Ausgabe 
29.12.1930
 
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Neujahrsdichiung - Neujahrsbrauch.

Von Dr. Johannes Günther.

Das ist ein Lärm auf der Straße: Schießen, Rufen, Johlen, Lachen, Kreischen, Prosit Neujahrl Prosit Neujahr! Raketen steigen, bengalische Flammen leuchten, Papierschlangen fliegen durch die Lust, verfangen sich in Balkons, in Drähten, in Bäumen! Glocken läuten, Mitternacht ist da aber nicht einmal jetzt schweigt Lärm und Gewimmel. Zarte Menschen nehmen daran Anstoß. Sie fühlen sich in ihrer stillen Samm­lung verletzt. Sie verurteilen die Lärmenden.

Aber auch die Lärmenden haben ein Recht, ein dumpfes Recht. Sie fühlen Jahreswende als Symbol, als beängstigendes Symbol überwäl­tigender Ewigkeit. Da möchten sie wachsen über ihre Kleinheit hinaus, da möchten sie sich nicht unterkriegen lassen, da möchten sie die Kraft­leute, die Fürchtenichtse spielen. Da möchten sie sich betäuben. Im Rausch möchten siedrüber weg". Da toben sie, da lärmen sie. Aber noch ein anderer, ein dumpfer Glaube aus Urvätertagen mag in ihnen nachwirken: ein Gespenster- und Dämonenglaube.

Man glaubte einst und dieseseinst" hat nie ganz aufgehört, am Schluß des Jahres sammelten sich die Dämonen, die Unholden, um den Menschen das neue Jahr zu verderben, ihre Kraft zu lähmen, ihr Gut zu stören und zu zerstören, die Keime ihrer Ernte zu töten. Und diese bösen Mächte galt es zu vertreiben, galt es abzuschrecken mit furchtbarem Lärmen. So zogen und ziehen noch heute in manchen Gegenden die Burschen und wohl auch die Mädchen mit Trommeln, Glocken, Pfannendeckeln, Blechtöpfen, Pfeifen, Pauken und rasselnden Ketten durch die Ortschaften und Felder, um die Geister zu verscheuchen. Sie knallen mit Peitschen, sie schießen und werfen Scherben, Schmiede schlagen mit ihrem Hammer auf den Amboß, man johlt, man heult. Man will damit die Geister auch überschreien, überlärmen. Denn die Geister selbst toben und tosen bei ihren unheilbringenden Zügen. Es ist eine gefährliche Zeit von Weihnacht bis Dreikönig. Wodan seit der Christanisierung in die Sphäre der Gespenster hinnbgedrückt saust als Führer des wilden Heers durch die Luft.

Aber nicht der Lärm allein machts. Soll den Gespenstern wirklich der Garaus gemacht werden, dann muß man auch die äußere Erscheinung so Herrichten, daß die Gespenster meinen, ihresgleichen rücke gegen sie vor, und die Flucht ergreifen. Man steckt sich in Tierhäute, man verkleidet sich als Neujahrsbock, als Bär, als Schimmel, als Aschenmutter, als Aschenmöhme. In westfälischen Dörfern wird schon um Weihnach­ten einWüder" gewählt: der schwärzt sich sein Gesicht, setzt sich eine Pelzmütze mit Hahnenfeder auf den Kopf und sammelt seine Kumpane um sich. Kurz vor Silvester-Mitternacht hängen sie ein weißes Laken über ein Pferdegestell. DerSchimmelreiter" wir denken an Storms Schicksalsnovelle, die aus bizarrem Aberglauben erschütternd Ernst macht schwingt sich hinauf, die Horde hinterher und nun geht's Spaß? Schrecken? durchs Dorf, durch die Felder! Hier denken wir auch an die maskierten Schreckensgestalten beimPerchten"laufen in bayrisch-österreichischen Alpengebieten.

Vielfach hat sich die Angst, in der man solche Vermummungen vor­nahm, längst verloren, und nur die Vermummung ist geblieben, und man hat Freude daran. Wie wären sonst die an Fastnacht, an Karneval erinnernden Harlekinaden zu erklären, die man hier und da zu Neujahr betreibt, die sogar Gott Amor geschickt als Werkzeug benutzt, wie Zschokke das sehr vergnüglich in seiner NovelleDas Abenteuer der Neujahrsnacht" darstellt? Wie käme es sonst zu solchen Narrenspossen sogar unter sonst ehrbaren Männern, wie Paul Heyse seinem Freunde Geibel von der Neujahrsnacht 1868 auf 69 erzählt? Da sträubt sich sogar meine Feder etwas bedenklich und läßt mich auf den Briefwechsel der beiden Männer, den Petzet herausgab, verweisen.

Aus Lärmen und Rufen, aus Vermummungen und Umzügen bildet sichnaturgemäß", könnte man sagen, eine Art von dramatischer Darstellung. Man spieltDas alte Jahr austreiben". Man verkleidet sich inaltes Jahr" undneues Jahr". Nach Art der mittelalterlichen Streit­gespräche zanken Altjahr und Neujahr miteinander. Oder:Altjahr" ein altes häßliches Weib wird in den Dorsteich getunkt, wirdersoffen", Neujahr", eine junge schöne Dirn, wird gekrönt.

Die heiligen drei Könige sind Bringer des Guten zum neuen Jahr. Ihre Wünsche ordneten sich im Laufe der Zeit auch zu Gesprächen, die man von Haus zu Haus ziehend, gerne aufführte. Der eine, als Mohr, schwärzte sich das Gesicht, der andere setzte sich eine Papierkrone auf, der dritte trug auf hohem Stabe einen Stern.' So zogen dieSternsinger" umher.

Die heiligen drei Könige mit ihrem Stern sie essen, sie trinken, sie zahlen nicht gern."

So beginnt ein Gedicht Goethes, in dem die Reste alter Volkskunst fest- gehalten sind. Schon Goethe sah belustigt und kopfschüttelnd zugleich die große Kiepe auf dem Rücken des Königs. Aus Weifen, aus kindlichen Künstlern waren Bettler und Lungerer geworden. Heute find sie so gut wie ganz ausgeftorben. Der Schornsteinfeger, der Briefbote, die Zeitungsfrau gehen wohl zu Neujahr noch umher, geben gedruckte Neu­jahrsreime ab und kassieren Geldgeschenke. So geht alles in mechanisches Geschäft aus...

Diejenigen, die sich nicht an Umzügen und Spielen beteiligen, beob­achten daheim genaue Vorsichtsmaßregeln, um die Neujahrsgeister nicht zu verstimmen, oder um sie gar umzustimmen, zu gewinnen, ausUn­holden"Holde" zu machen. Vor bestimmten Arbeiten muß man sich hüten, andere wiederum gerade in diesen Zeiten besorgen: Lichte, in den Zwölften" gegossen, brennen sonderlich hell, Garne, in den Zwölften gesponnen, halten sonderlich fest. Nichts darf halb, unvollendet im Hause oder außer dem Hause herumliegen, Geräte müssen unter Dach und Fach gebracht werden, Wäsche darf nicht auf der Leine hängen bleiben. Türen müssen geschloffen sein. Man setzt Speisen für die Geister hin, damit sie sich laben. Gewisse Tiere, wie Wölfe und Ratten, darf man in dieser Zeit nicht nennen sonst kommen sie, wie der Teufel, wenn man ihnan die Wand malt". Zu den Haustieren aber ist man gut. Dem

Pflugochsen steckt man sogar Kuchen auf die Hörner. Das Gesinde hat jetzt auch einmal Freizeit, darf seine Gevattern besuchen. Uederhaupt besucht man sich hin und her zur Neujahrszeit, bringt sich Geschenke, sagt sich Glückwünsche. Kinder werden dazu angehalten, ihrenEltern und Herren" schöneAufschriften" zu liefern. Ob das in heutigen Schu­len ein Klassenrat, den die Herren Kinder wählen, noch genehmigt, weiß ich nicht. Hier möcht ich nur zwei gereimte Neujahrswünsche erwähnen, mit denen ein gewisser Wolfgang von Goethe, damals acht Jahre alt, sich in das poetische Schrifttum einführte, einer an denerhabenen Groß­papa" und einer an dieerhabene Großmama", erstaunlich brav gelun­gen und mit verblüffender neckischer Prophetie vorausdeutend auf eine Fertigkeit", die sich noch weiter ausbilden werde. Zu wie drolligen Neujahrswünfchen es übrigens bei großen Kindern kommen kann, zeigt uns Heinrich von Kleist mit dem Neujahrsbrief (aus dem Siebenjährigen Kriege), den er einen Feuerwerker an feinen Hauptmann schreiben läßt: alle Wortbilder, die der gute Mann wählt, sind dem Kriegshandwerk entnommen ergötzliche Beispiele für denmiles gloriosus", den ruhm­redigen Soldaten, der die Literatur aller Zeiten und Völker durchstampft.

Was man am Neujahrstage tut, tut man im ganzen Jahr. Da heißt es auf der Hut fein! Die Schuppen vom Silvefterfifch tut man in den Geldsack, damit ebenso viel Gold darin klimpere das ganze Jahr hin­durch. Sie wohl zu, wem du am Neujahrstage begegnest, ob es ein Glücks­bringer fein mag oder ein Leidbringer! Aus allerhand Orakeln sucht man in der Neujahrsnacht die Zukunft zu ergründen. Jean Paul,. in schicksalsschweren Jahren, die dennoch, ein seltsamer Widerspruch, von den sorglos genialen Romantikern durchgaukelt werden, brauchte kein Orakel zur Jahreswende. Den Gespenstern selber stellte er sich. Was er von ihnen erfuhr wie sich ihm die ewigen Zusammenhänge auftun von der Vorwelt bis hin zu den letzten Dingen, angesichts deren die Gegenwart zu lächerlichem Tand wird, wie er der Sternensprache kund wird das lesen wir in seinenTraumdichtungen",Neujahrsbetrach­tungen" und in der GeschichteDie wunderbare Gesellschaft in der Neu­jahrsnacht" nach. Das Gruseln werden wir verlernen und zum geklärten Scherz, zur Weisheit werden wir den Ansatz machen.

Und am Schluß meiner Skizze möchte ich den Leser noch zu einsamen Dichtern führen. Was denken und schreiben sie zur Jahreswende? Die einen stehen markig da und wehren aller Unsicherheit. Ernst Moritz Arndt empfindet den mannhaften Menschen als ruhenden starken Pol in der Flut und Flucht der Ereignisse:

Nur eines steht, ein Felsenberg, der nie von seiner Stätte rücket: das Herz, das nimmer überzwerch vorn graben Pfad der Ehre blicket."

Matthias Claudius scheint ihm mit feinem LiedsMein Neujahrslied" die Hand zu reichen: in dem, was er vom deutschen Mann, vom deut­schen Weibe, vom deutschen Fürsten und vom deutschen Dichter erhofft, erinnert er an Walther von der Vogelweide. Hoffmann von Fallers­leben macht alles Siegen ober Verlieren von der Persönlichkeit ab­hängig:

Hinweg mit allem Weh und Ach!

Hinweg mit allem Leid!

Wir selbst sind Glück und Ungemach Wir selber sind die Zeit."

Und Mörike erhebt sich fest, fromm und feierlich zu dem allumfassenden Gebet:

In ihm sei's begonnen. Der Monde und Sonnen An blauen Gezeiten Des Himmels bewegt. » Du, Vater, du rate! Lenke du und wende! Herr, dir in die Hände Sei Anfang und Ende, Sei alles gelegt."

Und andere Dichter gibt es: die suchen in den Stunden, wo Altjahr scheidet und Neujahr anhebt, nach Reinigung und Festigung. Der ver­spätete Romantiker Emil Goett möchte so schreibt er Ende Dezember 1891an einen Freund" (Gustav Manz ist es), er kommezu keiner Sammlung", komme nichtzur leichten Ueberwindung der Schwierig­keiten", könne nicht entrinnen aus demalten furchtbaren circulus periculosus des Uebels", er könne nicht Herr seiner Stimmung, seiner Fehler, seiner Schwäche werden. Hebbel, der sich in so ergreifender Weise zur Weisheit hinarbeitet und sich im wahrsten Sinne des Wortes wandeln, entwickeln will, schreibt am 31. Dezember 1856 in sein Tage­buch:Meinen Epigrammen ,An die Götter' und ,Conditio sine qua non* die einen unbefriedigenden Zustand scharf und spitz aussprachen, fügte ich im neuen Manuskript Nachstehendes hinzu:

,Götter, öffnet dis Hände nicht mehr, ich würde erschrecken, denn ihr gabt mir genug: hebt sie nur schirmend empor!1"

Ich wiederhol", fügt er hinzu,dies Gebet hier aus innerster Seele." Und hundert Jahre nach Arndt schreibt unser Hermann Stehram Jahresanfang":

Wie kann ich wissen, daß ich leb' und sterb', wodurch weiß ich von Blühen und Verderb? Nur, weil ich wandellos im Tiefsten bin und in mir trage alles Lebens Sinn.

Frühling und Sonne, tausend Jahr und nichts, die Königreiche und der Traum des Lichts vor meinem Fenster, alles ist gleichviel in meiner Seele, alles ist ein-Spiel---

Nun haben sie draußen sich müde getobt, die lärmenden, dumpfen, prahlenden, johlendenFürchtenichtse"! Wir sind allein mit den Starken und Weisen.