Ausgabe 
30.5.1930
 
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und Nie man Summer um sie gehabt. Christine sah bald, was alles zu bedeuten hatte, und verbarg ihre innere Glut hinter spöttische Worte, warf den Männern ihre übereilte Flucht vor, und wie keiner um em arm Weib sich bekümmert, und keiner sich umgesehen, was der Grüne mit ihr beginne. 2a brach der Sturm der Neugierde aus, und jeder wollte zuerst 'wissen, was nun der Grüne mit ihr angefangen, und die Hintersten hoben sich hoch auf, um besser zu hören und die Frau näher zu sehen, die dem Grünen so nahe gestanden. Sie sollte nichts sagen, meinte Christine zuerst, man hätte es nicht um sie verdient, als Fremde sie übel geplaget im Tale, die Werber ihr einen üblen Namen angehängt, die Männer sie allent­halben im Stiche gelassen, und wenn sie nicht besser gesinnet wäre als alle, und wenn fie nicht mehr Mut als alle hätte, so wäre noch jetzt weder ~roft noch Ausweg da. So redete Christine noch lange, warf harte Worte gegen die Weiber, die ihr nie hätten glauben wollen, daß der Bodensee großer ei als d,r Schloßteich, und je mehr man ihr anhielt, um jo harter schien ie zu werden und stützte sich besonders darauf, daß, was sie zu sagen jätte, man ihr übel auslegen und, wenn die Sache gut käme, ihr keinen Dank haben werde; käme sie aber übel, so lüde man ihr alle Schuld auf und die ganze Verantwortung.

Als endlich die ganze Versammlung vor Christine wie auf den Knien lag mit Bitten und Flehen, und die Verwundeten laut aufschrien und an­hielten, da schien Christine zu erweichen und begann zu erzählen, wie sie i'tandgehalten und mit dem Grünen Abrede getroffen; aber von dem Kusse jagte sie nichts, nichts davon, wie er sie auf der Wange gebrannt, und wie es ihr getoset im Gemüte. Aber sie erzählte, was sie seither gesinnet im verschlagenen Gemüte. Das Wichtigste sei, daß die Buchen nach Varhegen geschafft würden; seien die einmal oben, so könne man immer noch sehen, was man machen wolle, die Hauptsache sei, daß bis dahin, soviel ihr bekannt, unter ihnen kein Kind werde geboren werden.

Vielen lies es kalt den Rücken auf bei der Erzählung, aber daß man dann noch immer sehen könne, was man machen wolle, das gefiel allen wohl.

Nur ein junges Weibchen weinte gar bitterlich, daß man unter seinen Augen die Hände hätte waschen können, aber sagen tat es nichts. Ein alt ehrwürdig Weib dagegen, hochgestaltet und mit einem Gesichte, vor dem man sonst sich beugen oder vor ihm fliehen mutzte, trat in die Mitte und sprach: Gottvergessen wäre es gehandelt, auf das Ungewisse das Gewisse stellen und spielen mit dem ewigen Leben. Wer mit dem Bösen sich ein­lasse, komme vom Bösen nimmer los, und wer ihm den Finger gebe, den behalte er mit Leib und Seele. Ans diesem Elend könne niemand helfen als Gott, wer ihn aber verlasse in der Not, der versinke in der Not. Aber diesmal verachtete man der Alten Rede, und schweigen hieß man das junge Weibchen, mit Weinen und Heulen sei einem diesmal nicht geholfen, da bedürfe man Hilfe anderer Art, hieß es.

Nötig wurde man bald, die Sache zu versuchen. Bös könne das kaum gehen im bösesten Fall; aber nicht das erstemal sei es, daß Menschen die schlimmsten Geister betrogen, und wenn sie selbst nichts wüßten, so fände wohl ein Priester Rat und Ausweg. Aber in finsterem Gemüte soll mancher gedacht haben, wie er später bekannte: gar viel Geld und Um­triebe wage er nicht eines ungetansten Kindes wegen.

Als der Rat nach Christines Sinn gefaßt wurde, da war es, als ob alle Wirbelwinde über dem Haufe zusammenftietzen, die Heere der wil­den Jäger vorübersausten; die Posten des Hanfes wankten, die Balken bogen sich, Bäume splitterten am Hause wie Speere auf einer Ritterbrust. Blaß wurden drinnen die Menschen, Grauen überfiel sie, aber den Rat lösten sie nicht; bet grauendem Morgen begannen sie seine Ausführung.

Schön und hell war der Morgen, Gewitter und Hexenwerke ver­schwunden, die Aexte hieben noch einmal so scharf als sonst, der Boden war locker, und jede Buche fiel gerade, wie man sie haben wollte, kein Wagen brach mehr, das Vieh war willig und stark und die Menschen geschützt vor jedem Unfall, wie durch unsichtbare Hand.

Nur eines war sonderbar. Unterhalb Sumiswald führte damals noch kein Weg ins hintere Tal; dort mar noch Sumpf, den die zügellose Grüne bewässerte, man mußte den Stalden auf durchs Dorf fahren, an der Kirche vorbei. Sie fuhren wie an den früheren Tagen immer drei Züge auf einmal, um einander helfen zu können mit Rat, Kraft und Vieh, und hatten nun nur durch Sumiswald zu fahren, außerhalb des Dorfes den Kirchstalden ab, an dem eine kleine Kapelle stand; unterhalb desselben auf ebenem Wege hatten sie die Buchen abzulegen. Sobald sie den Stalden auf waren und auf ebenem Wege gegen die Kirche tarnen, so ward das Gewicht der Wagen nicht leichter, sondern schwerer und schwerer, sie mußten Tiere vorspannen, so viele sie deren hatten, mutzten unmenschlich auf sie schlagen, mutzten selbst Hand an die Speichen legen, dazu scheuten die sanftesten Rosse, als ob etwas Unsichtbares vom Kirchhofe her ihnen im Wege stehe, und ein dumpfer Glockenton, fast rote der verirrte Schall einer fernen Totenglocke, kam von der Kirche her, daß ein eigentümlich Grauen die stärksten Männer ergriff, und jedesmal Menschen und Tiere bebten, roenn man gegen die Kirche kam. War man einmal vorbei, fo konnte man ruhig fahren, ruhig abladen, ruhig zu frischer Ladung nieder gehen.

Sechs Buchen lud man selbigen Tages nebeneinander ab an die ab- gerebete Stelle, sechs Buchen waren am folgenden Morgen zu Bärhegen oben gepflanzet, und durch ganze Tal hin hatte niemand eine Achse gehört, die sich umgedreht um ihre Spule, niemand der Fuhrleute üblich Geschrei, der Pferde Wiehern, der Ochsen einförmig Gebrüll. Aber sechs Buchen standen oben, die konnte sehen, wer wollte, und es waren die sechs Buchen^ die man unten an den Stalden hingelegt hatte, und nicht andere.

Da war das Staunen groß im ganzen Tale, und die Neugierde regte sich bei männiglid). Absonderlich die Ritter nahm es wunder, welche Pacht die Bauern geschlossen, und auf welche Weise die Buchen zur Stelle geschafft würden. Sie hätten gern auf heidnische Weise den Bauern das

Geheimnis ausgepreßt. Allein sie sahen bald, daß die Bauern auch nicht alles wüßten, da sie selbst halb erschrocken waren. Zudem wehrte der von Stoffeln. Dem war es nicht nur gleichgültig, wie die Buchen nach Bär- hegen kamen, im Gegenteil, roenn nur die Buchen heraufkamen, so sah er gern, daß die Bauern dabei geschont rourden. Er hatte wohl gesehen, daß der Spott der Ritter ihn zu einer Unbesonnenheit verleitet hatte, denn wenn die Dauern zugrunde gingen, die Felder unbestellt blieben, so hatte die Herrschaft den größten Schaden dabei; allein was der von Stoffeln einmal gesagt hatte, dabei blieb es. Die Erleichterung, welche die Bauern sich verschafft, war ihm daher ganz recht, und ganz gleichgültig, ob sie dafür ihre Seelen verschrieben; denn was gingen ihn der Bauern Seelen an, roenn einmal der Tod ihre Leiber genommen. Er lachte jetzt über seine Ritter und schützte die Bauern vor ihrem Mutwillen. Diese wollten den Handel doch ergründen und sandten Knappen zur Wache; die fand man des Morgens halb tot in Gräben, wohin eine unsichtbare Hand sie geschleudert.

Da zogen zwei Ritter hin auf Bärhegen: es waren kühne Degen, und wo ein Wagnis zu bestehen gewesen im Heidenland, da hatten sie es bestanden. Am Morgen fand man sie erstarrt am Boden, und als sie der Rede wieder mächtig waren, sagten sie, ein roter Ritter mit feuriger Lanze hätte sie niedergerannt. Hie und da konnte eine neugierige Weibs- feele sich nicht enthalten, wenn es Mitternacht war, durch eine Spalte oder Lucke nach dem Wege im Tale zu sehen. Alsbald wehrte ein giftiger Wind sie an; das Gesicht schwoll auf, wochenlang konnte man weder Nase noch Augen sehen, den Mund mit Mühe finden. Da verging den Leuten das Spähen, und kein Auge sah mehr zu Tale, roenn Mitternacht über demselben lag.

Einmal aber kam plötzlich einen Mann das Sterben an; er bedurfte des letzten Trostes, aber niemand durfte den Priester holen, denn Mitter­nacht war nahe, und der Weg führte am Kirchstalden vorbei. Da lief ein unschuldig Bübchen, Gott und Menschen lieb, aus Angst um den Vater ungeheißen Sumiswald zu. Als er gegen den Kirchstalden kam, sah er von dort die Buchen auffahren vom Boden, jede von zwei feurigen Eich­hörnchen gezogen, und nebenbei sah er reiten auf schwarzem Bocke einen grünen Mann, eine feurige Geißel hatte er in der Hand, einen feurigen Bart im Gesichte, und auf dem Hute schwankte glutrot eine Feder. So sei der Zug gefahren hoch durch die Lüste über alle Egg weg und schnell wie ein Augenblick. Solches sah der Knabe, und niemand tat ihm was.

Noch waren nicht drei Wochen vergangen, so stunden neunzig Buchen auf Bärhegen, machten einen schönen Schattengang, den alle schlugen üppig aus, feine einzige verdorrte. Aber die Ritter und auch der von Stoffeln ergingen sich nicht oft darin, es wehte sie allemal ein heimlich Grauen an; sie hätten von der Sache lieber nichts mehr gewußt, aber keiner machte ihr ein Ende, es tröstete ein jeder sich: fehle es, so trage der andere die Schuld.

Den Bauern aber roohlete es mit jeder Buche, welche oben war, denn mit jeder Buche wuchs die Hofnung, dem Herrn zu genügen, den Grünen zu betrügen; er hatte ja kein Unterpfand, und war die hundertste einmal oben, was frugen sie bann dem Grünen nach? Indessen waren sie der Sache noch nicht sicher; alle Tage fürchteten sie, er spiele ihnen einen Schabernack und lasse sie im Stiche. Am Urbanustage brachten sie ihm die letzten Buchen an den Kirchstalden, und alt und jung schlief wenig in selber Nacht; man konnte fast nicht glauben, daß er ohne Umstände und ohne Kind oder Pfand die Arbeit vollende.

Am folgenden Morgen, lange vor der Sonne, waren alt und jung auf den Seinen, in allen regte sich die gleiche neugierige Angst; aber lange wagte sich keiner auf den Platz, wo die Buchen lagen; man wußte nicht, lag dort eine Beize siir die, welche den Grünen betrügen wollten.

Ein wilder Küherbub, der Zieger von der Alp gebracht, wagte es end­lich, sprang voran und sand keine Buchen mehr, und feine Hinterlist tat auf dem Platze sich kund. Noch trauten sie dem Spiel nicht; ihnen voraus mußte der Küherbub nach Bärhegen. Dort war alles in Ordnung, hundert Buchen standen in Reih und Glied, keine war verdorret, keinem aus ihnen lief das Gesicht auf, keinem tat ein Glied weh. Da stieg der Jubel hoch in ihren Herzen, und viel Spott gegen den Grünen und gegen die Rit­ter floß. Zum drittenmal sandten sie aus den wilden Küherbub und lie­ßen dem von Stoffeln sagen, es sei auf Bärhegen nun alles in dec Ordnung, er möchte komneen und die Buchen zählen. Dem aber ward es graulicht, und er ließ ihnen sagen, sie sollten machen, daß sie heimkünmi. Gern hätte er ihnen sagen lassen, sie sollten den ganzen Schattengang wieder wegschaffen, aber er tat es nicht, seiner Ritter wegen, es sollte nicht heißen, er fürchte sich; aber er wußte nicht um der Bauern Pacht, und wer sich in den Handel mischen könnte.

Als der Küherbub den Bescheid brachte, da schwollen die Herzen noch trotziger auf; die wilde Jugend tanzte im Schattengange, wildes Jodeln hallte von Kluft zu Kluft, von Berg zu Berg, hallte an den Mauern des Schlosses Sumiswald wider. Bedächtige Alte warnten und baten, aber trotzige Herzen achten bedächtiger Alten Warnung nicht; wenn bas Un­glück ba ist, fo sollen es die Alten mit ihrem Zagen und Warnen herbei- trotzige Herzen achten bedächtiger Alten Warnung nicht; roenn dann M* Unglück da ist, so sollen es die Alten mit ihrem Zagen und Warnen herbei- und Tal in alle Häuser, und wo noch eines Fingers lang Fleisch "" Rauche hing, da ward es gekocht, und wo noch eine Hand groß Buller im Hafen war, ba würbe geküchelt.

Das Fleisch warb gegessen, bie Kiichli schwanden, der Tag war ver­ronnen, und ein anderer Tag stieg am Himmel auf. Immer näher tarn der Tag, an welchem ein Weib ein Kind gebären sollte; und je näher oer Tag kam, um so dringlicher tarn die Angst wieder: der Grüne werde R wieder künden, fordern, was ihm gehöre, oder ihnen eine Beize legen.

(Fortsetzung folgt.) .

tBeranteoetltik Dr. Hans Thhriot. Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts-Buch, und Steindruckerei. R. Lange, Giebel