Jahrgang (950
Freitag, den 28. Februar
Nummer (7
Eichener KimilienbMer
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Oie wandelnde Glocke.
Von I. W. von Goethe.
Es rvar ein Kind, das wollte nie Zur Kirche sich bequemen, Und Sonntags fand es stets ein Wie, Den Weg ins Feld zu nehmen.
Die Mutter sprach: „Die Glocke tönt, Und so ist dir's befohlen. Und hast du dich nicht hingewöhnt. Sie kommt und wird dich holen."
Das Kind, es denkt: die Glocke hängt Da droben auf dem Stuhle.
Schon hat's den Weg ins Feld gelenkt. Als lief' es aus der Schul«.
Die Glocke, Glocke tönt nicht mehr, Die Mutter hat gefackelt.
Doch welch ein Schrecken hinterher!
Die Glocke kommt gewackelt.
Sie wackelt schnell, man glaubt es kaum; Das arme Kind im Schrecken, Es lauft, es kommt als wie im Traum; Die Glocke wird es decken.
Doch nimmt es richtig feinen Husch, Und mit gewandter Schnelle Eilt es durch Anger, Feld und Busch Zur Kirche, zur Kapelle.
Und jeden Sonn- und Feiertag Gedenkt es an den Schaden, Läßt durch den ersten Glockenschlag Nicht in Person sich laden.
Grüne Seife.
Von Polly Tieck.
Als Jeanette an diesem Abend die Treppen zu ihrer Wohnung heraufstürzte, — und man muß wissen, daß Jeanette vier Treppen hoch wohnte und den Fahrstuhl aus Gründen der Hygiene boykottierte, — war sie verspätet, wie stets. Kein Wunder, denn so ein Tag war zum Bersten angefüllt mit Arbeit, Verabredungen, Gesprächen über die verschiedensten Dinge der Welt, und vor allem erfüllt von einem Telephon, daß unablässig und mit schauriger Regelmäßigkeit in die wichtigsten Ereignisse des Tages unvermittelt einbrach. Wenn man sich fragen wollte, was denn, um alles in der Welt, Jeanette für eine Arbeit zu tun hatte, so sei ganz schlicht erzählt, daß Jeanette nicht nur jung, liebenswürdig und von allen Menschen verzogen, sondern auch seit einer frühen und nicht leichten Jugend daran gewöhnt war, sich ihr Geld selbst zu verdienen, zuerst aus Zwang, später aus Gewohnheit, zuletzt aus dem himmlischen Gefühl, damit den einzigen und unverlierbaren Weg zur Freiheit gefunden zu haben. Jeanette hatte schon verschiedene Arten der Arbeit in ihrem Leben absolviert, augenblicklich leitete sie seit einigen Jahren ein hübsches und elegantes kleines Modeatelier, und dieses Atelier war cs gerade, daß sie, kombiniert mit einem Rendezvous, wieder einmal so in Verspätung gebracht hatte.
Nun aber stand Jeanette auf der obersten Treppenstufe, stürzte durch die vorn Mädchen aufgerissene Tür in ihr zartes und mäßig erleuchtetes Wohnzimmer und fragte, atemlos und mit dem Abwerfen des Mantels völlig beschäftigt, ob denn der Abendbrotgast noch nicht da sei. Jetzt erst sand sich die Ätempause für das Mädchen, um ängstlich zu erklären, daß der Herr Doktor wohl hier gewesen sei, daß er aber mit allen Zeichen des Unwillens nach zehn Minuten wieder gegangen wäre, nicht ohne zu fragen, ob denn die gnädige Frau vergessen hätte, daß er Theaterbillette besorgt hätte, Billette zu einer bemerkenswerten Premiere, — und nun sei sie nicht da. Das Wort Premiere tras Jeanettes erschrockenes Herz wie ein Stoß, eine Verabredung tauchte in der Erinnerung auf, im Gewühl des Tages vergessen, verschöben, verwischt, und daneben der prompt einsetzende Gedanke, daß man, trotz Verspätung und Müdigkeit, sich in die nächste Taxe werfen, ins Theater fahren und mit einem kleinen Wort gut wachen würde, was man dort angerichtet hatte Ja, aber wie sollte man fahren? Doch wohl nicht in diesem schwarzen Marocainkleidchen vor die tausend Augen einer Premiere treten, von denen allen man sicherlich kritisch betrachtet, von deren Hälfte man aber auch erkannt, begrüßt, besprochen werden würde! Das Abendkleid, das neue, weiße Abendkleid ...
Aber das Mädchen hatte verzweifelte Augen, als es antwortete, ob venn Jeanette vergessen habe, daß es in Jeanettes Atelier hinge, weil ...
nun, aus irgendeinem Grunde, wahrscheinlich, weil eine Blums, eine Schnalle, eine Raffung geändert werden sollten! Jeanette, nicht gewöhnt, daß etwas nicht klappte und dem Willen entgegenging, faß wenige Minuten später, nach wilder Fahrt durch Verkehrsampeln, Konkurrenzautos und unzählige Radfahrer, vor dem großen, erleuchteten Spiegel in dem weihen Anprobierzimmer ihres Geschäftes und schminkte sich. Ein Mädchen war natürlich mitgeschleppt worden und bekam, zwischen Cremes, Puder und Rouge, ihre kurzen Anweisungen. Schnell die Bürste, — rasch das Unterkleid, — geben Sie noch einmal den Lippenstift her!... Es ging sehr schnell, aber es ging durchaus sorgfältig zu, — das Gesicht, das nach einigen Minuten aus der strahlenden Spiegelwand blickte, war frisch, jung, zart und mit jener uniformen Maske guter Schminkkunst überzogen, die man so gerne trug.
Aber die Hände! Das Rot der diversen Cremes, Schwarz des Augenstiftes und das Beige des Puders machten aus ihnen die Hände eines Malers, der nach schwerer Arbeit die Palette hinlegt. Also unter die Wasserleitung damit, trotzdem die Waschgelegenheit hier in diesem entsetzlichen Geschäft den Gipfel alles Primitiven mit Leichtigkeit erreichte. Aber wo findet man ein Stück Seife, mein Gott, es wird sich doch in diesem von Kultur verlassenen Laden noch ein Stück Seife auftreiben lassen? —
O ja, da liegt es, ein Stück großer, dunkelgrüner, fetter Schmierseife, von der Reinemachefrau vergessen, und schaut lockend nach Jeanette hin.
Nein, denkt Jeanette, danke sehr, das kann ich nicht! Aber es gibt ja keinen anderen Ausweg, das klare Wasser, noch dazu von der reinlichen Kälte des Leitungswassers, durch keine Warmwasserversorgung gemildert, wird diese Malspuren niemals fortnehmen können! Und mit raschem Entschluß, kopfüber sozusagen, stürzte sich Jeanette in die un- vermeindliche Reinigung mit Schmierseife. Sie wusch, gründlich, ehrlich, mit Sorgfalt und durfte mit dem Resultat zufrieden fein. Die beiden ' hübschen, appetitlichen Pfoten waren sauber, weiß, die Nägel nach einigem Reiben mit dem Taschentuch von ordentlichem Glanze. Aber es roch! Es roch entsetzlich, — und als Jeanette, fertig angezogen, ganz weiß, glitzernd, strahlend und elegant vor dem Spiegel stand und ihre beiden Hände beroch, war sie beinahe entschlossen, im letzten Augenblick zu streiken. Kein Eau de Cologne im ganzen Laden, von Parfüm ganz zu schweigen, — die einzige Flasche irgendeines primitiven Lavendel- wassers, das man sich verächtlich über die Hände hätte gießen können und an dessen Existenz man sich im Augenblick schmerzlich und sehnsüchtig erinnerte, glanzte, gut verschlossen, hinter den großen Scheiben eines Lagerschrankes.
Nicht fahren ist feige, konstatierte Jeanette bei sich, — aussehen wie eine Königin und riechen wie eine Reinemachefrau, ist mutig und gewagt. Damit stand der Entschluß fest, dessen Ausführung mit einem neuen Werfen in eine Autotaxe begann und mit einem leisen Entree in die Premiere des Theaters endete, gerade kurz vor dein Beginn der großen Pause.
Aufklärung, Wiedersehen, Versöhnung mit dem prominenten Freund, der, gut gelaunt und stets geneigt, zu verzeihen, bald alle Schuld auf sich nahm, füllten die ersten Minuten, — aber sie kannten Jeanette nicht von dem Eindruck befreien, von dem beunruhigenden Eindruck, daß dem Freunde etwas an ihr aufgefallen sei. Sie möge noch einmal ihre Hand zum Kusse geben, sagte man ihr, beim ersten Handkuß des Eintritts habe man einen seltsamen Dust verspürt, und man möchte sich überzeugen, ob man wohl recht gerochen oder ob die erwartungsvolle Nase einem einen kleinen Streich gespielt habe. — „Das ist das Ende!" dachte Jeanette, und versuchte, in den großen Falten des weißen Velourrockes ein Versteck für die kleinen Hände zu finden, „das ist das Ende von allem! Was jetzt folgt, kann nur tödliche Verlegenheit, plötzliche Entfremdung, klägliche Blamage bedeuten!" — Aber der Freund ließ die Hände nicht dort, wo sie sich gerne verborgen hätten, er nahm sie, selbstverständlich und galant, und er küßte die rechte von ihnen, langsam, sie beschnuppernd und mit der Miene des Kenners, der er war. „Du riechst vorzüglich heute abend, kleine Jeanette!" hieß es dann mit anerkennendem Schmunzeln. „Ich kann zwar trotz einiger Kenntnis nicht definieren, wonach du riechst. Was für ein verteufeltes neues Parfüm bat sich die kleine Jeanette da nur ausgedacht? Es erinnert ein wenig an das berühmte Heu-Parfum, das vor einigen Jahren epidemisch war, aber es ist noch ein anderer Duft dabei. Es riecht nach Sauberkeit, Klarheit, Schärfe und frischem Grün, — es riecht nach dir, Jeanette!" —
Jeanette, atemlos und perplex, war ohne Ausweg. Geschwindelt mutzte werden, also möglichst geschickt, — das war alles, was sie noch beuten konnte, denn schon sprach sie. — Sie sprach mit einem kleinen, anerkennenden Lächeln, daß sie seine feine Nase, feinen pointierten Geruchssinn nie unterschätzt habe, datz sie aber doch sehr erstaunt und erfreut fei, sich sofort fo "verstanden zu sehen. Wirklich, es sei ein ganz neues Parfum, das sie heute zum ersten Male ausprobieren wolle, offengefagt und unter Diskretion, fei es eine von mir erfundene Mischung. Und


