Ausgabe 
31.1.1930
 
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Endlich gingen die Frauen in das Oberhaus nach ihrer gemeinschaft­lichen Schlafkammer, welche gegen den Hof hinaus lag Die Fenster hatten offengestanden und die Abendfrische eingelassen; aber Anna konnte den Schlaf nicht finden; in das Rauschen des Birnbaums trug der Wind in langen, gemessenen Pausen den Schall der Kirchenuhr herüber, und sie zählte eine Stund« nach der anderen.

Auch Brigitte schien heute nicht zu ihrem Recht zu kommen; denn sie setzte sich auf und sah nach dem Bette des Mädchens, das dem ihrigen ?gegenüber an der Wand stand.Kind, hast du noch immer nicht geschla- en?" fragte sie.

Nein, Tante Brigitte."

Nicht wahr, du grämst dich um meinen alten Bruder? Aber ich kenne ihn, bitte ihn nicht mehr darum; es wär« ganz um seine Ruh' geschehen, wenn du ihn bereden könntest."

Anna antwortete nicht.

Schläfst du, Kind?" fragte Brigitte wieder.

Ich will es versuchen, Tante.

Brigitte fragte nicht mehr; Anna hörte sie bald im ruhigen Schlum­mer atmen.

*

Es war fast Vormittag, als das junge Mädchen aus einem tiefen Schlaf erwachte, den sie endlich doch gefunden und aus dem die gute Tante sie nicht hatte wecken wollen. Rasch war sie in den Kleidern und ging ins Unterhaus hinab, wo sie durch die offene Tür des Pesels Brigitte an einem der dort befindlichen großen Schränke besckMtigt sah; aber sie ging nicht zu ihr, sondern in die Küche und ließ sich auf dem hölzernen Stuhl am Herde nieder. Nachdem sie von dem Kaffee, der für sie warm gestellt war, in eine Tasse geschenkt, eine Weile müßig davor gesessen und dann dieselbe zur Hälfte ausgetrunken hatte, stand sie mit einer ent­schlossenen Bewegung auf und trat gleich darauf ins Wohnzimmer.

Carsten stand am Fenster und schaute müßig auf den Hasenplatz hin­aus. Jetzt wandte er sich langsam zu der Eintretenden:Du hast nicht schlafen können", sagte er, ihr die Hand reichend.

O doch, Ohm; ich hab' ja nachgeschlafen."

Aber du bist blaß, Anna. Du bist zu jung, um für anderer Leute Sorgen deinen Schlaf zu geben."

Anderer Leute, Ohm?" Sie sah ihm eine Weile ruhig in die Augen. Dann sagt« sie:Ich habe auch für mich selber viel zu denken gehabt." So sprich es aus, wenn du meinst, daß ich dir raten kann!" Sagt mir nur", erwiderte sie hastig,ist das Gewese in der Süder- straße noch zu kaufen? Ich hab's doch nicht verschlafen? Herr Jaspers ist doch nicht schon wieder hier gewesen?"

Carsten sagt« fast hart:Was soll das, Anna? Du weißt, daß ich es nicht kaufen werde."

Das weiß ich, Ohm, aber--"

Nun, Anna, was denn: aber?"

Sie war dicht vor ihn hingetreten.Ihr sagtet gestern, ich dürfe nicht zu Heinrichs Glück den Einsatz geben; aöer wenn Ihr gestern recht hattet, es ist nun anders geworden über Nacht."

,^Laß das, Kind!" sagt« Carsten;du wirst mich nicht bereden."

Ohm, Ohm!" rief Anna, und eine freudige Zärtlichkeit klang aus ihrer Stimm«;es hilft Euch nun nichts mehr; denn Euer Heinrich hat mich zur Frau verlangt, und ich werde ihm mein Jawort geben."

Carsten starrte fi« an, als fei der Blitz durch ihn hindurchgeschlagen. Er sank auf den neben ihm stehenden Ledersessel, mit den Armen um sich fahrend, als müsse er unsichtbare Feinde von sich abwehren, rief er heftig: Du willst dich uns zum Opfer bringen! Weil ich dein Geld allein nicht wollte, so gibst du dich nun selber in den Kauf!"

Aber Anna schüttelte den Kopf:Ihr irrt Euch, Ohm! So lieb ihr mir auch all« seid, das könnt' ich nimmer; danach bin ich nicht geschaffen." Zaghaft als könne sein Wort das nahende Glück zerstören, entgegnete Carsten:Wie ist denn das? Ihr wäret doch allezeit nur wie Geschwister!"

Ja, Ohm!" und ein fa stschelmisches Lächeln flog über ihr hübsches Angesicht;ich habe das auch gemeint; aber auf einmal war's doch nicht mehr so." Dann plötzlich ernst werdend, zog sie einen Brief aus ihrer Tasche. Da, leset selbst", sagte sie,ich erhielt ihn gestern vor dem Schlafengehen."

Seine Hände griffen danach; aber sie bebten, daß feine Augen kaum die Zeilen fassen konnten.

Was sie ihm gegeben hatte, war der Brief eines Heimwehkranken. Ich tauge nicht hier!" schrieb Heinrich:ich muß nach Haus«; und wenn du bei mir bleiben willst, du, Anna, mein ganzes Leben lang, dann werde ich gut fein, dann wird alles gut werden."

Der Brief war auf den Tisch gefallen; Carsten hatte mit beiden Armen das Mädchen zu sich Ijerabgejogen.Mein Kind, mein liebes Kind", flüsterte er ihr zu, während unaufhörlich Tränen aus feinen Augen quol­len,ja, bleibe bei ihm, verlaß ihn nicht; er war ja doch ein so guter kleiner Junge!"

Aber plötzlich, wie von einem inneren Schrecken getrieben, drückte er sie wieder von sich.Hast du es bedacht, Anna? sagte er;ich könnt« dir mcht roten, meines Sohnes Frau zu werden."

Ein leichtes Zucken flog über das Gesicht des Mädchens, während der alt« Mann mit geschlossenen Lippen vor ihr saß. Ein paarmal nickte sie ihm zu:Ja, Ohm", sagte sie bann,ich weiß wohl, er ist nicht der Be­dachteste, sonst hättet Ihr ja kein« Sorgen; aber was damals, vor Jahren hier geschah, Ihr sagtet selbst einmal, Ohm, es war ein halber Buben­streich; und wenn er auch den Ersatz noch nicht geleistet hat, so etwas ist doch nicht mehr vorgekommen."

Carsten erwiderte nichts. Unwillkürlich gingen seine Blicke nach dem Ofen, worin die Fetzen jener Briefe lagen. Wenn er sie jetzt hervorholte! Wenn er vor ihren Augen sie jetzt wieder Stück für Stück zusammenfügte l Weder Anna noch Brigitta wußten von diesen Dingen.

Seine Tränen waren versiegt; aber er nahm sein Schnupftuch, um sich die hervorbrechenden Schweißperlen von der Stirn zu trocknen Er versucht« zu sprechen; aber die Wort« wollten nicht über seine Lippen

Das schöne, blonde Mädchen stand wieder aufgerichtet vor ihm; mit steigender Angst suchte sie die Gedanken von seinem stummen Antlil; abzulesen.

Ohm. Ohm!" rief sie.Was ist geschehen? Ihr wäret so still und sorgenvoll die letzte Zeit!" Aber als er wie flehend zu ihr aufblickte, da strich sie mit der Hand ihm di« gefurchte Wange.Nein, sorget Euch nur nicht so sehr; nehmt mich getrost zur Tochter an; Ihr sollet sehen, was eine gute Frau vermay!"

Und als er jetzt in ihre jungen, mutigen Augen blickte, da vermochte er das Wort nicht mehr hervorzubringen, vor dem mit einem Schlag seines Kindes Glück verschwinden konnte.

Plötzlich ergriff Anna, di« einen Blick durchs Fenster getan hatte, seine Hände.Da kommt Herr Jaspers!" sagte sie.Nicht so? Ihr macht nun alles richtig?" Und ohne eine Antwort abzuwarten, ging sie rasch zur Tür hinaus.

Da wurde ihm die Zunge frei.Anna, Anna!" rief er; wie ein Hilfe­ruf brach es aus feinem Munde. Aöer sie hörte es nicht mehr; statt ihrer schob sich Herrn Jaspers' Fuchsperücke durch die Stubentür, und mit ihm hinein drängten sich wieder die schmeichelnden Zukunftsbilder und halfen, unbekümmert um das Dunkel hinter ihnen, den Handel abzuschließen.

Mit dem Eckhause nn der anderen Seite der Twiete beginnt vom Hafenplatz nach Osten zu die Krämerstraße, deren gegenüberliegend« Häuserreihe, am Markt vorüber, sich in der langen Süderstraße fort« setzt. Dort, in einem geräumigen Hause, wohnten Heinrich und Anna. Bor dem Laden auf dem geräumigen Hausflur wimmelte es an den Markttagen jetzt wieder von eintaufenben Bauern, und Anna hatte dann vollauf zu tun, die Gewichtigeren von ihnen in die Stube zu nötigen, zu bewirten und zu unterhalten; denn das gewandte und umgängliche Wesen ihres Mannes hatte die Kundschaft nicht nur zurückgebracht, son­dern auch vermehrt.

Carsten konnte es sich, nicht versagen, täglich einmal bei seinen Kin­dern vorzugucken. Von dem Hafenplatze, dort, wo die Schleuse nach Osten zu die Häusereihe unterbricht, führte ein anmutiger Fußweg hin­ter den (Bärten jener Straßen, auf welchem man derzeit zu einer be­stimmten Vormittagsstunde ihn unfehlbar wandern sehen konnte. Aber er gönnte sich Weile; gestützt auf seinen treuen Bambus, stand er oftmals im Schatten der Hohen Gartenhecken und schaute nach der anderen Seite auf die Wiesen, durch welche der Meerstrom sich ins crüne Land hinaus» drängt; jetzt zwar gebändigt durch die Schleuse, im Herbst oder Winter aber auch wohl darüber hinstürzend, die Wiesen überschwemmend und die (Bärten arg verwüstend. Bei solchen Gedanken kamen Stock und Bein« des Alten wieder in Bewegung; er mußte sogleich doch Anna warnen, daß sie zum Oktober ihre schonen Sellerie zeitig aus der Erd« nehme. Hatte er dann das Lattenpförtchen zu Anas Garten erreicht, fs kam die hohe Frauengestalt ihm meistens auf dem langen Steige schon entgegen; ja, als es zum zweiten Male Sommer wurde, kam sie nicht allein; sie trug einen Knaben auf ihrem Arm, der ihr eigen und der auf den Namen feines Vaters getauft war. Und wie gut ihr das mütter­liche Wesen ließ, wenn sie, die frische Wange an die ihres Kindes leh­nend, leise singend den Garten hinabschritt! Selbst Carsten hatte auf diesen Gängen jetzt Gesellschaft; denn durch das Kind war, trotz ihrer vorgeschrittenen Altersschwäche, auch Brigitte in Bewegung gebracht. Unten am Pförtchen schon, wenn droben kaum die junge Frau mit dem Kinde aus den Bäumen trat, riefen die alten Geschwister den beiden zärtliche Worte zu. Brigitte nickte, und Carsten winkte grüßend mit seinem Bambusrohr, und wenn si« endlich nahe gekommen waren, fo könnt-' Brigitte an dem Anblick des Kindes, Carsten noch mehr an dem der Mutter sich kaum «rfättigen.

--Das Glück ging vorüber, ja, es war schon fort, als Carsten und Brigitte noch in seinem Schein zu wandeln glaubten; ihre Augen waren nicht mehr scharf genug, um di« seinen Linien zu gewahren, die sich zwi­schen Mund und Wangen allmählich auf Annas klarem Antlitz einzu- graben begannen.

Heinrich, der anfänglich mit seinem rasch verfliegenden Feuereifer das Geschäft angefaßt hatte, wurde bald des Kleinhandels und des dabei ver­machten persönlichen Verkehrs mit dem Landvolke überdrüssig. Zu meh­rerem Unheil war um jene Zeit wieder einmal ein großsprechender Spekulant in die Stadt gekommen, nur wenig älter als Heinrich und dessen Verwandter von mütterlicher Seite; er war zuletzt in England gewesen und hatte von dort zwar wenig Mittel, aber einen Kops voll halbreifer Pläne mit herübergebracht, für die er bald Heinrichs lebhafte Teilnahme zu entzünden wußte.

Zunächst versuchte man es mit einem Viehexport auf England, der bisher in den Händen einer günstig belegenen Nachbarstadt gewesen war. Nachdem dies mißlungen war, wurde draußen vor der Stadt unter dem Seedeich ein Austerbehälter angelegt, um mit den englischen Natives (eine bestimmte Sorte englischer Austern) den hiesigen Pächtern Kon­kurrenz zu machen; aber dem an sich aussichtslosen Unternehmen fehlte überbes die sachkundige Hand, und Carsten, dessen Warnung man vor­her verachtet hatte, mußte einen Posten nach dem anderen decken und «ine Schuld über di« andere auf seine Grundstücke einschreiben lassen.

Anna sah jetzt ihren Mann nur selten einen Abend noch im Hanse; denn der unverheiratete Vetter nahm ihn mit in eine SßirHtube in der er den Beschluß seines Tageswerkes zu machen pflegte. Hier beim heißen Glase wurden di« Unternehmungen beraten, womit man dem- - nächst die kleine Stadt in Staunen setzen wollt«; nachher, wenn da.m der Kops nicht mehr taugte, kamen die Karten auf den Tisch, wo Einsah und Erfolg sich rascher zeigt«.

(Fortsetzung folgt.)

DerantwortUch: Dr. Hans Thyrtot. - Druck und Derlag: Brühl'sche Universitäts-Buch- und Steindruckerei, A. Lange, ©ie6«it