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" Bald guckten den ganzen Tag sechs runde Köpfchen über den Nest- rand. Des alten Hatto Arm sank immer häufiger zu seinen Augen her­nieder. Er sah die Federn aus der roten Haut sprießen, die Augen sich öffnen, die Körpersormen sich runden. Glückliche Erben der Schönheit, die die Natur den beflügelten Bewohnern der Luft geschenkt, entwickeln sie bald ihre Anmut.

Und unterdessen kamen die Gebete um die große Vernichtung immer zögernder über Hattos Lippen. Er glaubte Gottes Zusicherung zu haben, daß sie hereinbrechen würde, wenn die kleinen Vögelchen flügge waren. Nun stand er da und suchte gleichsam nach einer Ausflucht vor Gottvater. Denn diese sechs Kleinen, die er beschützt und behütet hatte, konnte er nicht opfern.

Früher war es etwas andres gewesen, als er noch nichts hatte, was sein eigen war. Die Liebe zu den Kleinen und Schutzlosen, die jedes kleine Kind die großen, gefährlichen Menschen lehren muh, kam über ihn und machte ihn unschlüssig.

Manchmal wollte er das ganze Nest in den Fluß schleudern, denn er meinte, daß di« beneidenswert sind, die ohne Sorgen und Sünden ster­ben dürfen. Muhte er die Kleisten nicht vor Raubtieren und Kälte, vor Hunger und den mannigfaltigen Heimsuchungen des Lebens bewahren? Aber gerade als er noch so dachte, da kam der Sperber auf das Nest herabgefaust, um die Jungen zu töten. Da ergriff Hatto den Kühnen mit seiner linken Hand, schwang ihn im Kreise über seinem Kopf und schleu­derte ihn mit der Kraft des Zornes in den Fluß.

Und der Tag kam, an dem die Kleinen flügge waren. Eines der Bach- ftelzchen mühte sich drinnen im Nest, die Jungen auf den Rand hinaus­zuschieben, während das andre herumslog und ihnen zeigte, wie leicht es war, wenn sie es nur zu versuchen wagten. Und als die Jungen sich hartnäckig fürchteten, da flogen die beiden Alten fort, und zeigten ihnen ihre allerschönste Fliegekunst. Mit den Flügeln schlagend, beschrieben sie verschieden« Windungen, oder sie stiegen auch gerade in die Höhe wie Lerchen oder hielten sich mit heftig zitternden Schwingen still in der Luft.

Aber als die Jungen noch immer eigensinnig bleiben, kann Hatto es nicht lassen, sich in die Sache einzumischen. Er gibt ihnen einen behui- amen Puff mit dem Finger, und damit ist alles entschieden. Heraus liegen sie, zitternd und unsicher, die Luft peitschend wie Fledermäuse, ie sinken, aber erheben sich wieder, begreifen, worin di« Kunst besteht, und verwenden sie dazu, so rasch als möglich das Nest wieder zu erreichen. Die Alten kommen stolz und jubelnd zu ihnen zurück, und der alte Hatto schmunzelt.

Er hatte doch in der Sache den Ausschlag gegeben.

Er grübelte nun im vollen Ernst nach, ob es für unfern Herrgott nicht auch einen Ausweg geben konnte.

Vielleicht, wenn man so recht bedachte, hielt Gottvater diese Erde wie ein großes Vogelnest in seiner Rechten, und vielleicht hatte er Liebe zu denen gefaßt, die dort wohnen und hausen, zu allen schutzlosen Kindern der Erde. Vielleicht erbarmte er sich ihrer, die er zu vernichten gelobt hatte, so wie sich der Eremit der kleinen Vögel erbarmte.

Freilich waren die Vögel des Eremiten um vieles bester als unsers Herrgotts Menschen, aber er konnte doch begreifen, daß Gottvater den­noch ein Herz für sie hatte.

Am nächsten Tag stand das Vogelnest leer, und die Bitterkeit der Einsamkeit bemächtigte sich des Eremiten. Langsam sank sein Arm an seiner Seite herab, und es deuchte ihn, daß die ganze Natur den Atem anhielt, um dem Dröhnen der Posaune des Jüngsten Gerichts zu lauschen. Doch in demselben Augenblick kamen alle Bachstelzen zurück und setzten sich ihm auf Haupt und Schulter, denn sie hatten gar keine Angst vor ihm. Da zuckte ein Lichtstrahl durch das verwirrte Hirn des alten Hatto. Er hatte ja den Arm gesenkt, ihn jeden Tag gesenkt, um die Vögel anzusehen.

Und wie er da stand, von allen sechs Jungen umflattert und um­gaukelt, nickte er jemandem, den er nicht sah, vergnügt zu.Du bist frei", sagte er,du bist frei. Ich hielt mein Wort nicht, und so brauchst du auch deines nicht zu halten."

Und es war ihm, als hörten die Berge zu zittern auf und als legle sich der Fluh gemächlich in seinem Bett zur Ruhe.

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Am Strand.

Von Hans Friedrich B l u n ck.

Es hämmerte und hallte in der Werkstatt. Schuster Kock schlug Nagel um Nagel in die dicken Transtiefel der Fischer, flink ging ihm die Arbeit von der Hand.

Ein junger behender Kerl war dieser Ernst Kock, kaum sollte man glauben, daß so einer auf dem Schusterbock saß. Die Leute im -Dorf hatten sich auch gewundert, als seine Mutter ihn daheimbehielt. Hand­werk wird in den Stranddörfern nur von Krüppeln und Eingewanderten ausgeübt. Aber schließlich entschuldigte man das Weib, das Mann um beide Töchtermänner auf See verloren hatte. Sie fetzte auch ihren Wiben durch. Als sie starb, war der alt« Teetens, der bisher das Leder geftim hatte, schon ziemlich vergessen. Ernst Kock hatte die Schusterei im Dorf.

Der junge Handwerker zeichnete eine Sohle ins Leder und begami b« langsam mit dem Stechmesser auszufchneiden. Es war heiß in der Werk­statt, vom Strom glänzte ein bruttiges Sonnenlicht in die Scheibe.

Die Tür ging. Der Knirps Peter Jebens kam mit ein Paar Knie­stiefeln hereingeschleppt. Sie waren fast zu schwer für den kleinen Wan", er pruschte auch gewaltig mit seinen sechs Jahren, spuckte aus, wie er e bei den alten Fischern sah und wollte über die Stiefel zu reden beginne Aber Ernst Kock schob ihn zur Seite, er besah sich die Dinger von ot> bis unten, er wußte schon Bescheid. ... is

Der Junge stotterte noch bei ihm herum.Und die Hacken, weihl w Ernst. Und weißt schon, Großvater ist geblieben." M

Kock richtete sich hart auf. Der alte Hinrich Jebens war der oltesie Fischer im Dorf gewesen, keiner war da, der mehr zu sagen hatte' keiner, der mit mehr Glück sein Lebenlang gefahren war.

r Schaben tat, tm8"am allerwenigsten konnte er es vertragen, wenn sie sich «in bißchen ausruhten. ......

So sank die Sonne, und die Vögel suchten ihre vertrauten Ruhestätten im Schilf auf. Wer abends über die Heide geht, muß sich herabbeugen, so daß sein Gesicht in gleicher Höhe mit den Erdhügelchen ist, dann wird er sehen, wie sich ein wunderliches Bild von dem lichten Abendhimmel abzeichnet. Eulen mit großen, runden Flügeln huschen über das Feld, unsichtbar für den, der aufrecht steht. Nattern ringeln sich heran, geschmei­dig, behend, die schmalen Köpfchen auf schwanähnlich gebognen Halsen erhoben Groß« Kröten kriechen träge vorbei. Hasen und Wasserratten fliehen vor den Raubtieren, und der Fuchs springt nach einer Feldmaus, die Mücken über den Fluß jagt. Es ist, als hätte jedes Erdhügelchen Leben bekommen. Doch unterdessen schlafen die kleinen Vögelchen auf dem schwankenden Schilf, geborgen vor allem Bösen auf diesen Ruhe­stätten, denen kein Feind nahen kann, ohne daß das Wasser aufplatschert oder das Schilf zittert und sie aufweckt. . .

Als der Morgen kam, glaubten die Bachstelzchen zuerst, die Ereignisse des gestrigen Tages seien ein schöner Traum gewesen.

Sie hatten ihre Merkzeichen gemacht und flogen geradeswegs auf ihr Nest zu, aber das war verschwunden. Sie guckten suchend über die Heide hin und erhoben sich gerade in die Luft um zu spähen. Keine Spur von einem Nest oder einem Baum. Schließlich setzten sie sich auf ein paar Steine am Flußufer und grübelten nach. Sie wippten mit dem langen Schwanz und drehten das Köpfchen. Wohin war Baum und Nest gekommen? .

Doch kaum hatte sich die Sonne um eine Handbreite über den Wald­gürtel auf dem jenseitigen Flußufer erhoben, als ihr Baum gewandert kam und sich auf denselben Platz stellte, den er am vorigen Tage ein­genommen. Er war ebenso schwarz und knorrig wie damals und trug ihr Nest auf der Spitze von etwas, was wohl ein dürrer, aufrecht ragen­der Ast jein muhte.

Da begannen die Bachstelzchen wieder zu bauen, ohne weiter über die vielen Wunder der Natur nachzugrübeln.

Hatto, der Eremit her die kleinen Kinder von seiner Höhle fort­scheuchte und ihnen sagte, es wäre besser für sie, wenn sie niemals das Licht der Sonne gesehen hätten, er, der in den Schlamm hinausstürzte, um den fröhlichen jungen Menschen, die in bewimpelten Booten den Fluh hinaufruderten, Verwünschungen nachzuschleudern; er, vor dessen bösem Blick die Hirten der Heide ihre Herden behüteten, kehrte nicht zu seinem Platz am Fluh zurück, den kleinen Vögeln zuliebe, aber er wußte, daß nicht nur jeder Buchstabe seine verborgene mystische Bedeutung hat, sondern auch alles, was Gott in der Natur geschehen läßt. Jetzt hatte er herausgefunden, was es bedeuten konnte, daß die Bachstelzchen ihr Nest in feiner Hand bauten; Gott wollte, daß er mit erhabnen Armen betend dastehen sollte, bis die Vögel ihre Jungen aufgezogen hatten, und vermochte er dies, so sollte er erhört werden.

Doch an diesem Tage sah er immer weniger Visionen des Jüngsten Gerichtes. Anstatt dessen folgte er immer eifriger mit seinen Blicken den Vögeln. Er sah das Nest rasch vollendet. Die kleinen Baumeister flatterten rund herum und besichtigten es. Sie holten ein paar kleine Moosslechten von der wirklichen Weide und klebten sie außen an, das sollte anstatt Tünche ober Farbe sein. Sie holten das feinste Wollgras, und das Weib­chen nahm Flaum von seiner eignen Brust und bekleidete das Nest innen damit, das war die Einrichtung und Möblierung.

Die Bauern, die die verderbliche Macht fürchteten, die die Gebete des Eremiten an Gottes Thron haben konnten, pflegten ihm Brot und Milch zu bringen, um seinen Groll zu besänftigen. Sie tarnen auch jetzt.und sanden ihn regungslos dastehen, das Vogelnest in der Hand.

Seht, wie der fromme Mann die kleinen Tiere liebt", sagten sie und fürchteten sich nicht mehr vor ihm, sondern hoben den Milcheimer an seine Lippen und führten ihm das Brot zum Munde. Als er gegessen und getrunken hatte, verjagte er die Menschen mit bösen Worten, aber sie lächelten nur über seine Verwünschungen.

Sein Körper war schon lange seines Willens Diener geworden. Durch Hunger und Schläge, durch tagelanges Knien und wochenlange Nacht­wachen hatte er ihn Gehorsam gelehrt. Nun hielten stahlharte Muskeln seine Arme tage- und wochenlang emporgestreckt, und während das Bach­stelzenweibchen auf den Eiern lag und das Nest nicht mehr verließ, suchte er nicht einmal nachts seine Höhle aus. Er lernte es, sitzend mit ernpor- gestreckten Armen zu schlafen, unter den Freunden der Wüste gibt es so manche, die noch größere Dinge vollbracht haben.

Er gewöhnte sich an die zwei kleinen unruhigen Vogelaugen, die über den Rand des Nestes zu ihm hinabblickten. Er achtete auf Hagel und Regen und schützte das Nest so gut er konnte.

Eines Tages kann das Weibchen seinen Wachtposten verlassen. Beide Bachstelzchen sitzen auf dem Rand des Nestes, wippen mit den Schwänz­chen und beratschlagen und sehen [eelenoergnügt aus, obgleich das ganze Nest von einem ängstlichen Piepsen erfüllt scheint. Nach einem kleinen Weilchen ziehen sie aus die allerverwegenste Mückenjagd aus.

Eine Mücke nach der andern wird gefangen und heimgebracht für das, was oben in feiner Hand piepst. Und als das Futter kommt, da piepsen sie am allerärgsten. Den frommen Mann stört bas Piepen in feinen Gebeten.

Und sachte, sachte sinkt sein Arm auf Gelenken herab, bie beinahe die Gabe, sich zu rühren, verloren haben, und feine kleinen Glutaugen starren in das Nest herab.

Niemals hatte er etwas so hilflos Häßliches und Armseliges gesehen: kleine, nackte Körperchen mit ein paar spärlichen Fläumchen, keine 'Augen, keine Flugkraft, eigentlich nur sechs große, aufgerissene Schnäbel.

Es kam ihm selbst wunderlich vor, aber er mochte sie gerade so leiben wie sie waren. Die Alten hatte er ja niemals von dem großen Unter­gang ausgenommen, aber wenn er von nun ab Gott anflehte, die Welt durch Vernichtung zu erlösen, da machte er eine stillschweigende Ausnahme für diese sechs Schutzlosen.

Wenn die Bäuerinnen ihm jetzt Essen brachten, dann dankte er ihnen nicht mit Verwünschungen. Da er für die Kleinen dort oben notwendig war, freute er sich, daß bie Leute ihn nicht verhungern ließen.