Ausgabe 
30.5.1930
 
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SieheimZamilienbMer

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang M« §reitag, den 39. Mai Nummer^

Kern von der Stadt.. $

Von Polly Ti eck.

Fern von der Stadt, Madame, gibt es jetzt Schlüsselblumen, In einem Gelb von unerhörtem Schick, Fern von der Stadt erwachen Ackerkrumen

Und atmen Glück.

Fern von der Stadt sind Wolken dick am Himmel,

Wie Ballen von Georgette auf Crepe de Chine, Fern von der Stadt versuchen gute Schimmel Die Furchen tapfer nachzuziehn.

Fern von der Stadt entflammen Sternenbilder, Erinnern Sie sich noch? Der große Bär?

Fern von der Stadt, am Kreuzweg, stehen Schilder.

Wohin, woher.

Fern von der Stadt verlernen Sie die Nöte, Die Schminke unter erstem Sonnenbrand, Hingegen wachsen dicke Butterbröte In brauner Hand.

Fern von der Stadt, nach erster Rast auf Rasen,

Vergessen Sie den Dreh und den Jargon, Fern von der Stadt entfesseln Sie Ekstasen, In Kleidern längst verwundener Saison.

Fern von der Stadt o ja, es gibt Premieren, Und jours und routs, und alles, was man hat. Ihr Sommerabendkleid in allen Ehren, Jedoch wie wär's, Madame, fern von der Stadt? ...

Kriminalnovrlle.

Von Francois Bonget.

(Copyright 1930 by I. L. A., Wien.)

Gladys Venquett, blondes Sportgirl, etwa fünfundzwanzig, saß dem Privatdetektiv Jacques Breton in dem mit einfacher Eleganz möblierten Empfangszimmer seiner unweit des Luxembourg am Boulevard Saint Michel gelegenen Wohnung erwartungsvoll gegenüber.

Es war der dritte Besuch, den sie ihm in einer äußerst komplizierten Angelegenheit abstattete. Ihr Vater, der Oelkönig Roger Venquett, durfte memals erfahren, daß sie in Paris war, in der Bel-Etage des Hotels ^astiguoni ein fürstliches Appartement bewohnte. Ihm gegenüber hatte Madys, so sagte sie, den Vorwand gebraucht, daß sie zu einer biederen -wnte am Michigansee fahre. In Wirklichkeit war sie mit einem Boxer Mrcygebrannt. Einem jungen, blonden Kerl, der sie nach einer Woche Ichmahlich itn Stiche ließ.

Das wäre zu verschmerzen gewesen. Er nahm aber ein Perlenkollier m von tausend Dollar mit, ein Geschenk ihres Vaters.

Fn, q« c5 Beriyuett war verzweifelt.Haben Sie noch immer keine W Pe mit emem Seufzer den Detektiv.

« .^Qn >nh ihr an, sie hatte Mitleid mit sich. Es war ja auch schrecklich: dem Sünde n b? b? l^P t,eraubt' bestohlen, ohne männlichen Schutz in

!?in^er«r^ac(,ues Breton war gerührt. Er streichelte tröstend die Hand scho^finden" ^*entin nnd sagte:Nur Mut, wir werden den Kerl hnSeJn®re !?ame konnte wohl Vertrauen zu Herrn Jacques Breton ueri^L Le.r*°fer Herr von mittlerem Alter, gar nicht so affig her- 3W roJ.e ?'e bekannten Kinodetektivs. Vielmehr trug er einen dunklen Und r . s'ch ein paar graue Fäden zogen, eine Gelehrtenbrille, lki^ fejner Kleidung von englisch schlichter Solidität.

ibtern )t6ar peinliche Situation!" klagte Gladys Venquett in Kriniinn/J c ei?' a.tlcr amerikanisch gefärbten Französisch.Man kann die mach?» nicht von der Affäre verständigen! Das würde Lärm 'M zu den Ohren meines Vaters kommen!"

^r junge"Dame^f n-ti9besänftigte Herr Breton und gab die Hand Und bliebt a-uf' 9*n9 mit eiligem Trippelschritt im Zimmer herum ^tetarunh VtntU.at vor dem mächtigen schwarzen Tresor stehen, der im 0 prunkte.Hier wäre mein Perlenkollier besser aufgehoben

gewesen als in der Lade des Hotelschreibtisches", tippte sie mit dem Finger daran.

Sicherlich", bestätigte Herr Breton,vielleicht sogar besser als an Ihrem Hals, mein Tresor steht Ihnen jederzeit zur Verfügung."

Ja?" horchte Gladys Venquett auf, und nach einer Pause:Ich bin schon so von Verfolgungswahnsinn geplagt, daß ich nicht einmal mehr dem Safe des Hotels Caftiglioni vertraue."

Der Privatdetektiv war nicht wenig geschmeichelt. Das hieß ja wohl, daß sie ihm selbst mehr vertraute als aller Welt. Und bewirkte, nebst dem Vorschuß von zweihundert Dollar, daß seine Gefühle über das rein Geschäftliche hinaus zum Herzen der kleinen Gladys strebten. Die exzen­trische Tochter eines Dollaronkels, warum sollte sie an einem welt­erfahrenen Kerl wie ihm nicht Gefallen finden?

Und er sagte in tiefem Baßton:Sie können vollständig über mich verfügen. Haben Sie vielleicht den heutigen Abend frei?"

Ich habe alle meine Abende frei, weil ich seit Johnnys Flucht und der Entdeckung des Diebstahls nicht mehr ausgehen konnte. Meine Nerven sind derart zerrüttet" Und auf einmal begann die kleine Gladys zu schluchzen.

Unter dem sanften Streicheln ihres neuen Freundes beruhigte sie sich wieder.Wissen Sie was? Treffen wir uns heute abend in der Proszeniumsloge der Folies Bergere."

Gern, aber wird sie noch frei sein?"

Für mich ist jede Loge frei", lächelte die Tochter des Oelkönigs. Sollte ich mich verspäten, beheben Sie, bitte, das Billett an der Kalle."

Gut also", stimmte Herr Breton zu.Um wieviel Uhr?"

Um neun! Aber pünktlich, bitte!"

Selbstverständlich", sagte Herr Breton und beugte sich tief über die schmale kleine Sporthand.

Als ihn Gladys Benquett verlassen, stellte sich Jacques Breton in seiner ganzen männlichen Größe breit vor den Spiegel und schnipste freundschaftlich mit zwei Fingern seinem Ebenbild zu, als wollte er sagen: Du bist doch ein Glückspilz, alter Kerl!

*

Um elf kam Herr Breton verdrossen nach Hause. Gladys Benquett hatte ihn sitzenlassen.

Ob es klug wäre, ihr morgen einen Bormittagsbesuch im Hotel ab- zustatten? Sicherlich trug sie an dem Versäumnis keine Schuld. Was hätte es denn sonst für Sinn gehabt, daß sie ihm so große Avancen gemacht?

Den Sinn dieser Avancen erfuhr Herr Breton, als er in sein Emp­fangszimmer trat.

Dort stand int Mondschein, der auf den mächtigen schwarzen Tresor fiel, ein Bursche in einem verschmierten Monteur-Overall, zu dem er sonderbarerweise einen eleganten Modehut trug.

Als Herr Breton das Licht andrehte, bemerkte er zu Füßen des Eindringlings einen Badekoffer, aus dem sich, gerippt und dick wie eine Urwaldschlange, ein Metallschlauch nach oben bäumte. Den Kopf dieser dem Detektiv so wohlbekannten Schlange hielt der junge Kassenknacker in der Hand. Der blendende Giftstrahl war schon erloschen, die Stahltür geschlitzt, der Tresor geöffnet. Glatte Arbeit.

Der Detektiv pfiff leise durch die Zähne.Eine kleine Enttäuschung, wie?" lachte er hart.Der Tresor ist leer. Er hat lediglich dekorative Bedeutung."

Der junge Schränker, der beim Eintritt Herrn Bretons zur Salzsäule erstarrt war, gab keine Antwort. Mechanisch steckte er nun den metallenen Kopf seiner Urwaldschlange in den Badekoffer, schlug den Deckel zu, zog gelassen den Ulster über die Monteurskluft, nahm ein kleines Suit-case vom Tischchen neben dem Tresor und wollte an dem Detektiv vorbei mit den zwei Köfferchen die Stätte seiner erfolglosen Arbeit verlassen.

Aber es war kindisch, zu hoffen, daß Herr Breton durch diese Frech­heit zu bluffen sein würde.

Er faßte den Burschen derb am Kragen und riß ihn herum.Sind Sie verrückt?" schrie er ihn an, kam aber vor Staunen nicht weiter.

Der kleine braune Schnurrbart des Burschen war angeklebt. Seine Vartkoteletts wuchsen nicht aus den Wangen, sondern waren vom Haupt­haar herab vor die Ohren gekämmt. Ueberhaupt war der ganze Bursche kein Vursche, sondern ein Mädchen.

Ein Herrn Breton ziemlich bekanntes Mädchen. Gladys Benquett.

Mit einer verlorenen Handbewegung zupfte sie sich das Bärtchen von der Oberlippe und ließ es zu Boden fallen, in allem Schrecken un­bewußt froh, wieder Frau sein zu dürfen.

Der Detektiv lachte höhnisch:Es überrascht Sie wohl, mich schon so früh zurückzusehen? Dachten wohl, ich würde mir die Revue zu Ende ansehen? Aber ein ernster Mann wie ich macht sich nichts aus solchem Firlefanz. Schade um das teure Geld für das Billett. Wir haben beide nichts davon gehabt. Nun jetzt, wo ich Sie hier vor meinem auf-