Ausgabe 
24.11.1930
 
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nur einen Teil seiner Wesensart ausmachie sich gern in solcher Weise ein Ventil suchte.

Daß der Paukenschlag in der bereits erwähnten Symphonie den Zweck hatte, in allzu passivem Musikgenuß etwa eingeschlafene Zuhörer auf- zufchrecken, ist bekannt. Einen rührenden Hintergrund hat jedoch Haydns sog. Abschiedssymphonie. Da jedes Mitglied der fürstlichen Kapelle auf Schloß EsterhLz auch seine Familie mit beherbergen wollte, herrschte dort große Wohnungsnot, und um diesem Mißstand in radikaler Weist abzuhelfen, gab der Fürst seinen Musikern den Befehl, ihre Angehörigen zurück nach der Residenz Eisenstadt zu schicken. Nun ließ Haydn vor seinem gestrengen Herrn eine neue Symphonie aufführen, deren Schluß eine ergreifende Anspielung auf die harte Verfügung des Fürsten dar­stellte: je zwei bis drei Musiker brachen nacheinander plötzlich ihr Spiel ab, legten ihre Instrumente beiseite, verlöschten ihre Pultlichter und ent­fernten sich, bis schließlich nur zwei Violinen übrig blieben, die auf die gleiche Art die trübselige Szene beschlossen. Der Fürst verstand die An­spielung und nahm gerührt die Verfügung zurück. So hatte Haydns Werk nben der musikalischen auch noch eine soziale Wirkung.

Auch die populären Beinamen, die manche der Quartette des Meisters erhielten, deuten auf allerhand Spiel und Neckerei, io dasVoqelauar- tett , dasRasiermesser-Quartett" u. a.

Mitunter ist eine musikalische Anspielung eher für das Auge als fürs Ohr berechnet, z. B. wenn Bach in der Phantasie über den ChoralChrist unser Herr zum Jordan kam" vier Motive in gegenseitiger Umkehrung und Beschleunigung Zusammenwirken läßt, so daß sich hebende, in sich ^l'jm?len'roIenbe und sich gegenseitig überstürzende Wellen entstehen. Doch hat Bach gelegentlich auch eine ganz primitive Tonsymbolik nicht verschmäht; so in dem Choral:Dies sind die Heilgen zehn Gebot'", bei dem er das Thema der ersten Noten im Pedal einfach zehnmal wieder- tehren laßt.

Ein besonderer Reiz kann auch in der scherzhaften Verwendung des Heterogenen, Inadäquaten liegen. So liebte es Gustav Mahler ganz unfeierliche Motive durch betont feierliche Bearbeitung zu ironisieren. Auf eine entsprechende Wirkung ist es abgesehen, wenn Wagner bei der realistischen Prügelszene in denMeistersingern" bedeutungsvoll den fugierten Stil anwendet.

Jedenfalls ist bei all diesen musikalischen Spielereien das Wesentliche, daß die Anspielungen und Scherze nicht eigentlich aus der Logik und dem Geiste der Musik heraus, sondern als Ueberraschungen geschehen, wie es ja eben das Wesen der Komik ausmachen soll, aufeinem Wider­spruch zwischen Erwartetem und Erscheinendem" zu beruhen.

Donner über dem Schwarzwald.

Das Schluchfeewerk und seine Beben fung.

Von Dipl.-Jng. Dr. A. H a m m.

Wer heuer die gesegneten Täler des südlichen Schwarzwaldes besuchte, der wurde Tag für Tag in seiner genuhfrohen Ruhe gestört durch eine Reihe von Explosionen, die nicht nur tagsüber, sondern sogar des Abends die Luft erschütterten. War denn ein Artillerieschießplatz in der Nähe mitten im Gebirge? Oder übten gar die nahen Schweizer Grenzforts? Denn um kleine Geschütze konnte es sich nach der Heftigkeit und Trag­weite des Schalles nicht handeln. Fragte man aber einen der Einheimi­schen, so wurde man ausgelacht. Das waren nur die Sprengungen für das Schluchfeewerk, die war man feit Jahr und Tag gewöhnt. Ja, was denn das Schluchfeewerk wäre? Nun, ein besonders großes Wasserkraft­werk, das die reichen Gewässer des südlichen Schwarzwaldes ausnützen solle, die halbe Welt sei an dem Bau beteiligt, nicht nur die Badische Landes-Elektrizitätsversorgungs AG. (Badenwerk), in deren Gebiet es ja gebaut werde, sondern auch das Rheinisch-Westfälische Elektrizitätswerk und sogar mehrere Schweizer Elektrizitätswerke. 450 Millionen Kilowatt­stunden sollen darin erzeugt werden, die schon alle fest verkauft seien. Diese Auskunft mußte natürlich die Neugier gewaltig reizen, und so wurde der Beschluß bald gefaßt, dieses merkwürdige Werk im Entstehen zu besichtigen.

In einem gegen den Feldberg sich hinaufziehenden Tale des südlichen Schwarzwaldes, das selbst schon eine recht erhebliche Höhenlage aufweist, liegen hintereinander zwei Gewässer, der kleine Windgfällweiher, der kaum den Namen eines Sees verdient, und der lang gestreckte Schluchsee, dessen Name schon auf die schlauchförmige Gestalt hinweist. Zwischen beiden erstreckt sich ein mooriges Gelände, das Feldmoos, durchzogen von einem kleinen Flüßchen, das dem tiefer liegenden Schluchfee den Wasserüberfluß des Weihers zuführt. Das Tal ist nicht so freundlich wie häufig die Täler des südlichen Schwarzwaldes; ernst, fast rauh ist sein Charakter, der schon stark an das Hochgebirge mahnt. Nur wenige Häuser stehen auf seinem Grunde, die paar Ortschaften liegen hoch darüber an den Bergen, die es rings herum vollkommen einschließen wie einen Kessel, ^uch die Bahn führt hoch am Rande dieses Talkessels entlang. Der An­blick des völlig geschlossenen tiefen Kessels mußte freilich jedem Fach- wanne den Gedanken an eine Wasserspeicherung nahelegen, denn die Wafsermengen, die er faßt, gehen in die Hunderte von Millionen Kubik- wetern. Dazu kommt noch ein anderer sehr günstiger Umstand. Am süd- ucheu Ende des Schluchsees entspringt die Schwarza, ein Flüßchen, das st?) seinen Weg zur Alb bahnt, in die es dicht unterhalb von St. Blasien timnünbet Dieser Schwarzateil gehört zu den romantischsten Tälern des «chwarzwaldes. Seine Tiefe nimmt schnell zu, die Straße, die am Süd- ende des Schluchsees in gleicher Höhe mit diesem beginnt und nur sachte "»steigt, liegt bei Häusern, am Ende des vielleicht 8 bis 10 Kilometer «»gen Tales, wohl 150 bis 200 Meter über der Schwarza. Gelänge es ?*|°> das riesige Becken des Schluchsees zur Wasserspeicherung auszunützen, 1° ro"re hier in kaum 10 Kilometer Entfernung die Möglichkeit gegeben, "W gespeicherte Wasser die gewaltige Höhe durchlaufen zu lassen und so «rotze Energiemengen zu gewinnen.

Frekckch konnte es sich nicht um eine gewöhnliche Talsperre handeln. Bei einer solchen wird das zulaufende Wasser durch eine Sperrmauer in seinem Laufe aufgehalten und angestaut, bis es die Höhe der Mauer- krone erreicht. Von der Menge des zulaufenden und natürlich auch wieder abstießeuden Wassers und der Höhe des Staues hängt die Größe der zu gewinnenden Maschinenleistung ab. Die wäre hier nun kaum beträchtlich gerne)en, die Schwarza führt nur wenig Wasser und trotz der stattlichen Stauhöhe von 150 bis 200 Meter hätte sich keine Leistung der Wasser­kraft ergeben, die den hohen Kosten des Ausbaues entsprochen hätte. Dafür wurde aber hier eine Anlage geschaffen, die zwar nicht etwas ganz Neues darstellt, aber in ihrer Eigenart doch zu den technischen Merk­würdigkeiten dieser Welt gehören wird, nämlich eine Pumpspeicher- a.n läge größten Stiles. Um das zu verstehen, ist es notwendig, ein wenig auf die Eigenart des Elektrizitätsverbrauches einzugehen.

Im tiefen Dunkel der Winternacht liegen die Großstadt und das sie umgebende Industriegebiet da. Schweigen herrscht in den mächtigen An­lagen. Und im Elektrizitätswerk, das hierher den Strom liefert, herrscht auch Ruhe; zwar laufen 1 bis 2 Maschinen des Nachts durch, aber es find nur kleinere, die Belastung ist ja zu gering. Die großen Maschinen der Jndustriewerke, die den Hauptstromoerbrauch verursachen, stehen noch still, von der Straßenbahn fährt nur hin und wieder einmal ein Wagen und außer den Straßenlaternen brennt kein armseliges Lichtlein. Aber das kann nicht lange mehr dauern, denn der Zeiger der Uhr hat die 6 schon hinter sich gelassen, die Stunde des Arbeitsbeginnes naht. In den Arbeiterquartieren flammen die Glühbirnen auf, die Straßenbahnwagen verkehren in immer dichterer Folge, und bald beginnen auch die großen Jndustriemafchinen ihren gewohnten Arbeitstakt. Allen diesen Bewegun­gen folgt getreulich der Zeiger des großen Kilowattmessers im Elektrizitäts­werk, das den gesamten Stromverbrauch anzeigt. Immer höher steigt er, etne Maschine nach der anderen fängt an, sich zu drehen, ein Kesiel nach dem anderen geht in Betrieb, bald ist die volle Belastung erreicht, die Spitze" ist da. Nun summt alles gleichmäßig weiter, bis der Mittag kommt. Abermals fällt die industrielle Belastung ab, um nach halb- bis einstündiger Pause von neuem anzusteigen. Wenn es erst 4 Uhr durch ift, meldet sich Überall das Lichtbedürfnis, die Geschäfte schalten ihre Reklamebeleuchtung ein, die Wohnungen und Bureaus erhellen sich. Schlagartig steigt so der Stromverbrauch, wenn dieLichtspitze" kommt, in kurzer Zeit kann er auf das Mehrfache feines vorherigen Wertes steigen, um dann nach ihrem Vorbeigang, nach Beendigung der Tages­arbeit m der Industrie auf einen ganz geringen Wert abzüsinken. Allen diesen Schwankungen soll das Elektrizitätswerk gewachsen fein. Wenn irgendwo Strom in beliebiger Menge gebraucht wird, muß er in dem Augenblick zur Verfügung stehen, in dem der Schalter eingelegt wird. Das ist nur zu erreichen, wenn immer eine Anzahl Steffel unter Feuer stehen, um gegebenenfalls sofort die Dampflieferung aufzunehmen, wenn rechtzeitig einige große Maschinen angewärmt werden, um ofort in Betrieb zu gehen usw. Alles das aber kostet Kohle, d. h. Geld. Da ist viel idealer der Akkumulator, der geladen dasteht und jeden Augenblick bereit ift, Strom zu liefern. Nur ist er für unsere heutigen großen Verhältnisse mcht mehr recht geeignet; um die Lichtspitze einer Großstadt aufzufangen, waren unvorstellbar große Batterien notwendig. An seine Stelle tritt da wo es die Verhältnisse gestatten, in zunehmendem Maße das Pump­speicherwerk, der hydraulische Akkumulator.

Der Westen Deutschlands ist wie von einem riesigen Spinnennetz von einem Gewebe von Höchstspannungsleitungen überzogen. Dicht bei Köln ist der Mittelpunkt dieses Netzes, voMhier geht es rheinauf und -abwärts mit 100 000 Volt, nach Osten ins Westfälische hinein mit 220 000 Volt und nach Süden über Mannheim, Stuttgart in die Vorarlberger Alpen und zum Oberrhein gar mit 380 000 Volt. An diese 380 000-Volt-Leitung ist auch das Schluchfeewerk angeschlossen. Dampf- und Wasserkraftwerke von vielen hunderttausend Kilowatt Maschinenleistung schicken ihren Strout in dieses Leitungsnetz, das ihn an den größten Teil der rheinisch-west­fälischen Industrie weiterliefert. Auch dieses gewaltige Leitungsnetz hat feine Spitzen, die plötzliche Inbetriebnahme von Maschinen notwendig machen. Aber nicht mehr müssen dazu Kessel angeheizt und unter Feuer gehalten werden. Ein telephonischer Anruf von Brauweiler bei Köln nach Häusern im südlichen Schwarzwald genügt. Bis hoch hinauf an die Tal- Hänge wird der Schluchsee angeftaut sein, 30 Meter über dem jetzigen Seespiegel soll das Wasser stehen. Von der Mitte des langgestreckten Schlauches aus, wohl 20 Meter unter dem künftigen Wasserspiegel aber führt ein Stollen 10 Kilometer weit durch den Felsen des Habsberges, bis er im Schwarzatale oberhalb von Häusern zutage tritt. Von dort fuhren eiserne Druckrohrleitungen riesigen Umfanges in senkrechtem Absturze auf den Grund des Schwarzatales, ins Kraftwerk Häusern. Auf den Anruf aus Brauweiler hin werden die riesigen Absperrschieber gezogen, das Wasser des Schluchsees strömt durch die Leitungen, die Turbinen beginnen sich zu drehen, und haben im Zeitraum von Minuten ihre volle Ge­schwindigkeit erreicht, die Stromlieferung beginnt. Der hydraulische Akku­mulator arbeitet wie der elektrische augenblicklich. Ist aber die Spitze vorbei, so werden die Schieber geschlossen, die Turbine steht, eine Nach­wirkung ist nicht vorhanden. Das den See entnommene Wasser aber läuft nicht mit der Schwarza zu Tale, sondern wird in einem besonderen Gegen­becken aufgefangen. Des Nachts aber kehrt sich die Arbeitsweise um. Dann wird das Schluchseewerk Plötzlich zum Stromverbraucher. Dieselben Ma­schinen, die vorher als Generatoren liefen und Strom in die Leitung sckickten, werden nun zu Motoren, die riesige Pumpen antreiben. Diese drücken dann das Wasser aus dem Gegenbecken durch die Rohrleitungen wieder hinauf in den See. Und am nächsten Tage kann er von neuem feine Rolle als hydraulischer Akkumulator spielen. Denn der Nachtstrom, mit dem die Pumpen angetrieben werden, ist nichts wert, weil um die Zeit alle Elektrizitätswerke schlecht belastet sind und leicht Strom abgeben können. Der Spitzenstrom, den die Turbinen liefern, ist aber höchst wertvoll, weil er sehr begehrt ist. So wird ein Abfallprodukt in ein hochwertiges Erzeugnis verwandelt. Das ist der Sinn des Schluchfeewerkes.