GiehmerZainilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang M« Freitag, den 29. August Nummer 66
Gommertag.
Von Anton Schnack.
Der weiße Vorhang weht. Ich sitze da
Vor einem Buch, das alt ist und zerschunden.
Stund' ich vom Stuhle auf, sah' ich das Meer ganz nah. Der weiße Vorhang weht seit vielen, vielen Stunden.
Der weiße Vorhang weht. Ein Rauchgeschmack dringt ein Mit einem Schwaden süßen Obstgeruches.
Bald wird im Fenster grauer Schatten sein Und unlesbar der Druck des alten Buches.
Der weihe Vorhang weht, als höbe eine Hand Den leichten Stoff mit fahlen Blumenlinien, Zu zeigen mir noch einmal Meer und Felsenwand Und die Erstarrung höllenschwarzer Pinien.
Der weiße Vorhang weht: im Traumzug streift ein Wind Herein. Die Segel zieh'n zu Bucht und Hafen, Weil schwarze Wetter überm Meere sind.
Ich werde diese Nacht nicht schlafen ...
Die schönste Stelle.
Don Albrecht Schaeffer.
Zwei Männer, in den Fünfzigern beide, lagen, hinter sich den Bergwald, auf dem obersten Rand einer gemähten Wiese, die sich fast steil unter ihnen senkte, tiefer unten stürzte der Hang, mit gelben Kornfeldern, mit Wiesen, mit kleinen Hainen von Obst, die Gehöfte verhüllten, bis zur tiefen Sohle des Tales, wo die weiße Straße sich hinwand. Die beiden hoch oben hatten unermeßliche Schau nach allen Seiten über das weitgebogene Tal hinweg zu Bergen und Bergen, die sich ruhrvoll überstiegen, waldige riesige Rücken und schöne Kuppen und zuoberst die felsigen Gipfel; unten aber waren die Hänge bebaut und besiedelt, und es schwelgte alles unter der großen Sonne in seiner Stille und Trächtigkeit und göttlichen Ordnung, wo alles so sein mußte, wie es war. Roch rief aus dem Unsichtbaren zuweilen der Kuckuck, und die hohe reine Stimme der Grillen strahlte wie ein tönendes Licht unendlich.
Die Männer, die — jeder auf einen Ellbogen gestüht — dalagen und sich nur sättigten mit langsam umherwandernder Ausschau, schwiegen. Der eine war Maler, der andere Chemiker durch Begabung und Studium, aber Kaufmann geworden durch die Fügung der zeitlichen Umstände. Der sagte nun, als es Zeit geworden war, ein Wort zu sagen:
Dies also hier wäre meine schönste Stelle, die ich dir versprach. Andere loben andere mehr; aber sie ist jedenfalls die reifste.
Der Freund erwiderte nichts, und lange Zeit waren sie wieder still. Run sprach der Maler, der sich rücklings ausgestreckt hatte und, einen Halm zwischen den Zähnen, die Hände unter dem Kopf verschränkt, in die leere Bläue über sich blickte. Er sagte:
Die schönste Stelle... Das erinnert mich nun an Bücher, in denen man Stellen weiß, die Einem mitunter das ganze Buch allein teuer machen, oder die man allein im Herzen behält.
Obwohl der andere nur nickte, was der liegende Maler nicht sehen konnte, fuhr er, die Zustimmung wahrnehmend, fort:
Für mich ist der Schüdderump von Raabe das äußerste Beispiel. — Ich mag das ganze Buch mit seinem unermeßlichen Raabe-Geschwätz nicht sonderlich gern. Aber da ist die eine Stelle: wie der alte Chevalier, der nach Wien gereift ist, im Salon vor seinem kranken und unglücklichen Mündel erscheint, wenn du dich erinnerst. Man kann die Erschütterung dieser Stelle nur erfahren, wenn man das Buch bis dahin lieft; und deshalb lese ich es in jahrelangen Abständen immer wieder.
Rach einem Schweigen erwiderte der Kaufmann:
Da ist mir, während du sprachst, eine Stelle in einem Buch von Dauthendeh erinnerlich geworden. Gieb acht, die ist herrlich. Das Buch Heißt .Raubmenschen", spielt in Südamerika, und es sind sehr schöne Schilderungen das Beste darin. Ja, wie war das nun? Sagen wir in Kürze so: der Held des Romans liebt ein köstliches Mädchen, und gleichviel nun, welche Hinderniffe sie einander sernhalten, es ist ein Stierkampf gewesen, und bei der Rückfahrt gerät der junge Mensch auf der breiten Avenue in ein solches Gedränge von Wagen, daß der seine mit den übrigen Wagenreihen minutenlang halten muß. Sich vorbeugend erkennt ee auf einmal durch das offene Fenster in dem neben ihm haltenden Wagen seine Geliebte, die — ohne ihn zu sehn — angespannt vor sich hm-
blickt. Jetzt zieht sie einen kleinen Schreibblock hervor, kritzelt eilig ein paar Zeilen, blickt auf, sieht ihn, lächelt auf und wirft rasch das gefaltete Blatt zu ihm hinüber. Gleich darauf setzen alle Wagen sich in Bewegung, und er rollt davon, im glückseligsten Zustand ganz brennend. Denn sie hatte das Blatt für ihn geschrieben, und er hatte feine Geliebte in dem Augenblick gesehen, wo sie allein war und seiner gedachte.
Ach! — Der Liegende richtete sich auf und starrte glücklich überrascht in die goldene Weite. Ja, bas ist kostbar, sagte er. Eine kostbare Eingebung, das einmal zu gestalten. Wer hätte nicht gewünscht,...? Rein, herrlich — es ist ja, als ob man einen Engel zu sehn bekäme. Man sieht das Unsehbare. Mancher Dichter hat seinen Liebenden die Geliebte finden lassen im Schlaf. Aber so im offensten Wachen, eingeschloffen in ihre Liebe, ins Deingedenken... die Stelle hat etwas Berauschendes.
Oder vielmehr Blendendes, meinte der andere, so daß man nicht grade hinsehn kann und wegblicken muh, um das, was nicht gesehn werden darf, aus sich selbst wieder zu bilden.
Run will ich aber sehn, begann der Maler nach einem geraumen Schweigen des Lächelns und Sinnens, ob ich dich überbieten kann. Wenn du nämlich den Roman von Meredith. Harry Richmonds Abenteuer"nicht kennst ... da gibt es diese Stelle. Der junge Engländer, der die liebliche und überzarte deutsche Prinzessin liebt und nur hofft, aber nicht weiß, daß er wieder geliebt wird, wandert im Walde mit ihr und ihrer Hofdame. Da sagt sie nun im Gespräch, daß ihre englische Gouvernante sie verlaffen hat. Und sie sagt diese Worte: „Sie heiratet einen hannoverschen Offizier. Wir tauschen die Länder — " Sie will sich verbeffern, sie verstrickt sich, sie spricht noch ein paar sinnlose Sätze und verliert — sie ist eben erst von schwerer Krankheit genesen — die Besinnung.
Ja, das ist rührend zart. Ja, solch ein Versprechen, — ich glaube ich erinnere mich selbst...
Er verstummte, und beide sahen wieder verschwiegen über das Tal, in den großen Mittag der Berge.
Wenn ich nur wüßte, begann der Kaufmann, in welchem Buch ich das las ... ich glaube, in einer Erzählung von Stifter, aber ich erinnere mich so schlecht, daß ich das meiste selber erfinden muß. Da kommt der junge Verliebte von einem Gang zurück in die Rähe des Badeorts, wo sein Mädchen mit ihren Eltern und Geschwistern wohnt, und gerät, an einer hohen Hecke entlang gehend, an eine Stelle, wo dahinter eine Dank steht. Stimmen hörend, erkennt er die des Mädchens und seiner Angehörigen, und da ist auch ein Rivale, glaube ich, der eben zu ihnen tritt. Run will er gerade durch ein Loch in der Hecke kriechen, liegt schon auf den Knien und steckt den Kopf hindurch, da hört er, daß von ihm die Rede ist, und jener Rivale spricht schlecht und schlechter von ihm,-nun glaubt er, sich doch nicht zeigen zu dürfen, und möchte es umsomehr... da legt sich auf einmal eine Hand auf seinen Kopf,— die Hand des Mädchens, das am Ende der Bank sitzt. Sie hat ihn wahrgenommen, und während der andere ihn verunglimpft und sie ihn nicht verteidigen kann, macht sie ihm still das Geständnis ihrer Liebe, indem sie ihre Hand in seinem Haar läßt, solange der andere redet.
Das ist schön. Ja, das ist einzig —diese Kühnheit des Mädchens — und diese Zartheit int Kühnen. Oh und diese reife Fülle des Augenblicks, da sie gesteht und zugleich beruhigt, gleich in so tiefes Berstehen Einverstehn bringt und ihn mitnimmt. Und dies: daß sie ihn so berührt, nachdem noch nichts zwischen ihnen gesagt war. Sie küßt ihn ja...
Rachdem nun alles gesagt zu sein schien, verhielten die Freunde sich wiederum still. Endlich bemerkte kurz auflachend der Kaufmann:
Sonderbare Buchstellen scheinen mir aber das, an die wir uns gegenseitig erinnert haben.
Du meinst unzeitgemäße? Ja, das sind sie wohl. Körperliche Berührungen sind heute unter der Jugend nichts, was Bedeutung haben könnte, und wenn man diese amerikanischen Bücher über das Liebes-Leben der Jugend liest, so scheint alles da gerade und kurz und handlich, ohne Zartheit und ohne Geheimnis. Zwei junge Leute begegnen sich im Schnellzug. sprechen sich an und gehen in den Schlafwagen.
Ich dachte, versetzte der Kaufmann, an etwas anderes, aber du magst Recht haben, wenn du einem Derluft nachtrauerst. Der Weg, den die Menschheit geht, ist auch eine Bewegung von Geheimnis zu Geheimnis; immer neue werden gelöst, und jeder Gewinn, den sich die Menschheit erkauft, geschieht auf Kosten eines Verlustes. Wer nur diesen steht, der wird traurig, aber — er lächelte — es sehn ihn ja immer nur die, die den Gewinn nicht erlangten.
Wir Alten, stimmte mitlachend der Maler ein; übrigens, setzte et hinzu, was ist hier der Gewinn?
In der Willkür und Schrankenlosigkeit, sagte der Freund, die wir zuviel sehn müssen, freilich nicht. Aber — wenn der verhungerte Sklave seine Ketten zerbricht, ist er zunächst nicht frei, sondern ein reißendes Vieh. So sind unsre Zwanzigjährigen zunächst auch nicht frei, aber sie haben doch die Befreiung für alle Zeit, denk ich, gebracht — von jahrhundertelan-


