Ausgabe 
26.9.1930
 
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Endlich erschienen mein« zwei Gefährten am Horizont, gemächlich, im Schritt den Damm entlang kommend. Mein Telegraphieren mit beiden Armen setzte sie in etwas raschere Bewegung. In diesem Augenblick gab auch El Dogan wieder ein Lebenszeichen. Er setzte den linken Fuß vor den rechten. Nun galoppiert« der Mameluck. Er schien endlich beinerkt zu haben, daß nicht alles in Ordnung war. Ehe seine Stute zehn Schritte von uns zum Stillstehen kam, war'er aus dem Sattel und stürzte auf mein Pferd zu.

Pa salaam! ya nabbi! O Friede! o Prophet! Was hast du gemacht, o Baschmahandi?" rief er in ungeheuchelter Bestürzung. Dann fiel er vor dem Tier auf die Knie, nahm seinen Kopf in die Arme und blies ihm in die Nasenlöcher, sprang wieder auf, zog es am Schwanz, kam wieder nach vorn und umarmte seinen Hals mit stürmischer Zärtlichkeit. Auch der Sais war jetzt angekommen. Und in der Tat regte sich nun El Dogan, langsam und vorsichtig, noch immer mit tiefhängendem Kopf, einen Fuß vor den andern setzend. Mit vereinten -Kräften zogen wir ihn nach der Sakia und legten seinen Kopf auf den Rand des Wassertrogs, der unter der Sykomore stand.

O Baschmahandi, was hast du gemacht?" jammerte Achmed wieder und wieder.Rames Bey wird mich totschlagen, wenn wir Heimkommen. O Dogan, o Dogan! möge Gott uns barmherzig sein! Komm zu dir, o Dogan! Zieh ihn wieder am Schwanz, Sais! Möge dir Gott deine Sünden verzeihen, o Baschinahandi! Zieh, Sais, zieh! das belebt!"

Der Sais zog mit aller Macht. Müde hob El Dogan den Kopf, um zu sehen, was man dort hinten eigentlich mit ihm vorhabe. Dann legte er ihn wieder auf den Trog, und nach einer weiteren Minute fing er an zu-saufen.

Allah sei gepriesen, er trinkt!" rief Achmed freudig.Trinke, mein Dogan, der Allgütige will nicht, daß du stirbst. Saufe ja, Dogan! Saufe, und Gott wird dirs fegnen."

Achmed schien von einer großen Angst befreit zu sein. Auch mir fiel eine Zentnerlast vom Herzen. Die böse Geschichte schien sich zum Besseren wenden zu wollen.

Ich wußte das!" fuhr Achmed aufgeregt fort, während jetzt von Zeit zu Zeit ein heftiges Zittern den ganzen Körper des Pferdes schüttelte. Ich sah es in Tanta, daß uns ein Unglück zustoßen würde. Jedermann konnte bemerken, daß der alte Derwisch den bösen Blick auf uns gerichtet hatte. Ich glaubte, es gelte mir, denn ich hatte ihn geschimpft. Gott verdamme den heuchlerischen Sohn eines Hundes! Es traf meinen Dogan. Aber Gott ist groß: nun weiß ich, was zu tun ist."

Er riß feine Weste auf und zog «ine seidene Schnur über den Kopf, von der eine kleine silberne Kapsel hing. Es war sichtlich ein Amulett. In der Kapsel lag ein Zettel, den er mir später zeigte, auf dem di« neunundneunzig Namen Gottes säuberlich geschrieben waren. Er schlang die Schnur dem Pferd um den Hals, das jetzt mächtig zu trinken anhub.

Siehst du!" sagte er, halb beruhigt.Jetzt mögen die Geister der Luft tun, was sie wollen, und" murmelte er halblaut in das Ohr des Pferdesdie fränkischen Baschmahandis auch. El Dogan wird genesen. Allah, welche Toren hast du in deine Welt gesetzt! Doch was klage ich über dich und mich? Tut nicht der Allgütig« mit uns, was er will? Er segne unfern Herrn Mohammed, den Propheten, den Ungelehrten."

Ich schwieg ziemlich kleinlaut.

Ein Salzkorn in das Auge dessen, der den Propheten nicht segnet!" brummte der Sais, der als unverfälschter Fellah die höfliche Toleranz Kairos noch nicht kannte.

Schimpfe den fremden Herrn nicht, o Sais!" ermahnte Achmed den Mann.Er ist unwissend. Kann ein Ungläubiger den Afrit bannen, der uns verfolgte? Nur bei Allah ist Rettung für seine Gläubigen. Er regt sich!"

Dies galt dem Pferd, das den Kopf aus dem Trog zog, sich schüttelte und um sich sah, wie wenn es aus einem schweren Traum erwachte. Achmed ergriff die Zügel und versuchte wieder, es zum Gehen zu bringen. Langsam und vorsichtig, Schritt für Schritt kamen sie um die Sykomore herum. Der Mameluck sprach fortwährend zärtlich mit dem betäubten Tier und ermahnte es, sein Vertrauen auf Gott zu setzen, den Allerbarmer.

Wir müssen El Dogan heute hier lassen", sagte er endlich.Es ist besser, Rames Bey oder der Pascha schlägt uns tot, als daß El Dogan auf dem Wege stirbt: und er ist noch sehr schwach. Du, o Sais, gehst in das Dorf, holst Weizenbrot und Kamelsmtlch und Stroh für das Pferd und einen Esel oder ein andres Pferd für den Baschmahandi. Ich reite nach Kassr-Schech und schicke Mohammed ben Abu Dahal, den Mame­lucken, den Pferdedoktor. Der soll bei ihm schlafen. Morgen kommen wir dann alle vier nach Kassr-Schech, Jnschallah!"

Der Sais ging. Achmed und ich setzten uns unter den Baum: El Dogan noch immer zitternd wie in heftigem Fieber, neben uns. Der Mameluck sprach meistens mit dem Pferd, doch manchmal würdigte er auch mich einer belehrenden Bemerkung, die ich allerdings nur halb begriff, denn ich war noch nicht weit genug in meinem Arabisch gediehen, um sein Französisch völlig zu verstehen.

Du hast noch nie ein arabisches Pferd aus dem Nedjed geritten", begann er nach einer längeren Paus«,eins vom Stamme der Koschlani?" Nein, niemals in meinem Leben", versicherte ich.Wo sollte ich das? Ich habe überhaupt noch blutwenige Pferde geritten. Mr reiten in unferm Lande meistens Schulbänke, solange wir jung sind. Später haben wir kein« Zeit, selbst hierzu."

Achmed sah mich fragend und dann mitleidig an.

Heute, o Baschmahandi", fuhr er dann nicht ohne Feierlichkeit fort, heute hat dich eines der besten Tiere getragen, di« es in der Welt gibt. Nur seine Schwester, El Hamam, die niemand reitet als Effendini selbst, und die sein Baker Mohammed Ali, Gott sei ihm gnädig, mit eigner Hand gefüttert hat, kommt ihm gleich. Ja, eines der besten hast du geritten, o Bruder, und hast es fast zu Tode geritten."

Aber wie ist das zu verstehen?" rief ich.Es lief wie der Wind biz zu diesem Brunnen."

Das glaube ich", sagte Achmed stolz und zornig.Und hättest du hier die Zügel nicht gezogen und es angehalten, so hättest du meiterreitcn können, bis es tot umgefallen wäre. Das ist die Art der Koschlanis. C; wußte nicht, weshalb es laufen sollte. Aber es hätte deiner Torheit gehorcht bis zum Sterben."

Aber wie konnte ich das ahnen", rief ich nochmals, wirklich entsetzt.

So hat Allah seine Seele geschaffen. Das weiß jeder Junge bei uns. Lehrt man euch nichts, wenn ihr auf euern Schulbänken reitet? Was sind Schulbänke?"

Ich habe Achmed im Verdacht, daß er sich unter Schulbänken eine untergeordnete Art von Mauleseln vorstellte. Jedenfalls wurde für uns beide das Gespräch zu kompliziert. Auch ging es wirklich nicht gut an, mich länger von dem kleinen Mamelucken schulmeistern zu lassen. Ich schwieg deshalb und er wendet« sich an El Dogan, dem er von dem Weizenbrot und der Milch erzählte, die für ihn unterwegs seien.

Nach einer Viertelstunde kam der Sais zurück, einen Esel vor sich h«o treibend, gefolgt von einem halben Dutzend schreiender und gestikulierender Fellachin, die jedoch stiller wurden, als sie mich und Achmed unter dem Daum liegen sahen. Ein Pferd hatte er in dem Dorfe nicht gefunden. Dagegen war es ihm gelungen, den Esel zu requirieren, auf dessen zer­fetztem Sattel er eine Milchschüssel und einen Sack voll Brot kunstvoll im Gleichgewicht hielt. Achmed erklärte den Leuten, um was es sich handle: daß dies alles für den Pascha gebraucht werde und daß es besser sei, sich ohne unziemlichen Lärm in den Willen Gottes zu fügen. Sie waren fast beruhigt, als ich ihnen deutlich zu machen suchte, daß der Esel morgen wieder zurückkommen werde, und schienen glücklich, als diese Erklärung durch die Verteilung von sechs Piastern unter die sechs Mann bekräftigt wurde. El Dogan trank fein« Milch, und di« Fellachin, wie die Kinder, die sie sind, waren bald ausschließlich mit der Bewunderung des Arabers beschäftigt und versuchten selbst, ihn mit ihrem Weizenbrot zu füttern. Dafür schlug Achmed dem kecksten mit der Reitpeitsche über die Hände, daß er das Brot fallen ließ und heulend im Kreise herumtanzt«, worüber die andern in ein fröhliches Gelächter ausbrachen.

Der Mameluck war höflich genug, mir fein Pferd anzubieten. Aber ich sah ihm an, wie es in ihm brannte, seinen Freund Mohammed ben Alm Dahal, den Pferdedoktor, herbeizuholen, und auch ich war kaum weniger bereit, alles zu tun, was getan werden könnt«, um die Folgen meiner mangelhaften Kenntnis der arabischen Pferdeseele aus der Welt zn schaffen. Ich bestand deshalb darauf, daß Achmed fein Pferd behalten solle, und bestieg den Esel. Der Sais blieb bei El Dogan zurück. Achmed nahm von seinem vierfüßigen Freund besorgten Abschied und verschwand in der Staubwolke, di« die Hufe seines jetzt wie toll galoppierenden Pferdes entlang dem Kanal aufwarfen. Ich trabt« ihm langsam und bedächtig nach, nachdem der Esel mit Hilfe der sechs Fellachin seine Aus­gabe begriffen hatte. Es war übrigens ein Glück, daß der eine der Bauern, der würdige Schech des Dorfes, welcher nicht ohne Besorgnis über das Schicksal seines Tierchens geblieben war, mich in der Eigenschaft eines Eselsjungen begleitet«. Weniger meinen unablässigen Ermahnungen als seinem Stock hatte ich es zu danken, daß sich das grämliche Langest wenigstens zu einem bescheidenen Träblein verstand.

So stieg endlich am glühenden Abendhimmel der Trümmerhaufen ter alten Griechenstadt vor uns auf. Der Friede der abendlichen Dettaland- schaftZwelche die untergehende Sonne mit ihrer schimmernden Glut über­flutete, legte sich versöhnend auf di« Erlebnisse des Tages. Auf halbem Wege wirbelte eine Staubwolke an uns vorüber, der wir hastig über die Kanalböschung hinab auswichen. Es waren Achmed und der Tierarzt, die in stürmischer Elle, von Kassr-Schech kommend, nach Maraska zurää- ritten.

Aehnllch war ich heute mittag zur Bewunderung der ganzen Stadt von Tanta ausgezogen. Wie ganz anders zog ich jetzt, «ine halbe Stunde nach Sonnenuntergang, durch Kassr-Schech! Es war schon tiefe Däm­merung in den Gäßchen, und ich war der Sonn« ordentlich dankbar. Doch ich hatte wenigstens das Jagdschlößchen in der Tasche. Das war immerhin ein Trost.

Die Rackst des Verhängnisses.

Im Schatten des Scherbenhügels von Sackra war es schon tiefe Nacht, als wir uns den Zetten näherten, unter denen ich Hcllim Paschq. 3» finden hoffte. Gespenstisch weiß hoben sie sich von dem Schwarzblau'der Bergwand ab, die ihre unförmlichen, eckigen Massen in phantastische» Linien an dem erlöschenden Adendhimmei auftürmte. Ich kann kaum behaupten, daß mir behaglich zumute war. Selbst der Esel schien meine Gefühle zu teilen und machte, in der Dunkelheit stolpernd, zum W-': mal den Versuch, stehenzubteiben, ehe es Zeit war. Aber sein Herr, der Schech von Maraska, war andrer Ansicht. DerSohn eines Fellahs, wie er sein Tier im Zorn« Izäufig schimpfte, sollte wenigstens im letzte» Augenblick und vor dem Pascha anständig auftreten und erhielt deehal» einen krachenden Hieb, der mich fast von dem zerrissenen Sirohsäckchc» geschleudert hätte, das den Sattel bedeutete. Die belebende Kraft d« Keulenschlags anerkennend, bewegte sich das Langohr denn auch tw ( der Sitte einseitig geprügelter Esel mit großer Gewandtheit rote <'» Krebs fast in der Richtung der vollen Breitseite vorwärts. Wie dan-t« ichs der grundgütigen Nacht, daß sie so schwarz war!

Trotzdem war die nächste Umgebung des Lagers jetzt deutlich zu erken­nen. Vor einem der Nebenzette brannte ein großes offenes Feuer uw warf fein unruhiges Licht in einen Kreis dunkler Formen und bewegt» Gestatten, in dessen Mitte ich das Jagdzeit des Paschas an seinen IW11 masten und zwei vergoldeten Halbmonden erkannte, die jene statt w üblichen Speerspitzen trugen.

(Fortsetzung folgt.) .

Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts-Buch-, und Steindruckerei. R. Lange, ®iefi^