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Ber Junge wischte sich zwei Tranen aus 8en Stugenmlntetri, er begriff, es etwas sehr Trauriges war.Großvater ist geblieben?" Kock hatte M Jungen am Arm gefaßt, daß er jammerte.Wie, wie ist das ge- |tl*" Kind weinte jetzt laut, der Mann konnte nichts mehr aus ihm tärausbekornmen und mußte es laufen lassen. Aber als jemand an der füf entlang kam, Jasper Bartels, der Schneider, rief er ihn in die Werk- natt herein.Ist das wahr, Jasper?"

1 Ar Schneider nickte, er blieb bedrückt am Pfosten stehen und wagte dem Schuster nicht recht in die Augen zu sehen. Es hatte das Dorf immer mit einer Art abergläubischen Zutrauens erfüllt, daß Hinerk Jebens, der wildeste Fahrer und beste Fischer, auf See grau und alt geworden war. Wenn es den nicht traf, warum sollten nicht auch andere es überstehen?

Und so sonderbar, Kock, der Baum im Boot schlägt um und trifft ihn" so wie es jeden mal treffen kann. Sie lachen und wundern sich nur, hab Hinrich Jebens nicht wieder aufsteht. Als sie ihn anfassen, ist er tot."

P Wer hat's dir erzählt?"

"Mein Bruder ist eingekommen. Er sagt, Hinrich Jebens Boot kommt noch. Ich will man an den Hafen."

Der kleine Schneider sah sich noch einmal unsicher in der Werkstatt nm, sein Blick blieb auf dem Schuster haften. Dann seufzte er und ging, den winzigen Kopf scheu in die Schultern gezogen.

Kock suchte wieder an dem Leder zu schneiden. Er kam jedoch nicht weiter, die Gedanken gingen ihm zu wild durch die Stirn. Wenn Hinrich gebens nun auch geblieben war er sah die Augen des Schneiders, die «oll Entsetzen waren, er sah auch viele sonderbare Blicke, die ihn berühr­ten, wenn die Männer abends in die dunkle Weite hinaussuhren. Nie täfle einer zu sagen gewagt, daß Schuster Kock Furcht hatte. Aber ihre Stimmen dämpften sich, wenn sie zu ihm sagten:Du hast es gut, Ernst M, in der Nacht im warmen Bett zu liegen deine Frau wird es gut haben, die sich im Sturm nicht sorgen und am Fenster zu stehen braucht." Oder sie sagten es nicht einmal, nur ihre Blicke flogen ihm seltsam nach: Was bist du für einer? Bist im Dorf geboren wie wir und bleibst an 2onb?" Etwas wie eine Schicksalsgemeinschaft umspannte diese Männer, für die es nur einen Beruf gab, die alle ein Los hatten und dies Los von Vater auf Söhne erbten.

Was bist du für einer, Kock? Willst du bester oder schlechter sein als wir?"

Dumpf und heiß war die Werkstatt, der Geruch des frischen Leders dörrte Nase und Kehle. Der Mann ließ die Arbeit sinken, stand auf und ging zum Fenster. Heiß und glitzernd lag die See da, von der Düne, in deren Hang das Dorf lag, konnte man sie weithin übersehen, bis sie unterm Himmel mündete. Seine Mutter Kock fühlte den strengen Blick seiner Mutter, die in allem eigene Wege gegangen war. Sie war eine gute Frau gewesen, aber hart gegen ihn und seinen Beruf. Wie kam er dazu, heut an sie zu denken? Was trieb ihn?

Unduldsam wie ihr Wort klopfte sein Herz, der Mann fühlte den Schlag, ruhlos und voll dumpfer Hitze.

Einige Leute liefen jetzt zum Strand. Kock riß seine Schusterschürze ab, fuhr in die Stiesel und folgte ihnen; er hielt es in der Werkstatt nicht mehr aus. Immer war ihm, als habe er da noch mit seiner Mutter zu rechten. Ost genug hatten sie miteinander getrotzt, lange hatte es gedauert, bis der Sohn ihr nachgegeben hatte.

Der Schritt hallte rasch von den mittäglich heißen Hauswänden. Ein guter Beruf, ein sicherer Beruf, hörte er die mahnenden Worte der Ver­storbenen. Siehst du, auch Hinrich Jebens ist jetzt geblieben! Es war, als hörte er ihre Stimme im Widerhall und im Knarren und Aechzen feiner Schritte.

Siele Leute waren am Strand. Ein Kutter fuhr langsam näher, ganz langsam und feierlich, als wäre es nicht nur des stillen Wetters wegen, dch er so mühsam nähertrieb. Auf einigen Schiffen ging ein Wimpel auf Halbmast. Die Leute drängten näher zur Mole, als wollten sie dem loten entgegengehen. Sie sprachen halblaut miteinander, hatten die Mützen in der Hand. Ihre Blicke fuhren meist am Boden entlang, Unsicherheit lag über allen, ein Kopfschütteln:Was soll jetzt werden, wo auch Hinrich Jebens geblieben ist?"

Kock trat zu ihnen, ihm war zu Mut, als senkten sich die Blicke vor ihm. Fast als bestritten sie ihm heute schweigend ein Recht zu kommen, scheuten sich heut vor einem, der außerhalb der Gemeinschaft ihrer Not stand. Der Handwerker suchte von einem der Heimgekommenen Näheres W erfahren, aber der antwortete einsilbig und sprach mit anderen weiter. Die Lust war drückend, Unwetter mußte im Anzug sein, zum Abend oder zur Nacht würde es aufziehen. Kock fühlte plötzlich: Die Frauen werden mehr als je schlaflos liegen, während die Männer draußen mit dem Schicksal kämpfen, ja, mit der wilden See, der sie ihr bitteres Brot "bringen. Er blieb in Scham zurück, wagte sich nicht in die vorderste Reihe. Ja, es war heut, als dürfe er die Männer nicht ansehen, als müsse er abseits stehen, während sie den Toten erwarteten.

Mutter!" drohte er und krampfte die Hände:Mutter", wiederholte «was milde in ihm. Aber das Gefühl der Ausgeschlossenheit, das eigener Mringheij vor den andern wurde so stark, daß er die Zähne in die Lippen Mg. Jene Gemeinschaft mit dem täglichen Tod, die sie heute alle um- Woh, traf ihn nicht. Ein Ausgestoßener war er.

, Ein halblautes Rufen kam von der Mole herauf, dann trugen sie, emgchüllt in sein Segel, Hinnerk Jebens, den Fischerältesten vorbei. ,^gs°m folgten die andern dem Zug, als gelte es ihn zu geleiten. ®Wter Kock blieb stehen, er vermochte dem Toten nicht zu folgen. Er w 3>Dei Männer auf dem Boot des Fifcherälteften zurückgeblieben aren. Sie verstauten die' Segel und die Netze und deckten die Kapp zu.

"chtermann des Toten war dabei.

W .ging der Mann zum Schiff, stieg über und half den beiden. Er L?, 'Ws, sie wunderten sich auch nicht, wer sollte ihnen wohl nicht Wn bei solcher Not.

Kun fährst du wohl das Boot", fragte Kock den Tochtermann plötzlich, tri?" zuckte die Schultern und arbeitete weiter.Wenn ichnen Mann

9, sagte er. Waren nicht viel Leute für die Arbeit auf den Booten.

Da war es, daß der Schuster, übers Netz gebückt, antwortete:Wemi 1 Du'n Knecht nötig hast, Helf ich dir erstmal!"

Der junge Fischer hielt mit der Arbeit auf, er glaubte nicht recht gehört zu haben und schüttelte den Kopf. Er begriff nicht, wie einer, dep gut in den Dünen saß, sich heut zum Fischen wagen wollte.

Aber in den Augen des Jüngeren flackerte es böse auf, als würde ey allen Fragen hart begegnen.

Doch, ich geh mit!"

Oer bayerische Wahrsager.

Von Staatsarchivrat Dr. Fridolin S o l l e d e r.

Es war am Samstag des Peter- und Marzellinustages 1668, da pachte ein altes, gebeugtes Männlein an Bastian ©übens, des Wirts, Tür zu Bergrheinfeld, demütig um Gotteswillen Trunk und ein Stücklein Fleifch begehrend. Drinnen lärmte die frohe Schar schaffender Mägde, scheuerte Becher und Kannen, schmorte Schwarzwild und Borstenvieh, briet und dustete, daß es nicht bloß das hungernde Elend der Straße, sondern auch die neugierige Dorfjugend und die arbeitsledige Nachbarschaft anlockte. Galt es doch morgen die feit undenklichen Zeiten am Sonntag nach Trini­tatis herkömmliche Dorfkirchweih zu feiern und die hochoermögenden Herren vom Rat und gemeiniglich die Bürger der freien Reichsstadt Schweinfurt, den oder jenen verirrten, edelfesten Junker der fränkischen Häcker und spittelsche Winzerschaft von Escherndorf und Astheim, sowie die Krautbauern der umliegenden Dorfschaften mit Letze und Labung willkommen zu heißen. Jähling öffnete sich die Türe, barsch wies die junge, stolze Wirtin den silberhaarigen Alten von der Schwelle: nicht für ihn, fürs Bettelvolk, für ihre Gäste haben sie das Herrenessen zugerichtet!

Der Alte richtete sich hoch auf, wies strafend mit der Rechten auf das ungastliche Haus und sprach ahnend zum Umstand, den scheuen Kleinen und den erschreckenden Dorfleuten, laut und vernehmlich:Ehe diese Kirchweih zu Ende kommt, wird dieses Haus niederbrennen!" Und als am. Kirchweihsonntag vormittags zwischen 9 und 10 Uhr nach dem feier­lichen Hochamt der Kirchenzug vor dem Wirtshaus hielt, da schlug den Festgästen aus Türe und Fenstern die helle Lohe entgegen, griff gierig lechzend um sich, verschlang Kirchweihschmaus und Hausrat und selbst Gebäude und Mauerwerk bis auf den Grund. Geheimes Grauen erfaßte männiglich. Derbayerische Wahrsager" war im Land.

Der so hieß, war ein Siebzigjähriger, Hans Thomas feines Namens, Bayer seiner Geburt, Bettler seines Berufes, Wahrsager und Wunder­mann nach des Volkes Glauben. Er war bekannt in Frankenlanden, vom gemeinen Manne mehr geehrt, als gefürchtet. Was man von ihm wußte, war herzlich wenig, aber das Wenige wußten sie alle:Er ist ein baye­rischer Mann, er sucht die Almosen", begann der Schultheiß Hans Endres seine Aussage vor Gericht. Unweit Wien, in Oesterreich zu Hause, hatte er eine Zeitlang in der rheinischen Pfalz gewohnt, ward im großen Kriege von lothringischen Völkern erbarmungslos beraubt und ins Elend gejagt. Er habe noch drei Kinder; zwei Söhne: der eine sei seit acht Jahren Pfarrherr, der andere studiere, und eine Tochter, die einen schönen Hof ihr eigen nenne. Zuweilen schickten sie ihm Geld und gemahnten ihn, feinen Lebensabend bei ihnen in Bayern zu verbringen. Doch der Alte verschmähte die Ruhe, verschmähte das Geld, lebte seinerKunst", lebte seinem unsteten Wanderleben. Er hatte wenig gelernt, konnte alles, unter­fing sich, Leibesschäden und Krankheiten aller Art, ja selbst die fallende Sucht zu kurieren, konnte Kugeln gießen, die nie ihr Ziel verfehlten, weissagte den Kindern in der Wiege, ob sie zu Glück kämen oder zu­schanden würden, war Heilsalber und Wundarzt, Seher und Prophet zugleich. Diese Teuselskünfte zu erlernen, war er vor sechzehn Jahren mit Zigeunern gezogen. Seinem Vorgeben nach sei er auch ein guter Bruch­schneider, hätte noch einen trefflichen Gesellen gehabt, dem der Kurfürst Karl Ludwig von der Pfalz 1658 zu Heidelberg hatte die Augen aus­stechen lassen; er selbst sei vor Leibesnot entwichen, da sie den Kurfürsten gelästert hätten, weil er sich in morganatischer Ehe mit der schönen Gräfin Maria Susanne Luise von Degenfeld verband und die unglückliche Kur­fürstin Elisabeth Charlotte sich in ihre stille Heimat nach Kassel flüchtete. Des Reiches Erbschatzmeifter hatte den heilkundigen Abenteurer berufen, feinem Sohne Karl, dem jungen Pfalzgrafen und nachmals kinderlosen verstorbenen Kurfürsten, von seinen Leibesgebrechen zu helfen; doch er warf sich zum unerschrockenen Sprecher des unwilligen Volkes auf und büßte feidem feine Keckheit mit der Verbannung und des Reiches Acht.

Und so war er denn auch im Jahre 1668 wieder so von ungefähr gen Franken gekommen. Bald verbreitete sich an den Quellflüssen bes weihen und roten Maines, bald im Freigericht, an den Ufern der Tauber, Sinn, Saale und Warn, bald im Spessart und in der Rhön, bald im Franken-, Steiger- und Odenwald die Kunde im Volk, der bayerische Wahrsager ist im Lande. Am Gründonnerstag hatte er im Landgericht Karlstadt zu Zellingen am Main, dem hochstistlich würzburgischen Marktflecken, bei der Armenhäuslerin Anna Lukasin und dem Hirten Adam Lippert Ein­kehr genommen. Bald war der Zudrang der Hilfesuchenden außerordent­lich stark, von einem Flecken rief man ihn zum anderen, und für manche Heilung wollten die Unglücklichen ihr ganzes Hab und Gut opfern. Den Geringer von Leinach tarierte er an seinem Beinschaden, eines anderen Kind half er von der Wassersucht, des Peter Schnuppen Weid gab er eine Wurzel, damit sie ihr Mann nicht mehr schlage, die sie umhängen und dabei zugleich von den vier Ecken des Tisches schaben müsse, anderen gab er seltene Wurzeln gegen Feuer, Viehseuche und Leutenot, wahrsagte den Männern wieviel Frauen, den Frauen wieviel Kinder sie bekommen würden, redete von Zauberei und Schwarzkunst und machte die Hexen eines Dorfes offenbar. Hier drohte er wegen des gotteslästerlichen Lebens­wandels der Bevölkerung eine Feuersbrunst an, so daß die ganze Ge­meinde in steter Angst lebte, dort riet er, für ein ermordetes Kind, das um Hilfe schrie, dres Messen lesen zu lassen, damit es zur Ruhe komme; dem einen versprach er, verlorenes Geld beizubringen, den anderen mahnte er, fein Getreide auszudreschen, ehe der Blitzstrahl in seiner Scheune zünde. Doch nirgends blieb er lange.