Ausgabe 
28.2.1930
 
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war, um Rat.

(Schluß folgt.)

Verantwortlich: Dr. HanS Thyrivt. Druck und Verlag: Drühl'fche UniverfitätS'Vuch- und Steindruckerei, R. Lange, Giehen.

reichen: Vourais entfernte sich um diese Zeit auf rätselhafte Weise, und die alten Bekannten gingen allmählich von hinnen: Guyot, Liebard, Frau Lechaptois, Robclin und der Onkel Gremanville, der schon lange gelahmt ^^Eines'Nachts verkündete der Postkutscher zu Pont-l'Eveque die Juli- Revolution. Wenige Tage darauf wurde «in neuer Unterprasekt, Baron von Larsonniere ernannt, welcher Konsul in Amerika gewesen war und allster seiner Frau seine Schwägerin mit drei schon ziemlich großen Töch­tern bei sich hatte. Man sah sie auf ihrem Rasen, in flatternde Blusen gekleidet: sie hatten einen Neger und einen Papagei in ihrem Besitz. Frau Aubain empfing ihren Besuch und verfehlte nicht, ihn zu erwidern Wenn sie in der Ferne auftauchten, eilte Felicitas herbei, um Frau Aubain zu benachrichtigen. Aber nur eine Sache war einzig imstande, sie zu erregen. Die Briefe ihres Sohnes. ,.. . , .

Er konnte keine Laufbahn verfolgen, da ihn die Wirtshäuser zu sehr in Anspruch nahmen. Sie bezahlte ihm seine Schulden, er machte neue, und die Seufzer die Frau Aubain, am Fenster strickend, ausstieh, drangen bis zu Felicitas, die in der Küche ihr Spinnrad drehte.

Sie gingen zusammen längs des Spalieres spazieren und sprachen stets von Birginie, indem sie sich fragten, ob diese oder ,ene Sache ihr gefallen haben würde oder was sie bei dieser oder jener Gelegenheit wahrschem- lich gesagt hatte.jnen ^enstände füllten in dem Zimmer mit den zwei Betten einen Wandschrank. Frau Aubain besichtigte sie Jo fetten wie möglich. An einem Sommertag entschloß sie sich dazu, und Falter schwirr­ten aus dem Schrank« hervor.

Ihre Kleider hingen aufgereiht unter einem Brett, aus dem drei Puppen lagen, Spielreifen, ein Besteck und der Napf, besten sie sich be­dient hatte. Sie zogen auch di« Unterröcke, die Strümpfe und die Taschen­tücher hervor und breiteten sie auf den beiden Betten aus, ehe sie sie wieder zusammenlegten. Die Sonne beleuchtet« diese armen Gegenstände und machte die Flecken und die Falten sichtbar, welche die Bewegungen des Körpers gebildet hatten. Die Luft war heiß und blau, eine Amsel zwitscherte, alles schien in tiefer Wonne zu leben. Sie fanden einen klei­nen, kastanienfarbenen Hut aus langhaarigem Plüsch wieder, aber er war ganz vom Wurm zerfressen. Felicitas bat ihn sich aus. 3f)re .fGen blieben ineinander haften und füllten sich mit Tranen, endlich öffnete die Herrin ihre Arme, die Magd warf sich hinein, und sie umschlangen einander und stillten ihren Schmerz in einem Suffe, der sie einander

Das"war das erste Mal in ihrem Leben, denn Frau Aubain war nicht weichherzig veranlagt. Felicitas war ihr dafür erkenntlich wie für eine Wohltat iind liebte sie fortan mit einer tierischen Ergebenheit und reli­giösen Verehrung.

Ihre Herzensgüte entwickelte sich. _

Wenn sie in Der Straß« die Trommeln einer marschierenden Solda­tenschar vernahm, stellte sie sich mit einem Mostkrug vor di« Tur und bot den Soldaten zu trinken. Sie pflegte Cholerakranke, ft« beschützte die Polen, und es befand sich sogar einer darunter, der erklärte, sie heiraten zu wollen. Aber sie erzürnten sich, denn eines Morgens, als sie vom . Angelus zurückkam, fand sie ihn in ihrer Küche, wo er sich eingeschlichen und sich einer sauren Suppe bemächtigt hatte, die er ruhig verzehrte.

Nach den Polen war es Vater Colmiche, ein Greis, der im Jahre 93 Greueltaten verübt haben sollte. Er lebte am Flußufer in dem verfallenen Mauerwerk eines Schweinestalles. Die Gassenbuben belauerten ihn durch die Mauerritzen und warfen mit Steinen nach ihm, welche auf sein arm­seliges Bett niederfielen, auf dem er dauernd von einem Katarrh geschüt­telt mit sehr langen Haaren, entzündeten Lidern und einer Geschwulst am Arme lag, welche größer war als sein Kopf. Sie versah ihn mit Wäsche, versuchte fein Schmutzloch zu reinigen und träumte davon, ihn im Waschhause unterzubringen, ohne daß di« gnädig« Fran dadurch ge­stört werden sollte. Als das Geschwür aufgegangen war, verband sie ihn alle Tage, brachte ihm manchmal Kuchen und setzte ihn auf ein Stroh- bündel in die Sonne, und der arme Alte dankte ihr speichelnd und zitternd mit seiner erloschenen Stimme, fürchtete fie zu verlieren und streckte seine Hände nach ihr aus, so wie er sie sich entfernen sah. Er starb, und sie ließ eine Messe für di« Ruhe seiner Seele lesen.

An jenem Tag widerfuhr ihr ein großes Gluck: um die Zeit des Mittagessens stellte sich der Neger der Frau von Larsonniere ein, in der Hand den Papagei in seinem Käfig, die Stange, die Kett« und das Schloß. Ein Bries der Baronin meldete Frau Aubain, daß fie, da ihr Mann in ein« Präfektur erhoben fei, abends abreisen würden, und sie bat, den Vogel als ein Andenken und ein Zeichen ihrer Hochachtung annehmen zu wollen.

Er beschäftigte feit langem Felicitas' Phantasie, denn er kam aus Amerika, und dieses Wort erinnerte sie so sehr an Viktor, daß sie sich bei dem Neger danach erkundigte. Einmal hatte sie sogar gesagt:Wie glück­lich würde di« gnädige Frau sein, ihn zu besitzen.'

Der Neger hatte dieses Gespräch seiner Herrin wieder erzählt, und da diese den Vogel nicht mitnehmen konnte, entledigte fie sich seiner auf diese Weise.

Er hieß Lulu. Sein Körper war grün, die Enden seiner Flügel rosa, seine Stirn blau, und seine Kehle golden.

Er besah aber die ärgerliche Sucht, seine Stange zu zerbeißen, rupfte sich die Federn aus, warf seinen Unrat umher und verschüttete das Wasser seines Badekastens: Frau Aubain, die er belästigte, schenkte ihn für immer Felicitas.

Sie unternahm es, ihn zu unterrichten, und bald rief er:Lieber Junge! Ihr Diener, mein Herr. Ich grüße Sie, Marie!" Er erhielt seinen Platz neben der Tür, und viele verwunderten sich, daß er nicht auf den Namen Jakob hörte, da doch alle Papageien Jakob hießen. Man verglich ihn mit einer Pute, einer Gaus: das waren ebenso viele Dolchstöße für Felicitas. Welch absonderlicher Eigensinn war es auch von Lulu, nichts mehr zu sprechen, sobald man ihn ansah.

Nichtsdestoweniger sehnte er sich aber nach Gesellschaft, denn am Sonn­tag, während die Damen Rochefeuille, Herr von Houppeville und neue Freunde: der Apotheker Onfroy, Herr Bärin und der Hauptmann Mathieu ihre Parti« spielten, schlug er mit seinen Flügeln an die Scheiben und gebärdete sich so wütend unbändig, daß es unmöglich war, sich zu ver- fielen.

Die Gestalt Sourais erschien ihm zweifellos sehr spaßhaft. Sowie er seiner gewahr wurde, fing er an zu lachen, zu lachen mit allen seinen Kräften. Die Ausbrüche seiner Stimme drangen bis in den Hof, das Echo wiederholte sie, die Nachbarn stellten sich an ihre Fenster und lachten auch, und um von dem Papagei nicht gesehen zu werden, drängte sich Herr Sourais, sein Gesicht mit dem Hut verhüllend, an die Mauer, er­reicht« so den Fluß, trat dann durch die Gartenpforte ein, und die Blicke, die er dem Vogel zuwarf, ermangelten der Zärtlichkeit.

Lulu hatte vorn Metzgergesellen einen Nasenstüber bekommen, weil er sich erlaubt hatte, den Kopf in seinen Korb zu stecken, und seitdem ver- suchte er stets, ihn durch fein Hemd hindurch ins Fleisch zu kneifen. Fabu drohte ihm den Hals umzudrehen, obgleich er trotz der Tätowierung seiner Arme und trotz seines großen Backenbartes nicht grausam war. Im Gegenteil! er hatte vielmehr «ine Neigung zu dem Papagei, die sogar so weit ging, daß er ihm aus Uebennut Flüche beibringen wollte. Felicitas, welche diese Umgangsformen erschreckten, stellte ihn in die Küche. Seine Kette wurde ihm abgenommen, und er durste frei im Hause umhergehen.

Wenn er die Treppe herunterstieg, stemmte er die Krümmung seines Schnabels auf die Stufen und hob zuerst das rechte Bein, bann das linke: Felicitas lebte in steter Angst, diese Turnerei möchte ihm Schwindel ver­ursachen. Er wurde krank und konnte nicht mehr sprechen noch fressen. Unter feiner Zunge hatte sich eine Verdickung gebildet, wie sie manchmal die Hühner haben. Sie heilte ihn, indem sie dieses Knötchen mit ihren Nägeln herausriß. Eines Tages beging Herr Paul die Unklugheit, ihm den Rauch einer Zigarre in die Nasenlöcher zu blasen-, ein andermal reizt« ihn Frau ßormeau mit der Spille ihres Sonnenschirmes, er riß die Zwinge ab; zuletzt endlich kam er abhanden.

Sie hatte ihn zur Erfrischung ins Gras gesetzt, entfernte sich auf eine Minute und fand, als sie zurückkam, keinen Papagei mehr! Zuerst suchte sie ihn in den Büsc^n, am Rand des Wassers und auf den Dächern, ohne aus ihre Herrin zu hören, welche ihr zurief:Nimm dich doch in acht! Du bist verrückt." Dann suchte fie alle Gärten von Pont-l'Eveque ab und hielt die Vorübergehenden an:Haben Sie nicht vielleicht irgendwann einmal zufällig meinen Papagei gesehen?" Denen, die den Papagei nicht kannten, machte sie eine Beschreibung von ihm. Plötzlich glaubte fie un­ten am Hügel hinter den Mühlen etwas Grünes fliegen gesehen zu haben. Auf dem ganzen Hügel nichts! Ein Hausierer verfick-erte ihr, daß er ihm soeben in Saint-Melaine in Mutter Simons Laden begegnet fei. Sie lief hin. Man verstand nicht, was sie wollte. Schließlich kam sie zurück, er- chöpft, di« Schuhe in Fetzen, den Tod in der Seele, und wahrend sie mitten auf der Bank neben der gnädigen Frau saß und alle ihre Laufe­reien erzählte, fiel ihr ein leichtes Gewicht auf die Schulter, Lulu. Was Teufel hatte er gemacht? Vielleicht war er in der Umgegend auf einem Spaziergänge gewesen. . ...

Von diesem Erlebnis erholte sie sich nur schwer, oder fie erholte sich vielmehr niemals wieder davon.

Infolge einer Erkältung bekam fie eine Halsentzündung, wenige Ze» darauf ein Ohrenleiden. Drei Jahre später war fie taub und sprach seht laut selbst in der Kirche. Obgleich ihre Sünden, ohne Unehre für fie, noch Schaden für die Welt, an allen Ecken der Gemeinde hätten gehört werd-,! können, hielt es der Herr Pfarrer für angemessen, ihr« Beichte nur noch in der 'Sakristei zu empfangen. . , t

Täuschendes Ohrensausen verwirrte sie vollends. Ost sagte ihre Her­rin zu ihr:Mein Gott, was bist du dumm!" Sie antwortete:Ja, gnä­dige Frau" und suchte etwas hinter sich.

Der kleine Kreis ihrer Vorstellungen verengerte sich noch, und ras Läuten der Glocken und das Brüllen der Ochsen erreichte sie nicht mehr Alle Wesen lebten mit der Lautlosigkeit von Gespenstern. Ein einziges Geräusch drang noch bis zu ihren Ohren, die Stimme des Papageis.

Wie um sie zu zerstreuen, wiederholte er das Ticktack des Braten­wenders, den gellenden Ruf eines Fischverkäufers und die Säge w« Schreiners, der gegenüberroobnte, und beim Klang der Türglocke machte er Frau Aubain nach:Felicitas, die Tür, die Tür!"

Sie führten lange Zwiegespräche, er, indem er bis zum Ueberdruß Die drei Sätze seines Sprachschatzes wiederholte, und fie, indem ft« daraus im Worten'ohne Folge antwortete, in,denen aber ihr Herz überfloß. Luui war ihr in ihrer Vereinsamung fast ein Sohn, ein Liebhaber. Er klü­terte auf ihre Finger, knabberte an ihren Lippen, Hämmerte sich an iyc Busentuch, und da'sie ihre Stirn senkte und ihren Kopf in der Weise der Ammen wiegte, schwankten die großen Flügel der Haube und tue öUigei des Vogels nebeneinander. .,

Wenn die Wolken sich türmten und der Donner grollt«, stieß er, viel­leicht in Erinnerung an die Regengüsse in seinen heimatlichen Walders laute Schreie aus. 'Das Rieseln des Wassers steigerte seine Raserei, e flatterte außer sich hin und her, stieg an die Decke hinaus, warf altes um und entwich durch das Fenster, um im Garten einherzuwaten, ww aber schnell wieder auf einen der Schemel zurück und zeigte, um (eine Federn zu trocknen, bald feinen Schwanz, bald feinen Schnavei-

An einem Morgen des schrecklichen Winters 1837, als fie ihn der Stal« wegen vor den Herd gestellt hatte, sand fie ihn mitten in seinem Kam tot, den Kopf nach unten und die Krallen in den Drähten. Ohne Zweiw hatte ihn ein Blutandrang getötet. Sie glaubte an eine Verg-skung dum Schierling, und trotz des Fehlens jeglichen Beweifes fiel ihr Verdacht au, Fabn. Sie meinte derart, daß ihre Herrin ihr sagte:So laß ihn w ausstopfen." , fn

Sie fragte den Apotheker, der immer gut zu dem Papagei geivep