der frohe Wagemut, das Steuer zu ergreifen und allen Gefahren dieser lockenden Zauberin, Bühne genannt, Trotz zu bieten, nicht zurückgeschreckt durch das Schicksal jener, die unterlagen — er ist noch nicht erstorben.
Grenzen der tierischen Ginne.
Von Dr. Th. A. Ma ah.
Ein genialer Musiker hat seine größten Gedanken, seine tiefsten Empfindungen in sein Ausdrucksmittel, den Klang, umgesetzt und niedergeschrieben. Ein Astronom hat seine Forschungsergebnisse bis an die Erkenntnis vom Werden, Wandeln und Vergehen der Welten vordringend, zu Papier gebracht. Die Niederschrift des großartigen Resultats umfaßt nicht mehr als eine Reihe der höchsten Mathematik entstammender Glei- chungen. Und für jeden von ihnen ist das Manuskript des anderen nur ein mit schwarzen Zeichen bedecktes Papier. Nicht weil der Eine des Anderen Fachsprache nicht versteht, — die wäre erlernbar —, sondern weil es ihm versagt ist, sich aus der eigenen in die fremde seelische Welt, in die fremde Gedankenrichtung, die das Werk entstehen ließ, zu versetzen. Dabei sind hier die Vorbedingungen des gegenseitigen Verstehens denkbar günstig. Beide stehen auf gleicher geistiger Höhe, gehören dem gleichen Kulturkreis an. Trifft dies nicht zu, so wird die Lage noch unendlich viel schwieriger: Ein Europäer wird den primitiven Wilden, aber auch den hochstehenden Malaien oder Mongolen niemals ganz verstehen können.
Ins Unendliche aber steigern sich die Schwierigkeiten, wenn der Mensch versucht, forschend in die Seelenwelt der Tiere vorzudringen. Hier fehlt zunächst einmal der beste Maßstab, die vergleichende Uebertragbarkeit aus das eigene Ich. Dann fehlen alle direkten Verständigungsmittel zwischen Untersucher und Untersuchtem. Rechnet man dann noch die riesige Spannweite der Tierentwicklung von der einzelligen Amöbe bis zum Säugetier hinzu, so ist damit ein Teil der Schwierigkeiten aufgezählt, die sich einer ernsthaften Seelenforschung im Tierreich entgegenstellen. Schwierigkeiten sind der Wissenschaft noch nie Grund zum Verzicht gemeßen, haben sie stets nur angestachelt, um so eifriger nach dem besten Weg zu suchen, ins Verschlossene vorzudringen. Der Weg zur Erkenntnis seelischer Vorgänge muß seinen Ausgang von der Physiologie des Nervensystems und der Sinnesorgan« nehmen. Erst wenn man genau weiß, ivelchen Sinnes- eindruck das Tier empfängt, wie sein Organismus den Sinnesreiz beantwortet und verwertet, kann man versuchen, sich in die Rätselwelt des tierischen Denkens vorzutasten.
lieber die Sinneswahrnehmung der Tiere und die von ihnen aus- gelösten einfachsten Assoziationen, herrschte bis vor Kurzem noch erstaunliche Unklarheit. So wußte man beispielsweise nicht, wie es um den Gehörsinn verhältnismäßig hochentwickelter Vertreter des Tierreichs, der Fische, bestellt ist. Hier mußte der Dressurverfuch herangezogen werden. Dessen Grundprinzip ist, daß man das zu untersuchende Tier in langsamem, geduldigem Vorgehen, in ständiger Wiederholung daran gewöhnt, in Verbindung mit einem bestimmten Sinnesreiz (Schall, Licht usw.) eine Belohnung, einen Leckerbissen zu empfangen. Bei einem anderen Reiz läßt man es etwas Unangenehmes erleben. Das Resultat dieser Versuche war, daß die Fische (Elritzen, Welse n. a. m.) nach wechselnd langer Vorbereitung erlernten, zwei verschiedene hohe Töne mit Sicherheit zu unterscheiden. Das Intervall brauchte dazu bei begabten Exemplaren nicht größer als eine kleine Terz zu sein, und die Tonstärke konnte so niedrig gehalten werden, daß das unter Wasser befindliche menschliche Ohr den Ton überhaupt nicht mehr wahrnahm. Damit, daß der Fisch erlernte, den gewöhnlich mit der Darbietung eines Leckerbissens zusammengegebenen Freß-Ton schließlich wie diese selbst zu empfinden, und auf fein Erklingen nach dem Futterplatz zu eilen, den nur wenig abweichenden Warn-Ton mit Abwehr und Fluchtbewegung zu beantworten, wird das Toneinpfindungs- und Tonunterscheidungs-Vermögen der Tiere unumstößlich bewiesen.
Der Gesichtssinn der Fische gilt als schwach entwickelt, nicht über die Wahrnehmung bewegter Gegenstände hinausgehend. Jetzt ist aber durch Versuche, die die Futterdarreichung mit Farbeneindrücken verknüpften, Wahrnehmung und Unterscheidung verschiedener Farben mit Sicherheit bewiesen. Die Geschmacksgualitäten, sauer, süß, bitter, salzig, werden deutlich unterschieden. Eebenso die verschiedensten Geruchseindrücke, was sicher beim Nahrungssuchen und Verfolgen der Beute eine wichtige Rolle spielt. Tastsinn, Empfindlichkeit gegen Berührung sind vorhanden, lieber Schmerzempfindung, die subjektives«« aller Sinneswahrnehmungen, läßt sich wenig Positives aussagen.
Die orientierende Wanderung durch die Sinneswelt der niedrigsten Klaffe der Wirbeltiere, der Fische, zeigt, daß hier keine grundsätzlichen Unterschiede gegen die des höchsten Wirbeltiers, des Menschen, bestehen. Und doch darf inan nicht einmal die sinnlichen Wahrnehmungen der nächsten Verwandten, der Säugetiere, besonders des Hundes, der des Menschen vollkommen gleich setzen. Die klassische Form des oben geschilderten Lern- und Dressurversuchs, die von Pawlow und seinen Schülern absichtlich herbeigeführte Verknüpfung irgendeines begehrten Nah- lern absichtlich herbeigeführte Verknüpfung irgendeines Sinneseindrucks mit dem durch Geschmack ober auch nur Anblick eines begehrten Naherwartetes ergebn. So ist es mindestens unsicher, ob das scharfe Auge des Hundes im Stande ist, geometrische Figuren zu unterscheiden, ja selbst, ob er seinen eigenen Herrn ausschließlich nach dessen Gesichtszügen und Körperumrissen erkennen kann. Der Geruchssinn des Hundes, seine „unfehlbare" Spursicherheit, ist wesentlich überschätzt worden. Genau durchgeführte Untersuchungen an begabten und gut abgerichteten Polizeihunden ergaben, daß nur zwei von vielen mit Sicherheit der Spur des eigenen Herrn folgen konnten. Beim Folgen frember Spuren, dem Verbellen und ähnlichen Ausgaben des Polizeihundes wurden so viel Fehlerguellen aufgedeckt, daß man sich genötigt sah, Schwurgerichtsurteile, bei denen die Tätigkeit des Polizeihundes das Hauptindiz bildete, aufzuheben.
Von den zahllosen Untersuchungen über Sinneswahrnehmung wirbelloser Tiere seien einige wenige aufschlußreiche Ergebnisse angeführt: Bei
manchen Heuschreckenarten ruft das Männchen das Weibchen zum Liebesspiel durch eigenartig zirpende Laute. Zur Feststellung, ob es wirklich die Lautwahrnehmung als solche und nicht vielleicht irgendeine Begleiterscheinung wäre, die das liebesbedürftige Weibchen anlockt, ließ man das Männchen fein Liebeswerben per Telephon vortragen. In einem weit entfernten Raum hörte das Weibchen aus dem Mikrophon den Sang des unsichtbaren Partners und eilte sofort auf den Apparat zu, in der Hoffnung, dort den Minnesänger zu finden. Welch seltsame Organe ost der Schallwahrnehmung niederer Tiere dienen müssen, konnte an Raupen gezeigt werden. Diese reagierten deutlich auf den Ton einer Stimmgabel, zeigten auch bei häufiger Reizung durch den gleichen Ton die Erfchei- nung der Ermüdung für diesen bestimmten Ton, ohne darum die Wahrnehmung anderer einzubüßen. Sie wurden aber taub, wenn man die sie bedeckenden Körperhärchen absengte, einftäubte oder anfeuchtete. Was ergibt, das diese Härchen Schallwellen auffangen und ihre Wahrnehmung vermitteln. Ein Teil der grundlegenden Untersuchungen von Profesior v. Frisch über die Sinne der Bienen zeigt deren hochentwickeltes Far- benwahrnehmungsvennögen. Die Unterlage von bestimmter Farbe, auf der sich während der Lehrzeit Zuckerlösung befand, wurde von anders gefärbten, auch von grauen Unterlagen genau gleichen Helligkeitswertes, unterschieden. Die auf Blau als Lockfarbe dressierte Biene flog auch auf einen neutral grauen Farbring zu, wenn sich dieser auf einer scharf gelben Unterlage befand. Dieselben Gesetze der Farbwahrnehmung, die der Neutralfarbe für das menschliche Auge den Kantrastwert Blau verleihen, gelten auch für bas ganz anders aufgebaute Sinnesorgan der Biene
Je weiter man die Entwicklungsreihe abwärts verfolgt, um so spärlicher und unsicherer werden die Befunde. Kleinste Wasserinsekten, wie Wassermilben und Flöhe, waren nicht baju zu bringen, intensive Farben- und Lichteindrücke als Signale für Belohnung ober Strafe aufzufassen, erst dem zehnfützigen Wasserkrebs gelang solch eine „geistige" Leistung. Daß der Regenwurm nach längerer Dressur lernen soll, den Schenkel eines künstlichen Kreuzweges, an dessen Ausgang ihm Unannehmlichkeiten bevorstehen, durch Richttingsänderung an der Kreuzungsstelle zu meiden, wird neuerdings bezweifelt. Der Tintenfisch, eine Molluske, lernte schließlich gefärbtes Licht, das ihn vor einem Schmerz warnt, erkennen.
Bei der niedrigsten Entwicklungsstufe, dem einzelligen Tier, konnte nur noch eine Reaktion auf Reize aller Art beobachtet werden, der Schreck. Und konnte sogar auf einen bestimmten Teil des einzelligen Organismus lokalisiert werden: Bei einem durchschnittenen Paramci- zium blieb der vorderen Hälfte die Reaktionsfähigkeit erhalten, während die Hintere sie verloren hatte.
Abschließend noch ein Wort über den Zeitsinn, dessen Bestehen als selbständige, übergeordnete Funktion selbst beim Menschen noch nicht sichergestellt ist. Höhere Tiere, wie Ratten, scheinen ihn zu besitzen. Sie lernten außerordentlich schnell von zwei vollkommen gleichartigen, zur Futterstelle führenden Gängen, den zu wählen, wo sie durch eine zwischengeschaltete Falle nur eine Minute ihrer Freiheit beraubt wurden, und den zu meiden, wo die Haft vier bis sechs Minuten währte. Die Physiologie der tierischen Sinnesorgane ist genau durchforscht. Reize, Reflexe und Assoziationen sind keine Werte, sondern biologisch erklärte Begriffe. Der Zweifel beginnt erst, wenn man von hier aus weiter in bas Werben des Gedankens »erbringen will. Beim Menschen wissen wir, ober glauben wir darüber einiges zu wissen. Die Vergleichbarkeit des anderen mit dem eigenen Ich, das gemeinsame Ausdrucksmittel, die Sprache, ebnet den Weg. Beim Tier fehlen diese Hilfsmittel, wir tappen im Dunkeln.
Aber diese Tausende von Schleiern, mit denen das Tier seine seeli- s ch e Wesenheit umgibt, vielleicht zum Ausgleich dafür, daß es der Wissenschaft oft unter Schmerzen und Qualen alle Geheimnisse körperlichen Geschehens enthüllen mutzte, dürfen nicht zur Ablehnung des Bestehens tierischer Seelentätigkeit verführen. Die Philosophie Descartes’ oder Schopenhauers tut dies, sieht das Tier als seelenlosen Automaten an. Für sie taucht das Geistig-Seelische plötzlich unvermittelt bei der Spezies Säugetier, die man Mensch nennt, auf. Dem Biologen, der die Abneigung der schöpferischen Natur gegen alles sprunghafte Vorgehen kennt, ist diese Auffassung unannehmbar. Er darf im Suchen nicht Nachlassen, ob das dem Menschen „dem letzten Tier der Erde, dem ersten Gott dieser Welt" (Schleich) geschenkte göttliche Feuer des Gedankens nicht als Funke schon im Stamm verwandter Tiere glimmt.
Carsten Curator.
Novelle von Theodor Stör m.
(Fortsetzung.)
lieber mancherlei unbedeutende Dinge konnte er in jähem Schreck zusam- menfahren; so, wenn unerwartet an seine Stubentür geklopft wurde, ober wenn der Postbote abends zu ihm eintrat, ohne bah er ihn vom Fenster aus vorher gesehen hatte. Man hätte glauben können, der alte Carsten habe sich noch in seinen hohen Jahren ein böses Gewissen zugelegt.
Die Frauen sahen das; sie hatten auch wohl ihre eigenen Gedanken, im übrigen aber trug Carsten seine Last allein; nur sprach er mitunter sein Bedauern aus, daß er statt aller anderen Dinge nicht lieber seine ganze Kraft auf die Vergrötzerung des ererbten Geschäftes gelegt habe, so datz Heinrich es jetzt übernehmen und in ihrer aller Nähe leben könnte. — Cs stand nicht zum besten in dem Hause an der Twiete; denn auch Tante Brigitte, bereit sorgende Augen stets an ihrem Bruder hingen, kränkelte; nur aus Annas Augen leuchtete immer wieder die unbesiegbare Heiterkeit der Jugend.
Es war an einem heißen Septembernachmittag, als die Glocke an der Haustür läutete und gleich darauf Tante Brigitte aus der Küche, wo sie mit Anna beschäftigt war, auf den Flur hinaustrat. „In Christi Namen!" rief sie, „da kommt der Stabtunheilsträger, wie der Herr Bürgermeister ihn nennt! Was will der von uns?"


