d Steindruckerei, A. Lange, Gießen-
Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Vrühl'fche Universitäts-Buch. un
Mit welcher Ruhe und Sachlichkeit Leutnant Greely das aussprach. Als hätte er nicht auch Weib und Kind zu Haus, die auf ihn warteten!
Nein, der „Proteus" kam nicht, mochte Brainard den Horizont noch so sehnsüchtig absuchen. ,
Wieder begann die große Wanderung und der Flug der Tiere nach Süden und die Zufahrt vereiste völlig. Greely muhte seine Mannschaft auf ein zweites Jahr auf den Eid verpflichten.
Es geschah nach militärischer Art in vorgeschnebener Form. Wer hätte den neuen Fahneneid wohl nicht geleistet! Aber die alten Bindungen, in der Heimat üblich, waren unmerklich gelockert. Es waren unerfreuliche Tage, die Verwirrung schufen. Debatten unter den Leuten, die sich um die Heimkehr tückisch betrogen sahen. Greely war nicht schuld, er hatte wie jeder zu leiden, doch gegen ihn als den Führer richtete sich Haß Feindschaft und Widerstand. Peitschende Furcht vor einem zweiten Winter in Eisland machte die Mannschaft aufsässig. Jetzt wäre Leutnant Kislingbury vielleicht der rechte Mann gewesen, die Führung zu übernehmen. Hatte er nicht recht behalten? Er wollte damals schon umkehren, ehe das große Leiden begann. Kislingbury aber war seig und zu schwach, Verantwortung zu tragen.
Jetzt unterstützte er Greely und forderte, daß jeder ihm gehorchte. Wenn es überhaupt noch Rettung gab, dann unter Greelys Kommando.
Nein von Kislingbury hatte der Kommandant nichts zu befurchten, die Gefahr einer offenen Revolte drohte von anderer Seite.
Da war Sergeant David Lynn, wegen seines heiteren Wesens bei allen beliebt, einer der gutmütigsten Burschen, stets hilfsbereit und gefällig. Er war der einzige, mit dem sich Dr. Pavy abgab, vielleicht weil er m ihm einen vortrefflichen Gegner im Schachspiel gefunden hatte. Lynn war in diesen Tagen der Wirrnis wie verwandelt unstet und cheu schlich er umher und hetzte zum Widerstand auf. Das jallte emer v«rstehn
Lieber will ich die Apotheke plündern und Gift schlucken als das Elend nochmals durchmachen", sagte Lynn. „Begreift ihr denn nicht, daß man uns schimpflich verraten hat, damit wir in der Einöde verrecken? Begreift ihr das nicht? He? Was jetzt kommt ist nur noch em langsames Verhungern. Kommt, helft mir! Wir holen uns Rum und besaufen uns. Man soll rascher erfrieren, wenn man betrunken ist.
I War das der ruhige, heitere David Lynn?
Greely ließ die Mannschaft antreten und beruhigte die Unzufriedenen indem er ihnen die Zwecklosigkeit jeglichen Ungehorsams klarmachte. Das Subordinationsqesühl war stärker als alle hetzerischen Reden Man murrte noch, aber inan fügte sich Der letzte schwelende Widerstand wurde erst gebrochen, als Greely den aufsässigen Sergeanten degradierte.
Greely wußte genau, daß hinter dem harmlosen, verwirrten Soldaten ein gefährlicherer Gegner stand, der die gleiche Strafe verdiente, den er
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I aanaenen Jahre so gut geschult, daß sie sich mit dem Schicksal rascher ! abfand als nach der drohenden Revolte anzunehmen war. Die Bestandaufnahme der Vorräte ergab durchaus nicht ungünstige Aussichten und die Jäger konnten das Depot wieder reichlich mit Frgchfleisch versorgen. Bei vernünftiger Einteilung und kluger Sparsamkeit war die Zukunft I auch im zweiten Winter nicht unmittelbar bedroht. Extrarationen Fleisch und Rum wurden jedoch nur noch an Fest- unb Geburtstagen aus-
Sergeant Edvard Israel, der die Expedition als Astronom begleitete . gestand später einem Kameraden ein, es war wohl William Croß m t dem er sich anfreundete, daß es ihm auch schwer geworden sei, Zuruckzu- bleiben Aber zum Teufel, zuerst kam doch die freiwillig übernommene I Pflicht. Er hatte sich seiner Feigheitsregung geschämt und in der , Baracke geblieben, bis Flucht unmöglich war. Croß bewahrte se,n Gestand- nis aut sonst hätten ihn die Kameraden wohl auch verachtet rme den zweiten Offizier Kislingbury, den Greely nur durch Befehl zum Bleiben bestimmen konnte. Kislingbury hatte zu meutern versuchtz Das wußten alle und verachteten ihn. Erft als einmal einen der ihn Hänselnden mit der Faust niedergeschlagen hatte, ließ ihn die Mannscyaft in 3M. 91ur Dr. Pavy, den alle fürchteten, spöttelte weiter, iahen Angriff belaueriid und lachte, wenn er Kislingbury zu ohnmächtiger Wut ß^elzt hatte. Was nützte es wenn Greely selbst ihn in Schutz nahm und Dr. Pavy warnte- Der Mannschaftsarzt war viel zu sehr von seiner Unentbehrlichkeit über»
USaf^Sislüigbury"j ch t‘mit"allen leiden mußte war ihnen eine Genug- tuunq. Alles ließ sich leichter ertragen, weil es ihn mitbetraf.
Mitte August hatten die letzten Vögel Grinnelland verlassen. Ansang I September begann die Polarnacht. Und nur der Mond hing manchmal I ^^Soldatm "bleiben Soldaten, ob sie in der Garnison exerzieren oder irgendwo in der Wildnis Dienst tun. Das Kommando regelt Arbeit und Pflichten, und Gehorsam gilt dort wie hier. 1
(gut so. Greely verstand sich darauf, Ordnung zu halten, vielleicht ein I
Jewell ^Ralston als metereologische Beobachter in Fort Conger verzeichneten das Verschwinden der Sonne in ihren Journalen am 14.. Oktober. Erst hunderisiebenunddreißig Tage später sollte sie Wieder uber Eisland aufgehn. Viel tüchtige Arbeit war i«doch in den Hellen Wochen geleistet, Schlittenexkursionen hatten nach allen Seiten hm das Land durchforscht. Sammlungen waren angelegt. Im September druchte Brainard ein Bund verspätet erblühter gelber Blumen heim. Er trocknete und I preßte sie vorsichtig in seiner Bibel und gab sie spater unter den Kameraden reihum, wenn Frost und Winterdunkel sie mutlos machte.
„Seht doch! Bald werden sie wieder blühn."
Und die Gefährten lächelten. . I
Fünfundzwanzig einander fremde Manner wurden durch gemeln- sames Erleben Freunde, keiner konnte gegen die Unbilden und Gefahren allein bestehn. Jeder brauchte den andern und der andere ihn. , Unerwartet gut und ohne Krankheiten wurde der Polarwinter über« standen. Vor den Schneestürmen verkroch man sich im sicheren Hause und ließ den Wind gegen die Türen poltern. Erfolgreiche Jagdzuge auf Enten und Mosckusochsen vergrößerten die Vorräte. Schlaf in den warmen Pelzsäcken half über viele schleichende Stunden hinweg. I
' Wölfe bedrohten heulend das Fort, bis die tollkühnsten unter Kugel- I fdxiucni enbctcn unb bie ctnbern getnntnt waren. I
Und als endlich der scheue Frühling aufstrahlte, schien das schlimmste überwunden zu fein. Streifzüge nach Norden, Landvermefsungen und Forschungen wurden wieder ausgenommen. . . I
3m Juli wurde der „Proteus" zurückerwartet, der die Ablösung und I neuen Proviant bringen sollte. Aber der Dampfer bsteb aus. Di« schmale, eisfreie Fahrtrinne nach der Lady Franklin Bay schloß sich wleder und junges Packeis verriegelte die Durchfahrt. Wo war der „Proteus ? Er kannte doch seinen Kurs. War ihm ein Unglück zugestoßen?
. Mit der Möglichkeit, daß er nicht kam, hatte keiner gerechnet, auch ber vorsichtige Greely nicht.
„Was meinst du, Kamerad?"
„Es ist erst Juli."
„Aber das Packeis!" , .... „
Da kennst du den .Proteus' schlecht. Das zermalmt der zu Splittern. ''Sicher. Man muß mir Geduld haben." .
Einer holte Zuversicht und Hoffnung beim andern. Bramard blieb 5®ei Nächte auf dem Hügel beim Fort und hatte sich Israels Fernrohr $ Wenn du auch mal nicht in die Sterne guckst, Kamerad."
Israel und der Eskimo Christiansen lösten ihn untertags ab.
Dr. Pavy saß allein in seinem Stubenabteil und schrieb, als ob ihn
die Sorge der andern nicht bekümmerte. 1L
Beim Essen fragte Leutnant Greely ihn nach seiner Ansicht.
Dr. Pavy lächelte. Immer schien er von den Gefährten wie durch eine unsichtbare Mauer getrennt. . t
„Vielleicht kommt er noch. Vielleicht ist er da draußen irgendwo gesunken." Wir müssen warten." , m .
Er sagte es wohl nur, um die andern mutlos zu machen. Nein er war kein guter Kamerad und verachtete sie alle. Seine schmalen, weißen Hände, die er sorgfältig pflegte, schwebten einige Augenblicke über dem offenen Feuer, violett beleuchtet. Dr. Pavy stopfte umständlich seine Pfeife unb schob lässig das Mundstück zwischen die Zähne.
Roderik Schneider, ber Koch, ber an der Arbeit war, mit einer mächtigen Schöpfkelle Suppe auszuteilen, hätte ihn am liebsten nieder-
Se0Ä Leutnant Greely mehr beunruhigte, als die Sorge um die gew aelte Verpflegung der Leute war der Geist in ber Kameradschaft. Täglich entstanden Zänkereien unb Streitigkeiten, wie sie unter unb um Nichtigkeiten ausgelöst werben, wenn man zu nahe unb zu sehr auseinander angewiesen ist. Unzufriedenheit, Mißgunst Neid, scheinbare Bevorzugung beim Verteilen der Mahlzeiten schufen feindselige Han^ lunaen unb freiwilliger Gehorsam war durch dienstliche Befehle nicht mehr zu erreichen. Die zermürbende Winterkälte und das Dunkel machten das Fort zum Gefängnis. Die unbeschäftigten Leute konnten viel zu oft entmutigenben Gedanken nachhängen! Flucht aus diefein Kerker um -eben Preis wurde schließlich zur fixen Idee.
Wieder Frühling unb Sommeranfang. Würde der „Proteus bi mnf iinh enblicb aut ßabn Franklin Bay unb nach Grmneücmb komme Unrast vermischte sich jetzt mit Hoffnungslosigkeit Länger^ untAi» bedeutete seelischen Zusammenbruch aller. Und Greely gab Loscht z Aufbruch nach Süden. Freiwillig wollte die Expedition sich den -M, 3 Rettung bahnen unb dem Dampfer entgegenmarschieren, ehe das Eis die aufgebrochene Fahrtrinne abermals schloß.
Der Plan ber rasch burchgeführt werden mußte, riß die Mannsch l aus Mutlosigkeit und Verzweiflung. Und rum ersten Male wieberht Leutnant Greely seine Leute in ber Gewalt. Sie. wie H ™
Leutnant Lockwood hatte im vergangenen Herbst auf einem Seinen streifzuge eine alte Barkasse an,gespurt, die, reichlich mit Kohlenvorra versehen, von einer früheren Polarcxpedition zuruckgelassen worden war. Der Dampfkessel war in Ordnung, einige Reparaturen am Rumpf n geringfügig. Da die Mannschaft selbst über drei tleme JBoote rarfugh die ins Schlepptau genommen werden konnten, war es„sogar■mg außer dem notwendigen Proviant die Sammlungen und mifst s l f 1 i Journale mitzunehmen. Mit Nahrungsmitteln für Zwei Monate m sthen wurde das gebrechliche Fahrzeug flottgemacht unb d,e McmnM vom Fort Conger trat die Reise nach Süden an.
Die getreuen Hunde konnte man leider nicht mitnehmen. Greely « ihnen Proviant zurück, baß sie für lange Zeit kernen Hunger zu i hatten. Später mußten sie für sich selber sorgen wie Raubtiere Trotz ! war wenn ber „Proteus" nicht bis Grinnelland vorbrang, ihr besiegelt. Bären, Wölfe unb Füchse waren stärker als sie.
Warum ließ Greely bie Tiere nicht erschießen? Munition hatte n doch genug. Es geschah wohl aus Mitkeib, weil er auch sie noch zu können hoffte. „ ,
6 (Fortsetzung folgt.) ,
Greely begriff bie Gefahr, bie hinter Dr. Pavys Worten lauerte und so mußte er auf Grund seiner Geheiminstruktionen verraten, daß bie Regierung in Washington auch mit ber Möglichkeit gerechnet habe, baß der Dampfer das Fort Conger aus irgendeinem Grunde nicht erreichte. Für diesen Ausnahmefall war vorgesehen, daß ber „Proteus am nördlichsten Punkte der Ostküste von Grinnelland Lebensmittel ausfrachtete und ein zweites kleineres Depot auf Littleton Eiland errichten sollte. Mit dieser Hilfe konnte die Mannschaft von Fort Conger bestimmt rechnen unb selbst, wenn man einen zweiten Winter in Eisland verbringen müßte, bestände kein Grund, die Hosfnung zu verlieren.
Einen zweiten Winter!


