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bauern, es wird Zeit, daß wir einen Mieter finden. Er will sich noch desinnen, sagt er, und uns bann einen bestimmten Bescheid bringen. Das j6 so Rückzug. Das sagen alle, bie nicht wieberkommen wollen."
„Der kommt wieber."
,',Ja, Thilbe, woher weißt du das? Dann hätte er doch gleich mieten können."
„Freilich, gekonnt hätte er, aber so einer sagt nie gleich ja, der besinnt sich immer, bas heißt, eigentlich besinnt er sich nicht, er schiebt's bloß so ein bißchen raus. Gleich ja ober nein sagen, das können nicht viele, und der schon gewiß nicht."
„Gott, Thilbe, du sagst bas alles so hin wie's Evangelium und weißt doch eigentlich gar nichts."
„Nein, Mutter, alles weiß ich nicht, aber manches weiß ich, unb wenn ich sage: Mutter, so unb so', bann is es auch so; ber kommt wieder."
„Ja, Kind, warum soll er denn wieberkommen?"
„Weil er bequem is, weil er keinen Muck hat, weil er ein Schlap- yier is."
„Ach, Thilbe, sage doch nicht immer so was, bu hast so viele Wörter, bie du nicht in den Mund nehmen solltest."
„Warum denn nicht, Mutter?"
„Weil es dir den Ruf verdirbt."
„Ach, was Ruf, mein Ruf is ganz gut und muß auch. Ich weih, wo Bartel den Most holt, und weil ich's weiß, paß ich auf, ich paffe ganz schmählich auf, mir soll keiner kommen! Und was die paar Redensarten sind — Gott, Mutter, die laß man ruhig, da halte ich mich dran fest, die tun mir wohl, und wenn ich so höre, daß einer immer so fromm und faul drum rumgeht, da wird mir ganz schlimm."
„Ganz schlimm — das is nun auch wieber so. Na, rebe wie bu willst, ändern kann ich bich boch nicht. Du hast immer deinen Willen gehabt von klein an, und Bater hat immer gesagt: ,Laß man, bie wird gut, bie frißt sich durch'. Ja, so hat er gesagt, aber wenn's man wahr is. Unb warum hat er denn keinen Muck — ich meine den Herrn, von bem bu sagst, er wird schon wieberkommen? Unb warum wird er denn wieberkommen?"
„Du siehst auch gar nichts, Mutter. Hast bu benn nicht seine Augen gesehen unb den schwarzen Vollbart und ordentlich ein bißchen kraus — so viel mußt du doch wissen, mit solchen ist nie was los. Ich will dir was sagen: so ganz hat es ihm nicht gefallen, aber es hat ihm auch nicht miß- faUen, unb weil Wohnungsuchen unb Treppensteigen langweilig is unb einem Mühe macht, so denkt er bei sich: eine Wohnung is wie die andere, unb ruhig is es und kein Klavier unb bie bunte Steppdecke... Warum soll ich da nicht mieten? Und ich will dir auch sagen, wie er nun seine Zeit hinbringt. Von Suchen und Sichumtun is gar keine Rede, dazu is er viel zu bequem. Er is nur hinübergegangen nach dem Bahnhof, da ißt er ein deutsches Beefsteak oder auch bloß eine Jauerfche und trinkt ein Kulmbacher dazu, und bann geht er nach bem Cafö Bauer, unb wenn ihm das zu unbequem is, benn er geniert sich nicht gern unb sitzt nicht gern gerade, was man ba boch muß, bann geht er nach ben Zelten unb trinkt (einen Kaffee unb sieht zu, wie sie Skat spielen ober Schach, unb schmunzelt so ganz still vor sich hin, wenn ein reicher Bubiker mit feinem Wagen vorfährt unb seinem Pferd ein Seidel geben läßt... Und wenn er damit fertig is, bann schlenbert er so burch ben Tiergarten hin bis art ben Schiff- bauerbamm, unb bann kommt er über die Brücke und steigt bie drei Treppen rauf und mietet... Ich will keinen Zeisig mehr im Sauer haben, wenn es nicht so kommt, wie ich sage!"
Mathilde behielt recht. Ob ber junge Mann in ben Zelten gewesen war, entzieht sich zwar ber Feststellung, aber so viel ist sicher, baß er zwischen fünf und sechs wieber oben bei Möhrings bie Klingel zog unb mietete.
„Meine Sachen stehen noch auf dem Bahnhof hier drüben, hier ist mein Schein. Sie können vielleicht jemand rüberschicken und sagen lassen, daß ein Kofferträger oder ein Dienstmann sie herüberbringt. Ich will noch einen Freund besuchen, und wenn ich wiederkomme, hoffe ich alles vorzufinden."
Frau Möhring versprach alles. Als er fort war, sagte Mathilde: „Siehst bu, Mutter, wer hat recht? Du wirst auch noch hören, daß er in ben Zelten war."
Die Sachen kamen, ein Koffer und eine große Kiste, und als die Mutter und Tochter die Kiste bis dicht ans Fenster geschoben, den Koffer aber einen Kofferständer gehoben hatten, zogen sie sich in ihr an der Wen Seite des Entrees gelegenes Wohnzimmer zurück.
Es sah ordentlich darin aus unb auch nicht ärmlich. Vor bem hochlehnigen Kissensofa lag ein Teppich mit Rosenmuster, unb neben bem Stehspiegel mit dem Riß in der Mitte standen zwei Ständer, in die eine rote und tme weiße Geranie gesetzt waren. Auf einem Mahagonischrank prangte ein Makartbukett, neben dem Schrank an ber Wanb eine Hängeetagere W Perlenstickerei. Der weiße Ofen war blank, die Messingtür noch blanker, und zwischen Ofen und Tür an einer Längswanb, dem Sofa gegenüber, stand eine Chaiselongue, die vor kurzem erst auf der Auktion eines kleinen Gesandten erstanden worden war und nun bas Schmuckstück »k r’°t,nun9 bilbete. Daneben ein ganz kleiner Tisch mit einer Pendel-
tm r<UI*' kie einen merkwürbig lauten Schlag hatte.
Mathilde stellte sich vor ben Spiegel, um sich ben Scheitel etwas glatt streichen, benn ihr Haar war sehr bünn unb hatte eine Neigung, sich mf $u ^ilen. Mutier Möhring aber setzte sich auf bas Sofa gerade ^stecht unb sah nach ber Wand gegenüber, wo ein Pifferaro auf einem wen saß und, feinen Dudelsack blasend, einfältig und glücklich in die
zuckte. Mathilde sah im Spiegel, wie die Mutter so still und auf- ™sm *a^' "std fdgte, ohne sich umzudrehen:
ni*t a?um du nun wieder auf dem harten Sofa und kann dich W anlehnen. Wozu haben wir denn die Chaiselongue?"
doch dazu nicht."
du dazu, und es war noch dazu gar fein Geld, und nun denkst oelnnti ' J*u ruinierst sie und sitzt ein Loch hinein. Ich habe es mir
P mich gefreut, als ich bir’s aufbauen konnte."
"w, ja, Thilde, du meinst es gut."
„ttnb Rückenschmerzen hast du immer und klagst In einem fort. Und doch willst du nie drauf liegen. Und wenn du noch recht hättest, aber es ruiniert nicht, und wovon sollte es auch, du wiegst ja keine hundert Pfund."
„Doch, Thilde, schaden fann’s ihr doch."
„Und wenn auch, je eher bas Ding eine kleine Sitzkute hat, desto besser. So steht es bloß da wie geliehen und als graulten wir uns davor, uns draufzusetzen. Und so schlimm is es doch nicht, wir haben ja doch unser Auskommen und bezahlen unsere Miete mit dem Glockenschlag. Und bann haben wir ja doch mein Sparbuch. Also warum machst bu bir’s nicht bequemer? Es sieht auch viel besser aus, wenn man so merkt, es is in Dienst. Der Spiegel is alt, unb bas Sofa is alt. Da darf bie Chaiselongue nicht so neu fein, bas paßt nicht, bas stört, bas is gegen’s Ensemble."
„Gott, Thilde, sage nur nicht fo was Französisches, ich weiß bann immer nicht recht, was es heißt. Zu meiner Zeit, ba war das alles noch nicht so, und mein Vater wollte von Schule noch nichts wissen.. Na, du weißt ja, wohin man guckt, immer hapert es." (Forts, folgt.)
Erlebnis.
Von Richard Huelsenbeck.
Ich glaube, es war im Garten des Schlosses Boreli in Marseille. Ich faß auf einer Bank, streckte bie Beine weit von mir weg und sah zu, wie einige schöngeputzte Kinder im Sand spielten. Bei den Kindern stand eine Bonne mit einem Reifen in der Hand. Die Sonne schien, der Himmel war tiefblau, und man spürte den salzigen Hauch des Meeres. Es war sehr heiß, ich fühlte mich müde und schloß die Augen.
Die Kinder kreischten; die Bonne sagte etwas; man hörte, wie die Kinder im Sand kratzten. Das war ein merkwürdiges Geräusch. Die Sonne fiel senkrecht auf das Wasser in dem großen Marmorbecken. Die runde Marmoreinfassung glänzte so stark, daß man nicht mit den Blicken auf ihr verweilen konnte. Das Laub ber Bäume war grau unb staubig; es muß Hochsommer gewesen fein; aber wie gesagt, ich erinnere mich nicht genau. Hinten, zu meiner Rechten, stand wie eine Theaterkulisse das Schloß Boreli, in dem weiß Gott welche erhabenen Pairs Frankreichs einstmals ein üppiges Leben geführt haben mochten. Wenn ich die Augen ganz schloß, konnte ich sie mit ihren Galanteriedegen zwischen den marmor- eingefaßten Wegen herumgehen sehen.
Mir fiel ein, ich müßte nun zu meinem Hotel am alten Hafen zurück- gchen. Ich hatte da ein muffiges Zimmer mit einem Bett, bas auf verrosteten Matratzen krächzte. Ueber bem Bett hing unter Glas ein Oel- bruck, ber einen Walb mit bem heiligen Hubertus barstellte. Da war ein Hirsch, ber auf seiner Stirn ein großes flammenbes Kreuz trug. Und ein Jäger, der im Begriff gestanden hatte, ben Hirsch abzuschießen, muhte das Gewehr vor dem flammenden Kreuz senken.
Ich hatte die Augen halb geöffnet; die Kinder waren wohl noch da, aber sie kreischten nicht mehr. Sie standen artig neben der Bonne. Was sie wollten, weiß ich nicht mehr; diese Menschen verhielten sich in der überhellen Sonne, als wären sie aus dunklem Papier ausgeschnitten. Sie hatten eigentlich kein Leben; sie verhielten sich wie die Baumschatten, unwirkliche Gebilde einer anderen Welt.
Neben mir erklang bie scharfe Stimme einer jungen Frau. Ich hörte erst bie Stimme; später sah ich ben Menschen. Die Reihenfolge ist wichtig. Die Stimme hatte einen frostig rostigen Klang, ber seltsam im Gegensatz zur südlichen Wärme stand, die uns umgab. Die Frau sprach natürlich französisch; ich verstehe etwas französisch, lange nicht alles, was die Menschen hier zu sagen haben. Ich glaube, sie sprechen auch Dialekt; aber das war es nicht, was die Stimme dieser jungen Frau so scharf und frostig machte. Sie wollte überzeugen, sie hämmerte, sie erzählte eine Geschichte, wie man sie nicht alle Tage hört.
Menschliche Schicksale sind mir wichtiger als alles andere auf ber Welt; überall, wo ich Gelegenheit habe, bie Geschichten merkwürdiger Schicksale zu hören, spitze ich die Ohren. Ich denke, daß man davon lernen kann. In menschlichen Schicksalen spricht sich die gleiche Kraft aus, die wir in ber Anlage eines Baumes, einer Blume, eines Tieres bewundern. Ich suchte die Worte der Frau auszufangen, aber obwohl sie nur durch einen Zwischenraum von wenigen Metern von mir getrennt war, hörte ich doch nicht allzuviel. Die junge Frau saß auf einer anderen Bank. Ich verstehe vielleicht auch nicht genug französisch, um derartige Alltagsreben ohne weiteres zu begreifen. Jedenfalls streckte ich die Beine noch weiter von mir und tat, als richtete ich meine Aufmerksamkeit auf die Kinder, die sich anschickten, mit ihrer Bonne gesittet nach Hause zu gehen.
Zweifellos: die Frau erzählte eine Geschichte, die sich auf ihre Häuslichkeit bezog. Sie lebte in einer Stube am alten Hafen; also ganz in der Nähe meines Hotels. Sie war dort Hausfrau wie alle die anderen auch, bie ich täglich mit ihren Körben am Hotel vorbeigehen sah. Sie erzählte bas sachlich unb beschrieb ihr Zimmer,' so daß ich mir davon eine gute Vorstellung machen konnte. Cs muß sich um eine saubere ordentliche junge Frau gehandelt haben. Die Kasserollen standen in einer Reihe wie bie Soldaten, und es gab auch einen Kanarienvogel, der sang, wenn man das Zimmer betrat.
Dann wurde bie Stimme der Frau noch ein wenig frostiger; sie begann von einem Mann zu erzählen. Er fei breitschultrig, stark und gutmütig. Er sei Hafenarbeiter, im Dienste der Stadt Marseille und verdiene so viel, daß sie beide auskömmlich davon leben könnten. Es handelte sich also um den Ehemann ber jungen Frau. Sie schilderte ben Mann sehr eingehend; viele Gewohnheiten wurden erwähnt. Er trinke gern, und wenn er betrunken sei, könne er sich nicht beherrschen. Er habe einen schwachen Willen und lasse sich immer wieder von den Kameraden ver- sühren. Wenn er betrunken sei, finge er laut; manchmal schlage er auch Fensterscheiben ein. Die Polizei habe ihn schon einmal deswegen eingesperrt.
Die Frau erzählte von ihrem Mann so sachlich, als ob sie ein fremdes Wesen beschreibe; als ob es sich um ein Insekt handele ober um ein


