Ausgabe 
24.10.1930
 
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Sohnes Mohammed Alis fallen sollten. Er hielt sein Work, wie es der Türke hält. Jahrzehnte nachher sprach niemand im Sennar seinen Namen aus, ohne zu zittern. Er war furchtbar wie das Unglück und glatt wie eine Schlange. Aber solche Leute konnte der große Pascha gebrauchen und ehrte sie, wenn sie seine Befehle ohne Zagen ausführten. Man sagte manchmal in Kairo, er habe ihm die höchste Ehre erwiesen: er habe ihn gefürchtet. Doch ist dies eine Lüge. Der große Pascha fürchtete Jblis, den obersten der Teufel, nicht. Aber er ehrte ihn, wie er keinen seiner Diener geehrt hatte, und gab ihm Zohra zur Frau. ,Die Tigerin dem Tiger von Sennar', sagte er lachend. Es fehM nur, daß auch Zohra ge­lacht hätte. Doch sie schwieg.

Achmed war stolz auf seine Frau und liebte die Pracht. Er baute sein Harim am Ufer des Kanals el Chalig, der durch die Stadt zieht, und schmückte es, wie seit der Zeit der Mameluckensultane kein Harim in Kairo geschmückt worden war. Dort lebten Tiger und Tigerin, wie Abbas höhnisch zu sagen pflegte, indem sie sich gegenseitig bewachten. Damit war Abbas wohl zufrieden, denn er fürchtete sich vor der Fürstin wie vor einer tollen Wölfin. Ob Achmed seine Frau liebte, weiß niemand. Er war kein Mann der Weiber. Er wartete auf ein zweites Sennar und verbarg seine Ungeduld nicht. Aber er wartete umsonst. Denn kurze Zeit nachdem er in sein neues Haus gezogen war und alle Frauen Kairos, die des Vizekönigs nicht ausgenommen, vor Neid krank geworden waren, nach­dem sie Zohra besucht hatten, starb ihr Herr und Gemahl plötzlich. An einem Schlag, sagten die Hakkims: an Gift, sagte Abbas. Gott weiß es; Gott und Zohra Pascha.

Nun lebte sie wieder allein in ihrem Palast am Chaligkanal, und Jahre gingen vorüber. Mohammed Ali kämpfte mit der halben Welt. Nicht immer gab ihm Allah den Sieg, aber er blieb der größte Bizekönig der Welt, und seine Familie erhielt die Herrschaft über Aegypten für immer und allezeit. Aber das Land verblutete sich fast, und alles brauchte den Frieden, den uns Gott zuletzt schenkte.

Von Zohra hörte man lange nichts, bis wunderliche und böse Gerüchte die Stadt durchliefen, erst leise, dann lauter. Die Leute erzählten sichs in den Winkeln des Basars. Man sprach davon in den Diwans und in den Konsulaten, und die jungen Herren wurden bleich, wenn es wieder aufs neue ausbrach, nachdem das alte Geschwätz verstummt und halb ver­gessen war. Ein schöner Levantiner, der an der Ecke der Muski einen Waffenladen gehabt hatte, war plötzlich verschwunden, dann der Drago- man des griechischen Konsulats, dann zwei Dalmatiner aus Triest, die im Sudan jagen wollten, dann ein Seidenhändler aus Lyon. Zwei-, dreimal fand man die Lerchen der Vermißten in dem Kanal hinter Zohra Paschas Palast. Du weißt, was man sagte; man kann es heut« in Büchern lesen, und ich glaube, man sagte die Wahrheit. Die Tigerin war toll geworden, hieß es. Aber sie war schlau und wußte törichte Männer zu locken, daß sie ihr von selbst in den Rachen liefen. Die Schoara sangen die alte Ge­schichte von der Kattalet-efch-Schugan, der Männertöterin, öfter als gewöhnlich, und die Leute winkten ihnen, zu schweigen. Das Treiben dauerte mehrere Jahre. Man erzählte sichs entsetzt, wenn wieder eine Leiche im Kanal gefunden wurde, doch wagte niemand, weiter zu suchen. Zu entdecken war so gefährlich wie zu verstecken. Selbst wir Mamelucken fürchteten uns und schlichen scheu an dem verschlossenen Palast der Prin­zessin vorüber, wenn uns der Weg durch die enge Gasse der Sarno el Senat führte. Wir zeigten uns das Türchen, durch das sie all« hinein­gegangen waren und keiner von ihnen herauskam. Ein totes Krokodil aus Sennar war über demselben aufgehängt wie über mancher andern Haustür« in der Stadt. Doch war dies ein ganz besonderes Krokodil. Man sagte, als es noch lebt«, habe es der Defterdar mit den Kindern der Araber gefüttert, die er in Sennar erschlagen ließ. Nun hing es vor der Türe seiner Witwe. Und unter dem Krokodil mußten sie durch, die Narren, die sie liebte. Abbas, der jetzt Pascha und Gouverneur von Kairo geworden war, schlief nicht. Seine Kundschafter lauerten, aber vergeblich. Schließlich, als-der Leibmameluck des kleinen Raschid Pascha in dem vertrockneten Graben gefunden wurde, ging er zum alten Vizekönig, erzählte ihm, was die Stadt sich erzählte, und fragte, was zu geschehen habe. Da schickte Mohammed Ali dreißig Maurer und Steine und Mörtel auf fünfund­zwanzig Eseln und fünfzig Mann Soldaten und ließ an einem Morgen alle Fenster und Türen am Palast Achmeds, des Defterdars, zumauern, bis auf das Türchen unter dem Krokodil. Dem Türchen gegenüber stand das Haus eines koptischen Schreibers. Der Mann wurde in weniger als einer Stunde samt Weib und Kind auf di« Straße gefetzt und mußte froh fein, am folgenden Tag fein Hausgerät holen zu dürfen. Ihr Euro­päer sagt, es gehe alles so entsetzlich langsam bei uns. Wallah! Sie hätten die Arbeit dieses Morgens sehen sollen. In das Haus aber legte der Pascha eine Wache von fünfundzwanzig Mann, die alle Freitag gewechselt mürben und nichts zu tun hatten, als das Türchen zu bewacl>en. Das Menschensischen im Kanal war zu Ende. Niemand außer ihren Dienerin­nen und einem alten Eunuchen Mohammed Alis sahen Zohra in langen fünf Jahren. Ihre Schätze und der Reichstum ihres Mannes blieben ihr.

Nein, nicht Gott allein!" fuhr Rames Bey nach einer Pause flüsternd fort, so daß ich mich zu ihm beugen muhte, um itjn zu verstehen.Auch Halirn, der feine Schwester nicht vergaß. Sie erschien ihm ein Engel, als er noch ein kleiner Junge war, wie ich dir erzählt habe. Er glaubte nicht, daß sie anders geworden war. Er glaubt es heute noch nicht.

Er kannte die meisten Offiziere und bestach die Wachen. Dennoch war es nur selten möglich, daß er die Eingemauerte besuchen konnte, denn die Offiziere wußten, daß sie um ihren Kopf spielten. Der Mameluck, der di« Frauenkleider aufbewahrte, die Halirn zu seinen gefährlichen Be­suchen bei seiner Schwester brauchte, erzählt« mir dies. Aber niemand hat bis jetzt erfahren, was Hakim im Innern des Hauses gesehen und gehört hat.

Das dauerte, bis die Seele von Mohammed Ali wich, «he er starb, und nach feinem Tode Abbas Herr von Aegypten wurde. Nun wußte Zohra, daß es an ihr Leben ging. Doch in der Verwirrung jener Tag« gelang es ihr, auf der Kanalseite aus dem Hause zu brechen und mit

einem Diener Hakims auf Kamelen nach El Arisch und von dort nach Syrien zu entkommen. Sie floh nach Stambul und klagt« dem Sultan ihre Not. Dieser gewährte ihr Schutz und befahl, das ganze Vermögen der Frau herauszugeben, was auch geschah. Damit baute fie sich einen kleinen Palast am Bosporus. Aegypten aber, ihre Heimat, vergaß si« nicht, und auch nicht Abbas und (ein Hans.

Nun verstehst du wohl, was du gehört hast, ehe Halirn Pascha heute davon sprach; denn man weiß es in den Basars von Kairo und von Stambul. Sie lebte am Bosporus wie die heimliche Königin des Nils und schützte und regiert« ihre Vasallen aus der Ferne. Wenn Abbas einen Verwandten bedrohte, so wußte sie es; wenn er an der Vernichtung seiner Brüder arbeitete, so kannte sie seine Pläne. Und auch er wußte, von wo ihm das Verderben drohte: er zitterte bei jedem Mahl vor dem Gift, das sie in Stambul braute, jede Nacht vor den Zauberfprüchen, di« sie den Nordwinden mitgab. Aber etwas ahnte er nicht, daß sie zwei Tscherkessenknaben für ihn erzog, und daß sie es war, die die schönen Mamelucken Hassan und Hussein verschenkt hatte. Schritt für Schritt, leise wie Katzen, geduldig und sicher wie die Bergpferde an den senkrechten Wänden unfers Kaukasus schlichen die zwei neben ihrem Herrn her, Jahre lang, bis zur marmornen Badewanne zu Benha. Er merkte nichts. Zohra Pascha wußte, was sie wollte und was sie konnte. Noch in ihren alten Tagen ein heißes Leben wie das ihre macht alt in wenigen Jahren wußte sie die Männer zu verzaubern, daß sie für sie starben und für sie töteten, wie sie gebot, und Erbarmen kannte sie nicht feit jener Nacht, in der sie auf dem Felde bei Schubra die Füße ihres Ge­liebten vergeblich gesucht hatte."

Aber Rames Bey", unterbrach ich ihn endlich, fröstelnd, denn es war spät und kühl geworden,das ist schauderhaft, das ist bunt!"

Nein, Baschmahandi", entgegnete er heftig,bas ist nicht zu bunt. Das sind die Farben unfers Ostens, wenn du genauer zusiehst. Und es ist noch nicht alles. Du hast von II Hami gehört, dem Sohn Abbas Paschas, den die Narren seines Baiers zum Vizekönig machen wollten an Saids Statt. Der arme Junge wußte nicht wohin, obgleich ihm Said nichts zuleide getan hätte; denn Said hat ein gutes Herz und konnte niemand elend sehen in seiner Nähe. Aber es litt ihn nicht in Kairo, wie wenn ihn die Erinnerung an seinen ermordeten Vater quälte. Auch er ging nach Stambul und lebte dort, wie junge Prinzen leben. Vor vier Jahren fuhr er an einem der schönen Abende, in denen sich das Paradies im Bosporus spiegelte, in einem Kajak am Ufer hin. Du weißt, wie dort die Wasser ziehen und wirbeln, an Stellen, wo man die Stille eines Teiches erwartet. Solch ein Wirbel packte das ungeschickt gesteuerte Boot. Der Schisser und Jl Hami stürzten ins Wasser und trieben rasch vom Ufer ab. Das geschah bei Zohra Paschas Villa. Sie saß auf dem Dache, um die Abendluft zu trinken. Ihre eignen Boote lagen am Ufer; ihre Leute saßen müßig am Strande. Sie befahl ihnen, die Ertrinkenden zu retten. Aber sie hörte jetzt Rufe. Leute am Ufer hatten Jl Hami erkannt. Sie schrieen: ,Der Prinz! Jl Hami, der Prinz! Da murmelte Zohra wie von Sinnen: ,3er Prinz, Jl Hami ben 2lbbas! und befahl mit kreischen­der Stimme ihren Schiffern, sich nicht zu rühren. So versank Jl Hami mit einem Schrei. Sie wartete, starr wie eine Bildsäule fünf Sekun­den zehn er tarn nicht wieder herauf. Da warf sie die Arme gen Himmel und schrie: .Allahu! Allahust siel auf ihr Angesicht und dankte Gott."

Betrunkener Lügner!" zischte in diesem Augenblick eine scharfe, zorn- erstickte Stimm« über uns weg, alles im Zelt wie mit einem elektrischen Schlag erschütternd. Gleichzeitg krachte es, wie das Zerreißen eines großen Stücks Leinwand, und durch di« weitgeöffnete Zelttüre strömte das tageshelle Mondlicht, den kleinen Raum bis in den hintersten Winkel überflutend. In der Oeffnung stand Halim in weißem Mantel, mit blitzen­den Augen, braunschwarz im Gesicht, die Zähne weißglänzend, den Arm zum Stoß erhoben, wie ich ihn noch nie gesehen hatte

Rames und ich waren gleichzeitig aufgesprungen. Die geleerte Teetasse klapperte zerbrochen am Boden. In jähem Schrecken warf sich der Bey auf die Kniee, beugte den Kops bis auf die Erde und blieb in dieser Stellung regungslos liegen ein häßlicher Anblick. Halim, sichtlich außer sich vor Zorn, erhob den Fuß und schnellte ihn gegen den Kopf des Daliegenden. Doch berührte er ihn nicht, und ich, alles vergessend in solchen Augenblicken steht der Mensch dem Menschen gegenüber ohne Rang und Stand, frei und bloß, wie er geboren, trat zwischen beide, um das Aeußerste zu verhindern. Da faßte sich Halim plötzlich. Man sah die gewaltige Anstrengung in dm sich versteinernden Zügen. Er warf mir einen Blick zu, eher matt als zornig, eher traurig als finster, dreht« sich um und ging nach feinem -Seite zurück.

Und wie das Alltagsleben, das wir zu führen gezwungen sind, uns auch in den erschütterndsten Augenblicken mit seinem kleinen Hohn nicht verschont: als Halim mit gesenktem Kopf über den mondbeglänzten Platz zwischen unfern Zelten hinging und ich ihm, selbst ein wenig zitternd vor Aufregung, nachblickte, denn die Minute, die wir verlebt hatten, war kein Scherz gewesen, da sah ich, daß er nur einen Pantoffel trug und sein rechter Fuß, in einem glänzend anilinblauen Strumpf, vorsichtig, auf der harten Erde auf trat. Der andre Schuh, roter 'Saffian, auf den eine goldene Mondsichel und ein Stern gestickt waren, in dessen Mitte ein Edelstein funkelte, war über Rames Bey weggeflogen und lag breit unb trutzig auf meinem Bett.

Der Tscherkess« hatte sich langsam erhoben. Wir betrachteten den greif­baren Beweis, daß das alles nicht geträumt war, ohne ein Wort zu faoen. Ich sehe die goldene Sichel und dm blitzenden Stern noch heute. Das Symbol des Islams sah aus wie eine funkelnde Pupille, wie das zornige, blutunterlaufene Ange eines der alten Sultane von Mufr el Kahira. Nach einer Minute nahm Rames, der bleich wie das Zelttuch geworden war, den Schuh mit bebender Hand und folgte, ohne gute Nacht zu wünschen, langsam feinem Herrn, hinter dessen Zelt er verschwand.

(Schluß folgt.)

Verantwortlich: Dr. HanSLhhrivt. Druck und Verlag: Brühl'sche UniversitäiS-Buch. und Steindruckerei. N. Lange, Gießen-