Schnöck nie vergessen.
mittag. ... . , .
Die Sonne steht bereits schräg über den Weiden, als «Knock in einem Leibe ein leeres Ziehen verspürt, das ihn daran erinnert, sich sein Abendessen zu erjagen. Einstweilen ist dieses Gesühl noch gut erträglich, aber man hat ja Erfahrung in solchen Dingen, es fann aud) verflucht unangenehm werden. Im Winter zum Beispiel, wenn sich die besten M che verschlammt und verlandet haben. Heut aber ist keine Gefahr. Schnock braucht nur nach oben zu stützen, um einen gut dreipfündigen Aitel zu fassen Er braucht bloh zu schöpsen. Wolken von Fischen spielen um ihn, Aitel. Plötze, Büschlinge und Rotsedern; am sacht verrinnenden Gumpen- ouslauf blitzen äsende Nasen, die den Algenbezug des Bodens und die darauf lebende Kleintierwelt abschaben. Aber es sind auch Barben da, Brachsen und sogar ein paar fette Karpfen. Schnöck imponiert das alles nicht. Mag er nimmer. Hat er schon gehabt. Im Frühiahr wenn der erste gewaltige Hunger gestillt ist, wenn er etwas Fett angesetzt hat und das alte Gewicht wieder da ist, bekommt er oft so sonderbare Gelüste. Er möchte dann immer etwas Gutes haben. Etwas Feines, Weiches, das wie Sonne im Leib tut. Er möchte etwas Warmes haben. Er weih schon was.
Langsam läht er sich emportreiben; schräge mit halb geöffnetem zah- nlqem Rachen, der wie ein flacher, bis unter die Augen gespaltener, riesiger Entenschnabel ist. So — als ein Bild des leibhastigen, reißenden
Schnöck durchschwimmt sein Reich. Lauert, stoßbereit wie eini Torpedo -- und schwimmt wieder weiter. Das, was er inochie, findet er hier nicht Es gibt gerade nichts Warmes am Rande der Gumpe. Nichts, was Haare ober Federn hat. Selten nur verlätzt Schnock fein Reich. Heute, weil er so besondere Gelüste hat, tut er es.
Stundenlang, Angst und Schrecken verbreitend, schwimmt er slußauf- wärts. Eine unvorsichtige Wasserralle bildet die Grundlage für das Kommende Unterhalb Asbach biegt er in den Mühlkanal ein, zieht ruhig, Lstätifch in das Mche Ufer, durch dessen dichte Verkrautung zu schwimmen ihm im Sommer unmöglich ist. Erinerung zieht ihn vorwärts. Frehlust, gepaart mit List. Ja — da ist der Mühlschuh wieder, woes die guten Ratten gibt. Die zarten, warmen, welchen. Hier wird er lauern.
Neben dem Mühlschutz befindet sich ein kleines, sandiges DeUa- Allerlei Abfälle stranden dort, und deshalb stellt es einen behebt en ^lsstulwort der Wasserratten dar. So eine Art Tischlein-deck-blch. Schnock wartet dai- auf, daß es sich für ihn decken fall. Besser. Denn eine sitzt schon da und schmaust, während die zweite vorsichtig aus einem Ablaufrol)r heraiw- windet. Endlich steht sie frei. Und nun erst, wo alles sicher scheint, beeilt sie sich neben die Kollegin zu kommen, um ihr zu helfen.
Da geschieht es plötzlich, daß ein dunkles Etwas, wie ein Baumstamm, gifcktend über das Delta fegt. Eine breite Schwanzflosse ragt fekunden- tong noch aus dem Wasser, und jetzt ist alles wieder spurlos ni dcr Michlgumpe versunken. Die beiden Ratten aber sind weg. Mit Schnoc..
Zwei Ratten, was sind zwei Ratten? Man hat jetzt zwar eine angenehm? Wärme im Bauch. Dazu ein äußerst gemütliches Gekraddel. Es ist sehr nett, aber es sollte halt mehr sein.
Schnöck wartet wieder. Perlend rinnt die Strömung um seine flanken Gelassen, kaum die Flossen regend hält er gegen das treibende Wasser an. Aber es rührt sich nichts. Auf dem Delta bleibt es ruhig. Keine Ratte will sich mehr zeigen. Fad.
Aber was ist denn das? Hinter seinem Rücken, wo die Kumpe flach in eine Pferdeschwemme mündet, hört er aus einmal lautes Platschen, Schnattern und Kreischen. Er sährt herum. Da stehen viele Helle Flecken über dem Wasstr, Böge!, die laut mit den Flügeln schlagen, fd)one, weiße, herrlich anzuschauende Gänse. Und am Ufer steht auch em Men,chen- iunges^ ein Heines Zweibein, nur mit einer Weidengerte in den Händen, aber ünmerhin doch - ein Mensch. Er sieht sehr harmlos aus. Ist s nicht freundlich von ihm, daß er die großen Vogel ins,Wasser treibt Dock ia. Schnöck nimmt es dankend an. Hahrt naher. Und der angst, gelähmte Bube muh zusehen, wie jählings ein entsetzlich langes Ungc- beuer pfeilschnell durch das Wasser schießt: er sieht einen gewaltigen Rachen ausklappen, sieht ihn eine gellend krelschende Gans erschsen und dann das Ganze, dunkel und lautlos, wie «s kam, wieder in der Ke,e ! verschwinden. Die Gänse schreiend an Land geflattert. Der kleine Muller- I iackl steht noch eine ganze Weile wie von Gott und allen guten ®eiitern I verlassen da ehe er einigermaßen begreift. Endlich aber dämmeris boj I in dem kleinen Hirn, die Füße zucken, fangen an zu laufen, 3U rennen er itiint heult rafft sich wieder auf, plärrt ganz entsetzlich und schreist jetztendl'ichÄnn?rs in Worte fassen: „Onkel! Onkels A Krokadil!!"
Wie sie dann kommen, nachdem sie vom Buben alles erfragt haben, mit Sensen und Schausein, der Müller mit feinem alten Schießgewehr I ist der Hecht natürlich nimmer da. „In d Gumpen >s er neu sthreit I Bub Und der Müller, der das Kommando übernommen hat brüllt zur Mühle hinauf daß sie doch endlich in Dreiteufelsnamen das Wasser
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Ufer. Und no amal, haut's zu, wenn der Kerl kommt! Allez — marsch.
Schnöck ist mit seinem Raub in die Tiefe gefahren. Leichter risse man ein junges Schwein. Die blöde Gans will ewig leben, mckdw Flügel rutschen ihm immer wieder zum Maul heraus. Hat er glücklich «'N drinnen, so flutscht der andere wieder davon. Es ist ein bissel unbequem Aber gar nicht langweilig.
Plötzlich spürt der alte Wasserwolf, wie sich die Wirbel. immeiHeg um ibn drehen. Oh, man hat so seine Ersahrungen! Man istI« nicht ca erstemal hier gewesenI — Vorsichtig, mit den verebbenden Wassern A ich am Rabber Gurnpe hinausschleichen Aber da fteh en. MeA Und mitten im Wasser noch einer. Und drüben wieder einer! Rur lange überlegt, Schnöck! Mitte gefaßt, ein Hieb mit dem gewaltigen Rudc
und — durch!
, I Herrgottsakra!" brüllt der Schorsch und haut zu. „Da ktmmt -n fthreit das Büberl viel zu spät. Und die Kanone donnert, und auch d-
J laoerl haut hinterher noch brav ins Wasser f)lineini. aber fo
war und so wohlgemeint — es hat alles nichts genutzt Grimnug m t sich der Schorsch, die verbogene Schilssense aus dem, Grund zu Z h . Der Müller slucht, daß es eine Art hat und beteuert immer wnd , » er aenau gesehen hätte, daß dem Schnöck die Gans noch aus dem herausgeschaut habe. „Sakrawolltnoamal! Vorhalten hätt '-ch ba . ^ bei der Geschwindigkeit, net mitten drauf, dann halt ich ihn g<t II
fcen Impressionistisch waren einzelne Vorgänge in ihrem Umritz fest- ^hniton iinh mehr oder weniger lose aneinandergereiht. Im „Entgleisten
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ist also Holzamer als Vorbote des Expressionismus zu betrachten, mag auch in seinen Werken das Expressiomstische nicht.vorherrschmd sem E m nniumvlmipn dafi er fick weiter gewandelt hätte, «eine iiseirairicijuu ung jedenfalls,' die Kritik an Gesellschaft und Kirche stellen ihn in die Nähe der Expressionisten.
ftnhamers aufwärtsführende Entwicklung wurde leider durch einen allzufrühen Tod abgebrochen. Er starb bereits 1907 im Alter von 37 3al)ren in Berlin wo er zuletzt gelebt hatte. Die schnellebige Zeit ging rasch über stin Schaffe? h nweg Aber heute, da man in Kunst und Dichtung wieder mehr zur Ruhe kommt, kann auch das Dichtwerk HKamers wieder größeren Anklang finden. Um das Andenken an den Dichter S" retten und die vergriffenen Werke wieder zugänglich zu machen, hat sich em Holz am er-Bund gebildet. Holzamer ist einer der wen,gen Dichter von Bedeutung, die aus hessischem Land hervorgegangen stnd. E-'stde-- halb zu hoffen, daß ihm besonders in seiner Heimat wieder größere Beachtung geschenkt wird.
Schnöck, der Hecht.
Von Otto Ehrhart, Dachau.
Leib an Leib stehen die winterschlammbleichen Friedfische unter dem Spiegel der großen Alter. Daran ist die Sonne schuld.
Die aute heiße Sonne, den warmen Föhn, der von den 2l!pen her- iiberweht das kann man gar nicht stark genug spüren. Wenn aurf) ber Hecht einmal dazwischen schlägt, die heckende, blitzschnell raubende D Herrn unvermutet aus der Strömung taucht —, man spritzt auseinander ist tun darauf wieder da und himmelt von neuem die Sonne an. Liner weniger ober mehr. Man merkt es kaum. Man wird nicht gerade be Nächste fein. ...... .... ,
Der Tod lauert jetzt überall. UeberaU frißt man und ist bemüht, selbst nicht gefressen zu werden. Aber nirgends ist es gesahrlicher als über dieser Tiefe. Doch wer denkt an die tiefe, wer denkt an den Tod. Sonne will man haben, Wärme, gefährliche Wärme weil ste elnen^ so wohhg und träge macht. Immer höher hinauf druckt sich das kalte Blut, bis die Rückenfloffen wie kleine Segel über dem Wasser stehen...
Wo die mächtigen Wirbel verwallen, an die acht Meter tief auf dem Grunde der großen Gumpe, hat die Strömung einen glatten Baumstamm hingelegt. Ein mannschenkelstarkes, fast zwei Meter langes bemoostes Holz das schon lange im Wasser liegen muß, und das an den Enden schmäler und flacher abgeschlissen ist. Ein junger Aitel, der plötzlich m die Nähe dieses Holzes gerät, schießt jäh zur Seite, schlagt ewen Haken und nockmal einen und — ist für heute weg. Ach, das Holz erschreckte ihn nicht Aber ba, wo es flach wird, hat er in dem niederen Schädel ein paar scharfe, giftige Lichter gesehen, Hechtaugen, die ')m f°rnllich bis in die Eingeweide drangen, und darunter sah er einen langen, mit solchen nur so gespickten Höllenrachen klaffen.
Reqlos liegt Schnöck, der Urhecht des Staltenmoores so da. Stundenlang. Bloh die handtellergroßen Flossen wehen sachte, und der Schwanz, der wie das Steuer eines normalen Bootes ist, spielt gegen die Strömung an Schnöck ist satt. Er hat zum Frühstück ein Dutzend starker Nasen vertilgst und der letzte dieser Unglückssische hing ihm bis vor einer Viertelstunde noch aus dem Maul heraus. Wozu aber arbeiten, fr« en? Es ist so viel schöner. So träge unter den hämmernden Wassern zu hegen während nur die Lichter messen, schätzen, wagen undjebe Bewegung registrieren, bie geschieht. Es müßte schon ein ganz besonders guter Leckerbissen sein, für den man feine Faulheit riskierte. — So vergeht der Bor-
riesiger Entenschnabel ist. So — ats em «no oe3 wiv-)u,u«ev, ^uivuytu . war eine aufregende Geschichte gewesen. Dem kleinen
Todes, legt er sich neben die Strömung. Und die Kumpe ,st leer. Alles, ! ausnehmend gut gefallen. Also kein Krokodil war es g
was vorhin noch um ihn war, ahnungslos über und neben Km spielte, ron!>er^ ein Ein Fisch! Herrschaft, so ein Fisch! Und et: l« • ist geflohen. Hat sich ins Kraut gedruckt, Ins Schilf, unter die Weiden- I > Q[au&en j)ic Nase laust ihm vor Erregung, und die ögnös lülg wurzeln, irgendwohin, wo nur ein halbwegs brauchbares Versteck zuflfm- ^Qcj>( <Y nuv von dem gewaltigen Fisch, der dann natürlich v>e ,
den war. Ja, selbst so große Fische, wie der trage^ vollgeschlagene Hecht, Krokodil ist, das ihn gerne fressen möchte. Er wird das Erlebn, der Achtpfünder, der vorhin noch unter der uberhangenden Wecke stand, I M '
haben sich gedrückt. Schnöck könnte ihn am Ende für einen Jungfisch


