Laufe der Zeit emporgewuchtet. Seine zackigen Grate sind in linder Som­merwärme geschmolzen und abgestumpft. Schnee hat alle Schrunden und Risse ausgefüllt und die Hügel dicht umhüllt. Nach Süden zu, wie durch ein Erdbeben ist zu irgendeiner Zeit ein mächtiges Stück des Eiskerns abgebrochen und lawinenwuchtig in die Tiefe gepoltert. In Spitzen und Zacken hoben sich drunten die Ueberrefte wie unruhige Wellen aus erstarr- ter Flut. Von Norden her haben die Winterorkane unablässig Schnee­massen herangefegt, so daß von dieser Seite der Ausstieg zur Kuppe leicht ist. . , .. c

Ein Kinderspiel für Leute wie Israel und William Croß, die auf Schneeschuhen emporklimmen. ... , ...

Unbeweglich niedrig und lauernd spannt sich Nebel über Eisland, der rostfarben hin- und herwogt.

Israel braucht nur seiner Spur vom vorletzten Tage zu folgen, um sich nicht zu verirren. Dieser Sommernebel ist nicht gefährlich. In halber Höhe glänzt schon das Eis der Kuppe durch die roten Maschen und die beiden Freunde müssen mit Händen und Füßen weiterklimmen. Wie aus rauchiger Flut stoßen sie durch die Schwaden hindurch in das warme Luftbad, das die Sonne in der Höhe bereitet.

Israel lacht triumphierend und kriecht aus dem Pelzwerk. Die Tem­peratur ist fast auf dem Nullpunkt und macht den nackten Oberkörper dampfen.

"Willst dir wohl einen Schnupfen holen, Benjamin I" warnt Croß gut­mütig und besorgt. Dann aber folgt er dem Beispiel des Kameraden.

Ja, es ist wirklich herrlich! Man ist in endloser Abwehr gegen die Kälte längst so vertiert, daß man den Körper nicht mehr pflegte. Um nicht zu frieren, kroch man kaum noch aus den Kleidern heraus. Waschen war Luxus geworden, wie das Bartschaben. So sieht man struppig und ver­wildert aus wie Menschen der Urzeit. Blaß ist die Haut geworden, aber die Wärme überhaucht sie rasch mit frischem Rot, nachdem die beiden Männer sich mit Schnee abgerieben haben. .

Croß richtet von Konserven die Mahlzeit her, während Israel mit dem Fernrohr den Horizont im Süden absucht.

Dort unten liegt Cap Sabine. Von dort müssen Rice und Edvard zurückkommen. ..... _ _ , , ...

Der Mittag verwandelt zauberhaft die Landschaft. Der Nebel lost sich im Blau des Himmels auf und verschwindet spurlos. Die weiteste Ferne rückt in den Bereich der Blicke. ,, ,,

Seitwärts in der Tiefe erheben sich die beiden Hutten der Mannschaft aus der Grellheit des Schnees. Ameisenklein und fast unbeweglich arbeiten dort die Kameraden an der Wiederherstellung der Wohnungen, die der Sturm fast ganz vergraben hatte. Dieser entsetzliche Sturm, der sie so mutlos machte! Doch Lebenswille ist stärker als alles. Man buddelt sich heraus aus der Finsternis der Höhlen wie der Bär nach dem Winter- schlafe. Der strahlende Tag, der erste seit langer, langer Zeit, ermutigt auch den Müdesten. .. , .

Tausend Brandpfeile schießt der Sonnenball in dre Tiefe, wärmt und berauscht. Und sein Flammen bedeutet Sommer, Leben, Hoffnung und Rettung. ,

Ostwärts von den Hütten bewegen sich auch einige Menschen. Das müssen Christiansen und Frederick sein, die fischen wollen. Sie haben em tiefes Loch ins Eis geschlagen und fangen Krabben.

Hast du noch nichts entdeckt, Benjamin?"

Nein. Aber ich glaube, ich kann den Berg von Cap Sabine er­kennen."

Croß nimmt das Fernrohr und sucht den Horizont ab.

Glaubst du, daß sie heute zurückkommen werden?"

Es ist der siebente Tag, William."

'Wenn sie unterwegs nicht verreckt sind!"

Der Alte erwartet sie ganz bestimmt" (Der Alte ist Leutnant Greely.) Das bedeutet einen starken Trost.

Ueberhaupt, William ..."

'Was überhaupt?"

Ich möchte sagen, ich fühle es."

Kann man das?" ~

Irgendwie. Unerklärlich. Sonst würde ich lachen über das Geschwätz.

Ich fühle auch, daß heute Sonntag ist."

"Es ist alles feierlich. Himmel und Landschaft. Es ist Freude in Refem Tage. Es ist ein guter Tag, William."

Hast du das bei deiner Astronomie gelernt?"

fVielleicht." , m ,

'Man mühte den Alten fragen, ob du recht hast. Der hat ia Buch über alle Stunden geführt. Ia, ja wird er antworten, heute ist Sonntag, Sergeant Croß. Sie sind ein tüchtiger Kerl, daß sie das aus dem Kopfe wissen"

Ohne Merkzeichen?"

sGanz ohne Merkzeichen, Kommandeur Greely."

Er wird lächeln. Und ich lache auch. Darüber, daß ich solch ein tüch­tiger Soldat bin, der riecht, wenn es Sonntag ist, weil mein Freund Israel es behauptet. Und dabei ist es vielleicht irgendein lausiger Dienstag oder Donnerstag.

Israel lache nicht.

F William ist gutmütig erbost.

Oder glaubst du, es stimmt, nur weil der Alte es behauptet? Wenn die Nacht hundertundvicrzig Tage hat wie hier, versagt auch der beste Kalender."

Israels Gedanken sind längst über Williams Scherz weitergestolpert.

Es ist mir so feierlich", hatte er sagen wollen. Beim Weiterdenken wird er wieder mutlos.

Glaubst du, daß wir Heimkommen werden, William? Wie?"

Heimkommen? Wir sind ja seit Monaten schon auf dem Rück­märsche."

da

.Und wenn ii

meinen

wurde,

dir

ich

Baby!'

Elison. Ia.

was von Krankheiten verstehst/ .

Frag Greely, was der dazu meint, wenn em Esser weniger ist!

William Croß war unfentimental, nicht bösartig. Man mußte ihn

Israel erinnerte sich einer Geschichte, die Lockwood letzten Winter über ihn erzählt hatte. Bei einem Vorstoß nach den Lockwood- und Brainard- Jnseln (wie die Eilande später getauft waren) hockten sie zu viert wahrend eines Sturmes in einer Schneehöhle und der Funke zum Feuermachen wollte nicht zünden. Da hatte William ein vergilbtes Papier aus der Tasche gezogen und damit Feuer gemacht.

Was hast du da?" fragte Lockwood.

Einen alten Brief."

So war William.

Und kein Wort wieder davon.

Israel, derBenjamin", wie er von den Kameraden genannt beneidete Croß um seine egoistische Gläubigkeit

Wenn das wahr ist, was du da sagst, William, dann hatte mancherlei anzuvertrauen."

Willst du etwa hierbleiben in der ewigen Sommerfrische?

Ich glaube nicht, daß ich nach Amerika zurückkomme."

Junge!"

Nein"

Du sollst sehn!" .

Es ist ein Gefühl, wie mit dem Sonntag.

, Dich hätten sie lieber daheim bei deiner Mutter lassen sollen,

William!"

Ohne Papier bekommt ihr kein Feuer.

Es war der letzte Brief seiner Braut. Und der einzige. Er tarn aus Cincinnati und erreichte ihn am Tag, als derProteus" abfuhr. Es stand etwas von Liebe und Treubleiben darin. Es war alles, was William von seinem Mädchen besaß. Lächelnd gab er es her, damit Bramaro Essen kochen konnte, denn sie froren alle.

Ich schämte mich damals," sagte Lockwood leise,ich hatte Brief nicht hergegeben."

Ernsthaft, William!"

Ich will dir was sagen, Benjamin, ob du mich auslachst oder nicht. Ich bin nur ein simpler'Soldat und habe nicht studiert wie du. Du hast dich dein Leben lang mit Sternen und anderen unnützen Dingen ab­gegeben, wovon ich nicht das geringste verstehe. Du hast niemals ein Mädchen geliebt, nicht wahr? Das hast du mir selber gesagt."

Was hat das mit meinem Studium zu tun?"

Oh, viel. Ich bin ein Mann der Tat, einer der ins Leben gehört, meine ich. Du weißt, ich habe eine zu Haus, die auf mich wartet. Ja, mein Gott, was wollte ich denn eigentlich sagen? Ja. Du bist nie abgelenkt worden. Du hast immer nur Interesse für die Astronomie gehabt. Und wenn du mir im Fort Conger vom ewigen Spiel der Gestirne erzähltest so sagtest du doch? dann fühlte ich, daß es irgend etwas gab, an das meine Gedanken gar nicht heranreichten. Du bist fromm, Ben- amin? He?"

Meinst du, daß ich an überirdische Mächte glaube?"

So etwa. Ich aber glaube an gar nichts. Ich glaube an meinen Dienst, weil ich ein braver Soldat bin, glaube an mein Mädchen, weil ie mich liebt und ich glaube, daß mein Leben nicht eine Sekunde eher zu Ende geht als ..."

Als?"

"Zum Teufel mit deinem Als! Du fühlst, daß heute Sonntag ist. Gut, das ist möglich. Ich aber fühle, daß ich wieder heimkomme. Das ist icher."

".Ich. Wch. 'Wir alle. Vielleicht. Sieh mich nicht so groß an, Ben-

"Darüber reben wir später mal, Benjamin. Aber verlaß dich auf mich, wenn du mich brauchst."

Allright my boy." , . -i,

Sergeant Croß nahm wieder das Fernrohr und suchte die Honzm

linie ab. Irgend was verschlug ihm die Stimme unt)

Sergeant Croß war später der erste, der starb. An Skorbut Hunger.

(Fortsetzung folgt.)

amin!"

Das ist wie eine Gewißheit in dir?"

Ja, Gewißheit."

Dann vielleicht auch wir."

Du wirst's erleben, daß ich recht behalte!"

So glaubst du also doch an etwas! Etwas, daß dich errettet?

An mich selbst, Israel."

Benjamin schweigt.

Oh, wie der hagere Sergeant Croß sich vor Hochmut aufbläht! Steht da unter Gottes strahlendem Lichtwunder, mit gebreiteten Armen und schreit fast: ich glaube nur an mich selbst! Ich, an mich. Und dabei wurde er allein keine fünfzig Meilen weit kommen, ohne zu verhungern.

Israel kennt den Freund. Es ist alles nur Trotz an ihm. Ueberschwang neuer Hoffnung hat ihn trunken gemacht. Das ist es. Uebermenschliche Mächte möchte er herausfordern.

Ihr mit eurer Wehleidigkeit!" schreit er weiter.Feiglmge seid ihr, alle! Wenn ich zu befehlen hätte, wären wir längst in Cap Sabine.

Und Elison? Und Henry? Wolltest du sie zurucklassen im Camp?

Croß weiß nicht gleich etwas zu erwidern.

Charles Henry liegt seit Tagen fieberkrank in der Hütte Niemand weiß recht, was ihm fehlt und Dr. Pavy schweigt. Korporal Elison ist überhaupt nicht transportfähig. Er hat sich bei der Flucht ubers Packeis beide Füße erfroren.

" Ich ihn hätte tragen sollen! , Henry hätte diesen Marsch nie überstanden. Wenn du

Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. - Druck und Verlag: Brühl'fche Universitäts-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gieb-"-

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