beim Versuch nach der Lady Franklin Bay vorzustoßen in Packeis ccraten und gesunken. Dies war am 24. Juli geschehen. Die Ersatzmann- schast wurde zwar von einem anderen Dampfer gerettet, aber dessen

Kapitän machte nicht elmnal den Versuch, auch die Expedition vom Fort Conger zu retten. Um nicht selber zu sterben, ließ er die anderen im Stich und steuerte eilig nach Süden.

lieber Kanada kehrte die zur Ablösung der Truppe vom Fort Conger bestimmte und beim Schiffbruch gerettete Ersatzmannschast desProteus" nach den Vereinigten Staaten zurück. Ihre Heimkehr wurde zum Triumphzuge, als wäre sie es gewesen, die zwei Winter in Grinnelland aushielt. Aber längst ehe sie Neuyork und Washington erreichte, hatte der Telegraph die Einzelheiten ihrer Rettung überallhin verbreitet und die Zeitungen brachten unter großen Titeln Berichte der abenteuerlichen Fahrt. Jetzt erst erfuhr die ganze Welt Genaues über die ttnglückliche Expedition und der Name des untergegangenen Eisdampfers war in aller Munde.

Da waren also wieder einmal kühne Männer unterwegs, den Nord­pol zu bezwingen! Nein, sie waren keine Eroberer oder Entdecker uner­forschten Gebietes, nur Wegbereiter sollten sie sein. Sie hatten nur eine Hilfsstation einzurichten, für andere, die nach ihnen zum Pol vordringen wollten.

In Vergessenheit versunkene Namen ruhmreicher Helden und Forscher bekamen durch die Sensation des Tages neuen Glanz, gleich, welcher Nation sie angehört hatten. Es las sich vortrefflich, was Reporterfedern In den schmalen Zeitungsspalten geschrieben hatten.

Admiral Cornelius Nay. Habt ihr von dem Holländer schon mal ge­hört? Und von seinem Steuermann Barents? Ja, wenn es keine Ge­schichte gäbe, in der alle Menschentaten verzeichnet werden! Den Histo- rilern geht nichts verloren. Unsere Bewunderung für solche Helden! Drei­hundert Jahre ist der Erdball seitdem älter geworden. Bedenkt das! Drei­hundert Jahre. Und ihr Name lebt noch immer.

Lebt er wirklich? Ihr hattet ihn doch alle vergessen oder nie gekannt.

Damals erfuhren wir zum ersten Male etwas von dem seltsamen Lande hoch im Norden, das Nowaja Semlja heißt. Die Oranieninseln und Cap Nassau erinnern heute noch an die mutige Fahrt.

Ein tüchtiges Volk, diese Niederländer! Ueberall haben sie mächtige Kolonien, aber ihr Ehrgeiz will auch den Nordpol gewinnen. Elling Carlsen, der Norweger, hat später die Spuren des Steuermanns Barents in Nowaja Semlja wiedergefunden und seine Hinterlassenschaft nach Amsterdam gebracht. Kostbarer Nationalbesitz ist sie geworden.

Da strahlt auch der Name des englischen Hauptmanns Frobisher wie­der, der als erster Europäer den Eskimos im Süden Grönlands be­gegnete und der Henry Hudsons, der von London aus über den Pol Japan und Indien erreichen wollte. Da sind William Baffin und John Davis und das tragikomische Abenteuer des Kommandeurs Phipps, der den Nordpol mit einem Handstreich für Großbritannien erobern wollte.

Wort für Wort könnt ihr all ihre Taten in den Zeitungen nachlesen, um so ausführlicher, je spärlicher die Berichte über die Geretteten vom Proteus" werden. Da bleibt bald nicht viel zu erzählen.

Allen Ruhm auch für Kapitän Roß und für Parry, für Franklin und Mac Clure.

Ihr habt gar nicht geahnt, wieviel Männer schon ihr Leben wagten, das Eisland und den Nordpol zu bezwingen? Nicht wahr? Die Liste ist endlos. Wenn einer entmutigt heimkehrt, wagt es ein anderer mit noch ungebrochener Hoffnung. _ .

Da sind die deutschen SchisseGermania" undHansa , dte bis zum 77, Grade vordringen, und ihr Kapitän ist Karl Koldewey aus Bücken an der Weser.

Von de Long und Nordenskiöld habt ihr bestimmt schon gehört!

Heute tragt ihr sie leicht auf der Zunge und morgen habt ihr sie leicht vergessen, wenn anderes euren Sinn beschäftigt. Denn, ach, ihr seid unruhvoll und wollt immer Neues nacherleben. Es wird nicht einmal em Erlebnis. So tief berührt es euch nicht, weil ihr nicht die Liebe habt zum Wesentlichen der Dinge und Geschehnisse. Ihr hastet am Leben und an euch selbst vorbei.

Neue Namen werden später auftauchen nach unserer Zett und nach eurer, die für uns schon Vergangenheit ist. Nansen, Peary, Cook. Ihr werdet jubeln und stolz sein, als hättet ihr mit Anteil an ihren Taten.

Hundert Jahre. Zweihundert.

Die Sülle in Eisland bleibt und das Atmen der Ewigkeit am Pol. So ist es und so wird es fein.

Ungerecht und undankbar sind die Menschen! Sie sehen nicht das Große und sie feiern nur den Erfolg. Wer Unglück hat, dem gehört der Jubel nicht. Nur vor Siegern treiben sie Dienst wie vor Götzen.

Wer ist das, die Mannschaft im Fort Conger? Und wer ist Greely, ihr Kommandeur? Haben sie den Nordpol erreicht? Als erste? Nein. Da­von hört man nichts. Dreiundzwanzig amerikanische Soldaten und zwei Eskimos im Polardienst. Sie werden ihre Pflicht getan haben, bis sie starben oder sie tun sie noch, wenn sie noch leben.

Das weiß niemand. ,

Man erfährt jetzt, wie sie heißen und woher sie stammen. Ihre Eltern leben irgenowo, Geschwister, ihre Frauen und Kinder. Menschen in Leid, die um ihre Rettung bangen und die Hoffnung nicht verlieren.

Man erfährt dies und so vieles. Man bespricht es mit Bekannten. Weshalb wählte die Regierung kein größeres Schiff? Wurde alles getan, die Männer in Eisland zu retten? Das Gouvernement soll sich gegen Angriffe verantworten.

Nein, man schickt jetzt keinen zweiten Dampfer auf die Suche. Es wäre zwecklos und ein Berbrechcn an andern. Eine Mauer von pon- eis hält das Elsland umschloffen. Winter und Dunkel herrschen längst, ehe man Hilfe zu bringen vermag. Gebe Gott, daß die Männer in Eislano auf verlorenem Posten noch leben, daß sie auch den dritten Winter über­stehen. Und versprecht jedem fremden Kapitän, jedem Walfischfängerboot im Norden eine Belohnung, wenn es die Mannschaft sucht und rettet. Mehr kann man nicht tun.

(Fortsetzung folgt.)

Verantwortlich: Dr. HanS Thyriot. Druck und Verlag: Brühl'sche Univerf itäts-Duch» und Steindruckeret. R. Lange, Gießen.