SietzenerKmnlirnblätter
Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger
Jahrgang Montag, den 27. Ottober Nummer 83
Der Gteinklopfer.
Von Leo Sternberg.
Ich schlage nur Steine...
Aber siehe, die hochgetürmte Stadt — wie kämst du hinan ohne den Damm, aus meinem Schotter geschüttet, und wer hätte sie aufgegipfelt, hätte ich nicht die Kehren der Straße gewunden, darüber die Fuhren keuchten mit Quadern, Schiefer, Eisen und Gebälk?
... Jetzt in den Himmel ragt sie, vieltürmig und schön...
— Verachte nicht mein grobes Hemd und den Fäustling an meiner Hand! Ich habe mitgebaut...
Ich bin ein Stein darin...
Mein Hammer formte Gipfel dieser Erde.
Heimkehr zur Anna.
Von Hans N a t o n e k.
Das ist die Odyssee des unbekannten Soldaten, die letzte Odyssee des letzten Mannes. Auf einem kleinen Umweg, der über Sibirien, Wladiwostok, Französisch-Nordafrika, Tonking (Hinterindien) führte, ist im März 1930 der österreichische Kriegsgefangene Franz A. aus einem sibirischen Lager heimgekehrt. Die Odyssee, eine Lebensform des Krieges, ist nun zu Ende; und das Idyll, eine Lebensform des Friedens, könnte beginnen.
Wenn es für einen Zerstörten, Verschütteten, den die Menschenlotterie des Krieges etwas verspätet ausgelost hat, noch ein Idyll gibt.
Franz 21. sitzt vor mir, auf einen dicken Krückstock gestützt. Ein Gesicht, als wäre es von vielen Schlägen oder Stürzen ganz dumpf und taumelig. Es ist keine schmerzliche, es ist beinahe eine angenehme Bewußtlosigkeit; der Ausdruck einer sanften Betäubung, wie manche Rauschzustände ihn Hervorrufen. So sieht die nackte Kreatur aus, die aus einer anderen Welt kommt und in diese nicht paßt, aber vor ihr keine Angst hat. Bekleidet ist Franz A. dementsprechend; ein unmögliches schwarzes Mützchen mit einem lustigen Kopf obenauf — ich glaube, die Radfahrer trugen solchen Kopfschmuck, als die Räder noch Velozyped hießen; ein Rock täuscht feldgrau vor, er ist von halbmilitärischem Schnitt, sozusagen vom Krieg für den Zivilgebrauch abgelegt. Die Hose ist zivil, dafür sind die Schuhe feldmarschmäßig. Dies ist die Entlassungsmontur der letzten Aussiebung, die Kluft, mit der die Fremdenlegion ihr zermürbtes Menschenmaterial heimschickt. So stolpert Franz A. in den Frieden. 1914 zog er, zwanzigjährig und kriegsfreiwillig, in der neuen, in der schönen, in der feldgrauen Uniform hinaus. 1930 kehrte er in der grotesken Bettlermontur der Fremdenlegion aus Oran zurück.
Dazwischen liegt:
Granatsplitter in der Hüfte und verschüttet in der Schlacht am Styr; die Russen gruben ihn aus. Gefangenschaft, Transport nach Petersburg. Gefangenlager, Briefwechsel mit einer Anna, die mittlerweile ein Kind weiblichen Geschlechts zur Welt gebracht hat, das Franz A. für das feine hält. Transport nach Sibirien. Rückkehr feines Kameraden Paul in die Heimat. Paul nimmt sich die Anna. Viele Sommer gehen über die Felder bei Tomsk. Kriegsende. Viertausend Gefangene bleiben in Sibirien, darunter auch Franz 21. Was soll er in der Heimat? Anna ist tot, und Paul ist gestorben. Das Maß für die Zeit ist ihm verloren gegangen. Er ist unschlüssig. Unschlüssigkeit in Sibirien — das dehnt sich unermeßlich, wie Raum und Zeit, wie alles in der Steppe.
So arbeitet Franz A. jahrelang, im Winter an der Straße, im Sommer auf den Feldern. Aber die Straße wird nie fertig; sie frißt sich m die Unendlichkeit. Und jedes Jahr kommt ein Sommer, und die -oauernmädchen kichern int Heu. Europa ist fern, fast schon entschwunden, aber Anna ist nah in ihrem Kinde. Franz A. hat die Rückkehr verpaßt und kennt sich nicht mehr aus. Die Zeit hat ihn vergessen, er hat die Zeit vergessen. Neunzehnhundertundzwanzig, und er ist immer noch Kriegs- Uangener in Sibirien; er kann gehen, wohin er will, aber seit der Verschüttung am Styr ist er nie mehr so recht an die Oberfläche gekommen " »nicht mehr so ganz richtig im Kopf", sagt er selbst.
...Da winkt Europa, endlich zu kommen. Freie Ueberfahrt in die Heimat, Uustert der Werber, wenn du auf dem Schiff arbeitest. So kommst du am laschesten heim. Man bringt Franz A. nach Wladiwostok. Er unterschreibt
etwas; er weiß nicht mehr, was es war. Er glaubt, daß unter dem Zettel ein Kopieblatt und darunter ein anderer Zettel gelegen hat.
Franz 2t. sitzt vor mir, auf feinen Krückstock gestützt. Das Gesicht ist unregelmäßig, etwas erstaunt und unbeteiligt; in oiesen Augen ist un» geheure Ferne und unsagbare Ruhe. Er redet wenig und langsam und muß sich immer besinnen. Er spricht in seinem Heimatdialekt, wie er an der mährisch-österreichischen Grenze gesprochen wird; als wäre er nicht sechzehn Jahre fortgewesen! als käme er nicht aus Sibirien, Wladiwostok, Tonking und der Oase Medsched bei Oran. Er erzählt unzusammenhängend. Wichtiges und Unwichtiges kann er nicht unterscheiden. „Wissen's Herr, in Afrique (er sagt Afrik, nicht Afrika) haben die Franzosen so ganz kleine Becher (er zeigt mit den Fingern, wie klein sie sind), da kriegten m'r Wein, aber ganz sauren, den könnt' ich nicht vertragen, den hob ich mir gegen Käse eingetauscht ..."
Dazwischen liegt:
Dienst in der Fremdenlegion, Kämpfe mit Arabern, Verwundung und arabische Gefangenschaft; von den Arabern im Wüstensand bis an den Hals vierundzwanzig Stunden eingegraben. „Wissen's, Herr, die Ameisen, die großen, tun einem in Nase, Mund und Augen kriechen." In den folgenden Kämpfen von den Franzosen aus der Gefangenschaft befreit. Dienst in der Fremdenlegion. Fluchtversuch im Rifkrieg. Von den Franzosen gefangen und zur Strafe nach Tonking (Französisch-Hinterindien) deportiert. In den Reisfeldern bis an den Gürtel nackt im Schlamm wie ein Sklave. Malaria. Völlig zerstört zurück nach Dran. Hier als untauglich selbst für die Fremdenlegion ausgemustert, nach Marseille transportiert und an die italienische Grenze abgeschoben. Odyssee per Schub in die Heimatgemeinde. Die ist inzwischen tschechisch geworden, Oesterreich ist versunken — wie alles, was war, versunken ist. Aber Franz A. will Oesterreicher werden. „Schon weil ich die Große „Goldene" und die silberne Kriegsmedaille hab', wissen's, Herr, und dafür gibt’s 40 Schilling Rente extra."
In seiner Heimat erfährt er, daß das Kind der Anna in einer Anstalt in Altona lebt. Und da hat er, der Ziellose, ein Ziel: der Verschüttete rappelt sich auf. Das Kind der Anna ist jetzt sechzehn Jahre, genau so alt, wie Anna war, als er, der Zwanzigjährige, sie liebte. Und da macht sich der Sechsunddreißigjährige, malariakrank, ein Zitterer, ein Wrack, auf den Weg nach Altona. Zur Anna. Nur mit einem dicken Krückstock und mit der Elendsmontur des abgeschobenen Fremdenlegionärs. Nicht die Versorgung ist die Heimkeh^ sondern eine ungewisse Anna, die er gar nicht kennt. Es beginnt der Odyssee letzter Teil; ohne einen Pfennig aus Mähren nach Hamburg.
Und es geschieht, daß vor diesem Hilflosen, Zerschlagenen, vor diesem letzten Heimkehrer, sich der Weg nach Hamburg zauberhaft öffnet, als wür's ein kleiner Spaziergang. Wie ein Blinder über den Straßendamm wird er geführt. Er, der willenlos war feit Kriegsausbruch, der wie ein lebloses Ding in der Welt herumgeschoben wurde — er wird von Station zu Station, von Wartesaal zu Wartesaal weitergereicht. Milchkaffee ist feine Nahrung, und der Schlaf auf den Holzbänken ist fein Schlaf. Er, der der Welt keinen Widerstand mehr leistet, geht durch sie hindurch wie das Glühende durch Wachs. Seit sechzehn Jahren des Geldes entwöhnt, kennt er feinen Wert nicht. Er hat, ohne Geld, größere Strecken durchmessen als die von Mähren an die Nordsee; das ist eine Bagatelle nach einer Reise quer durch die Hölle. Der gewöhnliche Mensch ist ohne Geld verloren wie ein Staubkorn im Wind. Nicht aber Franz A. Ihn trägt der Sturm feiner Bestimmung nach Hamburg. Die Leute geben ihm auf sein Gesicht hin Reisegeld, Wegzehrung, ein paar Kilometer zu fahren. Von Dresden kam er bis Riesa, von Riesa bis Gerichshain, von Gerichs- hain nach Leipzig, von Leipzig nach Magdeburg. Er will sein Kind sehen. Annas Kind, von dem er nicht einmal weiß, ob es fein Kind ist.
„Sehens', Herr, und do bin ich im Wartefaal über meinem Stock ein« geschlafen, und da kommt ein Polizist und rüttelt mich und verlangt meine Fahrkarte, weil man dach nachts nicht auf’m Hauptbahnhof schlafen darf — das weiß ich wähl — ich bin dach schon vierzehn Täg z'hause, und da sag ich, Herr Polizist, sag ich, ich hob gar kaue Fahrkarten. Wo wollen's denn hin? sagt der Polizist — na sag ich, so in der Richtung nach Hamburg. Und er sieht meine Militärpapiere durch, dreht sich um und läßt mich schlafen. Nach einer Weile kommt er wieder und bringt mir Geld; das hat er in der Wachstube gesammelt."
Das ist ihm das merkwürdigste Erlebnis feiner sechzehn Jahre währenden Irrfahrten: daß ein Schutzmann ihn nachts nicht aus dem Wartesaal jagte, sondern ihm noch Geld gab.
Wenn einer solche Reise tut, fo kann er nichts erzählen ... Wenn einer alles durchgemacht hat, sogar eine Eingrabung im Wüstensand — was soll ihm da noch passieren? Er kann heiter fein.
Es ist, als schritte der verschüttete Soldat durch ein Spalier.
Ein Auferstandener, der eine auferstandene Anna sucht.


