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Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger
Jahrgang J950 Montag, den 24.März Nummer 24
Waldlied.
Von Gottfried Keller.
Arm in Arm und Kron an Krone steht der Eichenwald verschlungen, Heut hat er bei guter Laune mir sein altes Lied gesungen.
Fern am Rande sing ein junges Bäumchen an, sich sacht zu wiegen. Und dann ging es immer weiter an ein Sausen, an ein Biegen; Kam es her in mächt'gem Zuge, schwoll es an zu breiten Wogen, Hoch sich durch die Wipfel wälzend kam die Sturmesflut gezogen. Und nun sang und pfiff es graulich in den Kronen, in den Lüften, Und dazwischen knarrt und dröhnt es unten in den Wurzelgrüften. Manchmal schwang die höchste Eiche gellend ihren Schaft alleine, Donnernder erscholl nur immer drauf der Chor vom ganzen Haine! Einer wilden Meeresbrandung hat das schöne Spiel geglichen;
Alles Laub war weißlich schimmernd nach Nordosten hingestrichen. Also streicht die alte Geige Pan der Alte laut und leise. Unterrichtend seine Wälder in der alten Weltenweise.
In den sieben Tönen schwelst er unerschöpflich auf und nieder, In den sieben alten Tönen, die umfassen alle Lieder.
Und es lauschen still die jungen Dichter und die jungen Finken, Kauernd In den dunklen Büschen sie die Melodien trinken.
Kussak.
Von Leonid Andrejew.
I.
Er gehörte niemandem, hatte keinen Namen, und niemand hätte zu sagen vermocht, wo er sich während der langen kalten Winter aufhielt, wovon er lebte. Aus ihren warmen Hütten verjagten ihn die Hofhunde, die, ebenso wie er, hungrig, aber gleichzeitig stolz und stark waren in dem Bewußtsein ihrer Zugehörigkeit zu einem Hauswesen. So oft er sich, vom Hunger oder dem instinktiven Verlangen nach Gesellschaft getrieben, aus der Straße zeigt«, warfen die Kinder mit Steinen und Stöcken, und die Erwachsenen hetzten ihn und pfiffen laut und gellend. Wenn er so, halbtot vor Furcht und Schrecken gejagt wurde, flüchtete er gewöhnlich nach einem kleinen Landhaus, wo er sich an einer ganz bestimmten Stell« des ausgedehnten Gartens versteckte. Hier leckte er seine Schrammen und Wunden, hier in der Abgeschiedenheit speicherte er Haß und Groll gegen alle lebenden Wesen auf.'
In einem Winter hatte er sich unter der Veranda der Villa eingerichtet, di« er ganz uneigennützig bewacht«: er lief des Nachts auf den Weg hinaus und bellte, bis er heiser wurde. Auch wenn er sich schon auf seinen Platz niedergelegt hatte, knurrte er noch immer zornig, aber durch den Zorn blickte doch so etwas wie Zufriedenheit mit sich selbst, sogar Stolz.
Lange, lange zog sich der Winter hin, und die schwarzen Fenster des leeren Hauses blickten finster auf den eisbedeckten, unbeweglichen Garten. Manchmal hatte es den Anschein, als lodert« ein blaues Flämmchen in ihnen auf: dann spiegelte sich ein fallender Stern in den Scheiben, oder der Mond sandte sein« schüchternen Strahlen.
II.
Der Frühling brach an. Eines Tages war das stille Landhaus erfüllt von lautem Gespräch und Gelächter und den wuchtigen Schritten lastentragender Männer. Aus der Stadt waren Sommergäste angekommen, ein ganzer Hause Erwachsener, Halberwachsener und Kinder, die von Luft, Wärme und Licht ganz trunken zu sein schienen: einer schrie, einer lachte, einer sang mit hoher weiblicher Stimm«.
Der erst« Mensch, mit dem der Hund bekannt wurde, war ein niedliches Mädchen in brauner Schuluniform, das in den Garten gelaufen kam. Es sah zum klaren Hinunel empor, betrachtete di« rötlichen Aest« der Kirschbäume und warf sich schnell ins Gras, das Gesicht der warmen Eonn« zugewendet. Dann sprang es ebenso plötzlich wieder auf und IMchzt«: „Ist t>as „ml schön!"
Spruchs und begann sich schnell im Kreise zu drehen. In diesem Augenblick packte der Hund, der lautlos herangeschlichen war, wütend mit den Zähnen den sich blähenden Saum ihres Kleides, zerriß ihn und ver- kroch sich ebenso lautlos in den dichten Zweigen der Johannisbeer- Itraucher.
„Ach, ein böser Hund!" schrie das Mädchen, davonlaufend, und noch junge hörte man seine aufgeregte Stimme: „Mama! Kinder! Geht nicht ,n den Garten! Da ist ein Hund! Ein großer, ein sehr böser!"
. Luchts schlich sich der Hund an das wieder still gewordene Haus und ,stch geräuschlos auf seinen Platz unter der Veranda. Es roch nach wuschen, und aus den geöffneten Fenstern drang das Geräusch sanften,
friedlichen Atmens. Jetzt schliefen die Menschen, jetzt waren sie hilflos, nicht mehr schrecklich, und der Hund bewachte sie eifersüchtig: er schlief fast gar nicht und erhob bei dem geringsten Geräusch den Kopf mit zwei wie unbewegliche phosphorische Flämmchen leuchtenden Augen.
Die zugereisten Sommergäste waren gute Leute, und die Entfernung von der Stadt, die gesund« Luft, die sie atmeten, und die ganze junge, frische, grün« Natur ringsum machten sie noch besser und erfüllten sie mit Güte und Wohlwollen gegen alles Lebendige. Zuerst freilich wollten sie den Hund, der sie so erschreckt hatte, fortjagen, ja sogar erschießen, bald aber gewöhnten sie sich an fein Bellen In der Nacht und fragten bisweilen des Morgens:
„Aber wo ist denn unser Kussak?"
Dieser neue Name blieb dem Hund. Manchmal bemerkten st« auch am Tage im dichten Gesträuch einen dunklen Körper, der bei der geringsten Bewegung der Hand, die ihm Brot zuwarf, spurlos verschwand — gerade als wenn es nicht Brot, sondern ein Stein gewesen wäre; und bald gewöhnten sich alle an Kussak, nannten ihn „ihren" Hund und lachten über seine Menschenscheu und grundlose Furcht. Mit jedem Tage verkleinerte Kussak di« Entfernung,' die ihn von den Menschen trennte; er studierte aufmerksam ihre Gesichter und prägte sich ihr« Gewohnheiten ein: eine halbe Stunde vor dem Mittagessen stand er schon im Gebüsch und blinzelte vergnügt in Erwartung des Mahles, das ihm di« Köchin bringen würde. Und di« Gymnasiastin Belta führte ihn schließlich in den lustigen Kreis der Erholung und Erheiterung suchenden Menschen.
„Kussakchen, komm her zu mir!" lockte sie ihn. „Na, lieber, ... na, guter ... komm! Willst Zucker? Soll ich dir Zucker geben? Willst? ... Na, komm doch her!"
Aber Kussak kam nicht: er hatte Angst. Vorsichtig, in die Hände klatschend und so freundlich sprechend, wie es einem Mädchen mit hübschem Gesicht und hübscher Stimme nur möglich ist, näherte sich Belta dem Hunde, obgleich sie heftige Ängst empfand: wenn er nun plötzlich beißt?
„Ich habe dich lieb, Kussakchen, ich habe dich sehr lieb. Du hast ein hübsches Näschen und so ausdrucksvolle Aeuglein. Traust mir nicht, Kussakchen?"
Belias Augenbrauen hoben sich, und sie hatte in diesem Moment selbst ein so hübsches Näschen und so ausdrucksvoll« Stu gen, daß die Sonne nichts Besseres tun konnte, als ihr ganzes junges, naiv-reizendes Gesichtchen zu küssen.
Und Kussakchen legt« sich auf den Rücken und schloß di« Augen, ohne genau zu wissen: wird man ihn stoßen ober liebkosen? Aber man liebkoste ihn. Eine kleine, warme Hand berührte zaghaft seinen zottigen Kopf, bann lief sie, wie von einer unsichtbaren Gewalt getrieben, kühn über den ganzen wolligen Körper, zupfenb, streichelnb, kitzelnb.
„Mama! Kinber! Schnell! Seht mal: Kussakchen läßt sich streicheln!" rief Belia.
Als bie Kinber lärmend, laut lachend, hastig herankamen, erstarrte Kussak vor Furcht und banger Erwartung. Er wußte: wenn ihm jetzt jemand «inen Stoß gibt, wirb er nicht mehr bie Kraft haben, sich mit seinen spitzen Zähnen auf biesen Menschen zu werfen — sein unversöhnlicher Groll war gelähmt. Unb als alle um die Wette ihn zu ftrei» cheln begannen, zitierte er noch lange bei jeder Berührung der kleinen Hände, und di« ungewohnten Liebkosungen toten ihm weh, gerade wie Schläge.
III.
Die Hundeseele blühte in Kussak auf. Er hatte einen Namen, auf den er kopfüber aus der grünen Tiefe des Gartens angestürzt kam, er gehörte Leuten, konnte ihnen dienen — ist bas nicht mehr als genug zum Glück eines Hundes?
Von Natur aus mäßig und durch die langen Jahre des Vagabundierens zu noch größerer Enthaltsamkeit erzogen, fraß er sehr wenig, aber auch dieses Wenige genügte, ihn bis zur Unkenntlichkeit zu verändern: die lange Wolle, die früher in zottigen, fuchsigen Büfcheln von seinem Körper heruntergehangen hatte und auf dem Bauch ewig mit angetrocknetem Schmutz bedeckt gewesen war, wurde rein, schwarz und glänzend wie Atlas. Und wenn er jetzt aus Langeweile an die Straßenpforte lief, auf der Schwelle stehenblieb und wichtig den Weg hinunter- unb hinaufblickte, fiel es niemand mehr ein, ihn zu necken oder gar mit Steinen nach ihm zu werfen.
Aber so stolz und unabhängig fühlte er sich nur, wenn er allein war. Die Furcht war durch die Liebkosungen noch nicht ganz aus seinem Herzen getilgt: auch jetzt noch wurde ihm jedesmal bange, wenn er Menschen erblickte, die sich ihm näherten, und er erwartete Schläge. Auch jetzt noch erschien ihm jede Liebkosung unbegreiflich, wie ein Wunder, das er nicht verstehen, für das er nicht danken konnte. Er vermocht« nicht zu schmeicheln. Ander« Hunde können auf den Hinterpfoten stehen, sogar lächeln und auf diese Weise ihr Gesühl ausdrücken — Kussak konnte nichts von alledem.


