in den kalten Wüsteneien Herden von Lamas. An den Abhängen haben sich in herrlichen Tälern Ortschasten und Weiler gebildet, die, da sie oft über den Wolken liegen, wie eine Fata Morgana in der Luft zu schweben scheinen.
Dort im Tale von Cuzco, in einer schönen Hochebene, die, in die europäische Alpenwelt versetzt, bereits von ewigem Schnee bedeckt gewesen wäre, stand einst der Palast der Jnkakönige, denen als Söhne der Sonne göttliche Ehren gebührten. Dort lag der goldstrahlende Tempel der Sonne, wohin Pilgerscharen aus allen Teilen des Inkareiches strömten. Er enthielt Schätze von unberechenbarem Werte. Auf der westlichen Wand gewahrte man das Bildnis der Gottheit, ein menschliches Gesicht, von dem Lichtstrahlen in jeder Richtung ausliefen. Es war dem östlichen Tore gegenüber angebracht, so daß die ersten Strahlen der ausgehenden Morgensonne es trafen und erglänzen ließen. Decke und Wände waren mit massiven Goldplatten ausgelegt. Große Smaragden schmückten' die Götterbilder. Gold bedeutete in der Jnkasprache „von der Sonne geweinte Tränen". Es gast auch den Inkas, die das Eisen nicht kannten, als kostbares Metall, hatte aber nicht den Marktwert, den wir ihm heute geben. In den Gärten des Königspalastes leuchteten künstliche Blumen aus Gold mit Kelchen aus Edelsteinen. Auch Tiergestalten, namentlich Lamas mit einem Vließ aus Gold, waren als Verzierungen aufgestellt. Als Spanier ins Land kamen und Pizarro die Inkas bekriegte, blendete sie der Glanz so ungeheurer Reichtümer. Sie hatten das Dorado gesunden, von dem die Konquistadoren geträumt hatten, und die spanischen Landsknechte begannen zu plündern und zu morden. Die Inkas gaben ihnen Gold, aber ihre Habgier ruhte nicht, bis sie die Tempel gebrand- schatzt und vernichtet hatten. Run verbargen die Inkas ihre Schätze, zerstörten ihre Bergwerke'und versenkten ihre goldenen Geräte in tiefen Gebirgsseen und verbargen sie ihn unwegsamen Höhlen. Tausende von Abenteurern und Schatzgräbern haben nach ihnen vergeblich gesucht, die meisten sind im wilden Gebirge den Strapazen erlegen oder wurden von den Giftpfeilen der Indianer getötet, die die alten Jnkastätten als Heiligtum bewachen. Erst in den letzten Wochen soll ein gewisser Balbos aus Panama bei der Begräbnisstätte des letzten Jnkakönigs Atahualpa in der Nähe des Dorfes Nizak, in einer Höhle unter Schutt versteckt, einen Teil der sagenhaften Schätze entdeckt haben. Er hat um militärischen Schutz gebeten, um die Reichtümer zu heben.
Die Kosaken, Bewohner der Ebene, hatten schwer an der Höhenkrankheit zu leiden. Mit geschlossenen Augen, kaum fähig sich zu bewegen, lagen sie in ihren Waggons, aber die Fahrt in Höhen über 5000 Meter dauerte nicht ewig, und in Ayacucho angelangt, das zwar auch noch 2500 bis 3000 Meter über dem Meeresspiegel liegt, hatten sie sich bereits völlig erholt. Neue Feste erwarteten sie. Ein Gastmahl nach peruanischer Art. Tief in die Erde wurden in aromatische Kräuter eingewickelt Truthähne, Wild, Lämmer usw. auf glühende Steine gelegt, wieder mit Erde bedeckt und mußten 24 Stunden schmoren, ehe sie wieder ausgegraben wurden. Dazu wird Zuckerrohrschnaps und ein aus.Mais gebrautes süßliches Getränk serviert. Am Abend surren die Gitarren und die Kosaken tanzen mit den Mädchen des Städtchens. Wenn dann die sternklare Tropennacht sich über ihnen wölbt und das Kreuz des Südens am Himmel leuchtet, dann sammeln sich die Kosaken und stimmen voll Wehmut ihre heimischen Lieder an. Sie singen vom „Vater Don", von den blühenden Wiesen in der Ukraine, und sie erinnern sich an all das, was sie einst lieb hatten und was ihnen gehörte. Nun sind sie an ihrem Ansiedlungsort in La Montana eingetroffen. Dort findet sich eine Franziskanerniederlassung, aber rings herum ist alles Wildnis und Urwald. Es muh gerodet und gearbeitet werden, dann wird alles in herrlicher Ueppigkeit gedeihen, aber Giftschlangen machen die Gegend unsicher, und Myriaden von Zecken bevölkern den Wald. Die Kosaken hatten ein Märchenland erwartet, ein Schlaraffenreich, und sind nun ein wenig enttäuscht. Es gilt harte Arbeit zu leisten, und tausend Enttäuschungen lauern aus ihrem Wege, aber es gibt für sie kein Zurück mehr. Sie sind peruanische Kosaken geworden, und weitere Kosakentransporte werden ihnen folgen. Bis zum Jahre 1932 müssen, gemäß dem Vertrage mit der peruanischen Regierung, noch 150 Kosakenfamilien angesiedelt sein. Sie werden bald in der Entwicklung Perus eine Rolle spielen.
Aus dem
dem Gipfel des Scherbenhügels von Sackra. Die
Dunkle Blätter.
Taschenbuch eines deutschen Ingenieurs.
Von Max E y t h.
(Schluß.)
3m Sonnenschein.
Wir waren auf dem Gipfel des Scherbenhügels von Sackra. Die Sonne war aufgegangen und übergoß das in feiner Einfachheit großartige Bild ringsumher mit ihrem Golde. Ein frischer Morgenwind wehte aus Nordast und hatte die lichten Nebel, die über den Sümpfen des Burlos- stes lagen, aufgerollt wie einen Schleier. Am Horizont sah man einen langen wasserhellen Streifen, als ob sich dort die ferne Meeresfläche im Blau des Himmels spiegelte. Im Osten lagen die gelben Wllstenhügel mit ihrer Ahnung grenzenloser Weite, die unwillkürlich die Brust ausdehnt und die Lungen freier atmen läßt. Gegen Süden grünte das alte Bild der unerschöpflichen Fruchtbarkeit der Erde, und wie ein liebliches Menschenidyll in der einsamen Natur glänzte die kleine Dorfmoschee von Kafsr-Schech hinter ihren Sykomoren hervor.
Der Balsam der Morgenluft hatte die Nacht mit ihren schwülen Erleb- nifsen weggefegt. Kein Wort war darüber gesprochen worden. Es fehlte uicht Diel, so hätte ich alles für einen Traum gehalten, und Halim und Aames Bey schien der Morgen in ganz ähnlicher Weise umgewandelt zu haben. Nur der Tscherkesfe, der übrigens in Gegenwart seines Herrn stets °>ne zurückhaltende Ruhe bewahrte, war noch etwas stiller als gewöhn- W Seine Würde litt allerdings unter dem „Stangenschiehen", das ich 'hm in früher Morgenstunde beigebracht hatte und das ihm keineswegs yeftcl.
Ein halbzertrümmertes ionisches Kapitäl, das aus dem Schutt hervorragte, bildete einen vortrefflichen Tisch, auf dem ich die Zeichnung des Iagdschlößchens ausgebreitet hatte, das auf diesem herrlichen Gipfel erstehen sollte. Cs war ein Projekt, an dem man wirklich seine Freude haben konnte. An keinen Stil lassen sich Eisenkonstruktionen so hübsch anpassen als an den sarazenischen mit seinen schlanken Säulen und seiner Ornamentik hängender Stalaktiten. Dies war der Rahmen, in dem sich französischer Geschmack und englische Behaglichkeit zu überbieten suchten, um eine ideale kleine Wohnstätte für kurze Besuche in dieser entlegenen Wildnis zu schassen. Ein Untergeschoß, in dem Küche und Keller reichlich Raum sanden, trug das lustige, einstöckige Gebäude, das von einer breiten Veranda umgeben war, die den freien Ausblick nach allen vier Himmelsgegenden gestattete. Es enthielt eine hohe, halbdunkle Mittelhalle mit dem unvermeidlichen Springbrunnen und Stalaktitendom, umgeben von kleinen Zimmern, deren Wände auseinandergeschoben werden konnten, so daß man so viel als im Freien schlafen konnte, wenn die Nacht dazu einlud. Es muhte ein königlicher Genuß fein, nach einem heißen Jagdtage unter dem riesigen Himmelsdom zu ruhen, der sich aus dieser Höhe über dem ungebrochenen, unabsehbaren Kreise unter uns wölbte.
Halim war voll Eifer und Arbeitslust. Die Leibmamelucken liefen mit Pfählen umher, und ein Dutzend Fellachin schlugen sie nach meiner Weisung in den Boden, ebneten hier eine knollige Erhöhung, den tausendjährigen Staub aufrührend, oder füllten dort ein Loch mit den klappernden Scherben, in denen alte Griechen ihren Zyperwein getrunken hatten. Das Achteck der Grundmauern war bereits abgesteckt. Wir wollten jetzt die Umgrenzungsmauer des Gartens bestimmen, für den auf dem Gipfel noch Raum war.
Schon feit einiger Zeit, während mir Halim seine Ideen bezüglich eines Goldfischteichs und zweier Eckpavillons am Haupteingang deutlich machte, in denen rechts bunte Vögel, links Affen leben sollten, sah Rames Bey abwechslungsweise bald nach Süden, bald nach Osten und begann schließlich mit dem Theodolit zu spielen, der augenblicklich unbenutzt auf dem höchsten Punkt unsers Berggipfels stand.
„Sie sind es!" rief er endlich, wie wenn er trotz der gedämpften Morgenstimmung, in der er sich noch befand, feine Freude nicht länger unterdrücken könnte.
„Wer?" fragte Halim scharf, da er Unterbrechungen ohne Einleitung nicht liebte.
„El Dogan, Hoheit, und der Mameluck Achmed und ein dritter Mann", antwortete Rames, die Augenlider zufammendrückend. „Wenn ich recht sehe, ist es Sadik Esfendi, der Oberschreiber des Nasirs von Schubra. Was will der hier?"
„El Dogan?" rief jetzt auch Halim, sichtlich erfreut. Er richtete den Theodolit nach der Gruppe und sah lange schweigend durch das Fernrohr. „Eine Kreatur, wie es nicht viele gibt, Herr Eyth", fuhr er nach einiger Zeit lebhaft fort, „unter Tieren und Menschen. Man sieht ihm das Blut auf eine Meile Entfernung an. Wie er ausfchreitet! Wie er den Kopf hält! — Jetzt wiehert er. Bei Allah, es ist ihm wohl."
„Gott fei gepriesen!" seufzte Rames sichtlich bewegt. „Und dort reitet noch einer, der es eilig hat, nach Kafsr-Schech zu kommen."
„Ein Esel", sagte Halim, der den Theodolit gegen Osten gedreht hatte, gleichgültig. „Kommen Sie, Herr Eyth, messen wir weiter! Hierher will ich den Fischteich haben. Mit Beton werden Sie mir das wohl machen können."
„Umsonst ritt er nicht die Nacht durch", bemerkte Rames nachdenklich, indem er wieder durch das Instrument sah. „Es ist der Naflr von Ter- ranis, verstaubt wie ein Kamel des Mokattam. Sein Sais scheint auch genug zu haben; er hinkt. Nur der Esel ist noch munter."
Halim Pascha war im eifrigsten Abstecken des Fischteichs versunken. Alles, was ihn an feine Pariser Schulzeit erinnerte, machte ihm noch immer ein fast knabenhaftes Vergnügen. Ich überlegte mir, nicht ohne Sorgen, wo ich das Wasser hernehinen und wie ich es am einfachsten in den künftigen Teich heraufschaffen konnte, in dem die kommenden Goldfische die Aussicht von der Spitze dieses herrlichen Hügels genießen sollten. Auf allen Vieren kletternd kamen mittlerweile der Mameluck Achmed und seine Begleiter am steilsten Abhang des Scherbenhügels herauf. Halim ließ sie fünf Minuten lang stehen, ohne sie zu beachten. Dann rief er plötzlich:
„Du bist zurück, Achmed, und kannst deinem Schöpfer danken. Wie geht es El Dogan?"
„Er ist so gesund, wie er es je gewesen ist", versetzte der Mameluck gesenkten Kopfes. „Es war ein Aftit; doch, Gott fei Dank, jetzt ist er gebannt."
„Unsinn!" rief Halim. „Es war eine Dummheit und die Unwissenheit des Baschmahandis."
„Ich bitte Gott um Vergebung, aber es war ein Afrit, o Effendini", sagte Achmed mit ungewohnter Bestimmtheit. Er brauchte hierbei jene Form feinster arabischer Höflichkeit, von der wir rohe Europäer nur einen schwachen Begriff haben, indem er nicht den Angeredeten, sondern Gott um Verzeihung bat, daß er widersprechen mutzte. Denn kann ein Mensch Sünde vergeben?
„Es wurde mit jeder Stunde schlimmer", erzählte er auf einen ungeduldigen Wink Haliins, „als ich nach Maraska zurückgekehrt war. El Dogan lag auf dem Boden, zitterte am ganzen Leibe und verdrehte die Augen, so quälte ihn der Geist. Unser Häkkim wußte sich nicht zu raten. Als es um die vierte Nachtstunde nicht besser wurde, sahen wir auf der Erde neben dem Kranken und baten Gott, den Allbarmherzigen, um Gnade; aber wir hofften nicht mehr. Da sandle der Allmächtige Ibrahim Emir, den Beduinen, deinen Freund, und feinen Sohn. Sie sahen das Tier und sprachen: ,®ott helfe uns; es ist ein Afrit/ Dann fragte mich der Alte, wie es begonnen habe. Ich sprach die Wahrheit und sagte: ,Zu Tanta hat ihn ein Derwisch mit übetm Auge angesehen, bann hat ihn der Basch- mahandi, Hoaga Eyth, geritten, bis fein Herz still stand. Und als er schwach war und dem Umfallen nahe, tarn der Afrit, sah seine Schwäche und fuhr in ihn. Nun steht es, wie du siehst.' Da sprach der Emir: ,Genug! Ich sehe, was ich sehe. Soll der Fremde, der Nusrani, büßen?' Er deutete über


