dieselbe unbefangene Naturbeobachtung, aber freilich in einer ganz anderen zarten und zierlichen Tonart... Neben die stets bewunderten Radierungen, mit denen er seine Dichtungen schmückte, traten nun die köstlichen Aquarelle, Gouachen und Tuschblätter, in denen seine Phantasie, sein« glückliche Klarheit und Heiterkeit sich so reich auslebten, als seine Dichterslöte bereits längst verstummt war. Deshalb wäre es aber doch falsch, wie bereits geschehen, seine Poesien für ungenießbar zu halten und die lebendige Wirkung, die noch immer und heute wieder von seinem Schaffen ausgeht, nur aus seinen Bildern zu erklären. Wort und Bild gehören bei ihm so innig zusammen, daß nur der Berehrer des Dichters den bildenden Künstler oanz genießen kann, und wenn auch seine Idyllen zeitgebundener und bla jer erscheinen, so beruht doch ganz allein auf ihnen seine Bedeutung für die Geistesgeschichte, die besondere Note, die er in der Kultursinfonie des 18. Jahrhunderts angeschlagen und die aus ihr nicht wegzudenken ist.
r- Es war am Nachmittag des ersten Aufgebotes. Der alte Matttzon, der noch immer ein von Gerede und Spott verfolgter Mann war, ging die Mole entlang, bis zu dem weißgetünchten Leuchtturm, um dort allem zu sein. Dort draußen traf er seine Braut. Sie sah da und weinte.
Da fragte er sie, ob sie lieber einen andern hätte haben wollen. Sie saß da und lockerte kleine Kalkstückchen von der Mauer des Leuchtturmes und warf sie in das Wasser. Zuerst gab sie gar keine Antwort.
Gab es vielleicht jemanden, dem sie gut war?
s Aber nein, gewiß nicht.
Draußen am Leuchtturm ist es sehr schön. Das klare Wasser des Sunds umrauscht ihn. Der flache Strand, die kleinen regelrechten Häuschen des Fischerdorfes, die ferne Stadt, alles ist von der ewigen «chonhett des Meeres beglänzt. Aus den lveichen Nebeln, die zumeist den Westlichen Horizont verhüllen, taucht hier und da ein Fischerboot auf. Mit kühnen Kreuzen steuert es dem Hafen zu. Es rauscht srohlich nm den Kiel, wenn es in den engen Hafen gleitet. In demselben Augenblick werden ganz still di- S^gel eingezogen. Die Fischer schwenken den Hut zum fröhlichen Gruße, und unten im Boot liegt glitzernd die gefangene Beute.
Es kam gerade ein Boot in den Hafen während der alte Matttzon draußen am Leuchtturm stand. Ein junger Bursche, der am Steuer saß. lüstete den Hut und nickte dem Mädchen zu. Da sah der Alte, wie es in ihren Augen aufleuchtete.
Ach so," dachte er, „hast du dich in den schönsten Burschen im ganzen Dorfe verliebt? Ja, den kriegst du nie. Ebensogut kannst du da mich heiraten, wie auf den warten."
Er merkte, daß er Mutters Bild nicht entkommen konnte Wenn das Mädchen jemanden lieb gehabt hätte, den fie die geringste Aussicht hatte zu bekommen, dann wäre dies eine schöne Ausrede gewesen, um die ganze Sache loszuwerden. Aber jetzt nützte es nichts, sie freizugeben.
*
Vierzehn Tage später wurde die Hochzeit gefeiert, und ein paar Tage drauf kam der große Novembersturm.
Da wurde eines der Boote des Fischerdorfes den Sund hinabgetrie- ben. Steuer und Mast waren fort, so daß es unmöglich zu lenken war. Der alte Matttzon und fünf andre waren an Bord. Und sie trieben zwei Tage lang ohne Nahrung herum. Als sie geborgen wurden, waren sie vor Mattigkeit und Kälte ganz erschöpft. Alles im Boote war mit einer Eiskruste überzogen, und ihre feuchten Kleider waren rn der Kalte ganz steif geworden. Der alte Matttzon erkältete sich dabei so schwer, dah er me mehr seine Gesundheit wiedererlangte. Er lag zwei Jahre lang krank, dann kam der Tod.
Manchen schien es eigentümlich, dah er unmittelbar vor dem Unglucksfalle den Einfall gehabt hatte, zu heiraten, denn die kleine Frau war ihm eine gute Pflegerin geworden. Wie wäre es ihm wohl ergangen, wenn er einsam und hilflos dagelegen wäre? Das ganze Fischerdorf erkannte schließlich, daß er nie etwas Klügeres getan hätte, als daß er sich verheiratete, und die kleine Frau stand in großem Ansehen wegen der Zärtlichkeit, mit der sie den Mann pflegte. „
„Der wird es nicht schwer fallen, sich wieder zu verheiraten,
§ Der alte Matthon erzählte jeden Tag, solange er krank lag, feiner Frau die Geschichte von dem Bilde. , ....
„Du sollst es haben, wenn ich tot bin, so wie du alles haben sollst, was mein ist," sagte er.
„Sprich doch nicht von so etwas.
Und du sollst auf Mutters Porträt acht geben, wenn die jungen Burschen um dich werben. Wahrlich, ich glaube, es gibt niemanden ,m ganzen Fischerdorf, der sich besser auf Heiratsgeschichten versteht, als dieses Bild.
Oer Zdyllendichter des Rokoko.
Zu Salomon Gehners 200. Geburtstag.
Bon Dr. Paul Landau.
(Nachdruck verboten.)
„Wer weih heute noch von dem Poeten, der zum erstenmal das Wort .Deutsche Dichtung' in die Weltliteratur brachte? Mit lächelndem Achselzucken sehen sie heute, wenn sie Hinsehen, aus den Mann, der mit deutschem Wort rund um die Erde die Völker in seinen Bann zwang, aus den armen Salomon Geßner aus Zürich." So Wilhelm Raabe in seiner Erzählung „Hastenbeck", in der Zitate aus den Idyllen des Schweizers wie eine Blumenguirlande stimmungsvoll die Handlung durchwinden. Auch Gottfried Keller hat in der entzückenden Literatur-Miniatur, mit der er den „Landvogt von Greifensee" geschmückt hat, dem liebenswürdigen Maler-Dichter einen Denkstein errichtet. „Gehners idyllische Dichtungen, schreibt er, „sind durchaus keine schwächlichen und nichtssagenden Gebilde, sondern innerhalb ihrer Zeit über die keiner hinaus kann, der nicht em Heros ist, fertige und stilvolle kleine Kunstwerke. Wir sehen sie letzt kaum mehr an und bedenken nicht, was man in fünfzig Jahren vor alledem sagen wird, was jetzt täglich entsteht... Sowohl seine eigene Radierungen als die nach seinen Gemälden gestochene Blätter werden in hundert Jahren erst recht eine gesuchte Ware in den Kupferstichkabinetten sein, wahrend wir sie jetzt für wenige Batzen einander zuschleudern."
Kellers Prophezeiung ist schon jetzt eingetroffen. Seitdem man kurz vor dem Krieg« den Maler Gehner auf der D a r m st ä d t e r Ausstellung deutscher Kunst 1650 bis 1800 erst eigentlich entdeckt, hat der bildende Künstler den früher fo berühmten Dichter mehr und mehr in den Schatten gedrängt, und obwohl schon Heinrich W 8 l s f l i n ihm eine klug abwä- gende Schrist gewidmet, wird doch feine Stellung in der deutschen Kunstgeschichte noch zu bestimmen fein. Jedenfalls waren die beiden Gemälde damals in Darmstadt eine Offenbarung, die vielen den Namen B ö ck l i n auf die Lippen brachte, sie zeigten dieselbe Einheit von Natur und Mensch,
Was war es, das den kleinen Prosadichtungen des jungen Schweizers eine fo weit und tief reichende Wirkung verschaffte, dah sie in etwa zwanzig Kultursprachen übersetzt wurden, dah er in Frankreich so beliebt wurde wie kein anderer deutscher Dichter außer E.T.A. Hoffmann, daß die Besten seiner Zeitgenossen ihm zujubelten, Wieland und Rousseau, die Kaiserin Katharina und Diderot? Selbst der strenge Lessing rühmte, wie „ungemein schön und richtig" er schreibe, und Goethe meint in „Dichtung und Wahrheit", datz feine „höchst lieblichen Idyllen eine unendliche Bahn eröffneten". Der arkadische Traum des Rokoko, die Schäfer-Jdyllik, die in Frankreich von Watteau und seinem Kreise so zärtlich verklärt wurde, fand in Gehners „Bildchen" einen ähnlich feinen poetischen Ausdruck. Freilich treten zu einem eigentlichen Rokoko-Element noch gewisse anakreontische, empfindsame, natur- beschreibende und antikisierende Züge, die diesen Gebilden ihren eigenen Klang verleihen. Es ist der letzte reife Ausklang des Rokoko-Stils in einer sehr deutschen, ja sogar schweizerischen Form; aber es ist doch Rokoko mit all seiner gekünstelten und stilisierten Grazie. Der jovial« Familienvater, der am liebsten mit seinen Kindern über Stiegen und Boden tollte, oder bei Honig und Butterbrot im Försterhaus des von ihm betreuten Sihl- Waldes um den runden Tisch saß, schloß, wenn er dichtete, am Hellen Tage d«n Fensterladen, zog die Vorhänge zu und arbeitete beim sanften Schimmer der Lampe. Künstliches Licht hüllt denn auch in einen blassen Duft ein ganzes Arkadien mit strohbedeckten Hütten, mit den Reblauben und Büschen, mit schnäbelnden Tauben und weidenden Lämmern, mit zärtlichen Hirten und schwärmenden Mädchen. Nicht umsonst-hat der Zeichner die Porzellanmalerei mit so viel Glück gepflegt. Etwas durchscheinend Zartes, Glattes haftet feiner Dichtung an, belebt durch schalkhafte und keck Lichter Wie feine Vignetten tragen diese Bildchen aus dem Hirtenleben einen niedlichen Gemmen-Charakter, mit klassizistisch-spielerischen Ornamenten geschmückt. „Verzuckert" nannte Herder, von einem neuen Begriff der Natur aus urteilend, feine Landschaft, feine Menschen Larven. Und dieser Nachahmer Theokrits ist wirklich ein unnaiver, klar berechen- der Meister, dessen Form in ihrer feinen Verschmelzung einer stilisierten Natur mit posierenden Figuren, in ihrer melodisch dünnen, zart abgewa- genen Prosa ganz den Stil der Rokoko-Schäferei festhalt. Wie zahm ist di- Natürlichkeit, die fein Silberstift andeutet I Er kann, wie er selbst gesteht, „den Käse und die Nüsse im Gedicht nicht zu oft ausstehen . Sein Antikisieren hat einen zierlichen Menuett-Charakter, und seine Naturverehrung ä la Rousseau ist von dem Schnörkelwesen noch so dicht umrankt, dah man sie kaum gewahr wird. Wie eine Helle ferne Hirtensclfalmei aus stiller Höhenluft, zart, rein und süß, klingt seine schwebende Prosa zuuns, mag er in seinem Epos „Der Tod Abels" die Hirtenwelt der Bibel m ein Sck)äferftück [einer Zeit verwandeln und das alltestamentarische Orgel- thema zu einem Flötensolo voll lyrischer Stellen bearbeiten oder in seiner schönsten Dichtung, dem „Ersten Schiffer", galante Rokoko-Mytho M treiben und in die er puppenhaften Robmsonade den fehnsuchtigen Jüngling schildern, der aus Siebe das Boot erfindet und die erste Fahrt mach nach der Insel der Siebe. Wenn Geßner den bunten Staffagen ferner Mt verklärten Landschaft einen Schimmer der Natur wie einen gelingen Glanz überhauchte, fo verdankte er das feinem Schweizertum, das ihm den Hirten in einem edlem und freieren Geist zeigt«. „In einem San«, wo ein hochgräflicher Herr oder ein gnädiger Baron den Sandmann M armen Sklaven machte," schreibt er einmal an Gleim, „da mag letzterer kleiner und verächtlicher sein als ,bei uns, wo die Freiheit ihn zum befter- denkenden braven Mann macht."
Dieser frische Suftzug, diese reichere Tönung rief das allgemeine Entzücken hervor, lieh seine Poesie als die Höhe eines S ils, eben bes W- schm Rokoko-Stils, erscheinen, die wir noch heut« empfinden. Freilich «- Evangelium der Natur, das er predigte, säuselte nur leise neben der bra , senden Gewalt, di« bald danach der „Sturm und Drang entfesselte. M hebt ihn sein scharfes Künstlerauge über die anderen „naturmaknöe« Poeten. Er betrieb ja die Dichtung nur nebenbei, verstummte nach leine Heirat allmählich und wandt« sich mehr und mehr der bildenden KM > zu. Der leichtherzig« Dillettant, der alles im Seben etwas spielerisch M faßte, bewies als Zeichner und Maler einen ungewohnten i^ip u« beschäftigt« sich auch eifrig mit theoretischen Fragen, die er in Kin« feinen „Brief über die Landfchaftsmalerei" behandelt hat. Von den Rad rungen, die zunächst die kleinen Formen des Rokoko in der BuäM stration glücklich anwendeten, ging er zu größeren Sandschaftskomposmone über, die den Charakter der gemalten Idylle verlassen und die reizen Umwelt des Züricher Sees unbefangener festhalten. So gelangte er feiner letzten Zeit zu einer Sandschaftskunst, die vom Rokoko zum mus hinübertastet und schon einiges von der späteren Romantik vom ahnt. Aus einem verwandten Gefühl heraus hat ihn Ludwig Nim geliebt. Diese Verbindung einer überfeinerten Kultur mit einfacher, beobachiung, von Anmut und Einfalt, von gemütvoller SchucyMU künstlerischer Eleganz macht die Eigenart Geßners aus, die in Jemend Dichtungen ebenso lebt wie in seinen reifen Bildern. Deshalb wira i im kleinen große, im engsten Kreis« rein entfaltete Schöpfung cus liebliche Insel im Reich deutscher Kunst stets ihre Verehrer finden.


