Das einzige, was er konnte, war, sich auf den Rücken zu legen, die Augen zu chlietzen und leise zu winseln. Aber das war wenig und vermochte weder seine Freude, noch seine Dankbarkeit und Liebe auszudrücken — und deshalb ahmte er das nach, was er irgendwann einmal bei anderen Hunden gesehen hatte: er überschlug sich plump, sprang ungeschickt und drehte sich um sich selbst. Und sein Körper, der sonst so biegsam rind geschmeidig war, sah in solchen Augenblicken unbeholfen und lacher-
Kinder! Seht doch — Kussakchen spielt!" rief Belia und bat, vor Lachen fast erstickend: „Noch mehr, Kussakchen, noch mehr! So ist s schön! Siehst du, so ist's schön..." . . - „ ,
Alle stürzten in den Garten und begannen zu lachen, wahrend Kussak sich drehte, fiel, sich überschlug, ohne daß jemand das seltsame Flehen m seinen Augen bemerkt hätte. Und wie man früher den Hund gehetzt hatte, um seine verzweifelte Furcht zu sehen, so liebkoste man ihn jetzt, um in ihm das Gefühl dankbarer Gegenliebe zu erwecken, das in seiner unbeholfenen, plumpen Ausdrucksweise so unendlich komisch wirkte. Fast keine Stunde verging, ohne daß eins der Kinder rief:
„Kussakchen, liebes Kussakchen, spiele doch!"
Und Kussakchen drehte sich, fiel und überschlug sich unter dem unauslöschlichen, schallenden Gelächter seiner Zuschauer. Man lobte ihn und bedauerte nur, daß er in Gegenwart Fremder seine Kunststucke nicht zeigen wollte, sondern in den Garten lief oder sich unter der Veranda versteckte.
IV.
Mit trüben Tagen und häufigen Regenschauern brach der Herbst an. Schnell begannen die Villen zu veröden, gerade als wenn der unaufhörliche Regen und der Wind sie wie Lichter eine nach der anderen zum Verlöschen gebracht hätten.
„Was fangen wir aber mit Kufsak an?" fragte Belm nachdenklich.
Sie saß, die Knie mit beiden Händen umfassend, da und blickte traurig durch das Fenster, auf dem große Regentropfen ineinanderflossen.
„Was ist das für eine Haltung, Belia — wer sitzt so?" tadelte die Mutter und fügte hinzu: „Kussak? Ja, der muß hier bleiben. Es geht nicht anders."
„Schade!" sagte Belia.
„Da ist nichts zu machen. Wir haben keinen Hof, und in den Stuben kann man ihn nicht halten, das siehst du doch selbst ein?"
.Schade!" wiederholte Belia, dem Weinen nahe. Schon hoben sich ihre dunklen Brauen, und kläglich rümpfte sich ihr hübsches Näschen, als die Mutter sagte: „ . . ..,
„Krasnuchins haben mir schon lange einen kleinen Hund für dich versprochen... von sehr guter Raffe, sagen sie, der auch Kunststücke machen kann, hörst du? Und was ist der hier — ein Hofhund."
„Schade," wiederholte Belia, aber sie weinte nicht mehr. Wieder kamen unbekannte Leute, wieder knarrten die beladenen Wagen, ächzten die Dielen unter den schweren Tritten fremder Männer, aber gesprochen wurde diesmal nur wenig, und Lachen war erst recht nicht zu hören. Durch die fremden Leute erschreckt und Böses ahnend, lief Kussak bis ans Ende des Gartens und beobachtete durch das lichter werdende Strauchwerk unablässig den sichtbaren Winkel der Veranda und die darauf hin- und hergehenden Gestalten in roten Hemden.
„Bist du hier, mein armes Kussakchen?" fragte Belia, in den Garten tretend. Sie war bereits zur Reise angezogen — in dem braunen Kleid, aus welchem Kussak damals ein Stück herausgerissen hatte.
„Komm mit!"
Sie gingen auf die Chaussee. Der Regen fing an und hörte wieder auf und der ganze, unermeßliche Raum zwischen der schwarzgewordenen Erde und dem Himmel schien erfüllt von wirbelnd in die Höhe treibenden, hastig segelnden Wolken. Ein matter Sonnenstrahl durchbrach die dichten Wolken; breiter und trauriger wurde die neblige, herbstliche Ferne.
„Traurig, Kussakchen!" sagte Belia leise und ging, ohne sich umzusehen, zum Hause zurück.
Erst auf dem Bahnhof erinnerte sie sich, daß sie von Kussak nicht Abschied genommen hatte.
Lange schupperte Kussak den Spuren der abgereiften Sommergäste nach. Er lief bis zur Station und kehrte durchnäßt und schmutzig nach dem Landhaus zurück. Das Landhaus war öde und verlassen. Zum erstenmal wagte er die Veranda zu betreten. Dort setzte er sich auf die Hinterpfoten und blickte leise winselnd durch die Glastür. Aber die Zimmer waren leer, und niemand antwortete Kussak.
Die Nacht brach an.
Als es ihm zur Gewißheit wurde, daß die Sommergäste abgereist waren, begann der Hund kläglich zu heulen. Wie ein Verzweiflungsschrei unterbrach dieses Geheul das monotone, mürrische Geräusch des Regens, durchschnitt die Finsternis und erstarb auf dem dunklen, kahlen Felde.
Der Hund heulte.
Gpielbräuche in Tirol.
Von Hilde R e i m e s ch - D o m i n i k.
Seit dem 6. Jahrhundert tönt das deutsche Wort am Inn, Eisack und Etsch. In diesen Tälern, die sich hineinschieben in die starre Alpenwelt, und an ihren Berghängen baute der Bewohner des „Landes im Gebirge", wie Tirol zur Zeit Walthers von der Vogelweide noch hieß, feine Einzelhöfe. Wohl führte er ein einsames, auf eigene Kraft und Geschicklichkeit gestelltes Leben, war aber dennoch nicht von der Welt abgeschnitten, zog doch über die Brennerftraße nordwärts und südwärts Kulturgut aus aller Welt. Der Tiroler hatte seinen guten Teil daran. Weit mehr berühmt ist Tirol als manch anderes deutsches Land, hauptsächlich wohl wegen der herrlichen Schönheit seiner erhabenen Natur, sodann wegen seiner ruhmreichen Geschichte, und nicht zuletzt ist es dieser deutsche Volksstamm selbst, an dem wir den unbändigen, durch kein Unglück zu erstickenden Freiheitsdrang, seine aufrechte Gesinnung und feine treuherzige Art bewundern und lieben.
Eine Eigenschaft nun, durch die sich der Tiroler sehr wesentlich von anderen deutschen Stämmen unterscheidet, ist die leidenschaftliche Betätigung und Hingabe im Spiel, Gesang, Tanz, Schaugepränge und Theater. Eine interessante und bezeichnende Tatsache ist es, daß Tirol die erste ständige deutsche Bühne besah, und zwar wurde sie in Innsbruck im Jahre 1653 bis 1655 an Stelle des heutigen Stadttheaters gebaut. Staunens- wer tist die Fähigkeit des Tiroler Menschen, sich völlig aus den Konventionen des allgemein Ueblichen, des täglichen Lebens zu lösen, alle eigenen, inneren Hemmungen, die den schwerfälligen, oft verschlossenen Bergbewohnern ja in hohem Matze innewohnen, abzuwerfen, und den natürlichen Menschen in schaffensstarker Spielfreude herauszukehren und auszuleben. Denn ihm kommt es nicht auf Unterhaltung an, die im Schauen schlechthin besteht, sondern seine große Phantasie, seine leidenschastliche Teilnahme ermöglichen' ihm, schöpferisch mitzutun im Spiel; er will im Innersten sich verwandeln und sein, was er eigentlich nur zu scheinen hat. So sieht die gotische Zeit schon einen unglaublichen Reichtum an Volksspielen, die sich eng mit einem Naturkult verbanden. Die furchtbaren Berge schienen Umen von mächtigen Geistern beherrscht, die zu beschwören ihnen nur gelingen konnte, wenn eine Maske ihnen Macht verlieh. Die Fruchtbarkeit ihrer Täler, den Segen ihrer Wälder symbolisierten sie in freundlichen Gestalten. Plastisch wird der Winter ausgetrieben, Ernte, Hochzeit, Fastnacht, Gerichtstag, der Tod, alle besonderen Ereignisse ihres Lebens gestalteten sie im Spiel. Innig wußte die Kirche damit den Religionskult zu verbinden, der in den Passionsspielen und Büßerzügen eine erschütternde, zu tiefster Andacht und innigstem Miterleben zwingende Form annahm.
Alle Stände ergriff die Spielleidenschaft; Erzherzog Fe r di n a n d II., der Gemahl der Philippine Welser, schrieb selbst das erste deutsche Prosadrama. Aus alten Handschriften, Urkunden, Chroniken, aus Stichen und Gemälden erfahren wir genug über Bürger- und Handwerker-, Ritter- und Bauernspiele, deren einige sich mit der Zeit zu unvorstellbarer Prachtentfaltung steigerten wie das des großen Umgangs der Handelsstadt Bozen, im Anfang des 18. Jahrhunderts, zu dem sich 40 000 Zuschauer eingefunden hatten. Ganz selbstverständlich zeigten sich auch hier und da Auswüchse, Derbheiten und Profanierungen, die leider dazu führten, daß Maria Theresia und erst recht Joses II. alle Pas- sionsspiele, Umzüge, Komödienspiele usw. verboten. Alles Wehren der 250 damals in Tirol bestehenden Spielorte half ihnen nichts. Eine falsch verstandene Aufklärung vernichtete unersetzliches Volksgut, den Krippen, Figuren, Masken, Texte, alles mußte verbrannt werden. Gewissermaßen einer Vergeßlichkeit haben wir es zu verdanken, wenn Weihnachtsspiele, hie und da auch Faschingsmaskeraden und Raufstücke übersehen wurden und verschont blieben und dann heimlich in den Ueberlieferungen des Landvolkes weiterlebten; meinte das Volk doch, daß die heilig-alten Spielbräuche vor Mißernten, Feuersbrünsten und Ueberschwemmungen schützten. Es wollte sich mit ihrer Ausrottung nicht versündigen. Aus solchen alten Quellen stammen wohl die noch heute lebendigen Charaktertypen des „Schemenlaufens" in Imst und des „Schleicherloofens" von Telfs, beide in der Nähe von Innsbruck. Dr.Karl Schadeibauer, Innsbruck, hat durch sehr interessante Nachforschungen den Ursprung dieser Typen auf altenglische, später spanische Spiele zurückgeführt. Im übrigen verweise ich auf die hochinteressante umfassende Arbeit des Dr. A. D ö r r e r, Staatsbibiliothekars in Innsbruck, in der Zeitschrift „Tirol", die ich meinen Ausführungen zu Grunde gelegt habe.
Ein Zufall wollte es, daß ich gerade in dem Hotel Maria Theresia auf der Maria Theresienstratze, dem Brennpunkt des städtischen Lebens von Innsbruck, von dem „Nationalfeiertag" der Telffer und Imster erfuhr. Flugs fetzte ich mich auf die Bahn und fuhr im schönen, breiten Jnntal, dessen Auen und Felderstrukturen unter der leichten Schneedecke noch spürbar waren, an der Martinswand und am romantischen, von Burgen und Kapellen gekrönten Z i r I vorbei, grüßte die Hohe Munde, schneebedeckt und in flimmerndes Licht getaucht, und war schon in T «k f s, einem kleinen, gemütlichen, malerischen Städtchen, das von Menschen nur so wimmelte. Heute stand Telss im Mittelpunkt von ganz Nordtiroi. Ich drängte mich immer weiter bergauf in die Straßen; je weiter ich kam, desto enger wurde es durch die Menschen, die die Straßenränder säumten; aus jedem Mäuerchen, Treppenabsatz oder flachen Dach standen sie seit Stunden und harrten der kommenden Dinge. Endlich tarnen die ersten Ungeheuer, vor denen ich mich regelrecht erschreckte, waren doch Körper, Kops und auch noch Teile des braunen Jndianergesichts von Bartflechte zottig überwuchert. Sie schwangen holzversteifte Schläuche, um dem Zug der Schleicher freie Bahn zu schassen. Jeder, der noch kein Abzeichen hatte, wurde von ihnen zum Zahltisch geschleppt. Da — ein Herold hoch zu Roß reitet langsam durch die Menge, glänzend vornehm fein altertümliches Gewand; lachend und stolz dreht er sich im Sattel, nimmt dem berittenen Stadtknecht die Rolle aus der Hand und macht den Zuschauern das Programm des Tages in luftigen Reimen bekannt. An anderen Leitern dränge ich vorbei und sehe endlich die „Schleicher", sehe und höre sie. Ihnen voran springt ein bunter, narrenhafter ßatementräger. Ein länglich-ovales Rund bilden die Schleicher in kostbarer Tracht aus Samt, Seide und Spitzen. Das Merkwürdigste sind kleine Kiffen, die sie auf dem Hinterteil angebup den haben, darauf ein bis zwei riefengroße Kuhglocken. Der ganze Krem bewegt sich streng hüpfendem Dreischritt vorwärts. Bei jedem Ruck dröhnen die Kuhschellen. Umstehende Nachbarn belehren mich darüber, daß die Schleicher talauf, talab gewandert seien, um die gut zusammenklingenden Schellen herauszufinden. Wunderbar und staunenerregend find die Kopfbedeckungen. Während das Gesicht hinter einer lieblich bemalten Maske unsichtbar ist. tragen sie auf dem Kopf eine wulstartige Auflage, um darauf ganze Kunstbauten balancieren zu können. Einer trägt ein Gebirge mit Steinbock, ein anderer hat einen ganzen Garten auf dem Kopf, m dem die Vögel fingen, auf einem dritten Kopf ist eine Schmiede in .Tätigkeit, der nächste wählte einen Wiesenhang mit Mühle, Esel, Bäuerin um) Mehlsäcken. Was schwankt da alles an den Zuschauern vorbei! Bauernhäuser, Burgen, Riesentiere, unmöglich alles aufzuzählen. In der Mine des Kreises Hüpfen der „Senner" und die „Sennerin", die „Tuxncrin und der „Tuxner", von dem ich höre, daß er schon 80 Jahre alt m-«?' es sind zum größten Teil ernste Männer, denen es eine ehrende PM


