Ausgabe 
27.1.1930
 
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SiehenerZamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger

Jahrgang <930 Montag, den 27. Januar Kummer 8

Winter.

Von Wolf Georg Bartels. Müde hat der Leib der Erde Sich zum Schlafe ausgestreckt, Los und ledig der Beschwerde, Mütterlich vom Schnee bedeckt.

Aus des Himmels grauen Toren Fallen Flocken, schwer und weich, Langsam, wie im Traum verloren, Sterne aus dein Totenreich.

Ruh und winterliches Schweigen. Keines Vogels Flügel schlägt.

Bäume mit erstorbnen Zweigen Keines Windes Hauch bewegt.

Ein« große dunkle Hand Löscht behutsam Licht um Licht, Tiefer neigt aufs sttlle Land Dämmerung ihr Angesicht.

Mißverständnis.

Von A. P. Tschechow.

Regierungskommissär Gawrilowitsch Smirnow war auf der Station Gniluschka angelangt. Bis zum Meierhof Diewkin, wo er dienstlich zu tun hatte, war noch ein Weg von etwa dreißig Kilometern mit dem Wa­gen. (Wenn der Kutscher nicht betrunken und die Pferde keine Schind­mähren sind, dann sind es nicht mehr als dreißig Kilometer, im ent­gegengesetzten Falle aber fünfzig.)

Sagen Sie mir, wo kann man hier Postpferde bekommen?" fragt« der Kommissär den Gendarmen auf der Station.

Was für welche? Postpferde? Oh, du lieber Gott, hier kann man weit und breit keinen ordentlichen Hund finden, geschweige denn ein gutes Pferd... Wohin fahren Herr Kommissär?"

Auf den Meierhof Diewkon, zum General Chohotow."

Ha, wie kann ich Ihnen raten?" erwiderte der Gendarm.Gehen Sie hinter das Stationsgebäude, dort gibt es manchmal Bauern, die in dieser Richtung fahren."

Der Kommissär tat einen Seufzer und ging, wohin er gewiesen wurde. Nach langem Umhersuchen fand er endlich einen Bauern, eine stämmige Gestalt, mit düsterem, pockennarbigem Gesicht und zerfetzten Kleidern. Weiß der Kuckuck, was für einen Wagen du hast," murrte der Kom- misiär.Man weiß ja nicht einmal, wo hier vorne und wo hinten ist..

Da gibts nicht viel zu denken," antwortete der Bauer mit stoischer Gelassenheit.Vorne ist beim Schweif des Pferdes, und hinten, da, wo Euer Gnaden sitzen."

Das Pferd war jung, aber spindeldürr. Als chm der Bauer einen Schlag mit der Peitsche versetzte, nickte es nur mit dem Kopf: beim zwei­ten Schlag ließ sich ein Kreischen der Achsen vernehmen und der Wagen erzitterte wie im Fieber; nach dem dritten begann der Wagen zu sc^ru- keln, und nach dem vierten ging es endlich vom Fleck.

Wirst du den ganzen Weg so langsam fahren?" erkundigte sich der Kommissär.

Wwir werden schon ankommen!" beruhigte ihn der gute Mann.Die Stute ist jung; wenn sie nur recht ins Laufen kommt, dann kann man sie gar nicht mehr halten. Hio!"

Ms der Wagen die Statton verlieh, sank schon die Dämmerung auf die Erde hernieder. Zur rechten Hand breitete sich eine verfrorene Ebene, bei der man den Eindruck hatte, daß an ihrem anderen Ende der leib­haftige Teufel wohnen müsse... Zur linken erhoben sich irgendwelche Kuppen; was es aber war, ob Bäume oder Heuschober, konnte man icht imterscheiden. Vor sich sah der Kommissär gar nichts, denn der breite Rucken des Bauern verdeckte ihm die ganze Aussicht. Es war still, frostig und unheimlich.

r., für «ine Wüste das ist," dachte der Kommissär und bemühte 7'>,c Ohren ganz in den Kragen seines Pelzes zu verstecken.Wie tan man da überfallen und beraubt werden, und keine mensch- uche Seele würde einem zu Hilfe kommen. Dieser Bauer flößt auch kein ve,anderes Vertrauen ein. Was für einen Rücken er nur hat! Wenn man von seinem Naturkind einen Rippenstoß bekommt, hat man höchstwahr- tcheintich genug. Und eine veritable Räubervisage hat der Kerl auch noch

Hör' mich, mein Lieber", fragte ihn der Kommissär,wie heißt du?"

Ich? Klim."

Sag' mir, Klim, sind die Wege hier bei euch sicher? Gibt es keim Räuber?"

Nein. Gott bewahre. Hier gibt es keine Räuber."

Das ist sehr schön, daß es keine gibt. Na, ich habe für alle Fäll« drei Revolver mitgenommen," log der Kommissär wie nach Noten.Und wie du wohl wissen wirst, mit Revolvern ist nicht zu spassen. Wenn man ouch nur einen Revolver bei sich hat, kann man spielend auch mit zehn Räubern fertig werden."

Stockfinstere Nacht breitete sich über die Welt. Plötzlich begann der Wagen zu kreischen, warf den Kommissär einigemal nach rechts und links und bog dann auf einen Seitenweg ab

Wohin fuhrt er mich?, dachte der Kommissär. Bis jetzt ist er g«. radeaus gefahren, und jetzt biegt er auf einmal nach links ein. Wer weiß, ob er mich nicht in irgendeine Räuberspelunke führt... Verschiedene» kommt auf der Welt vor!

,ri »Du! " sagte der Kommissär,du sagst, daß es hier nicht so gefährlich ist. Das ist eigentlich schade, denn mir gefällt es ganz gut, mich ab und zu ein wenig mit Räubern herumzuschlagen ... Man könnte vielleicht glauben, daß ich schwach sei, aber das wäre ein gefährlicher Irrkun, mein Lieber, denn ich habe eine Kraft, na, ich möcht' es niemandem raten, mit mir anzubä adeln... Einmal haben mich drei Räuber über* fallen: und was glaubst du, ha? Einen hab' ich so ein bißchen geschüt- teU ..., verstehst du mich ..., nicht viel, nur so ein bißchen, daß er seine Gauneri eele dem lieben Herrgott empfehlen mußt«, und die zwei an­deren, di« schmachten noch heute in Sibirien. Ich weih selber nicht, woher mir dies« Kraft kommt. Wenn ich so einen Kerl erwischen würde so einen rote du zum Beispiel, ich würde ihn... buchstäblich... zerquetschen."

Klim starrte den Kommissär ganz entgeistert an.

Ja, ja," fabulierte dieser frisch drauf los,ich würde es feinem raten, nur m die Nahe zu kommen Nicht nur, daß sich der Lumpenkerl seine Hande und Füße suchen könnt«, sondern er würde auch obendrein mtt dem Kriminal Bekanntschaft machen. Man kennt mich bei allen Ge- richten: ich bin em hoher Beamter und habe überall großen Einfluß. Jetzt zum Beispiel, fahre ich hier, und die Behörden wissen davon sehr gm und. . bewachen mich. Ueberall entlang dieses Weges sind im Gebüsch Gendarmen und Aufseher versteckt..." '

- - ", schrie plötzlich der Kommissär mit Entsetzen auf.

Wohin fuhrst du mich?" '

Sie sehen doch, durch den Wald!"

In der -tat, es ist ein Wald, dachte der Kommissär, und ich bin un­nutz erschrocken. Ich darf keine Unruhe verraten. Er hat es ohnehin schon pemerft daß ich Angst habe. Warum fdjaut er sich fortwährend um? Gewiß beabsichtigte er etwas Böses... Früher ist er Schritt um Schritt gefahren, und letzt saust er wie toll dahin.

, Klim, was treibst du das Pferd so an?"

"Ich treib' es nicht an, es rennt von selbst... Wenn es einmal »n rennen anfängt, ist es nicht mehr zu halten..."

r /l?''/ügst!" Ich sehe es dir an, daß du lügst! Ich rate dir gut, nicht so schnell zu fahren. Halt' das Pferd an, verstehst du mich?"

Warum denn?"

Weil hinter mir drei meiner Freunde fahren, die mich in diesem Walde emzuholen haben... In Gesellschaft wird es sich angenehmer Wh een... Ha, du wirst Augen machen, wenn du sie erblickst. Drei Riesen und jeder hat eine Pistole bei sich. Was wetzt du lo hemm als Erdest du auf Nadeln sitzen? Was schaust du mich so an?' Interessante, gibt es an mir nichts, höchstens die Revolver. Wenn du willst, kann ich sie dir zeigen

Der Kommissär tat, als ob er di« Reiwlver suchte; in diesem Augen- blick geschah aber etwas Unerwartetes.

Klim, der vor einem Revolver, den er nur vom Erzählen kannte heiligen Respekt hatte, sprang aus dem Wagen und kroch auf allen Vieren ms Walddickicht. Der Kommissär aber deutete sich diesen Vor­gang ganz anders; er dachte nämlich, Klim wolle ihn berauben und er­morden, kurz, es werde Furchtbares geschehen.

Gnade!" schrie der Kommissär mit weinerlicher Stimme und rann verzweifelt die Hände.Nimm, Elender, alles hin. nur verschone mein Leben!

Keine Antwort erklang, nur das Geräusch davoneilender Schritt« entfernte sich immer mehr.

Erst jetzt fand sich der Kommissär in der Situation zurecht. Er brachte das Pferd zum Stehen und begann nachzudenken, was sich da ma- chen ließe.

Erschrocken ist er, der dumme Kerl und ist davongelaufen... Was soll ich jetzt machen? Allein kann ich doch nicht Weiter' fahren, denn ich kenne ja gar nicht den Weg..."

Klim!... Klim!..." begann er zu rufen.