Er hatte es zu keck getrieben. Man munkelte, der Fürstbischof habe seinen Amtsleuten den Befehl gegeben, den unheimlichen Fremdling zu «t-greifcn, wo sie ihn anträfen und der Scharfrichter in Würzburg prüfte öfter als sonst seines Schwertes Schärfe.
Am Fronleichnamstag des Jahres 1669 weilte der „bayerische Wahrsager" bei Barthel Baut; zu Bergrheinfeld zu Gast. Kaum sah er das neuerbaute prächtige Wirtshaus, da rief er mit Bedauern, aus; „Es ist schade um dieses Haus; denn sobald das Weib, das das vorige angezündet, darin wohnt, wird es in Flammen aufgehen." Der Wirt erfuhr's, kam und bat flehend, ob er gegen ein so großes Unglück kein Mittel wüßte. Und gegen einen Reichstaler erstand er «in „wunsel". Am Samstag, dem 13. Juli 1669, begegnete der Wahrsager bei der oberen Pforte dem Hans Adam Jörger, schlug die Hände zusammen und vermeldete: „Ei, wie wird's in kurzer Zeit diesem Dorf so übet ergehen!" „Warum?" fragte der Jörger. „Es wohnen zwei Weiber im Dorf in einem Haus, von denen die eine hinkt, dort wird Feuer ausbrechen, könnt's dem Schultheiß sagen, daß er Wacht und Wasser wohl bestellt. Wenn menschliche Hilfe dieses Unglück nicht verhindert, werden bis an die 24 Gebäude abbrennen." Da fragte der Jörger weiter: „Woher habt Ihr diese Offenbarung oder Wissenschaft?" Worauf er antwortete: Unser lieber Gott und sein« werte Mutter täten’s ihm offenbaren; zudem sei er ein gülden Sonntagskind, kenne dergleichen Unglück am Rauch, der aus den Häusern ginge. Da traten des Fürstbischofs Häscher zu und griffen den falschen Propheten.
Als man ihn am 15. Juli zu Heiligental verhörte, sprach er zum Vogt, wenn es tage, wolle er ihm offenbaren, wie lange er lebe und in welcher Stunde er sterben würde; doch der Würzburger Schultheiß würde vor ihm sterben. Am 31. August 1669 lieferten Valentin Ruchs und Lienhart Schloßring den „bayerischen Wahrsager" von Heiligental zum Prozeß nach Würzburg aus. Friedlich schritt er neben den rauhen Henkersknechten und taten ihnen, die Zukunft kund. Ruhig ging er einem ungewissen Schicksal entgegen. Ungewiß? Zauberer oder Betrüger, Scheiterhausen oder Henkersbeil? Das war die Frage. In jedem Fall aber wartete feiner der Tod.
Oh, daß doch seine Richter so vernünftig gewesen wären, wie.die Armenhäuslerin von Zellingen: Sie aber hätte seiner Rede nicht geachtet und ihn nur für einen Narren gehalten!
Soweit berichten die alten Gerichtsakten (im Archiv des Julius-Spitals und im Staatsarchiv Würzburg), dann brechen sie plötzlich ab. Da war ich nun nicht wenig erstaunt, in einer alten Chronik unvermutet wieder die Spur des „bayerischen Wahrsagers" zu finden. Es war in glaubwürdige Erfahrung gebracht, daß der heiligmäßige Wundermann trotz feines hohen Alters zuweilen mit losen Dirnen wandere, zu Zeiten mit ihnen zeche und schwelge, daß er ein nichtswürdiger, gottloser Lanb- betrüger fei, in jener Nacht heimlich in eines benachbarten Bauern Scheune sich verborgen gehalten und das Wirtshaus selbst angezündet habe. Viermal wurde in der Zeit vom 30. Juli bis 31. August vom Würzburger Malefizrichter Dr. Fichte! und dem Malesizfchreiber Eyerich der Alte peinlich befragt. Sie glaubten weder seinem Vorgeben, daß er die Hexen — Manns- und Weibspersonen — kenne und wisse, wieviel jeden Orts seien, noch dem Vorbringen, daß er Offenbarung habe, es käme ein Vögelein und eine Taube zu ihm, von dergleichen habe er seine geheime Wissenschaft. Viermal leugnete der Siebzigjährige trotz furchtbarer Folterqualen jede Schuld. Und nachdem dies der Richter an den Fürstbischof berichtete, lautete das Urteil, daß er zwei Stunden mit einer Bettelkotzen auf dem Rücken am offenen Pranger stehen, darnach mit Ruten aus der Stadt Würzburg ausgepeitscht und aus ewig des Landes verwiesen sein solle. Und so geschah mit ihm am 31. August 1670. Das war des bayerischen Wahrsagers letzte Fahrt durch Franken.
Oer holländische Nalionalcharakter.
Von Karl Scheffler.
Karl Scheffler, der bedeutende Kunstkritiker und Kulturpsychologe, veröffentlichte im Insel-Verlag eine alle Seiten des Landes, feiner Geschichte, Kultur und Kunst umfassende Darstellung „Holland", der wir am Mittwoch eine eingehende Besprechung widmeten. Die folgenden Ausführungen über den holländischen Nationalcharakter sind dem ausgezeichneten Buch entnommen.
Es ist gesagt worden, man sollte Völkern nicht Zensuren erteilen. Der Grundsatz ist richtig. Doch wird fortgesetzt dagegen verstoßen. Jedes Volk hat einen bestimmten, nur ihm eigenen Gesamtcharakter, der sich aus Einflüssen ergibt, die zum Teil festgestellt werden können, die sich zum Teil unerkennbar im Dämmer der Geschichte verlieren. Dieser Nationalcharakter bildet sich in Jahrtausenden, im Wind und Wetter der Geschichte. Er muß so fein, wie er ist, er ist notwendiges Ergebnis bestimmender Kräfte, und er darf darum wohl festgestellt, aber nicht kritisiert werden. Wie jede Nation, haben auch die Holländer die menschliche Lust an der Wertung, die nicht selten auf Verurteilung hinausläuft, am eigenen Leibe erfahren. Aus dem Mijnheer hat man zeitweise eine komische Figur gemacht. Er sitzt auf einem Geldsack und raucht seine Pfeife. Wenn man sich ernsthaft um Anschauung bemüht, läßt sich mit einer solchen Betrachtungsweise nichts beginnen. Dem Betrachter, der sich zur Sachlichkeit zwingt, wird es deutlich, daß die Holländer genau so sind, wie sie es ihren Lebensschicksalen nach fein müssen, daß die moralische Wertung dieser geprägten Volksform, „die lebend sich entwickelt", ebenso lächerlich ist, als wolle man die Unterschiede von Tanne und Eiche, von Stier und Löwen, von Schiefer und Granit moralisch nehmen. Die einzige Kritik, die ein gewisses Recht hat, besteht in der Untersuchung, ob ein Volk sich nach dem ihm auferlegten Gesetz entwickelt hat oder ob Störungen nachzuweisen sind, die es mit sich selber in Widerspruch setzen.
Im Wesen der Holländer sind einige Züge, die dem Deutschen ni*i durchaus angenehm sind, doch muß man sagen, daß die Nation öi Ganzes das hat, was man Nasse nennt. Sie hat sich früh abgefebioflen so offen das Land stets auch belgischen, französischen und jüdischen Mzü tigen stand, und hat die Bastardierung vermieden. Die Holländer v» stehen es, sich fast so zu separieren wie die Engländer, als ob sie aus einer Insel lebten. Alle Charakterzüge gehören organisch zusammen J ist nichts Fremdartiges dabei, nichts äußerlich Abgenommenes, alles in gewachsen und gesättigt mit Tradition... 1
Die Sitten und Lebensgewohnheiten eines Volkes sind am aufjdjM, reichsten eigentlich im kleinen und Werktäglichen. Wenn man eine deutliche Vorstellung gewinnen könnte, wie es in einer antiken Bierstube aussah und herging, so würde man mehr vom antiken Leben wissen, a[5 Berichte von Kriegstaten geben können. Was uns noch fehlt, ist '(jne umfangreiche vergleichende Kulturgeschichte des Kleinen und Kleinsten Darin müßte das ganz Einfache abgehandelt werden, nicht die große Staatsaktion. Es müßte, 3um Beispiel, darin gesagt werden, wo und (eil wann die Frauen die Lasten vorwiegend auf dem Kopf trugen, oder auf dem Rücken, oder mit der sogenannten Tracht auf beiden Schultern, und warum sie es in so verschiedener Weise taten und noch tun. Es könnte auch gezeigt werden, wie Nationen und Zeiten das Baugerüst verschj-eden- artig konstruieren. Vom Weben der Stoffe müßte die Rede [ein, von, Salzgenuß und der Salzbeschasfung in früherer Zeit, von Gewohnheiten des Essens und Trinkens, die sich nicht ohne weiteres aus der Lage und dem Klima des Landes erklären lassen, vom Ursprung der Volkstrachten sofern sie über das rein Nützliche hinausgehen ufm. Eine Unmenge von Wissen könnte so anschaulich gemacht werden, und immer würde bas Kleine auf ein großes Ganzes weifen.
In Holland würde ein solches Unternehmen viel Material finden, weil die Gebräuche weit zurückreichen und sich bis heute in den alten Formen lebendig erhalten haben. Ohne daß man freilich hoffen darf, sie würden sich noch weiterhin lange erhalten. Die neue Zeit verändert vieles auch in Holland. Nicht lange wird es dauern, bis auch dort das Automobil bas Pferdegespann verdrängt hat. Dann wird nicht länger die interessante Beobachtung möglich sein, die man auf der Fahrt nach Holland und durch Holland immer wieder macht: daß es eine ganz bestimmte Grenze gibt für den Gebrauch der von einem Pferd gezogenen zweiräderigen Karren und daß diese Grenze in einer merkwürdigen Weise mit dem französischen Einfluß während der napoleonischen Herrschaft zusammenfällt. Man erblickt diese französische Karren auf der Fahrt nach Westen zuerst im westdeutschen Industriegebiet, und man kann sie dann von Maastrich westlich bis Middelburg verfolgen. Dort verschwinden sie und machen den vierräderigen Wagen Platz. Man könnte der Landkarte eine Grenzlinie einzeichnen. Diese Grenze zu erklären, wäre sehr aufschlußreich.
In den (Safes, deren Stühle weit aufs Trottoir hinausgestellt werden, wo man unter gelb gestreiften Markisen (Drange) mitten im Treiben der Straße ist, sitzen die Holländer gemächlich hinter Gläsern mit wasserhellen, gelben ober roten Likören, kleine Käseschnittchen und Fleischklößchen dazu essend. Sie nehmen ihren Genever etwa so zu sich wie die Schweden ihren Punsch: mit einer gewissen nationalen Würde. In diesen Cafes mischt sich das Volk demokratisch durcheinander. Doch gibt es in Wirklichkeit Scheidungen, ähnlich wie in England, wo die Gesellschaft ein Mittel gefunden hat, der freien Vermischung aller Klassen und Stände in den Klubs ein Gegengewicht zu schaffen. Auch Holland ist reich an Klubs, deren Exklusivität wieder Scheidungen herstellt. Der holländische Patrizier drängt sich nicht vor, er verschwindet gern im Volk; doch fühlt er sich in hohem Maße als Patrizier. Er repräsentiert das aristokratische Element. Boni englischen höheren Bürgertum unterscheidet sich das holländische bann insofern, als es in den Kolonien die Blutmischung mit vornehmen Malaien nicht scheut. Der Mischling spielt in der neueren holländischen Kultur eine merkliche Rolle. Vor gewissen Kunstwerken läßt sich, ohne tetz man vom Künstler etwas weiß, die Vermutung aussprechen, daß es sich um Arbeiten von Mischlingen handelt. Und man behält meistens recht.
Von alters her wird di« Reinlichkeit der Holländer gerühmt. Sie hat sich wohl entwickelt, weil in dem feuchten Lande alles leicht schimmelt imb steter Pflege bedarf. Uebrigens ist die Reinlichkeit nicht so unbedingt. 3n den größeren Städten geht neben ihr ein« ausgesprochene Unreinlichkeii einher. Sieht man vor den Häusern in den Fischerdörfern die Holzschuhe vor der Tür stehen, die von den Bewohnern beim Betreten des Hous« abgelegt werden, so wirkt das fast japanisch reinlich und behutsam. Und ebenso eindrucksvoll ist die Unermüdlichkeit, womit die Dienstmädchen bi« Hauswände und Trottoirstufen vor den Häusern immer wieder mit Seife und Wasser bearbeiten und die Fenster putzen. Hart daneben sind bie Straßen unb Grachten aber oft arg verschmutzt. Rotterbam und Amsterdam zum Beispiel, aber auch andere belebte Städte, sind ausgesprochen unsaubere Städte. Doch das findet man oft auf altem Kulturboden; bei Schmutz, der Feind der Zivilisation, ist, so scheint es, ein Bestandteil gewachsener Kultur.
Alles in allem: es fehlt dem Holländer manches, was bei anderen Völkern in die Augen springt. Dafür hat er Eigenschaften, die in keiner anderen Nation fo charaktervoll ausgeprägt sind. Der Holländer ist kein Mensch der Idee, sondern der Lebenspraxis, er geht meistens den unmn- telbaren Weg. So konsequent, daß er höchst originell erscheint. Wenigsten' auf dem Boden, der ihn erzogen hat. Vom Reisenden aus gesehen, i| Holland nicht eigentlich ein Land für die Jugend. Unb auch die »t* , kommen nicht recht auf ihre Kosten. Romantiker — junge Leute u» Frauen sind es von Natur — sind ziemlich ratlos. Holland ist ein für Männer. Nur wer den Alltag liebt, wem der Werktag mehr vedem als der Sonntag, wer die Regel mehr liebt als bi« Ausnahme, suhlt n t in Hollanb zu Hause. Wer es bann aber einmal kennt und liebt, den > v es nicht wieder los. Denn es wird ihm in gewisser Weis« zum schäm Land Europas.
Schriftleitung: i. V. Dr. Fr. W. Lange, Gießen. — Druck und Verlag: Bruhl'sche Aniversitats-Buch- und Steindruckerei, R. Lange in Gießet
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