Ausgabe 
27.6.1930
 
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nach einigen Jahren Helen nicht nur

volle alles Wie man neue nun

Helen Keller.

Zu ihrem SO. Geburtstage.

Don Dr. Bertha Badt-Strauß.

Tod: sein Haar und fein mittlerweile gewachsener Bark wurden weiß aber der Tod wollte ihn nicht. Längst sah er nur mehr neue Gesichter um sich. Menschen, die ihn nicht kannten; nur der Schließer blieb blickte ihn bisweilen an und knisf ein Auge ein. Aber er ließ ihn nicht frei.

Erst nach Robespierres Sturz wurde er entlassen. Er kehrte in sein Hotelzimmer zurück, und verließ es nicht mehr, bis kurz vor seinem Tode, dreißig Jahre später. Dort hauste er, langhaarig, weißbartig, em Patriarch im zerrissenen Schlafrock, auf gebrechlichem Stuhl an wurmstichigem Schreibtisch sitzend, zwischen Stößen von beschriebenen Zettelch Stapeln von Büchern. Er überdauerte Direktorium, Konsulat, Kaiserreich, Restau­ration die Hundert Tage und den achtzehnten Ludwig; man ließ ihn un­angefochten, weil man ihn für harmlos hielt, ihn, der alles wußte^ alles beobachtete, was an politischen Ereignissen vor sich ging oder sich vor­bereitete; scharfsinnig im Urteil und voll prophetischer Gaben für das Kommende, alle Fäden in seiner Hand spürend und niemals zupackend. Als lebendiger Mittelpunkt der Tagesgeschichte hat er Jemen Kopf, den das zufällige Fehlen der Stiefel ihm bewahrt hatte, trefflich zu nutzen verstanden; er galt als ein Meister des Gesprächs, wurde angestaunt von Fremden, häufig besucht und um Rat befragt von durchreisenden Diplo­maten. Allein die geplanten Werke hat er niemals abgeschlossen, vielleicht niemals begonnen. Und um die großartige Verfehltheit dieses Lebens zu vervollständigen, ist nicht einmal fein handschriftlicher Nachlaß, nicht e>nz mal seine unschätzbare 'Sammlung von Dokumenten über die Revolution, die er der Preußischen Staatsbibliothek zugedacht hatte, dorthin gelangt, nachdem Gustav Schlabrendorf als Vierundsiebenzigjahriger an einer Erholungskur in Batignolles gestorben war: es fand sich kein Testament und unverständige Erbberechtigte ließen zu, daß der Nachlaß teils als Altpapier verkauft, teils in alle Winde zerstreut wurde.

ein harmonisches, fröhliches Menschenwesen, das weder auf seinen Teil an der Arbeit der Gesunden noch auf seinen Teil an den Freuden der Welt zu verzichten brauchte. Es ist kaum glaublich, wenn man hört, wie

mitten unter den gesunden Studentinnen an der Universität von Redcliffe College studierte und ihre Prüfungen zur selben Zeit und unter den. selben Bedingungen bestand wie ihre glücklicheren Kolleginnen. Die un«. müdliche Lehrerin sitzt in jeder Vorlesung neben ihr und ihre Geschickllch- feit im Buchstabieren des Finger-Alphabets ist Jo groß, daß sie es fertig bringt, jedes Kolleg der aufmerkenden Helen in bte Hand zu buchstabieren. Freilich muß es in Eile gehen; aber die dankbare Schülerin meint später, daß sie ebenso rasch habe ausmerken können wie die anderen Studentin, neu, die jedes Wort des Professors angestrengt mitstenographierten.

Zu jener Zeit gelang es der unablässig weiterstrebenden Stumme» auch wovon ihre alle Fachleute, selbst ihre eigne Lehrerm, abneten: dieses Mädchen, das nie ihr eigenes Wort gehört hat, lernte spreche» und baute sich so eine neue Brücke zur Gemeinschaft der Menschen. Sie hat später die wundersame Geschichte ihrer Menschenwerdung m einem schönen BucheDie Geschichte meines Lebens" beschrieben, das auch ins Deutsche übersetzt wurde und, wie ein Geistlicher sagt, allen Leidende» und Unzufriedenen in die Hand gelegt werden sollte. Denn hier sprich! ein Mensch, der, wie es scheint, ausgeschlossen ist von fast allem, Wa­das Leben uns an Genüssen und Freuden bietet: und doch klingt hm eine fröhliche, tapfere, niemals verzagende Stimme.Meine Wch" nannte Helen Keller eins ihrer späteren Bücher; und hier zeigt sich, wie sie gleich allen starken Menschen nur vor.einem zuruckscyreckt: vor bei» Mitleid Darum wird sie nicht müde zu zeigen, wie viel Anteil an aller Schönheit in Natur und Kunst auch ihr manchmal scheint es: gerate ihr und ihren Leidensgenossen dennoch vergönnt fei. Wie sie die Scho», heit der Venus von Milo" tiefer vielleicht nacherlebt als mancher Sehende, wenn sie mit ihrembeseelten Finger" die Formen des Körpers nach, tastet; wie sie die Gesichter ihrer Liebsten vor dem inneren Auge sieht, wenn man ihr erlaubt hat, mit leiser Hand die Züge des Gesichts nach­zufühlen, so nimmt sie an dem Gespräch geliebter Menschen ober an der Kunst großer Schauspieler teil, wenn man ihr gestattet, die Lippen des Sprechenden leise zu berühren. Ergreifend ist «s zu lesen, wie ihr di« Sinne die ihr noch blieben, Geruch und Gesühl, Brücke wurden zu de» Freuden der Welt. Wenn sie frühmorgens mit ihrer Lehrerin über die Wiesen ging und die tauschweren Zweige des Rosenbusches zaghaft berührte, den Duft der Blüten einsog, dann schien es ihr, als empfinde sie die Schönheit der Blumen so lebhaft, wie es nur ein Sehender konnte, Auch ließ sie sich in ihren Befchäftigungen so wenig wie möglich durch ihr Leiden hemmen. Da sie offenbar großen persönlichen Wagemut beschi, nahm sie sogar an den sportlichen Betätigungen teil. SieerzahU nicht nur von unermüdlichen Märschen, wobei sie die Eigenart jedes Weges, ter Landstraße wie des Waldpfades durch Busch und Gestrüpp genau auf. faßt, sondern auch von Ritten mit einer Freundin auf ihrer treuen Stute Peggy; sie scheute sich nicht, in den letzten Jahren einmal sich in ein Flugzeug zu wagen, und genoß das Gefühl der unendlichen Weite m nie in ihrem Leben zuvor.

I Einer ihrer liebsten Freunde, der große amerikanische Humorist Mar! T w a i n, hat einmal gesagt, neben Napoleon sei Helen Keller der inter­essanteste Charakter der gesamten neueren Geschichte. Mag dies Freund» wort ein wenig hoch gegriffen fein ein ursprünglicher kluger Menst spricht aus Helen Kellers Büchern zu uns und vor allem ein fast anstecken­der Wille zum Leben und zum Arbeiten. Jeder Kleinmütige, der ihn Bücher gelesen hat, schämt sich seines Kleinmuts.

Schon das wäre genug, um Sinn und Bedeutung dieser Bucher J dieses Lebens zu kennzeichnen. Aber die Krönung dieses Lebens wuck Helen Keller erst zuteil, als sie so weit gelangte, ihren eigentlichen Lebens- beruf zu finden: in der Arbeit für ihre unglücklichen Leidensgenossinnen I die Taubstummen und Blinden in aller Welt. Sie war lange Zeit fW

Viel des Gewaltigen gibts doch nichts ist gewaltiger als der Mensch!" An dies Wort des Altertums wird man erinnert, wenn man das Leben einer Frau vor sich vorüberziehen läßt, die in diesen Tagen 50 Jahre alt wird: das Leben Helen Kellers. Ein Heldenleben wenn irgendeines diesen Namen verdient. Denn wenn die Helden der Vorzeit mit Riesen und Drachen zu kämpfen hatten, so nahm hier em junges Wesen den Kampf auf mit den furchtbarsten Machten einer erbarmungslosen Natur: mit Blindheit, Taubheit, Stummheit. Und trug den Sieg davon. Wie ging das zu?

Als Helen Keller am 27. Juni 1880 in Tuscumbia, einer kleinen Stadt im amerikanischen Staate Alabama, geboren wurde, war sie ein Kind wie alle andern Kinder, kräftig, normal, im Besitze all ihrer Sinne. Erst im zweiten Lebensjahre beraubte sie eine heute noch nicht ganz erklärte Krankheit des Gesichts, des Gehörs und der Sprache. Dann hat sie fünf Jahre in völliger Abgetrenntheit, fast wie ein kleines Tier, verbracht; kaum daß fie sich durch ungelenke Zeichen mit ihrer Familie verständigen konnte; wenn man sie wie häufig nicht verstand, so stampfte sie vor Wut mit den Füßen und schlug wild um sich. Später, ass sie so weit war uie ^uuu|tuillll.tll ------- ----- ----- -- -7- . rY , ....

selbst die Ereignisse ihres merkwürdigen Lebens zu erzählen, hat sie selbst I Ii(L, Inspektorin für bas Blindenwesen in ihrer Heimat MassachufeW,

als den wichtigsten Tag ihres Lebens jenen Frühlingsmorgen im Jahre I uni) [Jt durch ihre unermüdlichen Vorträge in allen Teilen Amerms

1887 bezeichnet, an welchem ein junges Mädchen aus der Perkinsschen I unendlich viel Menschen dazu veranlaßt, des Schicksals der Blinden Pi- Blindenanstalt, Annie S u l l i v a n, ihr Elternhaus betrat, um der kleinen I renb 3U geentert. , ,

Helen zur Lehrerin und in ungeahnter Weife zur Führerin zum Licht zu I Por etwa einem Jahre erschien ein neues Buch von H^ten

werden. Ohne diese geniale junge Lehririn wäre das war Helen Keller I &a5 icf) ffir das lehrreichste ihrer Bücher halte;Midstream" (Mitten« später völlig klar die ungeheure Leistung ihres Lebens nicht denkbar I gfrom) nannte sie es; und mitten in den Strom eines arbeitete* gewesen. Und mit Recht nannte es William Stern eine wundervolle I Gebens führt es uns hinein. Und in diesem Buche stehen die ergreife* Fügung, daß das Schicksal zwei außergewöhnliche Menschen, die zur I sjgorte man fast den Sinn ihres Lebens nennen könnte:Gott« Durchführung einer einzigartigen Mission zusammengehörten, auch I $err handelte an mir wie ein Vater am Kinde. Meine Stummheit m zusammenführte. t I zum Munde derer, die nicht sprechen können; meine Blindheit ward z

Man muh bedenken, daß vor 50 Jahren jene unglücklichen Menschen, I gfuge derer, die nicht sehen können." denen die grausame Natur nicht nur das Auge sondern auch das Ohr I __________

verschlossen hatte, die Taubblinden, von aller Gemeinschaft des Lebens I völlig ausgeschlossen waren; nicht nur in Amerika wurden sie rechtlich | awH OCr tSTuyyCii.

gleich den Idioten betrachtet. Ein einziger Mann, Dr. Howe, Jatte damals den Versuch gemacht, ein taubblindes Mädchen, Lara B r i d g - man, zu unterrichten; aus seinen Berichten schöpfte nun Annie Sullivan, die Lehrerin Helen Kellers, ihre eigene Methode, die fie aber in genialer und höchst individueller Art weiterbildete. Von den ersten Wochen an ward es ihr klar wir haben in ihren Briefen aus dieser Zeit wert-

Dokurnente zur Geschickte der Blindenerziehung, daß zunächst darauf ankomme, das Kind zu erziehen als sei es ein normales, man einem normalen zweijährigen Kinde Worte beibringt, indem sie es ihm vorspricht, so brachte sie der kleinen Helen täglich Worte bei, indem sie sie ihr in die Hand buchstabierte. Und

schon vortreten wollte, um sich zu melden, fühlte er sich am Aermel ge­zupft der Schließer, ein Auge einkneifend, hielt ihn zurück. Schlabren­dorf blieb, blieb und wartete. Allein auch am folgenden Morgen stand fein Name nicht auf der Liste; und er wurde niemals verlesen. Fast drei Monate lang wartete Graf Gustav Schlabrendorf Tag für Tag auf den

Von Dip!.-Jng. Arnold Meyer, München.

Keine Angst, «s soll hier durchaus nicht die unter uns Mensche* einigermaßen verbreitete Eigenschaft wohl gar moralisierend e werden, nur über jene den gleichen Namen führende Neigung auer per, von der die menschliche Trägheit gleichsam einen Sondersall mn ' wollen wir uns ein wenig unterhalten. Es ist wohl schon jedem W daß er bei gar zu schnellemAnfahren" eines Straßenbahnwagen- » nach rückwärts geschleudert wurde, und auch das Gegenteil rennen alle: wird plötzlich scharf gebremst, bann hat man Muhe, nicht a i Nase zu fallen! Die Zumutung, einen Straßenbahnbeiwagen durchs kam der aufgespeicherte Äufnahmewille der hochbegabten Schülerin I stemmen mit der Schulter schiebend in Bewegung zu setzen, j|g,, ihr mit Riesenschritten entgegen. Einer der nächsten Schritte zum Wissen I meisten Leser ebenso zurückweisen wie das Ansinnen eine war das Lesenlernen. Die Braille-Schrift, die ein französischer! Bewegung befindlichen Wagen auf entsprechende Art zum Blindenlehrer, selbst ein blinder Mann, erdacht hatte, stellt jeden Buch- I bringen. Und doch ist es für einen Menschen von normaler staben durch erhöhte Punkte bar; so eröffnete sich durch den Tatsinn der I keineswegs schwierig, einen solchen Wagen, falls er einmal >u -j. g;j wissenseifrigen Helen der Weg zur Welt der Bücher jener Welt, von I Bewegung ist, in dieser Bewegung zu erhalten, zumal w der sie später einmal schrieb, baß sie in ihr allein ihres Gebrechens ver- I geraber Strecke fährt und keine besonderen Hmbernitze o gessen konnte. Aus der kleinen Wilden wurde in überraschend kurzer Zeit I Schienen und dergleichen die Ausgabe über Gebühr erschwer

' * Wenn man sich von der menschlichen Trägheit wir sigen k||

meist derber: Faulheit ein recht drastisches Bild t*

m glaublich, wenn man hört, wie I man am besten an den krassen Fall, daß der ausgemachte i 0

fremde Sprachen lernte, sondern 1 möglich gar nichts tut, am liebsten, ohne ein Glied zu fuyr -