Oer heroische Strom.
Von Josef Friedrich P e r do n i g.
Irgendwo in einem der Orte den Rhein hinunter, mit Wein erkauft, wie ja hier fast aller Wohlstand von der Traube kam, hängt wahrscheinlich jenes Bild von Böttcher, auf dem eine sommerliche Mondnacht am Rhein, wie sie vielleicht ab und zu durchschwärmt wird, selige Urständ feiert. Ein fahles Licht glänzt über dem Strom- es hat Firste und Giebel der Stadt Bacharach deutlicher werden lassen, als wären sie mit einer Schere aus einem dunkleren Hintergrund geschnitten worden; es wetteifert mit den Kerzen und Windlichtern, von denen die Gesichter einer zu Lust und Melancholie aufgelösten Gesellschaft milde angeglüht sind.
Es ist einer jenen warmen Abende am Flusse, über dem ein wetter- leuchtender Himmel steht, den ein Gemenge von hundert Düften und Tönen erfüllt, keiner einzeln bestimmbar, und alle zusammen doch der Nacht ureigen, Rauschen der Rebenhügel, zarter Laut des Windes über dem dunstenden Gewässer, gespenstischer Widerhall des Lachens, das je gegen Ufer und Gemäuer scholl. Es ist eine der Nächte, um derentwillen die Sehnsüchtigen aus dunklen Forsten, von nebligen Seenplatten und armseligen Sandkästen wenigstens einmal an diesen Strom kommen, um die Trauer über die Oed« ihrer Landschaft und ihres Daseins im Wein zu ersäufen, um die Spuren der holden Lügen zu juchen, von denen sie an den deutschesten aller deutschen Ströme gelockt wurden. Wie könnten sie da, weil sie doch kamen, um betört zu sein, sich gegen einen Brauch auflehnen, den die Gewohnheit eines langen Jahrhunderts erstarren ließ. Den Brauch: diesen Strom, sein Leben, seinen Sinn durch das gedämpfte Licht einer Sominernacht voll entwirklichtem Zauber, Wein und Gesang zu sehen. Cs wäre schön, ungefährlich und auch wahr, wenn diese Pilger, nachdem sie den Rausch des Kopfes und des Herzens ausgeschlafen hätten, auch nüchtern die Stätte betrachten wollten, auf der sie ein« Nacht lang von seliger Blindheit geschlagen waren. Aber nein, sie durchbrechen den Silberkolon, mit dem sie das Mondlicht umspann, nicht mehr, es ist ihnen unsäglich wohl in dem Gehäuse eines geheiligten Truges. Sie haben es zu ost gehört: das Märchen vom romantischen Rhein. Sie wollen ihn nicht anders haben. Gehen da nicht unzählig« Ansichtskarten von Hand zu Hand? Stehen nicht dicke Bücher darüber in den Bibliotheken, und die fröhlichen Lieder, zersprengen sie nicht beinahe noch dickere? Schnarrte nicht schon in jedem Weinberg der Filmapparat vor einer heiteren, einer wehmütigen Szene? Ach, rheinische Liebe, rheinischer Wein!
Und so kam «s, daß in dieser sonst so veränderlichen Welt, deren Bestand eben der Wandel sein muß, auch kleine Dichter unsterblich wurden, wenn ihnen ein« gnädige Stunde das eingab, was, durch die goldene Farbe des Weines, durch den silbernen Dunst über dem Rheine betrachtet, immer gleich gegenwärtig bleibt. Und sie alle, die ihren verblassenden Fährten folgen, sehen noch immer mit den nun längst gebrochenen Augen einst Trunkener, sie reden mit den Wendungen aus Liedern, die jo glücklich erfunden waren, daß sie völlig vergessen werden mußten, um unerkannt in dem Wortschatz der Wanderer und Pokulierer am Rhein wieder auszuerstehen. Das Geheimnis der Wiedergeburt belehnt immer neuerlich das jeweils lebende Geschhecht mit uralten Lobpreisungen; es ist nur ein neuer Text zu einer unvergänglichen Melodie, den die Wandervögel fingen, wenn sie die Städte an den Ufern durchqueren, den die Gäste in den Schenken zitieren, den die Liebespaare stammeln. Der Irrtum, der sich vom Wein beträufeln läßt, ist ewig, eine hartnäckige . Treue nahm von ihm Besitz, und vielleicht ist er ja in dem Augenblick, da er in das mündet, was wir oberflächlich Stimmung nennen, kein Irrtum mehr. Für den- romantischen Menschen, die betäubte Stunde mag der Rhein wirklich romantisch sein, ein Gegenstand der himmelblauen, vielleicht gar nicht entbeßrlidjen Lüge.
Aber einmal muß man aus dem Gewässer dock) auch die Wahrheit rausd)en hören. Es gibt Stunden, die nicht mit Wein getauft fein wollen, etwa jene, in der aus irgendeinem gewaltigen Anlässe die Glocken hin und hin am Strome zu läuten beginnen und von Kirchturm zu Kirchturm immer ein Glied der Kette des dröhnenden Lautes reicht. Wenn ein großes Gewitter über der Gegend steht oder die violetten Herbstwolken tagelang in einer bodenlos düsteren Schwemmt über die Berge niederhängen, was sind da nach die eilenden Dampfer, die fröstelnde, am Wein sich Wärme borgende Menschen tragen, die berühmten Wirtsstuben, die begnadeten Weinberge? Nur der Strom ist dann noä) da, ein Unleugbares, und fein Sinn wächst mit der Gewalt. Pfalzen und Burgen, Städte und Rebenhügel ragen ernst aus den fröhlichen, feuchten, rührseligen Liedern und trauern über den landläufigen Mißbrauch. Dann riecht man an dem Flusse nicht den jungen Wein und die Mandelblüte, sondern Schisss- teer und Schweiß, bann wird es auf einmal offenbar, daß droben auf den Burgen nicht nur Borbilder der hohen Minne gelebt wurden. Man muß aber nicht erst in die dicke Lust der Jahrhunderte hinein horchen und sich erinnern, daß jede Haupt- und Staatsaktion des römischen Reiches deutscher Nation am Rhein zumindest ihren Nebenschauplatz hatte, daß hier bas lebendigste Historienbuch von ganz Europa aufgeblättert ist, in dem unvergeßbare Daten dicht beieinanberjteßen. Unter dem Felsen der Lorelei sind Melae und Blücher plötzlich nur Schatten. Aus diesem Steinblock kämmt keine Jungfrau ihr goldenes Haar, Heine muß an einem Frühlingstage, an dem der Pollen feine Augen blind stäubte, ober im Herbste, da bie Luft übervoll war von den glücklichen Schreien der Winzer, hier vorübergefahren fein. Denn sonst müßte er die wilde Felsstirn gesehen Haden, bie ber Berg in ben Strom schiebt, unb etwas von den mrtjaUten Gebeten ber ängstlichen Schisser hätte ihn umschweben müssen. Hier würden sie auch heute noch nicht auf den betörendsten Gesang hören, hier ist ihnen am allernächsten bie gurgelnde Melodie des Wassers. Die Itllle, sanft gleitende Fahrt der Schlepper und Boote stromaufwärts ist nicht so sorglos, wie es bie Schiffe unter ben verschiedensten Flaggen dem Zuschauer am User vortäuschen möchten. Man muß nur bie Rheinlotfen ®o.n den Tücken des Strombettes erzählen hören, man muß einmal die «amt« der Schiffsleute betrachten, bie sie hier auf dem Rhein bekommen laben wollen. Sie singen währenb der Reise auf dem Strom ntemals fo "e,ter und unbefangen, als in ihren heimatlichen Häfen, sie sind nad)
Ihrem eigenen Geständnis von einer furchtsamen Achtung gebannt. Wäh« renb die Schlepper, gewöhnlich mit Kohlen bis obenhin beladen, daß Boohsrand und Wasserspiegel beinahe in derselben Ebene liegen, unter riesigen Brücken durchgleiten, einmal eine Schiffsbrücke sprengen, einmal die Bahn eines Trajektes kreuzen, und immer wieder den flinken, elegant hinfegenden Dampfern begegnen, die flußabwärts fahren, trinken die Schiffer den Wein, wenn sie überhaupt einen Haben, um die Erkenntnis, wie sehr die Fahrt ihres Lebens jener zähen, eintönigen der schwarzen Kohlenschlepper gleicht, zu dämpsen.
Und auch unter der Mandelblüte dampft unsichtbar der Sck)weiß. Hiev kam eine gnädige Erde an eine unsägliche fleißige Hand; hier verläßt sich ein rührendes Mühen nicht allein auf den freundlich gestimmten Himmel. Könnte jemals», wenn er je unter sengender Sonne bie gekrümmten Rücken der Weinbauern sah, auf denen bie abgeschwemmte Erde wieder in bie Höhe getragen wird, ohne Andacht eine Traube in Händen halten? Das Fruchtkriftall, das sich nicht nur zum Lobe des Schöpfers, sondern auch zu jenem des Menschen rundete? Es ist ein heroischer Kult, der sich mit raffinierten Methoden um jedes Bröfelchen Grbe bemüht. Sie dankt ihm aber auch mit paradiesischem Reichtum.
Doch es ist nun schon einmal so, daß jene, bie vorübergehend dem Zwang eines Joches entrannen, nicht daran erinnert fein wollen, die Arbeit auch nicht sehen, wenn sie dasür eben ein Vergnügen eintauschen. Für sie benutzt der Wind bie vielen Telegraphendrähte als Harfe, während hier jede Eile aus sehr irdischen Gründen immer noch mehr beschleunigt wird. Wer, den Ursachen mit wacher Sorge nahe, bie Züge an beiden Usern rheinaufwärts unb abwärts poltern hört, wer nur eine Stunde lang die Kohlenschlepper zählt unb daneben auch ein Auge hat für die Masten, die ben Kraftstrom über ßanb führen, wer bas Wasser bes Stromes schon mübe weiß von vieler Fron, wenn es unter ber ersten Burg vorüberrollt, wo man ihn zum Strom der Liebesleute und Weintrinker umbeuten möchte, dem kann es nicht verborgen bleiben, wie atemlos Deutschlanb geworben ist. Für ihn ist es bann auch überflüssig, baß am Ausgang ber sogenannten romantischen Strecke, knapp vor Koblenz, über Rebenhängen, brei riesige Schornsteine in ben Himmel ragen, drei Schwurfinger, die nach so vieler toter Vergangenheit die lebendige Gegenwart bezeugen. Welchem technischen Zweck immer sie dienen mögen, sie stehen sinnbildlid) als drei senkrechte Gedankenstriche am Ende eines sentimentalen Siebes.
Dem Glücke unb der Verschwendung sind bie Dichter stets wohlgesinnt gewesen; ihr Jubel aber ist durchsichtig. Ja: „Am Rhein, da wachsen unsere Reben". Doch keinem fiel es ein, zu ergänzen: „Am Rhein, ba wachsen auch unsere Erbäpfel". Nur wenige Stunden über dem Flusse, auf den kargen Feldern des Hunsrück und der Eifel, um bie stillen Dörfer des Taunus und bes Westerwaldes, von wo man aus Ruinen uralter Wachtürme in bie glückliche rheinische Tiefe fchauen kann, wo sich das Bauernjahr noch gegen finstere Mächte der Natur ausbäumt. Hier geht in dörflichen Häusern die Sage von einem Wein, den sie unten in ben Rheinstädten Liebfrauenmilch, Rüdesheimer, Daubenberger, Nutzbrunnen und weiß Gott noch wie heißen, von Mandelblüte, Honig und Milch. Ohne die ernsten, braunen Berge, ohne die stumm«, tapfere Armut auf ihren Höhen wäre der Strom feines tieferen Sinnes beraubt. Es ist feine Bestimmung: er mutz deutschen Schweiß zum Meere hinab führen, seit jenen Zeiten, da bie Anrainer noch schwer mit ihm kämpsten, weil es geschehe» konnte, daß sie linksrlieinisch schlafen gingen unb rechtsrheinisch aufwachten.
Er macht es ber Wahrheit nicht leicht, der dunkel raufdjenbe Strom, beim nicht immer ist hellichter Tag, ber feine Erscheinungen zu zählen unb zu wägen zwingt, nicht immer bröht ber Eisstoß, donnert die Flut der Schneeschmelze, bes Herbstregens. Das unbelehrbare, törichte Herz, verdorben nun einmal ein Jahrhundert hindurch unb länger, lauert nur auf ben ersten unbewachten Augenblick. Wenn es keinen Widerspruck) mehr zu fürchten braucht, erlöst cs sogleich seine eingebilbete ober wahre Sehnsucht: Ach ja, Wein unb Liebe am RheinI
Eisland.
Roman einer Expedition.
Von Hellmuth Unger.
Copyright by Carl Schünemann, Bremen.
tFortiepung.; .
Heulend, winselnd, bellend, als ob sie genau begriffen, was ihnen ohne ben Schutz ber Menschen bevorstand, drängten sie ber Ketten lebig an den Ranb der Eisküste, als bie Mannschaft aufbrach. Einer erreichte schwimmend bie Barkasse, würbe aber zurückgestoßen. Zwei, drei stürzten ihm nad) in die eiskalte Flut und versanken.
Lange noch gellte bas Geheul ber Hunde herüber, bis die Küste im Nebel verschwand.
So günstig und ausfidjtsreid) die Fahrt durch den eisfreien Kennedy Kanal begonnen hatte, [o rasch unb unerwartet grausam war das Booi- abenteuer am selben Tage zu Enbe. Treibende, übermächtige Eisschollen bedrängten die Barkasse, zwengten sie wie mit Zangen ein und zerbrachen ihre Rippen. In jäher Fluckst mußte sie preisgegeben werden. Die Mannschaft vom Fort Eonger schleppte sich zu Fuß über bas Packeis weiter unb erreichte völlig erschöpft unb nicbergebrodjen nach einem Monat Eskimo Point, wo Greely ein neues Lager errichtete: Camp Clay.
Weit von der Küste verschlagen befanb sich bi« Erpebiton setzt sogar außer Sicht des erwarteten Dampfers und als letzte Hoffnung blieb nur noch der Marsch nach Cap Sabine, wo man Nachrichten und Lebensrnittel vorzusinden hoffte.
Sergeant Rice und der Eskimo Edvard als die Kräftigsten ber Mannschaft brachen mit Schlitten dorthin auf.
Dies ist bie Geschichte der Mannschaft Greelys, ehe sie auf ber Flucht vor bei» Tobe Camp Clay erreichte.
*
Etwa eine Meile vom Lager entfernt türmt fid) ein mächtiger Hügel über der weißen Ebene. Durch 3u<ammenbrängenbc Eismassen ist er im


