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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang ^93« 8reitag. den 24. Oktober Nummer 82
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Tlachtbeginn in einem fremden Zimmer.
Von Anton Schnack.
Vor allen Scheiben Nacht. In allen Gaffen Nacht. Vor jeder Türe Schweigen. Im Dunkel meiner Zimmer geh'n die Uhren nicht.
Ich fitze da in Trauerstummheit bei einem tiefgebrannten Licht, In besten Schein sich alle Dinge halb verfchattet zeigen...
Vielleicht war «inst im Erker ein Gesicht; vielleicht ging eine Frau vor Jahren hier umher;
Ein Duft ist leichthin über der Kommode, zart von Lavendel und verschäumter Seife.
Was es auch sei: Dust, Traum und hingehauchtes Wort, das ich nicht mehr begreife —
Ich bin allein. Ich bin im Einsamen zu Haus. Ich bin vor Trauer schwer.
Ich sehe durch ein dunkelgrünes Fenster... nah an feinem Glas Geht ein Gesicht vorbei, ein Arm, ein Fuß. Ein Garten ist davor.
Der Wind. Ein später Bogetflug. Von fernher wehen
Stange von Geigen und Hoboen aus Fenstern des Hotels ... o Schmerzliches, o Unbekanntes, das —
Was kann es fein: Ein Engel, eine Magd, ein Kind? Wer ist am Tor?
Will die vergang'ne traumverfall'ne Frau vielleicht nur lautlos lächelnd ihre fußen Singe sehen...
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Witiko.
Von Albrecht Schaeffer.
Da am 23. Oktober dieses bewegten Jahres der Geburtstag Adalbert Stifters sich zum 125. Male jährte, so weiß ich nicht, ob im deutschen Volk an dem Tage besonders des Mannes gedacht worden ist, dessen Leben — arm an Begebnissen, reich nur an Lewen der Seele und des Körpers — ganz ein innerliches war und von den Göttern in Stille gesenkt wurde. Auch bedürfte es eines besonderen Aufrufes zu seinem Gedenken nicht; denn in der stillen Art, die einen der schönsten Zauber seiner Dichtung bildet, breitete auch fein Nachruhm sich ans, aber grabe dadurch gefestigt von Anfang an, kaum jemals erschüttert, wie umstritten, ein still gebotener und still empfangener Edelbesitz der Nation. Wie der Held seines Romanes Witiko an einem Tage ausreitet, in bescheidener Bewaffnung und Kraft, auf grauem, langsam schreitenden Pferde, und wie er seine Bahn über Berge und Walder und durch friedliche und kriegerische Begebnisse vollendet, weder Hohes noch Prächtiges erreichend, sondern Einfaches nur, Weib, Haus und den Ruf edler Mannestüchtigkeit, o vollendete auch Adalbert Stifter die Bahn seiner Dichtung. Unter einen Werken ist, wie mir scheint, dieses das am wenigsten gekannte und gepriesene; sei es uns darum heute bas, durch dessen liebevolle Betrachtung wir das Andenken des Dichters feiern, ihm zum Dank, uns zum Trost. Denn wie nicht allzuviele unter den Erzeugnissen unseres Dichters, ist die Gestalt Witikos — aber wir werden sehen. In den Literaturen der europäischen Völker, solveit ich sagen kann, daß ich sie kenne, ist mir nicht in einziges Werk bekannt, dessen Form mit der dieses Werkes gemein« ame Züge aufwiese. Hier ist alles anders; und ein solches Anderssein ist es, daß es wunderbar, ja recht als ein Wunder anmutet: es scheint den uns bekannten Gesetzen künstlerischer Hervorbringung nicht unterworfen, so wie bas Wunder des Heiligen den Naturgesetzen widerspricht. Dies ist eine Sache, die auch kennengelernt noch wie unbekannt bleibt; sich nicht iinreihen läßt ins Erfahrene; und die trotz ihres einfachen Charakters — nichts weiter als ein „historischer" Roman aus der Geschichte Böhmens — eines so bestimmten und gesonderten, vom Tumulte der Weltliteratur, •n dem uns Hören und Sehen zuzeiten vergeht, so abgelegene, unendlich vereinsamten Wesens ist, daß es sich kaum begreifen, nur immer wieder bestaunen läßt.
Glaube man auch nicht, Stifter, den bekannten Verfasser der „Studien", niet zu finden; dies ist ein anderer Stifter, vielleicht der Meister, dem die Stnbien waren, was er sie nannte: Studien, Bemühungen und Versuche J“r Erlernung der in diesem Werk vollkommen reinlich erhobenen Form. Man erwarte nicht, die beschreibende Kunst des „Hochwaldes", nicht jene oouber der Natur, der Fernsichten, des Mondlichtes, im geschliffenen Spiegel gefangen; man erwarte keine Ueberraschungen, Einzelentzückun- Nn, Traurigkeiten des Herzens, noch Unendlichkeiten der Seele; man «»arte keinen Schein mehr von Kunst. Die letzte Einfachheit erwarte die äußerste Schlichtheit, die erreichteste Kargheit des Worts, — fveiches aber so gültig und so voll, so eingewachsen, gerade und atmend ft. von einer so vollkommenen Reinigung wie die des Himmels nach . ® Gewitter, wo über der noch verhaltenen Natur noch kein Geruch ist der Luft als der von Reinlichkeit und Erfrischung.
Des wolkenlos reinen Himmels. Hölderlins „Heilige Nüchternheit, ?uc sei die erwartete. Die heilige Nüchternheit eines Sonntagmorgens, i "Kirn die im Gebete gereinigte Brust des Frommen gefaßt ist, aufzuneh
men die unendliche Wolkenlosigkeit der Frühe, über den Zaun sich bewegenden Kornfeldern das Schweigen der schon sich erwärmenden Lüft«, und aus der heiligen Leere des überall offenen Raumes die leise Stimme der Lerche, endlosen, immer gleichen, in die Ewigkeit sich hineinsingenden Jubeltons. O ja, höre man über dem gleichmäßigen 2Banbern der Druckzeilen und ihrer Berichte bas Reine tönen mit der Stimme der Felderlerche. — Oder fürchte man, sich zu langweilen? Ganz gewiß: Wer sich langweilen kann in diesen ernsten Gefilden, der wird es tun. Er findet hier keine Reizung; hier ist die Nüchternheit: der graue Krug von Stein, das Wasser vom Quell, ohne Ring die Hand, die es bietet, im Gruß kaum ein Lächeln, — und blickst du über den stumpfen Rand des Gesäßes, so wirst du im Dunkel auf der Flut nur das Blatt einer Hagerose schwimmen sehen, tiefer blickend den Widerschein des Himmels; langsam schiebt sich ein Weihes ins Dunkel des Grundes, die reine Gestalt der Wolle, — und so beginnt der einfache Zug der Gesichte ...
Zwei Eigenschaften machen das Wesen des Ganzen aus, so glücklich einfach wie ihre sich reimenden Namen: Reinheit und Einheit. Reinheit aller Sinne und der Gesinnung, Reinheit des Empfindens, Reinheit der Kontur und der Farbe, der Gestaltung; eine solche Reinheit, daß ihr Duft zu berauschen vermag, wie der Dust aus der Schattenkühle eines Schrankes voll Leinzeug, voll aufgesparter, ursprünglich naturhafter Frische, die uns anatmet, ein inbrünstig starkes Strom, rein, kräftig, ruhig, aber innerlich machtvoll wie der Obern eines orkabischen Flurgottes. Die reinen Dinge, die Pflanze, Flachs, der kunstlose Rocken, der uralte Webstuhl und das Wasser, und die Sonne des Himmels: die wirkten zusammen die edle Köstlichkeit des Gewebes. Wie in ihm Faden bei Faden, so kannst du dahier Wort neben Wort und Satz an Satz zählen, Reihe an Reihe, im Gleichmaß unwandelbar, in vollkommener Gelassenheit, Figur an Figur, so kunstlos, so aus sich selber heraus sich verflechtend, aneinander sich haltend wie die kunstlose aus einem Faden geschlungenen Maschen eines Strickzeuges, aneinander sich haltend so mühelos leicht, wie sich die Liebenden halten, mit einem Lächeln. Eine Flut rinnt so ununterbrochen und unaufhaltsam wie aus dem Mund der Erde in die unkünstliche geformte Schale: was vom Himmel fiel, in den Erdboden drang, was hundert Male gefiltert durch Untraut und Ungeziefer, durch Verwesendes und Totes, durch Gestein und Gase, gesammelt wieder heraufstieg und im silbernen Bande des Quells über die Schale fällt: oh, das vollkommen gereinigte, wie ist cs rein! — Nun vergiß deine Zeit, deine Umwelt, dich selbst; alle deine Begriffe und Gesetze wie deine Wünsche bleiben hier unbeachtet. Keine Steigerungen findest du hier, fein Gipfelungen; niemals nur die geringste Verschlingung, geschweige Verstrickung ober Verwirrung.
Denn es ist die vollkommene Einheit. Deine Verwicklungen und Verästelungen, deine Flutungen und Ballungen, der Nachtkrampf aller Gegensätze, Bewußtsein und Unterbewußtsein, Verschleierung, Unterdrückung, deine Verfinsterungen und Verworrenheiten, deine „Probleme", ja, dein Schmerz, deine Erschütterungen, deine Nöte, der ganze Dostojewski, ja der.ganze gordische Knoten, den du Seele nennst: von alledem weiß hier weder der Meister noch die Vernunft seiner Geschöpfe. Hier sind Denken, Empfinden, Reden, Handeln, allezeit eins. Was jemand dachte, erscheint, indem er es tut; was jemand empfand, indem er es sagt. Wer spricht, hat etwas zu erklären; wer handelt, spricht nicht. Und die Farben, feie uns gezeigt werden, sind die der Natur, ihr Grün und ihr Braun, ihr Gelb und ihr Blau. Wie sie nicht gebrochen oder gewandelt werden, so finden keine Erregungen statt. Ein Auge unerschütterlich gleichen, steten, ruhigen Blicks sieht dich doch jo klar an wie der Spiegel des Bergsees. Du wirst Seiten lesen und nichts tun, als einen Reiter auf seinem einsamen Wege durch Wälder und über Berge, über einen Strom, an einem Meiler, einem Dorf, einer Kapelle vorüberbegleiten, und auf diesem Wege wird kein Wort fallen, kein Gefühl sich regen, kein Gedanke sich bilden. Ein Trunk aus dem Bache, das ist eine Handlung, und mitunter wird der Reiter halten und einen Ausblick tun von der Höhe des Berges zu anderen Bergen, in Täler, und du wirft alles mit den genauen Namen genannt hören, die Moldau und die Jls, diese Höhe und jene. Du wirst erfahren, um welche Tageszeit gerastet wird, und wann wieder ausgebrochen, wie es Abend wird, wie die Nacht vergeht und mit dem Morgen ein neuer Tag des Reisens und der Wälder anbricht. Endlich wird das Ziel da fein, ein Haus auf einem Plan, und Schritt um Schritt, Gebärde um Gebärde, Handlung um Handlung wirst du erfahren, wie dem Kämmling aufgetan, wie er begrüßt wird, und wie er grüßt, wie er absitzk, und was er zuerst tut, rote er ins Haus geht, wie er die Kappe abnimmt, und wie er das erste Wort spricht.
Ein andermal wird Versammlung fein. In ihr wird es keine Charaktere geben, sondern nur Gestalten, einen Alten und einen Jugendlichen, einen Greis in weißen Haaren und einen besonders alten, einen blonden Jüngling und einen braunen, einen Mann mit einem Bart und einen in rauher Wolle, einen mit einer roten Feder an der Kappe, einen mit einer weißen, einen mit einer Geierfeder. So werden sie beschrieben. Du


