-seine Schniter nach Kassr-Schech. Ich verstand ihn und sagte: ,Nein! du sollst ihm kein Leid tun; mein Herr, der Pascha, würde es nicht dulden. Er braucht ihn/ ,Hat er Freunde?' fragte der Emir weiter. ,Er ist ein Fremder, ein Deutscher; ich Miß es nicht', sagte ich. ,So hat er Diener?' fuhr der Beduine fort. .Ich brauche jemand, um den er sich gekümmert hat, seit der Mond des Schaaban am Himmel stand. .Diener in Menge', belehrte ich ihn, ,zu Schubra, zu Terranis; Schmiede, Schlosser, Zimmerleute, Schreiber rmd Fellachin in Masse! Unser Pascha gibt ihm, was er bedarf, und er bedarf viel.' ,Es ist gut!' sprach der Emir; .bringt mir eine Blutorange oder eine kleine Melone.' Wir fanden eine Melone im Garten des Schechs. Der Mondschein half uns suchen. Er nahm sie und schnitt mit seinem Messer in ihre Rinde zwei Augen, eine Nase und einen Mund, so daß sie aussah wie der Kopf eines Mannes und uns angrinste. Dann sprach er: .Nun wendet euch gen Mekka, das heilige, und betet das Glaubensbekenntnis siebenmal. Ich ober werde mich nach Westen wenden, und ihr sollt nicht sehen, was geschieht.' Wir taten, wie er es haben wollte, der Hakkim rind ich; doch konnte ich die Neugier nicht ganz bemeiskern, und so sah ich, daß er die Melone auf den Boden legte, vor den Kopf des Pferdes, das angstvoll zufnh. Nachdem er ein wenig gebetet hatte, ober nicht gen Mekka, sprach er laut: .Leben um Leben!' setzte den Fuß auf das Gesicht, das er gemacht hatte, und zermalmte den Kopf, daß er ein Brei wurde. Diesen gab er El Dogan zu fressen. Das arme Tier fraß gierig. Dann brach ein Schweiß bei ihm aus, daß es dampfte und das Wasser an seinem Leibe herabfloß. Ibrahim aber sprach: ,Er wird leben, euer Dogan. Gebt mir ein wenig Kaffee. Ich werde alt und bin matt von diesem Werk.' Ich machte ein Feuer und kochte Kaffee, so schnell ich konnte. Als er getrunken hatte, ritt er mit seinem Sohn davon. El Dogan aber schlief schon und schlief ruhig bis zur Morgendämmerung."
Der kleine Mameluck hatte seinen Bericht mit der pathetischen Beredsamkeit beendet, die mich nicht selten bei den einfachsten Fellachin in Erstaunen setzte, sah sich um, wie ein Märchenerzähler, der den verdienten Beifall erwartet, und trat einige Schritte zurück. Halim hatte sein skeptisches Lächeln auf den Lippen, das ihn in Kairo selten verließ. Rames dagegen sah mit gespannter Aufmerksamkeit auf den Erzähler.
„Wallah!" rief er, „es mar ein Afrit. Und ein großes Glück ist es gewesen, daß die Beduinen des Wegs tarnen. El Dogan wäre sicher gestorben. Menschen können Afritis ertragen, Jahre lang. Ein Pferd hat eine feinere Seele. Es stirbt aus Schrecken, wenn ein zweiter Geist in feinem LZbe wohnen will."
„Narrheiten, dummer Mameluckenaberglaube!" rief Halim ärgerlich.
„Habe ich nicht in Abbas Paschas Ställen dreimal dasselbe tun sehen, was Achmed sah?" fragte Rames eifrig. „Wir hatten einen alten Beduinen, der die Sprüche kannte, zu keinem andern Zweck in Benha. Abbas — Gott fei ihm gnädig — glaubte an ihn und bezahlte ihn fürstlich. Wenn unser Hakkim nicht mehr helfen konnte, holten wir ihn. Er gebrauchte Blutorangen. Es half immer, wenn es gelang."
„Du bist ein Narr, Rames!" sagte Halim, nicht unfreundlich. „So weit haben es die Aerzte in London und Paris zum mindesten auch gebracht. Sie helfen alle; nur gelingt es nicht immer. — Was willst du?"
Der Pascha richtete die Frage mit einer raschen Wendung an den Begleiter Achmeds, der bis jetzt in demütiger Haltung zur Seite gestanden hatte, nun aber mit einer tiefen Verbeugung oor.trat, feinen Durban abnahm und einen langen Zettel aus demselben herausbrachte. Hakim ergriff das Papier ungeduldig, wandte sich ab und las. Ms er zu Ende war, sah er lange schweigend nach Norden, als ob er etwas am Horizonte suchte. Ich konnte nur sehen, wie sein elegant beschuhter Fuß ungeduldig im Schutt wühlte. Dann las er den langen Papierstreifen zum zweitenmal. Darauf drehte er sich mit jener ihm eignen nervösen Bewegung um, die Kraft und Schwäche zugleich bedeuten konnte.
„Hier ist etwas für Sie, Herr Eyth", sagte er. „Vorgestern hat mein Neffe, der Vizekönig, sämtliche Arbeiter bei den Dampfpflügen in Schubra —- Maschinisten und Pflüger, alles! — holen lassen, um sie nach Oberägypten zu schicken, wo er mit seinen eignen Apparaten nicht zurecht- zukommen scheint. Die Leute liefen in der Nacht wieder zurück zu Weib und Kind. Man kann sich das denken: eigentlich sind sie auch Menschen. Und nun wurden sie gestern nachmittag," wie man mir schreibt, unter militärischer Bedeckung abgeführt und sofort in Bulak auf Nilbarken gebracht. All Ihre Pflüge stehen still."
„Aber Hoheit", rief ich, „das ist ja rein unmöglich!"
„Das ist sicher, mein Lieber. Sie vergessen, daß wir in Aegypten sind", sagte er mit unterdrückter Leidenschaftlichkeit und fuhr dann leiser fort: „Es ist das alte Lied, das nun wieder beginnt: einer gegen alle, alle gegen einen! das Totenlied des Hauses meines Vaters, mein Freund!"
Er lachte gezwungen; kein gutes Lachen.
„Aber was kann geschehen?" fragte ich entrüstet, denn ich sah im ersten Augenblick das harte Werk von drei Jahren plötzlich zusammen- drechen. „Was kann ich tun, Hoheit?"
„Von vorn anfangen", erwiderte er ruhig und bestimmt. „Es bleibt nichts andres übrig; und wenn er Ihnen das zweite Kontingent weg- nlmmt, nochmals von vorn anfangen. Wer weih, vielleicht ist es auch zu etwas gut, wenn unsre Leute in dieser Weise in alle Gegenden des Landes verteilt werden. Jedenfalls kann so Ihre Dampfpflughochschule in Schubra zu ungeahnter Blüte kommen. Sobald wir hier mit dem Ab- stecken fertig sind, reiten Sie nach Hause zurück und--"
Ein ungewöhnlich lautes Gelächter am Rande des Hügels unterbrach ihn. Wir wandten uns alle mit der Entrüstung, die in einem solchen Falle höfische Höflichkeit gebietet, nach der Seite, von der der Lärm kam. Sie sechs Leibmamelucken zogen lachend ein dickes Männchen über die Kante des Hügels, unter dem die Scherben prasselnd in die Tiefe rollten. Ser Kleine war blaurot vor Anstrengung und Schrecken, fein Turban saß schief auf seinem kahlen Kopf. Er erhob sich, krönenden Auges, mit Schmutz und Staub bedeckt. Es war mein Freund, der Nasir von Ser»
ranks. Am Fuß des Hügels stand sein Esel und suchte sich schon, frech wie Fellahesel sind, mit El Dogan zu unterhalten, während fein Herr bei der gefährlichen Besteigung von Sackra in seinem Uebereifer fast verunglückt wäre.
Musa el Askari hieß der Wackere, Und da er an den Umgang mit Prinzen weniger gewöhnt war als wir, wäre er beim Anblick Halims zum zweitenmal beinahe in den Staub gesunken. Er verneigte sich aufs tiefste, berührte mit der Hand die Erde und dann seine Stirne und versuchte den Saum von Haliin Paschas Rock zu küssen, was dieser jedoch mit einer abwehrenden Bewegung verhinderte.
„Ah!" rief er freundlich, „ich kenne dich! Du bist der Nasir von Terranis. Was bringst du mir Schönes?"
„Ich bitte Gott um Vergebung, daß ich dir gute Nachrichten nicht geben kann, o Effendini!" klagte Musa. „Latz es deinen Diener nicht entgelten. Ich komme, um den Bafchmahondi zu holen. Die Hand Gottes liegt schwer auf Terranis, o Pascha!"
„Nun, was ist es?" fragte Halim etwas ungeduldig, da der Nasir aufs neue Angriffe auf feinen Rocksaum unternahm. „Sprich ohne Umschweife, mein guter Mann!"
„Die Reisfelder verdursteten und die große Maschine pumpte nichts. Ein Fisch war in die umgekehrte Schüssel geraten, die tipp-tapp macht, wenn die Pumpe zufrieden ist. Dort blieb er stecken; der Baschmahandi weiß es, und Gott wollte es so. Mit dem Wasser aber war es völlig aus, und der Mechaniker Jusef wollte nichts anrühren, solange du, o Baschmahandi, nicht dabei seiest. Nun, gestern abend war unsre Not aufs höchste gestiegen. Ich sah, daß der Reis starb — dreitausend Faddan! — Da dachte ich: in der heiligen Nacht des Nuß min Schaaban wird uns der Allbarmherzige beistehen — und bedrohte Jusef und redete ihm freundlich zu, bis er versprach, den Fisch aus der Schüssel herauszuholen. Jetzt ist er auch drin!"
„Was — wer?" rief ich erschrocken.
„Jusef", sagte der Nasir halb weinend. „Er ging hinunter, willig genug; er war ein braver Moslim und glaubte an den Propheten und das Jüngste Gericht. Auch hatte ich fünf Fellachin an den Strick gehängt, die die Schüssel in die Höhe zogen, wie du es uns gelehrt hattest. Aber die Fellachin, die Herde von Schweinen, ließen los und fielen zu Boden und lachten und zappelten, gerade wie wenn ein Afrit in sie gefahren wäre. Drunten im Schacht aber — unter der Schüssel — bei dem Fisch--"
Der gute Mann heulte.
„Ist er tot?" fragte ich bewegt, obgleich ich wußte, was die Antwort fein mußte.
„Das ist mein einziger Trost", sagte der Nasir, feine Tränen mit dem Rücken beider Hände trocknend. „Es war mein eigner Schwiegersohn und ein frommer Moslim. Aber es geschah noch dem Willen des Allmächtigen, heute nacht um die fünfte Stunde. Schon seit zehn Stunden ist er im Paradies."
„Um die fünfte Nachtstunde!" brach der Mameluck Achmed los, nach Luft schnappend; „das war die Stunde, in der El Dogan den Kürbis fraß!"
„Um die fünfte Stunde", sagte Rames düster, sich abwendend; „das war um die Zeit, als der Pascha mir den Pantoffel an den Kopf warf. Ich mar selbst nicht weit vom Paradies zu jener Stunde."
Wir schwiegen alle. Das heiße, grelle Sonnenlicht des herannahenden Mittags leuchtete ringsumher, von einem Ende des Himmels zum andern. Die ganze Welt lag vor uns schattenlos, in glühender Tageshelle. Und doch zog etwas wie eine unheimliche, düstere Wolke über uns weg, deren fröstelnden Schatten wir fühlten, ich so gut wie der zitternde Dlafir, Halim fo deutlich als seine abergläubischen Mamelucken.
Halim sprach endlich. Er war- wieder der Mann des Tages und der Tat.
„Reiten Sie mit dem Nasir sofort zurück nach Terranis", sagte er zu mir; „sehen Sie dem Manne die Pumpe in Bewegung; er überschwemmt uns sonst mit seinen Tränen. Dann kommen Sie nach Schubra; dort werden wir sehen, was sich machen läßt. Ich habe mittlerweile meinen Neffen besucht. Ganz in der Tasche hat uns der Vizekönig noch nicht. El Dogan lebt wieder!"
In einer Stunde war ich reisefertig. Während ich mich von Halim Pascha verabschiedete, sagte er leichthin:
„Apropos — Rames hat Ihnen gestern nacht eine Masse dummes Zeug vorgeschwatzt. Sie wissen, in der Nacht des Nuß min Schaaban erzählen wir uns Sachen, aus denen die Schoara ihre Märchen machen. Mehr brauchen Sie sich auch nicht daraus zu machen. Au revoir, mon eher!"
Er lachte etwas gezwungen, wie mir fchien, und machte ein Gesicht, aus dem kein Mensch klug werden konnte. Ich versuchte, schon aus Höflichkeit, das gleiche.
Es gelang. .
Dann ritt ich durch das Zeltlager, das schon am Boden lag, gen Osten, hinter mir der Nasir auf feinem unerschöpften Eselchen, mein Dragonu» Abu-Sa, der Koch auf dem Kamel, mit Bett und Gepäck. Aus dein sti'en, achtstündigen Ritt hatte ich Zeit, mir zurechtzulegen, was ich in ben-.lcL jn vierundzwanzig Stunden gehört und gesehen hatte. Aber es wollte nicht alles entwirren. Das ist so mit den Geschichten des Ostens, sonderucy wenn sie auf den dunkeln Blättern stehen.-- .,
El Dogan starb im Jahre 1867, zum Glück nicht infolge meiner Aeu- kunst, denn ich bekam ihn nie wieder zu reiten. Raines Bey schwort, er sei an Gift gestorben. Es war das Jahr, in dem der Vizekönig alW Pascha 'Halims Besitzungen konfiszierte und das ägyptische ErbfiUgerem zugunsten Ismaels Sohn Tiufik geändert wurde. Das Jagdschlößchen p Kassr-Schech ist nie aufgestellt worden. Es liegt in seine Teile zerleg, noch heute bei Thalia am Nilufer, im Sand begraben. Dort kann holen wer Lust hat; es gehört niemand mehr.
Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts^Buch» und Steindruckerei. X Lange, ®ie6cn-


