Ausgabe 
28.3.1930
 
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SietzenerZaimIienblätter

Unlerhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger

Jahrgang <950 ~ Freitag, den 28. März Nummer 25

Erster Frühling.

Von Johann Georg Fischer. Springt der Bube das Dorf hinaus: Vater, es ist schon Frühling drauß, Zum Schmetterlingsfang die beste Zeit."

Ist zwar kein Frühling noch weit und breit. Fing kaum der Staub des Märzen an; Doch die Jugend will ihren Willen Han.

Wie, wenn ich nach dem Jungen ging, Zu schauen, was er im Garne fing? Freute mich ja so ein Falter selber, So ein roter oder zitronengelber! Richtig! da flattert's schon; doch wie! Sah ich doch all mein Leben nie Einen so artlichen Schmetterling: Ein milchjung, gefchlacht und huschig Ding, So scheu halb und so flüchtig noch. So dreist halb und fürwitzig doch, Minder im Fluge, mehr im Lauf, Ein herziger Kindskopf obenauf, Schwarzaugen, so funkelnd und feuernd schon, Zöpfe, so lang als die ganze Person, Eine rote Masche als Halsgeschmeid, Statt der Flügel ein fliegend Kleid, Und ein lustiges Kreuzband zum Beschluß Kurzweilig zeichnet den muntern Fuß.

Ein Extra-Märzenvogel der! Mein luftiger Aergster hinterher. Das Schmetterlingsgarn verächtlich weggeschmissen. Ja nun, nun freilich muß Frühling sein, Er blüht mir ja selber zum Haus herein; Was doch die Jungen alles besser wissen!

Wilhelm Holzamer.

Zu seinem 60. Geburtstage.

Von Karl Hetterich.

Der Dichter Wilhelm H o l z a m e r entstammt hessischem Land. Seine Geburtsstätte liegt in Rheinhessen nicht weit von Mainz: in Rieder-Olm. Dort erblickte er 'am 28. März 1870 das Licht der Welt und dort verlebte er seine Kindheit. Dann besuchte er in Mainz die Realschule und bezog das Lehrerseminar in Bensheim. Die Realschule in Heppenheim a. d. B. wurde sein erstes Wirkungsseld. Er unterrichtete an ihr, bis der Groß­herzog von Hessen aus den jungen Dichter aufmerksam wurde. Im Jahre 1902 wurde Holzamer durch seinen treubesorgten Landesfürsten der Last des verhaßten Berufs enthoben und als Verwalter der Großherzoglichen Kabinettsbibliothek nach Darmstadt berufen. Dabei war der Dichter noch kaum mit größeren Werken hervorgetreten. Zwei kleine Gedichtsamm­lungen nur und zwei Bändchen Erzählungen, dazu noch die Festspiele für die Ausstellung der Darmstädter Künstlerkolonie (1901) waren die ersten dichterischen Erzeugnisse Holzamers gewesen.

Jetzt aber beginnt seine Hauptjchaffensperiode. Sein eigentliches Ge- diet ist die Erzählung. Die beiden ersten SammlungenAuf stau­big e n S t r a ß e n" undIm Dorf und Draußen" hatten schon die Hauptmerkmale von Holzamers Art gezeigt. Diese ist bestimmt auch durch den Zug der Zeit. Die geruhsame Kunst der Jahrhundertwende tritt auch bei Holzamer hervor. Er liebt noch nicht die starke Bewegung und auch nicht die Tendenz. Gewiß zeigt ihn die GedichtsammlungZ u m ^'cht (1897) unter dem Einsluß Nietzsches. Hier blickt in manchen Ge- wchten eine stolze und selbstbewußte Haltung durch, ein Prophetentum öe» Dichters. Aber das verliert sich bald, denn es war nicht ganz holzamers ureigenstem Wesen entwachsen. Und auch eine Vorliebe für die jNUne, in sich ruhende Form hatte stch teilweise in den Gedichten ausge­sprochen, eine Neigung zur Verklärung und Erhöhung der Dinge. Die (nr ma?e ^er herrschenden Kunstrichtung gehen auch späterhin nicht ver- ren bei Holzamer. Daneben aber kommt ein neuer Zug bereits in den

Staubigen Straßen" zum Durchbruch: die Rückkehr zum Primitiven. Fortan gilt, wenn auch mit Unterbrechungen, die Liebe des Dichters dem einfachen Menschen aus dem ländlichen Volk. Seiner Heimat wendet er sich zu und entnimmt ihr die Stoffe für seine Dichtung. Er gibt nicht komplizierte Gestalten der Großstadt, sondern versenkt sich in die Seelen ganz abseitiger, stiller Menschenj deren Leben äußerlich wie innerlich in einfachen Bahnen verläuft. Für das Kleine und Unscheinbare schärft sich sein Blick. Er beobachtet fein und genau. Die erhabene Gesinnung und der Groll über eine nichtswürdige Welt sind gebrochen. Resignierend wendet sich der Dichter jetzt an die, die auch von der Welt der Falschheit, und Verstellung sich abkehren. ImPeter N o ck l e r", dem ersten und'' zu Lebzeiten des Dichters bedeutendsten Roman, wird das Schicksal eines einfachen Schneiders geschildert. Er steht abseits vom Leben und geht seinen Weg ohne Rücksicht aus die andern. Er ist einer von den Stillen, Entsagenden, aber keiner, der sich ganz unterkriegen läßt von den Mäch- . ten, die sich ihm entgegensetzen. In seinem rheinhessischen Heimatdorf hat er seine Lehrzeit abgedient und geht jetzt in die Stadt, um Neues zu lernen. Hier findet er ein Mädel, das ihm, dem etwas einfältigen und in der Liebe noch unerfahrenen Gesellen, überlegen ist. Sie hat ihn sofort in ihrer Gewalt, treu und bieder folgt er ihr. Aber da die Elise mit ihrem Peter auf die Dauer doch nicht zufrieden sein kann, läßt sie sich beim Tanz von einem mannhafteren Mann fortreißen und gibt sich ihm hin. Der Peter zieht betrübt nach Hause und findet sich in sein Schicksal. Er will jetzt nichts mehr wissen von der Welt, bekommt wieder Sehnsucht nach seiner Heimat. Die Elise aber, das Kind unterm Herzen, wird von ihrem neuen Geliebten verstoßen und wendet sich in ihrer Verzweiflung reuevoll und demütig an den Peter. Der Hämmert sich jedoch nicht an Sitte und Brauch, er läßt nicht seine Vernunft entscheiden, sondern sein Gefühl. Für ihn heißt es nicht mehr:Darüber kann kein Mann hinweg", wie bei Hebbel noch, sondern hier sind alle starren Gesetze gefasten, nur das Herz entscheidet, der natürliche Trieb. Liebe und Mitleid werden im Peter wach. Er heiratet die Clise und zieht mit ihr nach seinem Heimat­dorf, um sich im Stillen eine Existenz zu gründen. Aber für beide bleibt doch ein Rest, an dem sie ihr Leben lang zu tragen haben. Der Schmerz um ihr Schicksal wird nie ausgetilgt. Der Peter ist stets gütig und nach­sichtig gegen die Elise. Es kommt nie zu Vorwürfen. Aber die Elise ver­zehrt sich mehr und mehr in ihrem Leid. Denn sie ist jetzt ganz anders als in ihrer Jugend, demütig und still. Die beiden führen ein/bescheidenes Leben, ungetrübt von Widerwärtigkeiten. Aber die Elise kann nicht mehr froh werden. Und so stirbt sie in Kummer und Sorge um den Peter und ihre Schuld an ihm. Der Peter aber läßt den Mut nicht sinken. Er hat auch gelitten, aber er versteht es, sich nicht erdrücken zu lassen.

Die Gestalten Holzamers bekommen fast alle die Allgewalt des Schick­sals zu spüren. Dieses steht deutlich spürbar hinter allem Geschehen. Und durch alle Werke des Dichters geht ftärtgr oder schwächer ein Zug von Schwermut hindurch. AuchDer arme Lukas" bringt solch eine Ge­stalt, die im Leben nicht durchkommt und sich dann bescheiden in die Ein­samkeit zurückzieht. Der Lukas ist auch einbesiegter Sieger" wie der Peter Nockler. Diese Menschen haben nicht die Kraft, sich gegen feind-, liche Gewalten aufzubäumen. In Entsagung enden meist Holzamers Er­zählungen.

Erst allmählich weilet sich des Dichters Blick, und nach und nach hellt sich auch der dustere Himmel etwas auf. Eine neue Welt erschließt sich ihm. In Darmstadt hielt «s ihn nicht lange: Er sucht Freiheit von allen Fesseln und geht nach Paris. Aber in seiner Dichtung vollzieht sich der Wandel nicht so rasch. Die nun folgenden FrauenromaneSie 6 t u r m f r a u", I n g e" undElli da Solstratten" sind nicht ausgereift. Er hatte die neuen Stosse noch nicht genug in sich verarbeitet, um ihnen volle dich­terische Gestalt verleihen zu können. Aber für feine heimatlichen Geschichten hat er manches gelernt. Er ist dem Leben jetzt näher getreten. Und so kann er auch inV o r Jahr und Tag" noch andere Gestalten lebens­wahr schildern als nur jene still-entsagenden, schmerzdurchpulsten Ein­samkeitsmenschen. Dieser Roman, heute vielleicht das beste Werk des Dichters, gibt uns klargeschaute Bilder aus dem ländlichen Leben. Nicht der alltägliche Mensch wird geschildert, Holzamer hat eine Vorliebe für die Absonderlichen. Ihr Seelenleben zieht ihn an. Nicht äußeres Geschehen schildert er uns in seinen Werken. Feinfühlig spürt er den inneren Regun­gen feiner Gestalten nach. Hier in der psychologischen Ausdeutung liegt die Stärke des Dichters. Aber wesentlich ist, daß er sich nicht besondere seelische Verwicklungen als Stoff wählt, sondern die einfachsten Seelen­vorgänge. Ganz besonders liebt er es, Schmerz und Sehnsucht auszumalen. So auch inVor Jahr und Tag". Daneben aber sind in diesem Roman aud) Vorgänge anderer Art, wie etwa Streit und Krieg geschildert. Und selbstbewußte, ja trotzige Menschen kommen vor.

Die Zeit der tiefsten Depression des Dichters ist jetzt vorbei. Einen Schritt weiter geht er noch mit (einem letzten Roman, demEnt­gleisten". InVor Jahr und Tag" waren nur Stimmungsbilder gege-