Ausgabe 
28.4.1930
 
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Kameraden gemeinsam ein. Völlig erschöpft kommen sie zurück und finden Korporal Salor erstarrt im Schlafsack. Es ist ein trauriges Amt, das sie verrichten müssen. Ihre Kräfte reichen jetzt nicht mehr aus, auch diesen Kameraden zu begraben. So tragen sie ihn abseits und verhüllen ihm nur das welke Gesicht.

In wenigen Tagen, am 14. Juni, werden drei Jahve vergangen sein, seitdem sie von Baltimore aufgebrochen sind. Drei Jahre in Eisland, drei Menschenleben voll Leiden und Qual. Nur zwölf von fünfundzwanzig haben die furchtbare Zeit überstanden, und nicht einmal sie alle werden den Erinnerungstag erleben. Krank, verhungert, verdurstet liegen die meisten in ihren Pelzsäcken und warten auf das Ende.

Bender ist der nächste.

Gardiner erliegt einer Bauchfellentzündung. Der Name seiner Mutter und seines Weibes ist sein letzter, leiser Ruf, auf den er keine Antwort erhält. Der Tod kommt lind über ihn. Gardiner hat den Kopf zur Seite gedreht, als lausche er immer noch.

Stach ihm sterben Schneider und Dr. Pavy.

Das Verhalten Dr. Pavys war Greely stets ein Geheimnis gewesen. Als ausgezeichneten Arzt hatte er ihn immer geschätzt, in den ersten beiden Jahren auch als Kameraden wegen seiner Liebe zur Arktis, seiner guten Manieren und seiner Klugheit. Leider war sein Wesen zu launenhaft und unbeständig. Niemals war er wie die anderen Gefährten mitteilsam und keinem schloß er sich näher an. Man wußte nie, ob man ihn zum Freunde ober Feinde hatte. Daß er auch unehrlich war, wußte wohl keiner von der Mannschaft. Und hätte Greely ihn auf frischer Tat gestellt und über­führt wie den Sergeanten Henry, dann hätte er der Expedition die beste Stütze nehmen müssen, den Arzt, den sie alle so dringend brauchten.

Die kleinen Nahrungsdiebstähle, die Dr. Pavy an Elison und den anderen Kranken beging, konnten ihm nicht allzuviel nützen. Sie sättigten ihn noch nicht. Daß er heimlich auch Morphium stahl, mochte ihn seelisch langsam so hemmungslos machen, daß er das Schimpfliche seiner Hand­lungen gar nicht mehr empfand.

Die regelmäßigen Morphiuminjektionen, Diebstahl, wenn auch nur von Arzneimitteln, die er den Kranken vorenthielt (und wieviel Schmerzen hätte Dr. Pavy doch lindern können, als er dem Krüppel Elison Beine und Hände amputierte) mochten ihm zwar die Leiden des körperlichen Zusammenbruchs lindern helfen, sein Heroismus in den letzten Tagen ließ sich dadurch nicht erklären.

Dr. Pavy war der einzige, der dem Ende voll Ruhe und Gleichmut entgegenwartete, als bekümmere es ihn nicht. Der Tod schien keinen Schrecken für ihn zu haben. In sachlicher Art führte er bis zur letzten Stunde Krankenjournal und Tageoticher. Wie ein unbeteiligter Zuschauer lebte er neben den andern her, die ihm unter Einsatz des Lebens die Eislandtragödie vorspielten.

Irgendein Geheimnis mußte er wohl haben oder seine seelischen Kräfte waren übermenschlich. Ja, er hatte ein Geheimnis, das ihm solche Sicher­heit gab. Als er erkannte, daß es auch für ihn keine Hoffnung mehr gab, machte er feinem Leben freiwillig ein Ende. Er kommandierte den Tod herbei, als wäre er der Sieger. Mit dem letzten aufgesparten Becher Wasser trank er eine Phiole voll Mutterkorn und verschied ohne Schmerzen.

Die Kameraden brauchten seine Hilfe nicht mehr. Jede Mühe wäre doch vergeblich gewesen.

Die letzte Eintragung ins Krankenjournal, die er machte, betraf seinen eigenen Tod. Sachlich malte er hinter seinen Namen ein Kreuz und notierte: Gestorben durch Gift.

Acht Tage später kam das Ende für die letzten Ueberlebenben. Es waren noch sieben Mann mit Greely. Das letzte Wasser war getrunken und keiner vermochte mehr aus eigener Kraft frisches vom Teich zu holen. Die Eislöcher mochten auch wieder zugefroren fein. Bereits zwei Tage hatte sie keiner kontrolliert.

Staubschnee rieselte lautlos aus niedern Wolken über Cisland und häufte sich um die unbestatteten Toten. Alles Farbige und Schwarze sollte wie unter weißen Tüchern verschwinden. Aber hoch und trotzig ragt noch immer das Braun der Schutzhütte in die Unendlichkeit auf.

Es mußte wohl erst ein Sturm kommen, der sie umlegte.

Noch aber sind die letzten Menschen in Eisland nicht besiegt. Noch steigt der Rauch ihres Lagerfeuers grau und schwelend empor und verliert sich zwischen den glitzernden Schneekristallen.

Und seht, da kommt ein Mann aus der Hütte und versucht sich auf­zurichten. Er ist so schwach, daß er sich kaum auf den schwankenden Füßen halten kann.

Es ist Brainard, der die Hoffnung immer noch nicht verloren hat. Er hat das zersetzte Fahnentuch des Sternenbanners an der letzten Ruder- ftange befestigt und stößt sie in die Schneewehe vor dem Eingang. Es entfaltet sich und knattert in der schneidenden Luft.

Brainard versucht kniend, den Schaft mit den Händen zu halten, damit er nicht umfinkt. So bleibt er.

Drinnen am Feuer sitzt Greely und liest in seinem Gebetbuch.

Die anderen Kameraden liegen stumm und schlafen. Greely wagt nicht, sie anzurufen aus Furcht, keine Antwort mehr zu erhalten.

Ist es ihm bestimmt, der letzte zu fein?

Gegen Mitternacht schreckt er auf. Er' hat wohl mit wachen Augen geträumt und glaubt den Ton einer Schiffspfeife gehört zu haben.

Er ruft mit gebrochener Stimme nach Brainard, aber der Sergeant ist nicht wiedergekommen.

Langsam erlischt das Feuer. Die letzten Scheiter Holz sind verbrannt und zu Äsche geworden.

*

Der Wind über Eisland frischt auf und vertreibt die trägen Schnee­wolken nach Süden, lieber ihnen leuchtet die Unermeßlichkeit des Polar- h'mmels und die Mitternachtsonne durchdringt strahlend die Nachtzeit.

Zwischen kleinen Inseln und Bruchstücken von Treibeis steuert ein Walfischdampfer an Cap Sabine vorbei und hält auf die Pim-Jnseh zu.

Verantwortlich: Dr. Hans Thhriot. Druck und Verlag: Brühl

Es ist 8er DampferThesis" unter Sein Kommando Kapitän Schleus auf der Suche nach der Mannschaft vom Fort Conger, von der man an= nimmt, daß sie längst nach Süden vorgedrungen ist, um das Lebens­mitteldepot bei Cap Sabine zu erreichen und dort auf ein Schiff w warten, das sie retten kann.

Kapitän Schley, der mit Leutnant Emory und dem Ingenieur Mel­ville auf der Kommandobrücke steht und das Land mit dem Fernrohr absucht, ist der erste, der in diesem Sommer in die Arktis vordringt. Er steht nicht im Dienste Amerikas, er handelt aus eigenem Entschluß, um die Verschollenen aufzufinden und wenn noch möglich in die Heimat zurückzubringen.

In kurzen Zwischenräumen dröhnen die Nebelhörner durch die schweig­same Nacht und das Echo der gellenden Schiffspfeife hallt von den nahen Bergen zurück.

Immer wieder. Rastlos.

Wie unberührt liegt hinter einem schmalen Gürtel aufgetürmten und von Föhnwinden schon zersprengten Packeises die grenzenlose Weite. Eis- quader werfen unregelmäßige, zackige Schatten weit am Boden aus- gestreckt.

Wieder die Nebelhörner.

Wieder die Schiffspfeife.

Aber keine Antwort von Menschen.

Greely! Greely!"

Auch der Ruf durch das Megaphon verhallt. '

Wir finden sie doch nicht, Kapitän," sagt Emory mutlos.

Dann fahren wir noch weiter nach Norden hinauf, und wenn ich bis Grinnelland vorstoßen sollte. Wir müssen sie finden."

Wenn wir am Cap landeten, könnten wir leicht feftftetten, ob sie dort am Depot gewesen sind."

Ich kehre nicht mehr um, Melville."

Emory ließ die Blicke nicht vom Land.

Wenn sie Hilfe erwarten, werden sie doch Notsignale aufgestellt haben und selber Äusschau halten. Hier entdecke ich nicht die geringste Spur..."

Mein Gott, was ist das?"

Schley hatte irgend etwas Auffallendes gesehen. Ein niederes Zelt mochte es fein, neben dem ein gebrochenes Ruder im Schnee steckte. Am Holz wehte das Sternenbanner.

DieThetis" war am Lager schon fast vorbei, als der Kapitän das Fernrohr nochmals rückwärts richtete.

Erregt gab er in den Maschinenraum den Befehl zu stoppen.

Brausend drehte sich die Schiffsschraube entgegen der Fahrt und zog die hinter dem Heck zusammenschließenden Eisschollen in ihren milchigen Strudel. Der Walfischdampfer drehte bei und legte an der Pim-Insel an.

Leutnant Emory begab sich sofort mit einigen Mann der Besatzung auf die Suche. Nach kurzem beschwerlichen Marsche entdeckten sie die Fahne wieder uckd erreichten die Schutzhlltte.

Vor dem Eingang lag ein Mann mit verglasten Augen, die Hände um den Ruderschaft gekrampft. Er war noch am Leben, aber er vermochte sich aus eigener Kraft nicht mehr aufzurichten.

Emory ließ ihm sofort zu trinken reichen, während er selbst weiter in das Zelt vordrang.

Greely! Greely!"

Er fand mehrere völlig ausgehungerte Männer, die ihm hohlwangig entgegenstarrten.

Wieder fragte er.

Greely?"

Einer nickte und zeigte auf sich. Zu sprechen vermochte er nicht.

Aber alle streckten Emory ihre skelettmageren Hände entgegen.

Elison, der Krüppel flüsterte:Durst! Hunger!"

Ich bin Leutnant Emory von der .Thetis'. Wir sind gekommen, euch mitzunehmen. Begreift ihr?"

Nein, sie starrten ihn nur an.

Ihr seid gerettet!"

Wasser! Wasser!" - , .

Gierig neigten sie sich über die gefüllten Becher. Sie waren unersättlich.

Emory mußte sorgen, daß man ihnen nicht zu viel gab. Die Fülle hätte sie fonf£ getötet.

Kapitän Schley ließ die letzten Ueberlebenden von Fort Conger an Bord tragen und brachte sie in die Heimat zurück.

Nur ein einziger starb unterwegs, der Krüppel Elison, dem man in Godhavn nochmals ein Stück Schenkel amputieren mußte.

Er wurde während der Heimfahrt ins Meer versenkt.

*

Dies ist die Geschichte von Greely und seinen Leuten, die größte Tra­gödie, die sich jemals in Eisland ereignet hat. Es ist die Geschichte von fünfundzwanzig Helden, von denen nur sechs gerettet wurden.

Wieder wird es Herbst über Eisland im ewigen Wechsel der Jahres­zeiten. Hier ist Niemandsland. Ewigkeitsland. Doch gleich der blauen Spitze der Kompaßnadel ist die abenteuerliche Sehnsucht der Menschen polwärts nach Norden gerichtet. Manche erreichen das Ziel und du wenigsten kehren zurück. '

Noch schläft in der großen unendlichen Stille mit offenen Augen du Ewigkeit.

Aber der Mensch ist stärker als alles. Eines Tages wird er auch den Pol bezwungen haben. Und die großen Vögel mit stählernen FlüW werden ihn überfliegen, ohne Furcht vor dem Tode, der in der -tiefe lauert. Noch ist es nicht an der Zeit.11

Und der Sturm über der unermeßlichen Weite ebnet unterdes du Gräber der Helden und verwischt ihre Spuren, als wären sie niem-n» gewesen.

Wann ist das gewesen? Gestern? ,

Heute, heute beginnt eine neue, heute beginnt unsere |

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