sehen ihn nur als den heißen, griechenland- Fuß von Bordeaux nach seiner Heimat anf-
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Loses Kainz.
Das Wunder einer Stimme.
Bon Anton Kuh.
Mimen. . , ..
Warum? Weil der Sturmschritt, mit dem er, kaum 25iahng, auf tue Bühne des Ruhmes sprang, und alle Tradition des Theaterstils rings umwarf, denkwürdig blieb, alle späteren Früchte der Gesetztheit, die er sich und uns beschert«, reichten nicht hin, daß darob jenes Bild verblaßte.
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Wenn man den Namen „Kainz" ausspricht, gesellt sich sogleich ein anderes Wort dazu: Fanfare..
Wie ein Fanfarenklang brach Kainz in das ehrwürdige, altersruhige Gefilde der Hoftheaterdeklamationen ein. Eine Fanfare er selber mit seinen verdursteten Augen, seinem pagenhasten Leib. Eine Fanfare seine an den Nerven zerrende und zugleich zu melodischer Glockenfülle sich wölbende, vesuvisch der Brust entrissene und doch Wohlklang verschwendende Stimme.
Wenn man es physiologisch genau nimmt, möchte man sagen, daß er ein Wunder des unbegrenzten Atems war — wie vielleicht Caruso oder in anderer Art Mirabeau. Einen unendlichen Atem haben — heißt das nicht vollkommen sein? Denkt nur daran, wie brustschwach, wie beklemmt, mit welcher ökonomischen Borsicht die andern atmen und wie sie dieser Begrenztheit des Atems die Borsichtigkeiten, Selbstbezähmungen und kleinen Wirkungstricks ihres Lebens anpassen! Sie nennen es dann „Auffassung" oder „Tradition" oder „Schule" oder gar „Kultur" — aber es ist nichts als Atemmangel. Wer aber Herr seines Atems ist, ist Herr durch seinen Atem. Er gibt sich sein eigenes Gesetz.
Ein solches Genie des Atems war Kainz. Er war weder alte Schule, noch neue Schule, er war überhaupt nicht Schule. Er verschmähte Pathos und Deklamation des Hostheaters, aber «r verzettelte Wort und Gestaltung auch nicht in den kleinen keuchenden Nuancen, die der Naturalismus eben zum Gesetz erhob. Er folgt« vielmehr, sei es in der edlen Raserei seiner Gebärden, die kein Dorbild und kein Studium kannten, sei es in der Kühnheit von Haltung, Schritt und Kopfwurf bloß seiner ewig dröhnenden Stimme — diesem stolzen Besitz seiner Brust, der ihn hieß: als Souverän auf der Bühne zu stehen,— und stch zu verbrennen.
Man muß sich dazu nur erinnern, wie diese Stimme berühmt wurde. Es war — ein Moment.
Eine Dame, Tochter eines berühmten Schriftstellers, hat diesen Moment unlängst in ihren Erinnerungen beschrieben:
Kainz, der Wiener (streng genommen: Wieselburger), war damals, zu Beginn der achtziger Jahre, in Berlin engagiert. Fünfundzwanzig Jahre alt und wenig beachtet. Eher mochte sogar seine Ungebärdigkeit, das grundlos Auflodernde seines Wesens, für damalige Begriffe eckig und unvollkommen wirken.
Da geschah es, daß Kainz — ich weiß nicht mehr, ob er sich auf Gast- fpielfahrten befand oder erkrankt war — mehrere Wochen lang dem Berliner Haus fern blieb. Am Abend seines ersten Wiederauftretens ist „Wilhelm Telk", Kainz spielt den Melchtal. Als nun Melchtals erste Worte aufklingen (sie werden bekanntlich noch hinter der Bühne gesprochen), —
Gefühl darauf, daß es die Stimme des jungen Mannes schon lange nicht vernommen — daß es sich nach ihrem neuartig flackernden Glanz, ihrem Goldton worin Jubel und Klage sich mischt, bereits gesehnt hat — automatisch klappen die Hände aufeinander — ein Begrühungssturm bncht los, daß der junge Wiener da oben vor Verdutztheit in seinem Text '""sta diesem Augenblick war das Wunder der Kainzstimme entdeckt.
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Es gibt Menschen, die unsere Erinnerung nur als Jünglinge sieht, mochten sie in Wirklichkeit auch das Greisenalter erreicht haben. Hölderlin, der Hellas-Schwab, wurde (freilich in geistiger Umnachtung) über siebzig Jahre alt; aber wir sehen ihn nur als den heißen, griechenlandtrunkenen Jüngling, der zu Fuß von Bordeaux nach seiner Heimat aufbrach. Napoleon wurde zweiundfünfzig — aber wer denkt, wenn er seinen Namen hört, an den fettleibigen Imperator oder den Pflanzer von St. Helena und nicht zuerst an den Sieger von Arcole, wie ihn ©encautt malte, an den haarflatternden, bleichgezehrten Knaben, der die Truppen über di« Alpen führte? ... Zu diesen ewigen Jünglingen in der Bildergalerie unseres Gedächtnisses zählt auch ein großer Schauspieler, dessen Todestag sich eben zum zwanzigsten Mal jährte: Josef Kainz.
Er starb mit 56 Jahren, sein Lockenkops war gelichtet, um seine blühenden Lippen zogen sich Furchen. Aber er ist für uns der lockige, fahnenschwingende Held geblieben, der Knabe Achill unter den deutschen
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unser Wissen diskreditieren um das, was man gar nicht sagen kann. Sollten wir jetzt von vorne anfangen? .
Denn unsere Worte konnten nicht dort fortsetzen, wo unsere Blick« aufgehört hatten. Wenn ich sie am ersten Tage angesprochen hatte, dann ja Aber jetzt... Es wäre eine Lüge, wenn wir letzt einander Fragen stellen müßten, wie sich zwei Fremde fragen. Sind wir denn Fremde? Wir waren mit unseren Blicken schon zu wmt. Es war zu spat.
Sie schaute mir mit stillem, traurigem Blick in die Augen Siehak mich verstanden. Sie hat alles verstanden. Ja, gerade darum konnte ich nie mehr mit ihr reden.
Ich senkte meinen Kopf und fühlte em« unbegreifliche, tiefe Scham. Da hielt der Zug. Ich fühlt« die Berührung einer leichten Hand auf meinem Haar, dann hörte ich, wie sie ausstieg. Wir waren am Lehrter
Nachher reisten wir noch zehn Tage auf diese Weise miteinander. Wir schauten einander mit ruhigem Vertrauen in die Augen wie Menschen, di« nicht mehr miteinander zu sprechen brauchen. Am zehnten Tage kam sie in einem Reisekleid und hatte drei Tulpen m,^r Hand. Sie setzte sich nicht wie sonst mir gegenüber, sondern neben mich. Als der Lehrter Zug sich dem Lehrter Bahnhof näherte, sagt« sie Plötzlich leise:
„Ich reise heute nach Rußland zurück... Ich heiße Marfa Kusmitsch.
Ich sagte ihr, wie ich heiße. Kein Wort mehr. Der Zug blieb stehen.
Leb wohl", sagte sie und legte mir die drei Tulpen m den Schoß, weil' ich von Traurigkeit gelähmt, nicht nach ihnen greisen konnte.
Vorher hatte es bekanntlich schon ein anderer entdeckt: Ludwig II. von Bayern. Man hot die romantische Freundschaft belächelt, die hier einen König mit einem jungen Schauspieler verband. Romantik ist eben immer etwas Unverstandenes. Aber ist es für den Kenner von Ludwigs Wesen (das ein Franzose mit dem Wort „König Hamlet" trefssicher befi» niert hat) nicht ein ausreichender, Standesklüfte überbrückender Freundschaftsgrund, daß er stch auf Berggraten von dem Jüngling erhaben« Textstellen hersagen, die Einsamkeit der Lüste durch die herrliche, nie zuvor vernommene Melodie einer Stimme füllen ließ? Und schließt Nicht der Shakespearesche Dänenprinz selber auch mit einem Schauspieler Freundschaft, weil dessen Stimme ihm »vorher Tränen entlockt«? ...
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Der in Berlin Entdeckte kommt an der Schwelle des Mannesolters ans Wiener Burgtheater — Heimkehr über Ruhmesgipfel. Romeo, Leander, Prinz Heinz ist fast vierzig Jahre alt, doch unter den Siebzig- und Achtzigjährigen des Burgtheaters ein Jüngling.
Ein Jüngling. — Mehr als dies: ein Neuer. Ein Erster.
Die Amtswalter der Intendanz haben Müh«, ihn gegen die alte (Barbe durchzusetzen. Ludwig Speidel, der Jakob Burckhardt unter den Theaterrezensenten, bietet ihm keinen zu freundlichen Willkomm. Bricht dieser Neue nicht auch zu tobend in eine alte Kulturwelt ein? Hat man eine solche Entfesseltheit, solche Schreie, ein solches Berserkerrasen der Stimme schon je erlebt? Und sagt nicht sogar der satirische Zeitschristenrebell der Stadt (der es ihm freilich, wäre die Natur zarter mit ihm verfahren, gar zu gern nachgemacht hätte) höhnisch von ihm: seine Stimmgewalt muss« am Schluß der Vorstellung ja doch dem Donnergebrull des Wagen- rufers weichen, der den Ruf in die Nacht fchmettere: „Hundertvieradochz ga — vurfoahrn!" ...... ^ . s
Nein, der später« Vergötterte hat es zuerst nicht leicht. Es ging darum: „Ensemblemitglied" zu scheinen, sich «inzufügen, den Rahmen nicht zu mengen. Welches Ansinnen an jemanden, der als einzelner und einziger dastand der weder modern noch veraltet war, weder „altes Burgtheater noch .neuer Geist", und mit jedem Atemzug den Rahmen sprengen mußte, in den er jeweils gestellt war. Der sich mit seiner Rolle streng genommen niemals deckte, und doch immer deren bezwingendster, unvergeßlichster, strahlendster Träger war! Sein Spiel kam vom Wort her, nicht von der Figur, in Wortflammen gehüllt, durfte er gelten, für wen er wollte; unb konnte nach dem wechselnden Klang des Wortes bald wie ein Knabe aus- lehen bald wie ein Satan oder eine männliche Hexe. Ja, feine Maske folgte bloß den vielfältigen Stimmregistern: zur melodischen Süße seiner Piano trug er das demütige, knabenhafte Leuknantsgeftcht „Frätzchens (des Sudermannhelden), zu den zerfchluchzten, wie «us Brustkratern rauchenden Jammertönen das Voltairegeficht feines Richard II. Und in manchen Momenten konnte man den Uebergang von einem rum andern eben, vom Knaben zum Dämon: wie er etwa als Orest mit blankem Kindergestcht aus der Ohnmacht erwachte, um gleich hernach bei der I Vision des Tartarus voll der Schmerzenshäßlichkeit eines Laokoon den
Mund aufzusperren... #
Kainz wurde Liebling. Zweimal des Jahres rauften sich die Leute an den Vortragskassen, um ihn fpredjen zu hören.
Viele haben diese Kainzsch« Sprechart nachzuahmen ver ucht. Niemand mit Glück. Er war ein Reiter auf dem Wort. Seiner Art: sich mit fa|t hexenhafiem Ingrimm in d-n Anlaut der Worte zu verbeißen — gegen alles Herkommen des Sinns mit verhängtem Zugel die Rhythmen enl- lana zu jagen — doch vor allem: in einem betäubenden treppauf, treppao, hierhin und dorthin der Töne den Bogen der Rede so unendlich zu spannen, daß immer noch ein Nachhall des beendeten in den neuen baß hinübertönte — wer kam darin bis heute Kainz gleich oder auch nut nahe? Moisfi, sagen manche. Nein. Moisst ist ein rounberfcarer Sänget der Rede. — Kainz war ein Sprecher der gebundenen Wortmusik. Ramz war Paganini. Moissi ist dessen selbsttönendes Instrument.
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Ich sagte, daß Kainzens Stimm-Dämonie seine Gestalten und Masken folgten. Aber es folgte ihr auch, scheint es, sein eigenes Schick al. Er Ham elber etwas von seines Orest Erinnyen-Gejagtheit. Lebte zwi chen Bctim und Wien zerrissen wie zwischen zwei Möglichkeiten künstlerischen Sems. (Arthur Schnitzler hat diesem Konflikt seines Freundes in einem entzückenden Einakter ein Denkmal gesetzt; und der Held dieses Spiels P da, gleich Kainz, zwei Tonfälle: für Beruf, Umgang mü Kritik, EnM- rnentsabschlutz das Norddeutsche, für den Privatgebrauch aber tue W Hausjopp« des Wienerischen.) Dabei war der Herumgelagte, in TrimnM" Verglühende, ein stiller, milder Knabe. Ich sehe ihn noch vor mir, wie« am Ende der großen Burgtheaterabende beim Buhnenturl mit o lachenden Ruf „Grell!" seiner vielgeliebten Gattin in Me Arme hei einem armen Bubcrl ähnlicher als einem Triumphator. Und diese ww getriebenbeit seines Wesens, seine müde Musik, die aus Somoni Knabentum gepaarte ewige Unrast, die seinen frühen Tod ! anzukündigen wie herbeizurufen schien — sie heftete ihm die FromidW manches Dichters an die Lebensspur, so des selber fruhversto
Hermann Bang. Ä . .Im3s I
Kainz war ja, knapp vor Torschluß seines Daseins, selber f° „ L wie ein Dichter. Er übersetzte Byrons „Manfred und den „Figaw . Beaumarchais. Man beacht« . die Auswahl! Zwischen dem chelan• ) .' ngen (,ie weroen vetannuicy nocy ymier oer vuyne gejprua/eii;, — i dämonischen Helden des Engländers stvb der schlingelhaft uic geschieht? Das Publikum kommt plötzlich, wie aus einem raschen 1 Figur des Franzosen tag ja die ganze Breite seines eigenen •


