Ausgabe 
27.6.1930
 
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Siebener ^amilienblötter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1930 Freitag, den 27. Juni Nummer ^9

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Gommer.

Bon Josef Maria Lutz.

Irgendwo, weltverloren rast' ich in Korn und Ried. Es schrillt in meinen Ohren der Grillen einsames Lied.

Es blühen in meiner Nähe Kornblumen, wunderblau, als ob ich dein Auge sähe, kornblonbe, reife Frau.

Unb gleich dem Schmetterlinge aus flimmernder Mittagsrast hebt sich der Seele Schwinge und ist bei dir zu Gast.

Stiefel retten einen Kopf.

Erzählung von Ernst Sander.

Unter den wunderlichen Gestalten, den kauzigen Sonderlingen, die, ost von Schicksals, öfter noch von Charakters wegen, auf absonderliche Weise in sich verstrickt sind, geschlagen in selbstgeschmiedete Bande und also unfähig, ihre häufig beträchtlichen geistigen und seelischen Kräfte zeugend zu entladen. Gestalten, wie sie kein Volk der Erde in gleich merk­würdiger Geprägtheit hervorgebracht hat wie das deutsche, ist eine der seltsamsten der Graf Gustav von Schlabrendorf, der 1824 in Paris starb. Seine Zeitgenossen, allen voran Varnhagen von Ense, haben ihn gerühmt, geehrt und gepriesen, den greifen Einsiedler, als welchen sie ihn kannten, und das einzig seines menschlichen Wertes wegen. Sie alle jedoch haben gehofft auf ein Werk, ein lebendig fortdauerndes Zeugnis seiner mannig­fachen Gaben; aber er, der das Zeug zum Politiker, zum Staatsmann, zum Wirken im Großen hatte wie kaum ein anderer, blieb unfruchtbar, blieb sich selbst genug und war zufrieden, die Fäden, aus denen des Weltgeschehens Gewebe sich zufammenfügt, unbeteiligt, in nahezu spiele­rischem Leerlauf, durch seine Finger gleiten zu spüren, ohne daß in ihm der Wunsch wach geworden wäre, teilzuhaben an der Gestaltung seiner außerordentlichen Zeit vielleicht aus jenem letzten Wissen heraus, daß alles Tun ein vermessenes Unterfangen ist, weil esan den Schlaf der Welt rührt"; vielleicht, weil ein grausig-groteskes Erlebnis, in das fein erster Versuch zum Handeln ihn gestürzt hatte, fortan fein Wollen lähmte und abtötete, während fein Leib und fein (Seift roeiterlebten.

Graf Gustav Schlabrendorf, schlesischen Geblüts, Empfänger von Pfründen und Renten und überdies nicht unvermögend, hatte sich, nach ausgedehnten, dem Erwerb weltmännischer Bildung unterstellten Reisen übet den Kontinent, um die Mitte des vorletzten Jahrzehnts des 18. Jahr­hunderts, in England niedergelassen. England besagte ihm. Den aüf Men­schenwürde, auf größtmögliche Freiheit des einzelnen innerhalb einer organtfd) gegliederten Gesamtheit bedachten Sohn der Aufklärung dünkte "es britischen Reiches alte, erprobte Verfassung ein Wunderwerk; seinem Machen, zukunftswitternden Geiste erschien des Landes hoch entwickelte Mdustrie der gründlich betrachtenden Studien eines werdenden Staats­mannes nicht unwürdig; als Menschenfreund lernte er mit Genugtuung Englands auf kirchlichem Boden gewachsene philanthropische Anstalten aesto mehr achten und der Nachahmung wert befinden, je länger fein Aufenthalt dauerte. Er hatte in London ein Haus gekauft und es ein- gmchtet, er hatte sich mit Dienerschaft versehen; er gedachte noch viele öuhre, womöglich immer, in England zu bleiben, geruhsamer Arbeit, ge- uUigem Umgang und tätiger Menschenliebe hingegeben.

... gewitterschwangere Sommer des Jahres 1789 indes führte eine ff '~?,]btung herbei, eine Wandlung, deren Ausmaße für fein perfön-

Sein unb Ergehen Schlabrendorf mitnichten geahnt haben dürfte, v," Mer tiefgegründeten Kenntnis von Europa politischer Konstellation: foh» on^ würde er sich schwerlich mit nichts als einem Mantelsack Der« L'n jenem Sommer nach Paris begeben haben, als die Nachrichten bi»« re ur *m Ballhaus, der Verbannung Reckers, vom Sturm auf ihm drangen und in feinem für die Menschheit glühenden, nensdurstenden Inneren jubelnden Widerhall fanden. Ein ganzes toürhJ0 glaubte er, war dabei, sich aufzuraffen, sich auf feine Menfchen- bioiPrMVefmnen- sich die Freiheit, die man ihm weigerte, mit gran- uni ,>ie zu nehmen. Er mußte dabei fein, als Zuschauer zumindest mu Ä" nach Paris, in aller Eile, nicht zu spät zu kämmen; nur nem Mantelsack ausgerüstet, und mietete ein bescheidenes Zimmer

im zweiten Stock des Hotels Des Deux Siciles, Rue Richelieu. Er plante einen Aufenthalt von Tagen, höchsten Wochen: es wurden dar« aus fünfunddreißig Jahre.

Denn Gustav Schlabrendorf erkannte alsbald, daß eine weltgeschicht­liche Wende sich vor feinen Augen zu vollziehen begann; die rasende Folge der Ereignisse schlug ihn in Bann. Tätigen Anteil beschloß er vor­erst nicht zu nehmen; er beobachtete, er notierte, er verschaffte sich die zahllosen Flugblätter und Broschüren, die Tag für Tag erschienen, Mani­feste lodernden Wollens, stählernen Hasses. Er machte Bekanntschaften, er gewann das Vertrauen Condoreets, Merciers, Brissots. Seine Notizzettel türmten sich zu Bergen; er war überall dabei, wo es etwas zu sehen gab:; er war einer der wenigen, die den König bei seiner Flucht erkannten^ und nickte schmunzelnd und billigend, als der schwerfällige Reifewagen davonknarrte; ein Zufall führte ihn des Weges, als die königliche Familie zurückgebracht wurde diesmal schmunzelte Schlabrendorf nicht.

Zwei Jahre war er bereits in Paris. Die Mahnungen nach Rückkehr aus London wurden immer dringlicher, immer ratloser gebärdete sich der Verwalter weshalb Gustav Schlabrendorf ihn kurzerhand anwies, das Haus samt der Einrichtung zu verkaufen, die Dienerschaft zu entlassen. Er erinnerte sich, daß er verlobt fei, und löste sogleich die Bindung er hatte Wichtigeres zu vollbringen. Frankreich von feindlichen Heeren be­drängt und siegreich sich ihrer erwehrend, die Hauptstadt im Fiebertaumel politischer Leidenschaften, in einer Krankheit, von der niemand wissen konnte, ob sie Genesung und neues Leben ober Untergang barg: und in seinem Hotelzimmer Gustav Schlabrendorf, den Finger am Pulse der Zeit, jede Schwankung, jedes Zucken notierend; alles wissend, aus mächtig gewachsenen Kenntnissen, aus helläugiger Einsicht des öfteren ratend immer jedoch im Verborgenen, ein Mann im Schatten. Er plante ein riesiges Werk, Denkwürdigkeiten über die große Revolution; Macchiavellis Diskurse über Livius schwebten ihm als Muster vor; eine durchaus neue Philosophie des Staates sollte entstehen. Allein, er kam niemals zur Ausarbeitung feiner Entwürfe; die Ereignisse in ihrem tollen, überstürzenden Ablauf ließen ihm keine Zeit; er beobachtete uni) notierte. Der König wurde gefangengefetzt, die Septembermorde hinter­ließen eine grausige Blutspur; des Königs Haupt fiel, die Girondisten stürzten und wurden gerichtet, unter ihnen viele von Schlabrendorfs Freunden. Er wollte helfen, er wollte eingreifen, er mahnte zur Mensch­lichkeit und über Nacht fand er selbst sich verhaftet, in der (Eonciergerie, und bald daraus zum Tode verurteilt gleich den Gefährten.

Sie warteten der Urteilsvollstreckung, Schlabrendorf, reich und men­schenfreundlich, half mit Geld, setzte Erleichterungen bei dem gegen Trink­gelder nicht unempfänglichen Schließer durch, einem gutmütigen Burschen übrigens, trotz allen Ariftokratenhasses, unterstützte die Mit­gefangenen bei der Aussetzung ihrer immer vergeblichen Verteidigungs­schriften. Morgen für Morgen fuhr der Karren vor, kam ein Bevoll­mächtigter des Revolutionstribunals und verlas die Namen derer, die an jenem Morgen gerichtet werden sollten. Und auch Über diese Schar Wartender kam die erschütternde Lustigkeit der Todgeweihten, die be- taumelte Todestrunkenheit, für die aus jener Zeit so verwunderliche Zeugnisse vorliegen. Des Karrens wartend, erdachten sie letzte epigramma­tische Aussprüche vor dem Fallbeil, voll pathetischen Hohnes, voll Zynis­mus oder beizend-unnahbarer Würde. Sie neckten einander, versteckten nachts einer des anderen Kleidungsstücke, so daß am Morgen ein kin­disches Suchen und Sichbeschuldigen anhub, ein bubenhaftes Balgen und Gelächter und so geschah es, daß, als wiederum der Karren vorsuhr und der Bevollmächtigte des Tribunals die Namen aufrief, Gustav Schlabrendorf, als er, unter jähem Ausfetzen des Herzens, den feinen vernahm, ohne Stiefel daftand und sie, die notwendigen, im hastigen Suchen nicht zu finden vermochte. Der Schließer half; die Stiefel blieben verschwunden. Und nun begab sich das Unglaubliche: Gustav Schlabren- borf, der zum Tode verurteilte Aristokrat und Reaktionär, trat auf den Mann mit der Lifte zu und sagte dem Ungeduldigen freundlich und treu* herzig, daß er ohne Stiefel nicht fortkönne. Man müsse das einsehen. Man könne ihn hinrichten, gewiß. Aber die letzte Fahrt ohne Stiefelf das gehe nicht an. Man könne ihn töten, aber niemals könne man zu- geben, daß er ohne Stiefel, eine lächerliche Erscheinung, das Treppchen zur Guillotine hinauffteige. Darum möge man ihn erst anderntags mit­nehmen; bis dahin gelinge es ihm wohl, die Stiefel zu finden. Es komme ja wohl auf einen Tag nicht an. Und unter dem Gelächter der Ge­fangenen, der Zurückbleibenden und derer, die sich anfchickten, auf den Karren zu steigen, nickte der Bevollmächtigte des Tribunals Gewährung und ging.

Weder er, noch der Graf, noch einer der Gefangenen hatten gesehen, daß während Schlabrendorfs kleiner Rede der Schließer stillschweigend die Stiefel in einen dunklen Winkel geschoben hatte. Immerhin fand Schlabrendorf sie bald, und am nächsten Morgen stand er bereit, klaglos, voller Fassung. Aber fein Name wurde nicht aufgerufen; und als er