Rangordnung auf dem Hühnerhof.
Von Dr. Walter Lipps.
(Nachdruck verboten.)
Bei den Tieren, die in größerer Gesellschaft Zusammenleben, finden sich fast immer Einrichtungen oder Erscheinungen, die in merkwürdiger Weise an solche der menschlichen Gesellschaft erinnern. Nicht nur die Staatsform der Bienen, Ameisen usw. zeigt solche Parallelen, sondern auch die kleineren Gruppen der in Herden zusammenlebenden Tiere treffen strenge gesellschaftliche Abmachungen unter sich. Diese dienen dann nicht einer verschiedenen Verteilung der Arbeitsleistung, ordnen aber nichtsdestoweniger das Einzeltier einem ganz bestimmten Platz ein, der meistens ein für allemal festlegt, welches Ansehen das Tier bei seinen Herdengenossen zu erwarten hat, welche Freiheit es sich also nehmen darf und welche Vorrechte es respektieren muß.
Diese gesellschaftlichen Gesetze sind am leichtesten zu beobachten bei einem Tier, das sich so vollkommen an die Anwesenheit des Menschen gewöhnt hat wie zum Beispiel das Haushuhn. Es ist bekannt, daß in jedem Hühnerhof der Hahn als Oberhaupt eine Sonderstellung einnimmt. Aber auch die Hennen haben unter sich eine feststehende Rangordnung, in die jedes Tier eingereiht ist und der es sich fügen muß, wenn es nicht sehr schnell durch empfindliche Maßregelungen dazu gezwungen werden will. Mit der Aufstellung dieser Rangordnung wird gleich in den ersten Tagen begonnen, nachdem ein Hühnerhof neu besetzt worden ist und sie ist spätestens nach Ablauf eines Monats endgültig festgelegt. Die einzelnen Entscheidungen werden getroffen in den Momenten, in denen zwei Tiere bei der Fütterung oder beim Auffuchen eines bevorzugten Platzes zusammenstoßen. Hierbei ist nicht nur von Bedeutung, welches von beiden Tieren das kräftigere ist, sondern Mut, Schreckhaftigkeit und auch der Zufall spielen eine ausschlaggebende Rolle. Bei den Hennen kommt es in einer großen Zahl der Falle gar nicht zu einem Kampf. Es genügt, daß das eine Tier in einer zornigen Aufwallung eine drohende Stellung einnimmt, vor der die Gegnerin im Augenblick erschrickt und zurückweicht, um ein für allemal die Vorherrschaft entschieden zu haben. Es ist ganz merkwürdig, und das zeigen die langjährigen Untersuchungen von Schjelderup-Ebbe, wie intensiv sich so ein Vorgang dem Gedächtnis des Huhnes eingräbt.
Wird der Kampf aber von den beiden Gegnern aufgenommen, dann entscheidet die momentane körperliche Uederlegenheit. Meistens sind diese Kämpfe bei den Hennen im Gegensatz zu dem der Hähne nicht sehr heftig und dauern nur kurze Zeit. Sie bestehen in einem Auseinander- losftiegen, wobei jede der beiden versucht, ihrer Gegnerin möglichst viele Hiebe mit dem Schnabel beizubringen. Selten wird bis zur Erschöpfung eines Tieres gekämpft. Viel häufiger sind die Fälle, in denen das eine Tier aus Mutlosigkeit: manchmal auch durch irgendwelche äußeren Umstände erschreckt, plötzlich zurückweicht. Und damit ist seine Stellung der Gegnerin gegenüber endgültig festgelegt. Weitere Kämpfe werden nicht mehr ausgefochten.
Wie wenig dieser Platz der eigentlichen „Tüchtigkeit" zu entsprechen braucht, zeigt die Leichtigkeit, mit der man die Rangordnung zugunsten des schwächeren Tieres beeinflussen kann. Wenn man nämlich im Augenblick des Kampfes, in dem die Tiere für die Vorgänge um sie keinerlei Aufmerksamkeit haben, also auch ein direktes Eingreifen des Menschen nicht empfinden, das stärkere Tier zum Beispiel durch zeitweises Herunterdrücken des Kopfes in feiner Angriffsmöglichkeit hemmt, so wird dieses bald den Kampf aufgeben. Der Erfolg ist, daß es von dem schwächeren zeit seines Aufenthaltes im Hühnerhof gejagt und gehackt wird, ohne es zu wagen, sich zur Wehr zu setzen.
Auch direkte Irrtümer können bei der Entscheidung eine Rolle spielen. So wurde die Beobachtung gemacht, daß eine sonst sehr kamp- fesmutige Henne, die einer weißen gegenüber zuerst unterlegen war, bann ruhig noch mit einer Reihe von schwarzen Hennen kämpfte und diese auch besiegte, in dem Moment aber den Kampf ablehnte und sich jagen ließ, als sie anderen ebenfalls weihen Hennen gegenübergestellt wurde. Die Erinnerung an ihre erste Niederlage wurde durch den Anblick der weihen Tiere wieder wach — vielleicht hielt sie sie auch für die gleichen — und das nahm ihr den Mut.
Wie sieht nun die Rangordnung in einem Hühnerhof aus, nachdem alle Entscheidungen gefallen sind? Der einfachste Fall ist, daß eine Henne Despot über alle änderen ist, die im Rang nächstfolgende nur von dieser gehackt wird, über alle anderen aber herrscht und so die Rangleiter herunter bis zur letzten, die von allen gejagt wird, ihrerseits aber keine Herrschaft mehr ausübt. Doch meistens ist die Situation eine wesentlich kompliziertere. Aus der Verschiedenheit der Gründe, die für die Stellung eines Huhnes in seiner Gesellschaft maßgebend sind, ergibt sich als notwendige Folge, dah vielfach Hennen sich einem Tier unter« ordnen, über ein anderes aber Herrschaft ausüben, das auch jenem Übergeordnet ist. Es wird zum Beispiel eine Henne in einem für sie ungünstigen Augenblick durch die Herausforderung einer anderen erschreckt und gibt auf, während sie später mit einer, dieser an Kraft überlegenen ben Kampf aufnimmt und gewinnt. Schjelderup-Ebbe bezeichnet das als Hacken im Dreieck, Viereck usw. und meint damit, dah also zum Beispiel eine Henne a die Henne b hackt, diese die Henne c, während letztere aber wieder die Henne a hackt. Solche Fälle sind außerordentlich häufig und verwischen für den flüchtigen Beobachter die in Wirklichkeit strenge Gesetzmäßigkeit.
Diese Hackordnung ist, wie schon gesagt, nach einem Monat festgelegt und erfährt in der Regel keine Verschiebungen mehr. Auch wenn ?’n -per krank wird und ganz augenscheinlich nicht mehr in der Lage m, einer Empörung der von ihr Unterdrückten zu begegnen, bleibt ihre Stellung von diesen respektiert. Anders ist es aber, wenn sich die Henne ouech ihre Krankheit in Haltung des Kopfes, der Flügel und der ganzen Bewegung des Körpers so verändert, daß sie von ihren Genossen nicht
'mehr erkannt wird. Dann hat sie die ganzen Kämpfe um ihre soziale Stellung nochmals durchzusechten und da sie dieser Aufgabe in ihrem augenblicklichen Zustand nicht gewachsen ist, wird sie bald an allerletzter Stelle gelandet sein, llpb diese Stellung behält sie bann auch nach ihrer Gesundung, weil ffe nicht mehr den Mut findet, gegen die aufzutreten, die ihr in einer Zeit der Schwäche überlegen wären.
Daß tatsächlich das veränderte Aussehen diese Erschütterung der Rangordnung mit sich bringt, zeigt ein Experiment, welches an einem Hühnervolk ausgeführt wurde, das schon lange Zeit zusammenlebte und bei dem sich die einzelnen Individuen über ihre Stellung schon längst geeinigt hatten. Man band einer Henne, die einen besonders starken, nach der einen Seite geneigten Kamm aufwies, diesen nach der anderen Seite herüber, wodurch das Gesicht ein vollständig verändertes Aussehen erhielt. Dieses Tier, das einerseits seine Unterdrücker nach wie vor anerkannte, andererseits aber seine Rechte ben Unterdrückten gegenüber geltend machte, wurde von diesen als Neuling betrachtet und nicht mehr als Despot anerkannt. Die Folge war also eine Empörung, und das Tier mußte neuerdings den Kampf um feine Stellung ausfechten. Auch der Hahn erkannte feine Henne nicht mehr und begann ihr gegenüber, wie sonst nur bei neuen Tieren, eine besonders stürmische Werbung.
Das Gedächtnis der Hennen ist im allgemeinen nicht so schlecht, wie man anzunehmen geneigt ist. Die Despotie eines Tieres wird oft nach einer monatelangen Trennung aus der Erinnerung heraus ohne weiteres anerkannt. Dauert aber das Fernfein noch länger, dann erkennen sich die Tiere nicht mehr, und die Rangordnung wird von neuem festgelegt. Dabei kann sich natürlich ein ganz anderer Stand ergeben.
Einen besonders schwierigen Standpunkt hat die Henne, die neu in einen schon längere Zeit bestehenden Hühnerhof eingesetzt wird. Sie ist müde und vielleicht geschwächt durch die Reise, hungrig und verängstigt durch die Überstandenen -Erlebnisse und durch all das Neue, das sich plötzlich vor ihr auftut. In diesem Zustand steht sie als Fremdling einer „geschlossenen Gesellschaft" gegenüber, die sich alle untereinander "kennen und von denen nun eine nach der anderen gegen sie Front macht. Die Folge ist, daß sie auch der größten Anzahl derjenigen unterliegt bzw. sich sofort ergibt, die sie an Kräften eigentlich übertrifft.
Sehr interessant sind die Charakterunterschiede, die sich zwischen einem „gesellschaftlich" hoch- und einem „gesellschaftlich" niederstehenden Tiere zeigen. Ersteres ist im allgemeinen ruhig, mißbraucht seine Stellung in keiner Weise und zeigt manchmal sogar eine fast an bas Wesen bes Hahnes erinnernde Ritterlichkeit. Ganz anders ist die tief in der Hackliste stehende Henne, lieber die wenigen ihr unterstellten Individuen führt sie ein scharfes und grausames Regiment, begnügt sich nicht mit Drohstellungen, sondern jagt sie von einer Seite des Hofes in die andere und sucht ihnen, wo nur irgend möglich, einen Hack zu versetzen. Wie sehr dieser häßliche Charakter von den ungünstigen sozialen Verhältnissen bestimmt ist, unter denen sie lebt, zeigt der Umstand, daß sie sofort friedfertiger wird und eine „vornehmere" Gesinnung zeigt, wenn sie durch irgendwelche der beschriebenen Vorgänge sich einen höheren Platz gesichert hat.
Eine solche Zeit des Aufsteigens ist für manche Henne auch die, die ihrer Brutzeit folgt. Gluckhennen zeigen wie die meisten Muttertiere ein viel höheres Maß von Mut und Kampfeslust, und so kann es leicht fein, daß sie sich bei einem Zusammenstoß ihrem Despoten nicht fügen, sondern es auf einen Kampf ankommen lassen. Eine solche Revolte hat vor allem bann Aussicht auf Erfolg, wenn vorher noch keine Entscheidung durch Kampf ftattgefunben hat, sondern die Rangordnung infolge Feigheit des Tieres friedlich feftgelegt worden war. Im anderen Falle kommt aber leicht der Moment, wo die Erinnerung an die einstige Niederlage lebendig wird und das seinerseits besiegte Tier neuerdings, ohne unterlegen zu sein, aufgibt.
lieber die Küken ist natürlich jede erwachsene Henne unbedingter Despot, und diese Vorherrschaft bleibt bei den weiblichen Tieren meist bestehen, solange sie mit dem Muttertier zusammen sind, auch wenn die Küken schon längst erwachsen und körperlich gleichwertig sind. Sie machen bann wohl unter sich bie Rangordnung aus, erkennen aber die alten Tiere zeitlebens als Despoten an.
Anders ist es bei den männlichen Tieren: Mit dem Heranwachsen versuchen diese immer und immer wieder die Herrschaft über die alten weiblichen Tiere zu gewinnen. Sie gehen gegen diese vor, lassen sich aber die erste Zeit durch Drohlaute und schließlich Drohstellungen der Hennen zurückschrecken. Schließlich nehmen sie bann auch einmal ben Kampf auf, werden aber meistens von ben kräftigeren, alten Tieren besiegt und müssen bie Vorherrschaft doch anerkennen. Erst allmählich gelingt ihnen dann nacheinander der Sieg über die einzelnen Hennen. Charakteristisch ist, daß sie bann bie erste Zeit diesen gegenüber den typischen, kleinen, grausamen Despoten spielen und sie bei jeder Gelegenheit hacken und ärgern. Später werden sie ritterlicher, geben ihren feindlichen Standpunkt auf, suchen die Hennen zu locken und teilen auch das Futter mit ihnen. Sie machen nun von ihrer Ueberlegenheit nur noch selten Gebrauch. Allerdings findet man manchmal, daß der Hahn gewisse Hennen ablehnt.
Auch die Entscheidung der Despotie bei jungen Hähnen unter sich weicht von der bei den Hennen ab. Hier kommt es kaum vor, daß die Vorherrschaft rein auf Drohungen feftgelegt wird. Es finden im Gegenteil fast immer Kämpfe statt und diese haben einen außerordentlich heftigen Charakter. Außer dem Schnabel ist hier auch der Sporn eine viel gebrauchte Waffe. Die Auseinandersetzung dauert meist bis zur völligen Erschöpfung, manchmal bis zum Tod des einen Gegners, und es sind Kämpfe bis zu 40 Minuten ununterbrochener Dauer beobachtet worden.
Bei den Hühnern ist durchweg der Hahn oberster Machthaber, und es kommt nicht vor, daß eine Henne ihm gegenüber Ihre Vorherrschaft erhalten kann.


