fenen wundervollen Schmerz fühlt, mit dem die Seele sich in Erinnerung weitet. Ich tonn sogar das genaue Rezept dafür geben: 90 Prozent Holzteer 8 Prozent Birkenknospen und 2 Prozent Punsch, Marke Cederlund. Denn in Schweden riecht alles — der Bahnwaggon wie der Lynkband, das Fichtendickicht wie die Lilla Vattugatan — ein klein wenig nach Teer. Und falls der geneigte Leser sich ein wenig tiefer neigen sollte — sagen wir auf einen goldenen Mädchenkopf — so wird er auch dort einen unleugbaren Teerduft feststellen und sehr im Unrecht fein, wenn er das auf banale Tserseife zurückführt. Warum, frage ich, gibt es immer noch kein Parfüm „Schweden"?
Man halte das nicht für stoffliche Schnüffelfucht. Jeder, dem es um das Wesentliche geht, wird Düste lieben, denn Parfums heißen ia nicht ohne Grund „Essenz". Auch die Erinnerung — geistigster Vorgang — gibt die E senz eines Erlebnisses. Und was schenkt uns denn die Riech- Efsenz anderes, als jene Essenz der Erinnerung? So rührt der Geruch, dieser animalische Sinn, ganz unmittelbar an das Geistigste im Menschen. Aber auch von der anderen, der objektiven Seite her. Denn wie der Herbstduft des Sterbens mehr als gekreuzte Knochen bedeutet, so ist der Frühlingsduft des Liebens mehr als Gestalt: er ist der Drang nach Gestaltung er ist die Ueberfülle! Wenn alles Lebendige in der Zeit von Blüte und Brunft zu duften anhebt, so wird nur ein zweckbefangener Rationalismus dozieren, daß eben das Männchen sich dem Weibchen bemerkbar machen will. Als ob die Nachtigall mit ihrem Gesang bloß Rendezvous verabredet! Nein, der Duft ist zwar das, aber noch viel mehr: er ist die Urfreude alles Lebendigen, jenes „Gott den Herrn toben ber Kreatur, von dem die alten Theologen fo viel zu berichten wußten. Wuchs doch in verwandter Geifteszone das Wort „Er stand bei dem Herrn tn gutem Geruch".
Was gäbe ich darum, wenn ich z. B. jetzt, gleich, den Geruch „Zentralasien" spüren könnte! Denn man lasse sich durch Filme Bilder und Bucher nichts vormachen — die Hauptsache, das realste Erlebnis Zentralasien" ist eben jener Duft, in dem die Menschen dort ahnungslos atmen, und wonach alles riecht: die Moscheen, die Papierlaternen, die Kamele und auch die Heuschreckenschwärme, die einem in die Suppe fallen. Dieses Rätsels Lösung heißt „Löh". Löß ist der Erdboden, Loß die Stadt, Löß der Strafsenftaub wie die Sandhose der Wüste, das Tongefäß wie das Zahnpulver; und kommt eine Zeitung aus Moskau an, und übergibt sie dir der Hoteldiener, fo wird auch sie nicht anders duften, wie er und alles — nämlich nach Löh. Genau fo wie in Baku alles nach Petroleum. Ja, ich habe mir sogar sagen lassen, daß auch die ganze Wüste Gobi tarnt angrenzenden Bezirken vorzugsweise aus diesem merkwürdigen Löß besteht. Das ist doch wichtig. Das ist doch der Geruch des riesigsten Teiles der Erde — und wir haben kein Parfüm davon! Ein Jammer, was uns da alles verloren geht. „Die Wüste-Gobi in der Westentasche — sei fortan Devise aller fortschrittlichen Parfümindustrien!
Doch es gibt ein Parfüm, das jeder kennt, das erregendste, phantastischste, welches sämtliche Länder, Menschen und Vegetationen m sich begreift, und dazu noch alle Erotik des Zufalls, allen Reiz amerikanischer Geschwindigkeit. Sie haben es erraten: es ist das bekannte Parfum Internationaler Schlafwagen". Kaum hat man den teppichbelegten Wag- gonkorridor (mit feiner endlosen Perspektive von poliertem Mahagoni und Trinkgeldern) betreten, wo immer das eine Bild der drei schmauchenden Holländer hängt, wie sie dem Dampfer nachgucken, — so spurt man auch schon mit bebenden Nasenflügeln die gewisse Mischung aus Lederduft frischer Wäsche, Plüsch und Lokomotive, welche sich seelisch sofort in Komfort und Abenteuer umsetzt. Mit einem Atemzuge sind mir heraus aus Stubenwärme, Büroluft und Alltag; wir sind nicht mehr Muller, fondern Mensch, und auch die Dame aus dem Nebenabteil ist nicht mehr Frau Schulze, sondern eine Dämonin I. Klasse. .....
Am abenteuerlichsten aber sind jene Duft-Zufälle, die uns von Nirgendher anwehen und das graue Außen in ein Innen überblenden. Denn unser Inneres ist ja ein Keller von gut abgelagerten Erinnerungs-Jahrgängen. Man geht auf der Augsburger Straße und weih von nichts, aber schon lauert hinter der nächsten Ecke so ein Dust, fo ein Ijaariger tfaun mit Engelsflügeln, und weiß genau, daß er dich im nächsten Moment die Kellertreppe deines Innern hinunterwerfen und wehmutsvoll berauschen wird. Bei diesen Duft-Wegelagerern ist die Mischung alles: Kerzen- asschwele plus Kuchen macht Geburtstag und Auerbachs Kinderkalender, aber dieselben Wachstränen plus verbrannte Tannennadeln sind bereits Weihnachten, so daß man wieder schon den Schnee riecht; Rosen plus Terpentin sind ein Saal im Schloß, man hört den Gartner Harken, aber Rosen plus Seetang sind ein Wind, ein himmlisches Kind, das über Gras und Wellen läuft. Und dabei halten sie uns oft großartig zum Narren, denn es gibt nachfpottende Düfte, Duft-Mimikrien, denen keine Assoziation toll genug ist: ein alter Bierrest haucht plötzlich Gartendüfte aus, Fichten im Schnee riechen unversehens nach vermoderten BibUo- theken, und ein städtisches Gaswerk machte mir gestern so listig den Duft „Rigascher Hafen" vor, daß ich den großen roten Schornstein eines „O"-Dampfers langsam durch die Häuserlücke gleiten sah. Oh, wenn w das Vergangene ansehen, wird es lebendig, und wir schauen ihm als Längstverstorbene nach.
Zweifellos ein komisches Sing, diese Nase. Eine Träne >m Auge wie ernst; dieselbe an der Nasenspitze — wie lächerlich. (Vom Erhabenen zum Lächerlichen sind's drei Zentimeter.) Ein komisches Ding^ oft bewcheu, immer beleidigt in unseren rauchigen, benzinstotternden Stadien. Do^ es gibt ein Mittel, um sie wieder gut zu machen, und ich !kann es jeocm empfehlen. Man gebe für drei Tage das Rauchen auf und verschaffe >-y zugleich einen Schnupfen. Möglichst mit leichtem Fieber. Bestürzt uno dankbar wird man auf jedem Spaziergang taufend Arome atmen. wird man sehen, daß man sich an Düften wirklich betrinken kann. I schwanken wir von einem Birken-Flip zum nächsten Ahorn-Cocktall, un können nicht genug die Weisheit der Schöpfung Prosen! Wirklich, kostet Sie nur einen lumpigen Schnupfen, und schon schlagt warn Leben durch Ihre Adern. Erkälten Sie sich.
«er Unterdrückung, Verlogenheit und Unnatur. Mer der Mensch will keine Dauer als in der Ordnung, darum wird auch dies sich zurechtziehn.
Der Maler seufzte. Möge es, sagte er; du hast ja die Steigung, die ^Sabe^?1 fragte der Freund leicht erschreckt. Ja, ich bin auch Kauf- wiQnn getDötben, toGd idj ald ^hgüc nicf)t träumte. ~
Es wäre schlimm, wenn wir dns würden, wGs wir öG träumten. Der Maler lachte lautlos nach seiner Gewohnheit. Dann hinge ich langst am Galgen. Was war aber das andere, woran du vorhin dachtest?
Ja — ein Knabentraum, nehme ich an. Ich wunderte mich, warum wir alte und gut verehelichte Manner uns an so jugendferne, unwieder. bolbare Dinge erinnern. Erster Kuh, erster Blick, erste Ahnung und erste $So viel ich von uns beiden weih, sagte der Maler ernst, hatten wir doch das Glück, diese Erstlinge mehr als einmal opfern »» können Und was mich betrifft, fo gäbe ich viel für noch einmal, für noch em einziges Mal. Denn wahrhaftig sind dies keine Knabentraume, fondern sie sind wahr wie die ganze Kindheit, und ebensowenig war Don Juan mehr als ein ober Falter oder ein roher Schuft wie un Stuck; sondern er ist ein Symbol oder eine Inkarnation für die tragische Liebe des Menschen zum Anfang, zum März, zum Dust und zur Ahnung. Wenn alles neu wird — das ists! Oder gar —damals: wenn alles zum erstenmal wird. Zartheit des innersten Lebens, die in unsre Geschichten hauchte, gegen . die alle Zartheit von Wolke oder Primel, von Apfelduft ober Meer. Ferne nichts ist. Wenn im ersten atembeklemmenben Erkennen Auge sich in Auge verfängt, unb bann gehn die beiden hinweg, bhnb für Da« blendendste Licht, tief in ihrem Geheimnis, das sie an die atemlose Brust brücken, — wenn sie noch fern vor dem ersten Wort sind, fern vor der ersten Berührung, stumm — selig, aber über alle Ferne und Fremde hm- weg miteinander verbunden durch nichts, nur durch die Magie ber Be. ziehung, -unb wenn sie doch ahnen, bah ihnen die innigste Gemeinschaft von Körper unb Seele bevorsteht, — wenn die Welt still halt tn dieser Erwartung.
D^nn,?uhr"er ruhig fort, ift da auch mehr als die Physiologen sagen, mehr als Mannheit, die zum Erguh unb mehr als Schoß, der zur Em. pfängnis drängt; sondern dann ist es, als ob dieser Derg, der uns tragt, unb ber ba drüben zusammenstürzen sollte, und alle Gotter, bie mit. einander in Zwietracht liegen, lasten die Waffen sinken, und träumen Versöhnung. Keine magnetische Kraft bindet so unauflöslich tote dieser — Hauch, zarter als Spinnweb, zwischen Mädchen unb Mann.
Macht es barunt fo glücklich?
Glücklich macht es wohl, weil es gewichtlos ist. Denn womit Ware es beschwert? Keine Mücke beschwert bie Lüste so wenig w,e dies. Schwere, los ist es, leiblos ist es, es ist zwischen, zwischen mir unb zwischen ihr unfaßbar, unsagbar — körperlos tote das Morgenrot, und boch ist es in dir, ber ganze Welt-Anfang, ein Alles int Mchts, das nennen totr G^Was danach kommt, sagte ber Kaufmann, ist Leben. Es muh getoagt und getragen werben, unb es gewinnt daraus seine Zauber und Herr. lichkeiten.uhf entschuldigen, meinte der Maler gelassen. Wenn man ein Ding in seiner höchsten Reine sieht, muh das nächste daneben alle- mal trüb erscheinen.
Darauf schwiegen sie unb versanken wieder in den Anblick der glan» zenden Gestalten der Berg-Welt oder ber aus tieferer Ferne schimmern- den in ihnen selbst.
Atem der Länder.
Von Sigismund von Radecki.
Wenn alle Beschreibungen von Paris zu Rate gezogen, alle Photo- graphieolben durchoeblättert sind, dann bleibt immer noch ein Etwas, ein Wichtigstes, das nur jener erfährt, der seinen Fuß auf die Plattform b«s Gare du Nord fetzt: der besondere Geruch von Paris. Genau so wie die Wohnung meiner Tante Jettchen ein höchst eigenes Parfüm von Lakritze und Nähkörbchen besah, hat auch jede alte Stadt, wo die Menschen jahrhundertelang dasselbe gegessen, gelebt und gedacht, ihren jpejp fischen Duft und Dunstkreis. Der Duft von Paris! — er ist schwer zu beschreiben; die Nase wittert ihn am reinsten an einem nebligen Vormittag, wenn das bekannte Minimum d’Irlande der Wetterberichte fein zerstäubt aufs Quartier heruntertröpfelt, die diversen „Herboriste" und „Epicier" zeitungslesend in der Tür stehen, die Glutbecken vor den (Safes nachgeschüttet werden, und dieses ganze Bukett dank ein paar Rauchkringeln von Marylan-Zigaretten nun zu Fülle und Vollendung erwächst. Er ist muffig wie Plüsch und wurmstichiges Holz, dieser Dust, er schwebt durch die Lokale und Treppenhäuser, er niftelt in Kramläden und Alkovenbetten, kein Neubau, keine Benzin-Pumpstation ist vor ihm sicher, — mutig und muffig bringt er Über die Fortifications hinaus, klettert tollkühn per Lift auf bie höchste Eiffelturmspitze und kennt nur einen Feind: den schweren, beizenden Katakombengeruch ber Metro, der Untergrundbahn, welcher ihn aus den Tunnels schmählich in die Flucht schlägt. Er ist die animalische Witterung von Lutetia Parisiorum. Mit jedem Atemzug eingeatmet, ist er das größte, das immerwährende Erlebnis von Paris. Unb bas nicht nur für meinen Foxterrier, sondern für jede empfindende Nase — diesen Rauchfang der Erinnerung! Dieses fleischerne Teleskop in die Vergangenheit!
Warum beschränkt sich die Parfümindustrie ausschließlich auf bie Erotik? Warum wirft Herr Coty nicht zum Beispiel ein Parfüm „Schweben" auf den Markt? Denn kein Sachverständiger wird doch bestreiten, daß ganz Schweden wie es da steht, inklusive Lackmöbeln, Kapitänsmützen und Flaggenstangen, einen speziellen Duft besitzt, ohne dessen Witterung keiner je erfahren kann, was es mit diesem Lande eigentlich auf sich hat. Ein Parfüm, das man geschloffenen Auges in sich saugt, unb bereits


