Zum neuen Lahr.
Von I. W. von Goethe.
Zwischen dem Alten, Zwischen dem Neuen Hier uns zu freuen. Schenkt uns das Glück, Und das Vergang'ne Heißt mit Vertrauen Vorwärts zu schauen, Schauen zurück.
Stunden der Plage, Leider, sie scheiden Treue von Leiden, Liebe von Lust;
Bessere Tage Sammeln uns wieder, Heitere Lieder Stärken die Brust.
Leiden und Freuden, Jener verschmundnen. Sind die Verbundnen Fröhlich gedenk, O des Geschickes Seltsamer Windung! Alte Verbindung, Neues Geschenk!
So wie im Tanze Bald sich verschwindet, Wieder sich findet Liebendes Paar;
So durch des Lebens Wirrende Beugung Führe die Neigung Uns in das Jahr.
Oer Kalender.
Von Max Karsten.
Je mehr das Jahr sich seinem Ende nähert, um so schmächtiger wird der Kalender. Es ist doch gar nicht so lange her, daß wir ihn, gleich einem Bündel Hoffnungen an die Wand hängten. Nun werden bald die Werktage, die Sonntage, die Festtage, die zusammen 1930 ausmachten, dahingeschwunden sein wie Blättchen Papier, die man vom Block des Jahres reißt und, nach einem Augenblick nachdenklicher Betrachtung, in den großen Papierkorb der Ewigkeit sinken läßt. Wenn das letzte Blatt des Jahres gefallen ist, werden wir ein neues Bündel Hoffnungen aufhängen und werden davon die Tage abpflücken, einen um den andern ...
Der Kalender ist ein sorgfältig zu wühlendes Geschenk. Nicht allein, weil uns sein Anblick ein Jahr lang begleiten wird, sondern weil er einen gewissen Einfluß auf die Gestaltung des täglichen Lebens auszuüben vermag. Noch heute, ganz wie ehemals, soll vom rechten Kalender eine ordnende Kraft ausgehcn, die uns mit vernünftiger Einteilung der Zeit durch die zahllosen und verwirrenden Ansprüche des Tages leitet, die rechtzeitig an einmalige und stündig wicderkehrende Pflichten erinnert, welche an bestimmte Termine gebunden sind oder zu bestimniten Jahreszeiten erfüllt werden müssen. Der Kalender also soll uns die ohne Hast und Aufregung abgewickelte Tagesaufgabe bedeuten, mit anderen Worten, Hilfsmittel zu einer harmonischen Lebensführung fein.
Um diese Aufgabe bei der wachsenden Spezialisierung der Tätigkeiten erfüllen zu können, hat er sich in viele, verschiedene Kalendersarten für die einzelnen Berufs- und Interessengruppen spalten inüssen: Kalender für alle Arten Handwerker, Arbeiter, Kaufleute, Wissenschaftlicher, Künstler, Ingenieure, Architekten, Landwirte, Beamte, für Hausfrauen, Kinder usw.
Aber so verschieden diese Kalender sind, ihre Form und Anordnung wurzelt zumeist im Kalender der alten Zeit, den man als Anhalt für Fest- und Gedenktage brauchte und durch den man das Datum für alle urkundlichen und sonstigen wichtigen Verrichtungen des Lebens bereithielt. Immerhin überrascht es, schon bei den Goten einen Schreibkalsnder zu finden, der neben seiner ursprünglichen Aufgabe auch Platz zum Einträgen wichtiger Begebenheiten läßt. Dieses interessante Dokument, weit über 1000 Jahre alt, ordnet die Daten der Tage untereinander, setzt neben einzelne historisch wichtige Ereignisse, neben andere Heiligennamen und läßt die meisten Zeilen für Eintragungen offen. Noch ältere Formen aus vorchristlich-germanischer Zeit sind nur in dunklen Andeutungen auf uns gekommen. Damals, als das Jahr mit dem Winter begann, schnitzte man dis Tage als Runen auf Stäbchen. Viele werden, sich aus Jmmermanns Erzählung „Der Oberhof" an das „Schwert Karls des Großen" erinnern, das dort eine geheimnisvolle Rolle spielt. Aber in Wirklichkeit ist das nichts anderes als Ueberlieserung eines alten Brauches, Runenkalender auf Schwertern und Sensen anzubringen. Vor hundert Jahren wurden solche Gegenstände in ländlichen Bezirken noch als wertvolles Erbgut ausbewahrt. Diese primitiven Formen haben eines vor den unseren voraus: durch Teilung in Winter und Sommer, die der Vorder- und Rückseite des Schwertes entsprechen, ist der Unterschied der Jahreszeiten und ihr wesentlicher Einfluß aufs tägliche Leben schärfer angedeutet. Dieser Sinn des Kalenders geht heute langsam verloren. Wer betrachtet denn noch die Stellung der Sonne zu den Sternbildern des Tierkreises? Den Menschen früherer Zeiten war es eben gegenwärtiger, daß damit die Aende- rung des Wetters zufammenhängt, von dem wiederum fo viele Verrichtungen des Tages abhängig find. Daher gab man dem Kalender auch eine Einrichtung, die, später in die Bauernkalender übernommen, bis heute bekannt geblieben ist; man stattete ihn mit Regeln und Sprüchen aus, die eine poetische, daher leicht zu merkende Anleitung für Aussaat
und Ernte gaben. Die Erfahrung vieler Generationen fand in diesen Sprüchen ihren Niederschlag. Aber wie das so geht, die Weisheiten sind durch findige Geschäftsleute verfälscht worden, die damit größere Käuferschichten an sich locken wollten. Mit Recht spottete man über diese Art, und der berühmte Vers: „Wenn der Hahn kräht auf dem Mist — ändert sichs Wetter, oder bleibt wie es ist", geht auf solche leichtsinnige Kalendermacherei. „ t .....
Hierher gehören auch die „gastronomischen Kalender, die für leben Monat die beste Speise empfehlen, z.B.:
„Mit Austern und mit Kaviar
Befasse dich im Januar.
Im kühlen Februario
Mach dir mit Lachs das Leben froh.
Und drücke sanft im Monat März Gefüllte Kalbsbrust an dein Herz ..."
Bevor die Buchdruckerkunst erfunden war, hatten nur wenige die Möglichkeit, sich teure, auf Pergament geschriebene Kalender zu kaufen. So 'lieh man denn schon in der Schule die Kinder Verse aus jeden Monat auswendig lernen, die alle merkenswerten Heiligennamen enthielten. Dabei spielte der Sinn der Verse überhaupt keine Rolle, die Hauptsache war, daß die Namen an der richtigen Stelle standen. Das heißt: wenn man die Worte einer Strophe abzählte, so mußte die Zahl, die auf den Namen fiel, feinem Monatsdatum entsprechen. Für den Monat Oktober gab es z.B. folgenden Vers:
„Remigius, der hieß Franzen Mit Gertruden fröhlich tanzen.
Dionysius sprach: 1
,Was bedeutet bas?'
Es wäre Gallen mit Lucae gestanden baß. Ursula sprach: ,Wer tanzen welle, Der sei Simonis und mein Geselle'."
Der erste Tag des Oktober ist also der des heiligen Remigius, der vierte der des heiligen Franz, der sechste der der Gertrud usw. Wollte man die dazwischen liegenden bezeichnen, so sagte man: ein Tag nach Remigius, der Tag nach Lucae, zwei Tage vor Simonis usw. Auf solche Weise hatte jedermann seinen Kalender im Kopfe; er war kein unbeachteter Besitz an der Wand oder im Winkel.
Der älteste vervielfältigte Kalender, den wir in Deutschland besitzen, liegt vor Erfindung der Buchdruckerkunst. Dieser, von Johann von Gmunden verfaßt, wurde von Holzstöcken gedruckt, aber seine Form erinnert schon lebhaft an neuere Werke. Jedem Monat ist eine künstlerische Darstellung beigefügt, die eine Personifizierung der Haupttätigkeit in diesem Zeitabschnitt darstellt.
Als die wissenschaftliche Astronomie von der Astrologie verdrängt wurde, die Entscheidendes für Leben und Sterben der Menschen aus den Sternen sehen wollte, drangen solche Prophezeiungen sehr bald in die Kalender. Die wildesten Angaben über persönliche und allgemein interessierende Ereignisse wurden vorgebracht: bald überwucherten sie jeden anderen Inhalt.
Solche Beispiele zeigen, wie der Kalender immer ein lebhafter Ausdruck seiner Zeit und ihres geistigen Inhalts gewesen ist. So ist es auch erklärlich, daß mit dem aufblühenden Bürgertum die Ratschläge für das Haus einen größeren Raum eroberten, daß er der Verbreiter von Geschichten wurde, daß endlich der Humor und bann auch selbst politische Tagesereignisse ihren Nieberschlag darin fanden. Erfrischend wirkt die Lektüre der Kalender, die der Berliner Adolf Glasbrenner in den Revolutionsjahren des vorigen Jahrhunderts herausgab. Die politischen Fragen, um die damals lebhaft gestritten wurde, werden meist in satirischer Form behandelt. Besonders die Einengung der persönlichen und der Versammlungsfreiheit will ihm gar nicht gefallen. So weissagt er für einen bestimmten Tag des Jahres 1848: „In Galizien kommt eine Frau mit Drillingen nieder und wird sogleich mit ihren Kindern arretiert, weil Volksversammlungen verboten sind." Daneben finben wir auch den alten Berliner Humor, unbelastet von drückenden Tagesfragen.
In jüngerer Zeit war einer der beliebtesten Kalender der „Lahrsr hinkende Bote". Dieser Invalide, der in die Häuser geht, Mann, Frau, Kindern Ratschläge aus dem Schatz seines Wissens spendet, Sorgen und frohe Stunden mit ihnen teilt, ist lange ein Sinnbild eines wahren Hausfreundes gewesen, wie der Kalender es für jede Familie fein follte. Auch heute noch gibt es zahlreiche Kalender von ähnlicher Bedeutung. Wenn man aufmerksam sucht, wird man gewiß viele finden, die außer trockenen Angaben der Daten, Post- und anderer Tarife, Maße, Gewichte und sonstiger praktischer Hilfsmittel des täglichen Lebens auch manches Hübsche und Besinnliche zu sagen wissen.
Oie wundersame Nachi eines Dorfes.
Legende aus dem Dreißigjährigen Kriege.
Von Herbert Lestidoudois.
Es war am letzten Tage des sechzehnten Jahres aus dem große« Kriege, der dreißig endlose Sommer hindurch Schrecken, Not und Erbarmungslosigkeit über die Heide trug. Kein Mensch im Lande wußte mehr, wer Freund, wer Feind war. Hatten heute die Tillyschen Söldner gemordet und gebrandschatzt, so kamen morgen die schwedischen, brannten ab, was noch über den Erdboden ragte und mordeten bedenkenlos. Uni) wem es von den Männern, Frauen und Kindern der Dörfer nicht gelang, in die undurchdringlichen Heidewälder und unwegsamen, nur ihnen selbst vertrauten Moore zu slüchten, war ein Spielball des Todes zwischen protestantischen und katholischen Soldaten. Kein Tag verging, daß nicht blutrote Flammenbündel zum Himmel aufschossen. Unersättlich raste bie Kriegsfurie über das Niedersachsenland.
Nun geschah es, daß am letzten Tage dieses sechzehnten Kricgsiahres die Tillyschen Soldaten ihr Lager westlich der kleinen Stadt Celle auf- gaben, um weiter nördlich zu ziehen, wo sie in wenigen Stunden Weges ein Dorf vermuteten, das bisher unberührt von jeder Plünderung, Brand-


