Ausgabe 
28.7.1930
 
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Mathilde Möhring.

Roman von Theodor Fontane.

Möhrings wohnten Georgenstraße 19, dicht an der Friedrichstraße. Hauswirt war Rechnungsrat Schultze, der in der Gründerzeit mit 300 Talern spekuliert und in zwei Jahren ein Vermögen erworben hatte. Wenn er jetzt an seinem Ministerium vorüberging, sah er immer lächelnd hinauf und sagte:Gu'n Morgen, Exzellenz..." Gott, Exzellenz! Wenn Exzellenz fiel, und alle Welt wunderte sich, daß er noch nicht gefallen sei, so stand er- wie Schultze gern sagte vis-ä-vis de rien, höchstens Oberpräsident in Danzig. Da war er besser dran, er hatte fünf Häuser, und das in der Georgenstraße war beinah schon ein Palais, vorn kleine Balkone von Eisen mit Vergoldung. Was anscheinend fehlte, waren Keller und auch Kellerwohnungen. Statt ihrer lagen kleine Läden, ein Vorkost­laden, ein Barbier-, ein Optikus- und ein Schirmladen in gleicher Höhe mit dem Straßenzug, wodurch die darüber gelegene Wirtswohnung jenen ä deux mains-Charakter so vieler neuer Häuser erhielt. War es Hoch­parterre oder war es eine Treppe hoch? Auf Schultzes Karte stand Georgenstraße 191, was jeder gelten ließ, mit Ausnahme von Möhrings, die, je nachdem diese Frage entschieden wurde, drei oder vier Treppen hoch wohnten, was neben der gesellschaftlichen auch noch eine gewisse praktische Bedeutung für sie hatte.

Möhrings waren nur zwei Personen, Mutter und Tochter. Der Vater, Buchhalter in einem kleinen Tuchexportgeschäft, war schon vor sieben Jahren gestorben, an einem Sonnabend, einen Tag vor Mathildens Ein­segnung. Der Geistliche hatte daraufhin eine Bemerkung gemacht, die bei Mutter und Tochter noch fortlebte, ebenso das letzte Wort, das Vater Möhring an seine Tochter gerichtet hatte:Mathilde, halte dich propper!" Pastor Kleinschmidt, dem es erzählt wurde, war der Meinung, der Ster­bende habe es moralisch gemeint; Schultzes, die auch davon gehört hatten und neben dem Geld- und Rechnungsrathochmut natürlich auch den Wirts­hochmut hatten, bestritten dies aber und brachten das Wort einfach in Zusammenhang mit dem kleinen Exportgeschäft als Umschreibung des altenKleider machen Leute".

Damals waren Möhrings eben erst eingezogen, und Schultzes sahen den Tod des alten Möhring, der übrigens erst Mitte der Pierzig war, ungern. Als man den Sarg auf den Wagen setzte, stand der Rechnungsrat am Fenster und sagte zu seiner hinter ihm stehenden Frau:Fatale Geschichte! Die Leute haben natürlich nichts, und nun war vorgestern auch noch Einsegnung. Ich will dir sagen, Emma, wie's kommt: sie wer­den vermieten, und weil es ne Studentengegend ist, so werden sie an einen Studenten vermieten, und wenn wir dann mal spät nach Haus kommen, liegt er auf dem Flur, weil er die Treppe nicht hat finden können. Ich bitte dich schon heute, erschrick nicht, wenn es vorkommt, und kriege nicht deinen Aufschrei."

Die Befürchtungen Schultzes erfüllten sich und auch wieder nicht. Aller­dings wurde Witwe Möhring eine Zimmeroermieterin. Ihre Tochter aber hatte scharfe Augen und viel Menschenkenntnis, und so nahm sie nur Leute ins Haus, die einen soliden Eindruck machten. Selbst Schultze, der Kündigungsgedanken gehabt hatte, mußte dies nach Jahr und Tag zu­geben, bei welcher Gelegenheit er nicht unterließ, den Möhrings über­haupt ein glänzendes Zeugnis auszustellen: _

Wenn ich bedenke, Buchhalter in einer Schneiderei, und die Frau kann doch auch höchstens eine Müllerstochter sein, so ist es erstaunlich. Manierlich, bescheiden, gebildet! Und das Mathildchen, sie muß nun wohl siebzehn Jahre sein, immer fleißig und grüßt sehr artig, ein sehr gebildetes Mädchen!"

Das war nun schon wieder sechs Jahre her, und Mathildchen war jetzt eine richtige Mathilde von dreiundzwanzig Jahren. Das heißt, eine so ganz richtige Mathilde war sie doch nicht, dazu war sie zu hager und hatte einen etwas grisen Teint, und auch das aschblonde Haar, das sie hatte, paßte nicht recht zu einer Mathilde. Nur das Umsichtige, das Fleißige, das Praktische, das paßte zu dem Namen, den sie führte. Schultze hatte sie auch einmal ein appetitliches Mädchen genannt. Dies war richtig, wenn er sie mit dem verglich, was ihm an Weiblichkeit am nächsten stand, enthielt aber doch ein gewisses Maß von Uebertreibung. Mathilde hielt auf sich, das mit dempropper" hatte sich ihr eingeprägt, aber sie war trotzdem nicht recht zum Anbeißen, was doch das eigentlich Appetitliche ist; sie war sauber, gut gekleidet und von energischem Ausdruck, aber ganz ohne Reiz. Mitunter war es, als ob sie das selber wisse, und dann kam ihr ein gewisses Mißtrauen, nicht in ihre Klugheit und Dortrefflichkeit, aber in ihren Charme, und sie hätte dieses Gefühl vielleicht grohgezogen, wenn sie sich nicht in solchen kritischen Momenten eines ihr unvergeßlichen Vor­ganges entsonnen hätte.

Das war in Halensee gewesen, an ihrem siebzehnten Geburtstage, den man mit einer verheirateten Tante draußen im Grünen gefeiert hatte. Sie hatte sich in einiger Entfernung von der Kegelbahn aufgestellt und sah immer das Bahnbrett hinunter, um zu sehen, wie viele Kegel die Kugel nehmen würde. Da hörte sie ganz deutlich, daß einer der Kegel­spieler zum andern sagte:,Sie hat ein Gemmengesicht."

Von diesem Wort lebte sie seitdem. Wenn sie sich vor den alten Steh- spiegel stellte, dessen Mittellinie ihr gerade quer über die Brust lief, besah sie sich zuletzt immer im Profil und fand dann das Wort des Halen- feer Kegelbruders bestätigt. Und durfte es auch. Sie hatte wirklich ein Gemmengeficht, und auf ihre Photographie hin hätte sich jeder in sie verlieben können. Aber mit dein edlen Profil schloß es auch ab: die dünnen Lippen, das spärlich angeklebte aschblonde Haar, das zu klein gebtiebene Ohr, daran allerhand zu fehlen schien, alles nahm dem Ganzen jeden sinnlichen Zauber, und am nüchternsten wirkten die wasserblauen

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Augen. Sie hatten einen Glanz, aber einen ganz prosaischen, Und wenn man früher von einem Silberblick sprach, so konnte man hier von einem Bleckblick sprechen. Ihre Chancen auf Liebe waren nicht groß, wenn sich nicht jemand sand, dem das Profil über alles ging. Sie hatte deshalb auch den gebildeten Satz akzeptiert und operierte gern damit:In der Kunst entscheidet die Reinheit der Linie." Rechnungsrat Schultze hatte sich einmal durch diesen Satz blenden lassen, als er ihn aber nochmals gehört hatte, merkte er die Absicht und wurde verstimmt und sagte zu feiner Frau:Ich bin mehr fürs Runde." Das klang ihr angenehm, denn es war das einzige, was sie hatte.

Die Sonne schien, und eine milde Luft ging, und jeder, der in die Georgenstraße einbog und die Bäume sah, die hier und da noch ihre voll- belaubten Zweige über einen Bretterzaun streckten, hätte glauben müssen, noch im Anfang September zu sein, wenn nicht vor mehreren Häusern und auch vor dem Schultzeschen ein großer Wagen gestanden hätte mit einem Leinwandbehang und der Aufschrift:MöbeUransportgeschäst von Fiddichen, Mauerstraße 17."

Die Seitenwände mehrerer auseinandergenommener Bettstellen waren schräg an den Wagen gelehnt, und auf dem Straßendamm stand ein Korb mit Küchengeschirr und an den Korb gelehnt ein Frauenportrat in Barockrahmen: hohes gepudertes Toupet und geblümtes Mieder, soweit sich von einem solchen sprechen lieh, denn bas wichtigste Stück, soweit die Dezenz in Betracht tarn, hatte der Künstler zu malen unterlassen und der sich darin bergenden Natur freien Lauf gelassen. Alles in allem: es war Ziehzeit, also konnte es nicht Anfang September, sondern mußte Anfang Oktober sein, wodurch übrigens die Georgenstraße sehr gewann, denn solchen Wagen und solch Porträt sah man in dieser Gegend nicht alle Tage, weshalb denn auch etliche Menschen und eine Anzahl Kinder den Wagen und das Bild umstanden.

Unter denen, die das Bild mit Interesse musterten, war auch ein junger Mann von etwa sechsundzwanzig Jahren. Sein Alter zu bestim­men war nicht leicht, weil zwischen dem Ausdruck seines Gesichts und seinem schwarzen Vollbart ein Mißverhältnis herrschte: der Ausdruck war jugendlich, der Bart deutete auf einenMann in den besten Jahren". Ab.er der Bart hatte unrecht, sein Besitzer war wirklich erst sechsund- zwanzig Jahre. Etwas über mittelgroß, breitschultrig und überhaupt so recht das, was gewöhnliche Menschen einen schönen Mann nennen. Er hätte sich sehen lassen können.

Als er mit feiner Betrachtung des Bildes fertig war, nahm er feine eigentliche Aufgabe wieder auf und begann über den Straßendamm weg die an der andern Straßenseite stehenden Häuser zu mustern. Er war nämlich auf der Wohnungssuche. Die Götter waren mit ihm, und kaum, daß sich sein Blick auf das Haus gegenüber gerichtet hatte, so las er schon an einem über der Haustür angebrachten Zettel:Drei Treppen hoch links ein elegant möbliertes Zimmer zu vermieten." Er nickte, wie wenn er zu sich selbst sagte: Hier will ich Hütten bauen. Und gleich danach ging er über den Saturn und stieg die drei Treppen hinauf. Oben angekom­men, war er ein 'wenig unwirsch, weil es eigentlich vier waren, er klingelte aber trotzdem und hatte nicht lange zu warten, bis Frau Möh­ring öffnete.

Ist es bei Ihnen?"

Ach, wegen das Zimmer? Ja, das is hier. Wenn Sie's sich vielleicht anfehen wollen..."

Ich bitte darum."

Frau Möhring trat in ein einfenftriges Mittelzimmer zurück, das als Entree für rechts und links diente und darin nichts stand als ein einreihig besetzter Bücherschrank mit einem Vogelbauer darauf; der im Sommer gestorbene Zeisig war jedoch noch nicht wieder ersetzt worden. Sonst nur noch zwei Stühle und ein weißer Leinwandstreifen als Läufer und am Fenster eine Azalie mit einer kleinen Gießkanne daneben. Alles dürftig, aber sehr sauber. Und nun öffnete Frau Möhring die Tür, die rechts nach dem zu vermietenden Zimmer führte. Hierher hatten sich alle Anstrengungen konzentriert, ein etwas eingesessenes Sofa mit rotem Plüschüberzug und ohne Schutzdecke, eine Visitenkartenschale, der Große Kurfürst bei Fehrbellin in Kupferstich und das Bett von schwarz gebeiz­tem Holz mit einer aus zahllosen Seidenstückchen zusammengenähten Steppdecke. Inmitten des Tisches stand die Wasserkaraffe auf einem großen Glasteller, der beständig klapperte.

Der schone Mann mit dem Vollbart sah sich um, und da er wahrnahm, daß die beiden Dinge fehlten, gegen die er eine tiefe Aversion hakte, Oel- druckbilder und gehäkelte Schutzdecken, war er sofort geneigt zu mieten, vorausgesetzt, daß er Aussicht hätte, für feine kleine Bequemlichkeiten seitens der Wirtin gesorgt zu sehen. Gagen den bescheiden bemessenen Preis hatte er keine Einwendungen zu erheben, Portierfrage, Heizung, alles war geregelt, und er fragte eben nach dem Hausschlüssel, als Mathilde vom Entree her eintrat. ' ,

Meine Tochter", sagte Frau Möhring, und Mathilde und der schone Mann begrüßten sich und musterten einander. Sie eindringlich, er ober­flächlich. ,,

Ich nehme an, daß ich die Kleinigkeiten, die man so braucht, ohne m« Umstände zu machen, haben kann. Frühstück, Tee, mal ein Ei, Soda­wasser ich brauche viel Sodawasser und dem ähnliches."

Mathilde, die wie selbstverständlich jetzt das Wort nahm, versicherte, daß man das alles im Hause habe und daß von Umständen keine Re« fein könne. So was gehöre ja wie mit dazu; das Haus fei ruhig uno anständig, ohne Musik, der Wirk, ein sehr liebenswürdiger Herr, nähme keinen ins Haus, der Klavier spiele.

Das trifft sich gut", lächelte der Besucher;nun, im Lauf t>esi W komme ich noch mit heran und bringe einen bestimmten Bescheid. diesen Worten griff er wieder nach feinem breitkrempigen Hut aH weichem Filz und empfahl sich von Mutter und Tochter. ,

Mathilde begleitete ihn bis an die Flurtür. Als sie wieder 3url ,.7 hatte sich die Mutter auf das Plüschsofa gesetzt, was sie für bewohn ungern tat, und strich über ein kleines seidenes Rollkisfen hin, dow i gelbe Sterne aufgenäht waren.Nun, Thilde, was meinst du? Die e steht nun schon seit den Ferien leer, ich finde, daß die Ferien zu 10 J

eeternf. Der Pharisäismus warf ihm deshalblaxe Moral" vor, wie ble Kleinstadt sie den Großstädtern vorzuwerfen liebt; wir sahen, wie wenig das seine Lebensanschauung, feine Lebensführung trifft. Aber er war nicht der Mann, den ersten Stein zu schleudern. Nicht umsonst spielt in seinem ersten Ehebruchsroman,L'Adultera" das tizianische Bild Christus und die Ehebrecherin" eine symbolische Rolle.