„Fort mit Schaden!" sagte Anna und klopfte mit dem Messer, das st« in der Hand hielt, unter den Tisch. „Nicht wahr, Tante, das hilft?"
Mittlerweile stand der Berufene schon vor der offenen Küchentür.
„Ei, schönsten guten Tag miteinander!" rief er mit seiner Altweiberstimme, indem er mit seinem blaukarierten Taschentuche sich die Schweißtropfen von den Haarspitzen seiner fuchsigen Perücke trocknete. „Nun, wie geht's, wie geht's? Freund Carstens zu Hause? Immer fleißig an der Arbeit?"
Aber bevor er noch eine Antwort bekommen konnte, hatte er die alte Jungfrau mit einem neugierigen Blick gemustert. „Ei, ei, Brigittchen, Ihr seht übel aus; Ihr habt verspielt, seit wir uns nicht gesehen."
Tante Brigitte nickte. „Freilich, es wi llnicht mehr so recht; aber der Physikus meint, jetzt bei dem schönen Wetter werd' «s besser werden."
Herr Jaspers ließ ein vergnügliches Lachen hören. „Ja, ja, Brigittchen, das meinte der Physikus auch bei der kleinen dänischen Marie im Kloster (das Sankt Fürstenstift für alte Frauen), als sie die Schwindsucht hatte. Ihr müßt, sie nannte ihr Stübchen immer, ,min lütje Paradies'" — er lachte wieder höchst vergnüglich — „aber sie mußte doch fort aus dat lütje Paradies."
„Gott bewahr' uns in Gnaden", rief Tante Brigitte, „Ihr alter Mensch könntet einem ja mit Euren Reden den Tod auf den Hals jagen!"
„Run, nun, Brigittchen; alte Jungfern und Eschenstangen, die halten manche Jahre!"
„Jetzt aber macht, daß Ihr aus meiner Küche kommt, Herr Jaspers", sagte Prigitte; „mein Bruder wird Euch besser auf Eure Komplimente dienen."
Herr Jaspers retirierte: zuglei chaber hob er sich die dampfende Perücke von feinem blanken Schädel und reichte sie auf einem Finger gegen Anna hin. „Jungfer", sagte er, „sei Sie doch so gut und hänge Sie mir derweile das Ding zum Trocknen auf Ihren Plankenzaun; aber pass' Sie auch ein wenig auf, daß es die Katz' nicht holt."
Anna lachte. „Nein, nein, Herr Jaspers; tragt Euer altes Scheusal nur selbst hinaus! Und unsere Katz', die frißt solche rote Ratzen nicht."
„So, so? Ihr seid ja ein naseweises Sing!" sagte der Stadtunheilsträger, besah sich ein wenig seinen abgehobenen Haarschmuck, trocknete ihn mit seinem blaukarierten Taschentuche, stülpte ihn wieder auf und verschwand gleich darauf in der Tür des Wohnzimmers.
Als Carsten, der bei seinen Rechnungsbüchern saß, Herrn Jaspers' vor Geschäftigkeit funkelnde Aeuglein durch die Stubentür erscheinen sah, legte er mit einer hastigen Bewegung seine Feder hin. „Nun, Jaspers", sagte er, „was für Botschaft führt Ihr denn heute wiederum spazieren?"
„Freilich, freilich, Freundchen", erwiderte Herr Jaspers, „aber Ihr wißt fa, des einen Tod, des anderen Brot!"
„Nun, so macht es kurz und schüttet Eure Taschen aus!"
Herr Jaspers schien den gespannten Blick nicht zu beachten, der aus den großen, tiefliegenden Augen auf fein kleines, faltenreiches Gesicht gerichtet mar. „Geduld, Geduld, Freundchen!" sagte er und zog sich behaglich einen Stuhl herbei — „also: der kleine Kramer in der Süder- straße, wo die Oftenfelder (Osteufeld ist ein ostfriesisches Kolonistendorf südöstlich Husum, mitten im „Wilden Moor" gelegen, mit eigenartigen Sitten und Trachten) immer ihre Notdurft holen — Ihr kennt ihn ja; dos Kerlchen hat immer eine blanke, wohlgekämmte Haartolle; aber das hat ihm nichts geholfen, Carsten, nicht für einen Sechsling! Ich hoffe nicht, daß Ihr mit diesem kleinen Kiebitz irgendwo verwandt seid."
„Ihr meint durch meinen Geldbeutel? Nein, nein, Jaspers; aber was ist mit dem? Es war bei feinen Eltern eine gute Brotstelle."
„Allerdings, Carsten; aber eine gute Brotstelle und ein dummer Kerl, die bleiben doch nicht lang zusammen; er muß verkaufen. Ich hab's in Händen; viertausend Taler Anzahlung, fünftausend protokollierte Schulden gehen in den Kauf. — Nun? Guckt Ihr mich an? — Aber ich dachte gleich, das wäre so etwas für Euren Heinrich, wie es Euch nicht alle Tage in die Hände läuft!"
Carsten hörte das; er wagte nicht zu antworten; unruhig schob er die Papiere, die vor ihm lagen, durcheinander. Sann aber sagte er, und die Worte schienen ihm schwer zu werden: „Sas geht noch nicht; mein Heinrich muß erst noch älter werden!"
„Aelter werden?" Herr Jaspers lackte wieder höchst vergnüglich. „Sas meinte auch unser Pastor von seinem Jungen; aber, Freundchen, was zu einem Esel geboren ist, wird sein Tage nicht kein Pferd."
Carsten spürte starken Srang, gegen seinen Gast sein Hausrecht zu gebrauchen; aber er fürchtete unbewußt, die Sache selber mit zur Tür hinauszuwerfen.
„Nein, nein, Freundchen", fuhr der andere unbeirrt fort; „ich weiß Euch befferen Rat: eine Frau müßt Ihr dem Heinrich schaffen, versteht mich, eine fixe; und eine, die auch noch so ein paar Tausende in bonis hat! Nun" — und er machte mit feiner Fuchs Perücke eine Bewegung nach der Gegend der Küche hin — „Ihr habt fa alles nahebei."
Carsten sagte fast mechanisch: „Was Ihr Euch doch um anderer Leute Kinder für Sorgen macht!"
Aber Herr Jaspers war aufgeftanben und sah mit einem schlauen Blick auf den Sitzenden hinab. „Ueberleqt's Euch, Freundchen, ich muß noch auf die Kämmerei: bis morgen halt' ich Euch die Sache offen."
Er war bei diesen Worten sckon zur Tür hinaus. Carsten blieb mit aufgestütztem Kopf an feinem Tische sitzen; er sah es nicht, wie gleich darauf, während Herrn Jaspers' hoher Zylinder sich draußen an den Fenstern vorüberschob, die kleinen, zudringllchen Augen noch einen scharfen Blick ins Zimmer warfen.
*
Sie Vorschläge des „Stadtunheilträgers" schienen dennoch nachgewirkt zu haben. — Sas war es ja, wonach Carsten fick so lange umgesehen; das zu Kauf gestellte, jetzt zwar herabgekommene Geschäft konnte "bei guter Führung und ohne zu hohe Zinsenlast als eine sichere Versorgung gelten. Hier am Orte konnte der Vater selbst ein Auge darauf halten, und
Heinrich würde allmählich auf sich selber stehen lernen. Carsten faßte sich ein Herz; mit zitternder Hand holte er noch einmal aus feinem Schreibpult jene Hamburger Briefe, die ihm vor nicht langer Zeit den größten Teil seines kleinen Vermögens gekostet hatten, und las sie, einen nach dem anderen, sorgsam durch. Sem letzten lag ein quittierter Wechsel bei; der Name unter dem Akzept war mit vielen Strichen unleserlich gemacht.
Wie oft hatte er jene Briefe nicht schon durchgesehen, um immer aufs neue sich zu überzeugen, daß alles geordnet sei, daß für die Zukunft kein Unheil mehr daraus entstehen könne! Ader sie sollten endlich nun vernichtet werden. Er zerriß sie in kleine Fetzen und warf sie in den Ofen, wo dann das erste Winterfeuer sie ganz verzehren mochte.
Als habe er heimlich eine böse Tat begangen, so leise drückte er die Tür des Ofens wieder zu. Sann stand er lange noch vor feinem Pulte, den Schlüssel in der Hand; er atmete mühsam, und sein grauer Kopf sank immer tiefer auf die Brust. Aber dennoch — und immer wieder stand ihm das vor Augen — wozu die Verhältnisse der Großstadt den schwachen Sohn verführt hatten, hier in der kleinen Stadt war das unmöglich! Wenn er ihn nur bald, nur gleich zur Stelle hätte! Eine fieberhafte Ängst befiel ihn, sein Sohn könne eben jetzt, im letzten Äugenblick, wo noch vielleicht der sichere Hafen ihm bereitstehe, noch einmal sich in jenen Strudel wagen.
Sas Pult zwar wurde endlich abgeschlossen; aber wohl eine Stunde lang ging der sonst nie müßige Mann wie zwecklos in Haus und Hof umher, sprach bald mit den Frauen ein Wort über Singe, um die er sich nie zu kümmern pflegte, bald ging er durch den Pesel in den Hof, um die seit lange hergestellte Brunneneinfassung zu besichtigen. Von. hier zurückkommend, öffnete er eine Tür, die aus dem Pesel in einen Seitenbau und in dessen oberem Stockwerk zu Iulianens Sterbekammer führte. Sie schmale, seit Jahren nicht gebrauchte Treppe krachte unter feinen Tritten, als führe die alte Zeit aus ihrem Schlafe auf. Sroben in der Kammer, unter dem Fenster, das auf die düstere Tmiete ging, stand ein leeres, von Würmern halb zerstörtes Bettgestell. Carsten zog den einzigen Stuhl heran und blieb hier sitzen. Vor seinen Augen füllten sich die nackten Breiter; aus weißen Kissen sah ein blasses Antlitz, zwei brechende Augen blickten ihn an, als wollten sie ihm jetzt verheißen, was zu gewähren doch zu spät war.
Erst spät am Nachmittage saß (Durften an feinem Arbeitstisch. Doch waren es nicht gerade gewohnte Singe, die er heute vornahm; eine Ku- ratelredjnung, obwohl sie morgen zur Konkurssache eingereicht werden sollte, war beiseite geschoben und dagegen ein kleines Buch aus dem Pult genommen, das den Nachweis des eigenen SBermögensftanbes enthielt; die großen, dunkeln Augen irrten unftät über die aufgeschlagenen Paginas. Ser Alte seufzte; über die besten Nummern war ein roter Strich gezogen. Sennoch begann er sorgsam seinen Status aufzustellen: was gegenwärtig an Mitteln noch vorhanden war, worauf er in Zukunft noch zu rechnen hatte. Sa es nicht reichen wollte, kalkulierte er überdies den Wert feiner kleinen Marschfenne, die er bisher noch immer festgehalten halte; aber die Landpreise waren in jener Zeit, nur unerheblich. Er dachte daran, zu feinen übrigen Arbeiten noch ein städtisches Amt zu übernehmen, das man ihm neulich angeboten, das er aber feiner geschwächten Gesundheit halber nicht anzunehmen gewagt hatte; nun meinte er, er fei zu zog gewesen; gleich morgen wolle er sich zu der noch immer unbesetzten Stelle melden. Und aufs neue machte er seine Berechnung: aber das gehoffte Resultat wollte nicht erscheinen. Er legte die Feder hin und wischte sich den Schweiß aus seinen grauen Haaren.
Sa klang ihm vor den Ohren, was Herr Jaspers ihm geraten hatte, und seine Gedanken begannen in den wohlhabenden Bürgerhäusern hevum- zuwandern. Freilich, es waren schon Mädchen dort zu finden, wirtschaftlich und sittsam, und einzelne — so dachte er — wohl fest genug, um einen schwarten Mann zu stützen; aber würde er für seinen Heinrich dort anzuklopfen wagen?
Während er sich selbst zur Antwort langsam seinen Kopf schüttelte, trat Anna in der ganzen heiteren Entschlofsenheit ihres Wesens in die Stube; wie ein Aufleuchten flog es über seine Äugen, und unwillkürlich streckte er beide Anne nach ihr aus.
Anna sah ihn befremdet an. „Wolltet Ihr was, Carften Ohm?" fragte sie freundlich.
Carften ließ die Arme sinken. „Nein, Kind", sagte er fast beschämt, „ich wollte nichts; laß dich nicht stören; du wolltest wohl zum Vesperbrote anrichten."
Er nahm wieder die Feder, als wolle er in der vor ihm liegenden Berechnung fortsahren; aber seine Augen blieben an dem Mädchen hangen, während diese den Klapptisch von der Wand ins Zimmer rückte und dann, kaum hörbar, mit ihrer sicheren Hand die Singe zum gewohnten Abendtee zurechtsetzte. Ein Bild der Zukunft stieg in seiner Seele auf, vor dem er alle feine Sorgen niederlegte.--Aber nein, nein; er hatte
immer treu für dieses Kind gesorgt! Ja, wenn das letzte nicht geschehen märe!"
Er war aufgeftanben und vor sein bescheidenes Familienbild getreten. Als er es ansah, schien ihm das gemalte Abendrot zu flammen, und die Schattengestalten begannen einen Körper anzunehmen. Er nickte ihnen zu; ja, ja, das war fein Vater, feine Großmutter; das waren ehrliche Leute, die da spazierengingen!
--Äls bald darauf die Hausgenossen beim Abendbrot zusammen- fafjen, forschten Brigittens schwesterliche Augen immer eindringlicher in des Bruders Antlitz, das den Ausdruck der Derstörung nicht verhehlen konnte. „Tu's von dir, Carsten!" sagte sie endlich, seine Hand erfaßend. „Was für eine Tracht Unheils hat der elende Mensch denn dieses Mal auf dich geladen?"
„Kein Unheil just, Brigitte", erwiderte Carsten, „nur eine Hoffnung, die sich nicht erfüllen kann." Und dann berichtete er den Frauen von dem Anbot des Geweses, von seinen Wünschen und endlich — daß es sich denn doch nicht zwingen lasse.
(Fortsetzung folgt.)
Q3eranitoortlicb: Dr. Hans Lhyrivt. — Druck und Verlag: Brühl'f che UniversitätS-Buch- und Steindruckerei, A. Lange, Gießen.


