Ausgabe 
31.1.1930
 
Einzelbild herunterladen

SietzenerZaimIienbliitter

Nummer y

________Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1950 Freitag, den 3l. Januar

Rebel.

Von Peter Bauer.

Nebel raucht alles ein.

Nebel macht blind.

Kein Gesicht lächelt Schein, Du tappst wie ein ängstliches Kind.

Baumskelette gespenstern im Grau, Laternen blinzeln nach dir.

Rauscht wo ein Blatt oder Tier? Schreitet vermummt eine Frau?

Riß doch der Himmel sich auf, Eh alles Licht erstickt.

Flockte Schnee zuhauf Wie wär die Erde beglückt.

Oie Maschine.

Von Kurt H e y n i ck e.

ronr 'm letzten Jahr des Weltkrieges. Ich war wegen einer Ver­wundung aus der Front in die Etappe geschickt worden und sollte in SmSÄ' 015 Maschinenbauingenieur entsprechenden Stel- xama[S D.°tn °U?n Seiten eingekreist und blockiert, be- ch agnahmte in dem von ihm besetzten Gebiet Maschinen und Maschinen- Cl <k ,un,1 bic eigene Rüstungsindustrie zu verwenden.

xx. mter.!n bem mir zugewiesenen Bezirk die Bestände festzustellen khHmmh 3 sagen, daß sie ihre Maschinen gegen gültigen Be-

schlaanahmeschem abzutreten hatten. a J

Auf 'einem solchen Gange machte ich die Bekanntschaft von Jerome Coutourier. Er besaß eine Metallwarenfabrik und mochte in guten Zei­ten linerhin dreihundert Arbeiter beschäftigt haben.

Jetzt war der Betrieb eingestellt, Coutourier war allein sein Solm b!e Fabrik geleitet hatte, stand für Frankreich nn Felde. Ich ging durch die Hallen, zeichnete die abbaufähiqen Maschinen ai.t und machte auf lebe der so festgestellten Maschinen, ein Kreidekreuz Coutourier ging gleichgültig neben mir her. Er war nicht darüber im Zw^el, daß sein Volk siegen würde und daß man ihm dann für die Maschinen, die letzt fortgeholt würden, neue geben müsse

Denn nach dem siegreichen Frieden kam Marcel, der Sohn zurück ihm wollte Coutourier dann, wie er mir sagte, die Fabrik übergeben'

Ich merkte, daß es eine abgöttische Liebe war, die Jerome gegenüber seinem Sohne empfand, und diese Liebe suchte während Marcels Ab­wesenheit nach einem Zeichen, nach Halt, nach Ausdruck.

«o schritt denn Jerome Coutourier jeden Tag mehrere Male durch die Hallen und inuner blieb er in Halle zwei vor der großen Antriebs maschine stehen. Diese Maschine erinnerte ihn an Marcel

bem mOtln 9c.bnut- nIs er achtzehn Jahre alt war. Marcel hatte damit seinem Vater einen großen Beweis einer Begabung gegeben, der Alte war damals sehr stolz auf seinen Sohn. 9 9

m<(7 MaWne, welche unter Treibriemen und Gestänge mit ihren metallenen Gelenken in glanzender Verlassenheit dastand, war für Cou- ! bs was von Marcel sicbtbar und gleichsam als ein Teil Leben b^- ?! weienben vor ihm stand. Diese Maschine w^r nicht die Antriebs- r .5 sondern sie war mehr als alle Maschinen seines qu-u x ' ichm hoher in der Wertordnung als alle Maschinen der diese Masck,ne hatte einen Namen, es war der Name seines Soh- nes Marcel" hieß die Maschine.

fhH,rtam>Sn in ^aUe zwei und als mein Blick auf die Antriebsmaschine een ninbr x r-mx nier nebcn mir herplaudernde Alte. Seine Augen hin- gen plötzlich wie die meinen an der Maschine ..Marcel".

mitten e K jr).anb "n sie legte, die einzelnen Teile prüfte und betrachtete, 6?ut°uner Er fuhr mit der Hand wie abwehrend durch die Luft:

nicht?"' 0ter' 3d) llioubte ihn zu verstehen und fragte:Warum sacket '"eines Sohnes!" Ich meinte, daß diese Tat-

ben k Mlagnahme leider n-cht ausschlösse. Ich würde aber Dem 9m«» ra^me^emo-ß-rn ouf den Namen seines Sohnes ausstellen, nicht bitte"" tr° en blc ^r6nen in die Augen, er wehrte ab:Nein, so 2)lntoin?^k.,e?k^te c\bafi fein Sohn Marcel, der im Felde sei, diese noch viel nn^r'o-n066ba^ bcsbllb fein Herz daran hänge Er sprach

) von seinem Sohn, von seinen Hoffnungen, seinem Glauben an

lebte

Sein

Ma» und

Jerome Coutourier stand hoch aufgerichtet. Keine Träne kam Körper wankte, aber er beherrschte sich.

Kreide," sagte er heiser. Emile gab sie ihm.

. nickte Coutourier und zeichnete das Kreidekreuz auf die chme Marcel.Mögen fte die Deutschen holen," sagte er verbissen zerbrochen. Dann ging er beherrscht und gerade.

Ich traf ihn einige Tage später, um ihm zu bedeuten, daß meine For­mation abberufen wurde, ich vermöchte ihm nicht zu sagen, was aus der Maschine wurde.

Coutouner ahnte: Endlich! Von Marcel! Zitternd griff er nach dem Papier. Aber es war nicht die Handschrift seines Sohnes. Er sah auf den Absender. Oberst Petoir, 186. Infanterie-Regiment. Marcels Regiment! Daneben der deutsche Zensurstempel. Er riß den Umschlag auf Seine Augen schwammen: in dem Brief ein paar armselige Worte: die un­heilvolle Wahrheit: Gefallen, aefallen, gefallen.

Die Maschine Marcel sah Coutourier an mit ihrem Leib aus Stahl und Metall. Sie hatte gelogen. Hier stand sie «in Hebeldruck und sie lebte wieder auf, wenn sie gespeist wurde mit Kraft, aber Marcel ' nicht mehr, Marcel war tot.

'bn- und '4 hatte Mitleid und beschloß:Vorläufig lasse ich Ihnen die Maschine. Ich verstoße dabei gegen meine Vorschrift. Aber ich will es trotzdem tun. Ich verstehe Ihre Gefühle."

Er hankte mir. Aber von dieser Stunde an lebte er wegen der Ma» sch,ne m Aengsten, die auftauchende trübe Ahnung wuchs zur festen, un­verrückbaren Vorstellung: wenn die Maschine weggeholt würde, müsse'auch Marcel * 3uft°6en' Marcel war die Maschine, die Maschine war

Wochen vergingen als die Arbeitskolonnen kamen und die übrigen Maschinen aus der Halle holten, sah Coutourier zerfallen aus, seine Augen waren trüb, sein Gang schleppte.

"Schmerzt es Sie?" fragte ich und zeigte auf die stückweis verladenen Maschinen.

Dieses nicht", sagte er.

Sondern?"

Mein Sohn schreibt nicht." Ich versuchte ihn zu trösten, alle Nach- richten gingen ]a durch Vermittlung des Roten Kreuzes durch die Schweiz da fei eme Verzögerung wohl möglich.

Er aber sah nur mit einem Blick auf die Maschine seines Sohnes, strich" etnfamen ®Ian3 bie Trostlosigkeit des leeren Raumes unterstrich.

Ich mckte seiner stummen Bitte Gewährung. Die Maschine Marcel blieb auch diesmal bei ihm.

3eit An b°r sich Coutourier lange in die Nähe bet Maschine stellte und sie wohl auch anredete:Marcel, wirst du mir erhalten bleiben? Marcel, das war diesmal nicht die Ma chine er meinte den Sohn. '

Eines Tages entdeckte ein Jnspektionstrupp die einsame Maschine und machte meinem Vorgesetzten Meldung. Ich erhielt eine Rüge und den Auftrag, die Maschine abzutransportieren.

Darauf ging ich zu Coutourier:Ich kann nicht anders, in ein paar -tagen muß die Maschine fort."

. . Cr schwieg. Ich sah, daß er noch keine Nachricht von Marcel hatte Ich wußte auch, daß hier eine begreifliche Liebe einen toten Gegenstand mit dem Sohn in Beziehung brachte. Wer mag das in so absonderlichen Zeiten dumm und wirr nennen? Es war verständlich?

Die Deutschen wallen die Maschine holen, wenn aber der Maschine etwas geschieht so wird auch Marcel etwas geschehen das war der Kehrreim der Gedanken des alten Coutourier.

Coutourier erhob sich mitten in der Nacht, machte Licht und ging in die Halle zwei. Da stand die MaschineMarcel".

Durch die zerschlagenen und erblindeten Fenster der Halle schickte der Mond sein Licht. Jemand hatte eine Spitzhacke stehen lassen, Coutouriers Bl'ck ftel darauf Da kam ihm der Gedanke:Eingraben! Ja, ich werde die Maschine Marcel eingraben!

An die Folgen dachte er nicht, mochten die Deutschen ihn rnrhaften. Wenn nur die Maschine erhalten blieb, was gleichbedeutend war, daß Marcel das Leben erhielt.

Cs war ein trüber, regnerischer Morgen, als er sich mit Hacke und Spaten in die Halle begab. Er wollte den Bodenbelag fortnehmen, ein« Grube graben die Maschine hineinsenken und hernach eine Bretterschicht die zur -tauichung mit dem alten Bodenbelag bedeckt wurde über di« Grube legen niir die ersten Arbeiten hatte er nur Emile, einen alten Arbeiter, bestellt, daß er ihm helfe.

mo^bers G,*VIe, kam später, als verabredet war, und entschuldigte sich wegen der Verspätung: man habe ihm einen Brief mitgegeben von der Mairie, für Herrn Coutourier.