Ausgabe 
29.8.1930
 
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verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. Druck und Verlag: Brühl'

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Mathilde MZHrmg.

Roman von Theodor Fontane.

(Fortsetzung.»

Frau Schmäbicke kriegte wirklich die Anzeige, denn alles kam genau jo wie Thilde vorausgesagt hatte, und am Johannistag konnte die Hochzeit in einem ganz kleinen Saal des Englischen Hauses gefeiert werden. Pastor hartleben, der getraut hatte, ließ sich bewegen, auch dem kleinen Festmahl beizuwohnen, und hielt eine gefühlvolle humoristische Rede die besser war als die Trauredr in der Kirche. Er saß der Braut gegenüber zwischen Hugos Mutter und Schwester, die von Owinsk her­übergekommen waren mit noch zwei Kusinen, von denen »ede mal aus Hugo gerechnet hatte. Da sie beide aber halb polnisch^und sehr hübsch waren, so verschlug es ihnen nicht viel, und als die Feierlichkeit über­wunden war, tranken sie Hugo zu, gaben ihm einen Muhmenkuß, der so laut klang, wie wenn man ein Baumblatt auf der hohlen Hand zerklappt, unb sagten unter liebenswürdiger Drohung gegen die Braut, alte Liebe roste nicht, was alles von Thilde mit großer Seelenruhe hingenommen wurde. Hugos Bergangenl)eit beunruhigte sie wenig. Viel konnte es nicht gewesen sein, unb noch weniger beunruhigte sie die Zukunft. Außerdem waren es fünfzehn Meilen von Owinsk bis Waldenstein!

Beim Kaffee setzten sich die beiden Polinnen neben Pastor hartleben, der sich von dem katholischen Leben in Owinsk erzählen ließ und schmun­zelnd zuhörte, als die katholische Geistlichkeit und zum Schluß auch der evangelische Geistliche durch die hechel beider hübscher Mädchen durch-

mußte.

Rybinski war auch dagewesen mit einer neuen Braut, von der er behauptete, diesmal sei es ernsthaft.

.Wirklich?" hatte Hugo zweifelnd gefragt.

Ja! Sie ist nämlich Tragödin."

Die Schmädicke saß neben der alten Möhring und sprach viel von dem Hochzeitsgeschenk, das sie zum Polterabend (der aber ausfiel) geschenkt hatte. Es war eine rosafarbene Ampel an drei Ketten. Die Schmädicke war sehr geizig.

Ich habe es mir lange überlegt, was wohl das Beste wäre, da mutzte ich dran denken, wie duster es war, als Schmädicke kam. Ich kann wohl sagen, es war ein furchtbarer. Augenblick und hatte so was, wie wenn ein Verbrecher schleicht. Und Schmädicke war doch so unbescholten, wie nur einer fein kann. Und seitdem, wenn ne Hochzeit ist, schenk^ ich so " Zu viel Licht ist auch nicht gut, aber so gedämpft, da geht es."

Die alte Möhring nickte mit dem Kopf, schwieg aber, denn sie

Noch am selben Abend reiste das junge Paar ab, und zwar ,

nach Waldenstein. Weil sie aber vorhatten, die erste Nacht in KUstrin unb die zweite Nacht in Bromberg zuzubringen, so nannten sie diese Fahrt doch ihre Hochzeitsreise, ja, Hugo tat sich etwas darauf zugute.

Ich finde es nicht in der Ordnung, daß es immer Dresden und die Brühlfche Terrasse sein muß oder gar der Zwinger. In Küstrin wollen wir uns am andern Morgen das Gefängnis des Kronprinzen Friedrich ansehen und die Stelle, wo Katie hingerichtet wurde. Das scheint mir passender als der Zwinger."

Thilde war mit allem einverstanden gewesen. Kllstrin war Etappe nach Waldenstein, und daß Waldenstein baldmöglichst erreicht wurde, nur darauf kam es ihr an. Am 26. mittags waren sie da. Sie bezogen die Wohnung, die schon der frühere Bürgermeister innegehabt und die Hugos Mutter und Schwester von Owinsk aus eingerichtet hatten, teils mit einigen alten Sachen aus dem Owinsker Elternhaus, teils mit neu angeschafften Möbeln und Stoffen, die sämtlich in Waldenstein gekauft

waren.

Es wird wohl teurer sein unb nicht viel taugen", hatte Thilde gesagt, aber es bringt sich wieder ein. Wir müssen uns beliebt machen. Walden­stein ist jetzt die Karte, darauf wir setzen müssen."

Am 1. Juli wurde Hugo eingeführt und eroberte sich gleich die Herzen durch eine Ansprache, die er hielt. Er sei ein halber Landsmann und habe von Jugend auf an der Ueberzeugung festgehalten, daß die wahre Kraft des Landes in den östlichen Provinzen liege. Von daher habe die Mon­archie ihren Namen, aus Königsberg stamme das preußische Königtum, und wenn Waldenstein auch nicht bestimmt fei, derart in die Geschichte des Landes einzugreifen, so sei auch das Kleinste groß genug, durch Pflichterfüllung und durch Festhalten an den alten preußischen Tugenden vorbildlich zu wirken und dem Land eine Ehre und Sr. Majestät dem König eine Freude zu sein.

An dieser Stelle wurde Beifall laut, denn Woldenstein wählte konser­vativ. Aber Hugo, der gut sah, hatte doch das spöttische Lächeln bemerkt, mit dem eine kleine Gruppe seiner Zuhörer diese patriotische Wendung begleitete, weshalb er hinzufllgte:Sr. Majestät dem König, der ein hort der Verfassung ist, zu der wir alle stehen mit Leib und Leben."

Der Schluß dieser Rede hatte so gut gewirkt, daß die Firma Schulze ein Ständchen für den neuen Bürgermeister veranlaßte, das ihm auch am selben Abend noch gebracht wurde. Die Konservativen schlossen sich aus, aber nicht aus Demonstration gegen Hugo, sondern aus Demon­stration gegen die fortschrittliche Firma.

Die nächsten Tage waren etwas unruhig. Hugo hatte Besuche in der Stadt unb auch in der Umgegend zu machen, namentlich beim Landrat, der in Berlin persona gratissima war, unb mit dem er gleich ent­schlossen war, sich gut zu stellen. Dies war nicht ganz leicht, da das Ständchen höheren Orts doch Anstoß erregt hatte. Thilde aber .meinte: Das tut nichts, Rom ist auch nicht an einem Tage erbaut worden. Gut Ding will Weile."

Sie richtete zunächst ihr Augenmerk auf die Einrichtung des Hauses unb vervollständigte sie durch allerhand kleine Einkäufe. Am dritten Tage nach ihrer Ankunft trafen auch noch verschiedene Sachen aus Berlin ein, darunter die Ampel. Hugo war nicht abgeneigt, ihr den Ehrenplatz zu

geben, der der Schmädicke vorgeschwebt hatte, Thilde aber erklärte > sieht sie keiner", unb hängte sie in den Hausflur, wo sie freilich Hellen Sommertagen zunächst noch zu keiner Wirkung kommen tonnte*1 Das Beste der Wohnung war der hübsche, ziemlich große ©arten h, nach Passierung eines schmalen Hofes mit einem Truthahn unb t Hühnern alles vom vorigen Bürgermeister übernommen un£ bar hinter dem Haus lag. Durch die Mitte zogen sich Buchsbaumrab«^ halbwegs war eine Sonnenuhr, unb in den Beeten, die rechts unb fri angelegt waren, blühten Balsaminen und Rittersporn, überragt von gen Sonnenblumen, für die der Vorbesitzer eine Vorliebe gehabt M mußte, hier war Thilde besonders tätig. Sie trug dann einen gJ» weißen Gartenhut eigener Erfindung und legte, wenn Hugo vom £ Haus kam, ihren Arm in den feinen, um sich, während sie mit ihn,, und ab schritt, von den Sitzungen erzählen zu lassen.

sich über die Ampel geärgert.

Ich bin mitunter in Verlegenheit", sagte er.Sie haben ein trauen zu meiner Rechtskunde, und ich soll immer gleich auswendig am Schnürchen wissen, was in jedem Fall zu tun und was rechtens Natürlich jage ich immer, es läge sehr schwer, es sei ein kompliz» Fall, der je nachdem höchst wahrscheinlich so.ober so entschieden w-,>, müsse. Dabei schlägt mir aber doch das Herz, denn alles, was ich bn i» kann auch Unsinn sein."

Du fängst es nicht richtig an, Hugo. Was heißt Rechtsfragen! M fragen, das ist für Winkelkonsulenten. Unb wenn es was ordentlich^ dann mußt du sagen, da wollen wir Justizrat Noack fragen: ich HM, für einen scharfen Kopf..."

Ja, Thilde."

... für einen scharfen Kopf. Und wenn du das sagst, so M das keiner zum Schlimmen aus, und den Justizrak hast du schon sich«, i deiner Seite. Der sagt bann: ,Jhr Herren, da habt ihr endlich malch! richtigen Bürgermeister, einen klugen, verständigen Mann. In der $6 wollen sie alles selber wissen. Das ist Pfuscherei, das ist, wie wem) j Apotheker die Kranken kurieren wollten. Dazu gehört noch mehr. 6 Bürgermeister ist ein Verwaltungsbeamter, ein kleiner Regent, kein M' sprecher, und bas kann ich euch sagen, ber versteht zu regieren, ftj. ein Abministrationstalent, er hält auf Ordnung, und er hat Ideen/'

Ja, Thilde."

Und er hat Ideen, sage ich."

Ja, das sagst du, oder läßt es deinen Justizrat sagen. Aber wer j Ideen? Ideen, das ist nicht so leicht."

Ganz leicht"

Ach, Thilde, das ist ja Torheit. Ideen..." E

Ideen hat jeder, der sie haben will. Du bist bloß zu ängstlich,), hast kein Vertrauen zu dir, du denkst immer, die andern sind rounbetnii klug und verstehen alles besser. Wenn man Bürgermeister ist, bann rajs man so was aufgeben."

Ja, das sagst du wohl, aber ich muß doch mit etwas kommen...' Natürlich."

Ich muß doch mit was kommen unb Vorschläge machen. Und» soll ich vorschlagen?"

Alles."

Ach, Thilbe, das ist doch Torheit. Du sagst .alles', unb ich u gar nichts."

Weil du die Augen nicht aufmachst und die Ohren erst rech! iti | Du bist immer wie halb im Traum, Hugo."

Er lächelte duldsam. I

Sieh, das ist hier ber Weg zwischen der Stadt und dem zchi Torfmoor. Allkitten hat mir gesagt, im Herbst, wenn es regnet, [eij | nicht durchzukommen. Und wer seinen Torf bis dahin nicht eingesch' hxat, der mag sehen, wo er bleibt."

habe ich auch gehört." |

Ja, aber du denkst dir eben nichts dabei. Du mußt morgen den» verordneten Vorschlägen, daß ein Steindamm angelegt wird es ijl) I nur eine halbe Meile ober eine Klinkerchaussee ober doch ein Knüppeldamm, daß die Wagen im Modder nicht ftetfenbleibeit.il dann laß ein Chausseehaus bauen, es ist ja alles noch auf stödiißj Grund und Boden, unb der Landrat hat nichts mit dreinzureden. IW den einen Groschen Chausfeegeld haben die Leute dann einen ÄO unb können noch stolz fein, daß sie so was aus eigenen Kräfte« i« i eigenen Mitteln gebaut haben."

Seh ich ein. Ist ein guter Vorschlag." -i u L

Und dann mußt du wegen ber Garnison anbohren. Allkiile» W, mir, daß schon lange davon die Rede war, daß aber dein VokgängerH wollte, vielleicht weil er sich wegen seiner Frau fürchtete. Sie soll MR etwas reichlich forsch gewesen sein."

Ja, das ist richtig."

Nun, da siehst du's. Und die Knauserei mit dem StallgebaiM^ ist ja der reine Unsinn. Allkitten hat mir erzählt, die StabtocwW hätten nicht gewollt. Ja, warum nicht? Weil der Anstoß fehlte. Ä. j mir liegt es nicht, und wenn der schönste Rittmeister kommt, du doch deine Thilde."

Hugo versicherte, daß er sich ganz überzeugt halte. J j,

Von einem ganzen Regiment kann natürlich nicht die Red« , Dazu ist Woldenstein zu sehr Nest. Für einen adligen Obersten ! eigentlich gar keine Wohnung hier, höchstens in unserer ersten Ltog

Thilbe..." . .r --

Aber zwei Eskadronen, das geht. Und nun berechne dir m das wirkt. Von Brot will ich nicht reden, das barten sie felbcr.A hundert Pferde und dreihundert Menschen, und ein Kasino mum« ! . auch haben. Unb bann die jungen Frauen unb Ball und ~L . ganze Bäckerei unb Schlächterei kommt auf einen an^rn Woldenstein hört auf, ein Nest zu fein, unb wird eine Stadt, un ^ ziehen sie hier mal eine Division zusammen unb Echen Manöver, unb wenn ber General bei uns wohnt, so hast du o q erben weg, bu weißt nicht wie."________________ (Fortsetzung^

sche Äniversitäts-DuL- und Steindruckerei. R.Lange^^ I