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Verantwortlich: Dr. Hans Lhyriot. — Druck und Verlag: Brühl'sche Univerlitäts^Vuch- und Steindruckerei. A. Lange, Gieße».
Äuge:
„Armes kleines Bübrhen, armes kleines Bübchen.
Liebard betrachtete sie feuhenb. ?rrau Aubain Alterte ein wenig.
Sie schlug ihr vor, nach Trouville zu gehen und ihre Schwester
besuchen.
Felicitas antwortete durch eine Gebärde, baß das nicht nötig sei.
Eine Sülle trat ein. Der wackere Liebard hielt es für angemessen, sich zu entfernen.
Da sagt« sie:
„Denen macht es nichts."
Ihr Kovf fiel herab, und mechanisch nahm sie von JMt zu Zelt die lanoen Nndsln. die auf dem Arbeitstisch lasen, in ihre Hand
Im Hofe gingen Frauen mit einer Tragbahre vorbei, auf der Linnen triefte.
Als Felicitas sie durch d-e Scheiben gewahrte, erinnerte sie sich ihrer Wäsche: da sie sie g-^ern eingeweicht hatte, mußte sie sie heute spülen, und sie v°rließ das Zimmer.
Ihr Brett und ihr Waschfaß standen am Ufer der To"cques. Sie warf einen Hoffen Hemden auf die Steine, kremp-lte ihre A->rm->l auf, nahm ihren Bleuel, und die hörten Schlüge die sie ausführte, konnte man bis in die umlicaenden Gärten hören. Die Wiesen waren leer, der Wind bew°ate den Fluß, auf dem Grunde binnen nroße Gräserbüsch« in ihm, wie Haare treibender Leichen Sie hielt mit ihrem Schmerze an sich und war bis zum Abend sehr tapfer, in ihrer Kammer aber gab sie sich
ihm hin, flach auf der Matratze liegend, das Gesicht im Kiffen und beide Fäuste an den Schläfen.
Sehr viel später erfuhr sie durch Viktors Kapitän selber die näheren Umstände seines Todes. Man hatte ihn im Krankenhause des gelben Fiebers wegen zu stark zur Ader gelassen. Vier Aerzte hatten ihn auf einmal gehalten. Er war sofort gestorben, und der Vorsteher hatte gesagt:
„Gut, noch einer!"
Seine Eltern hatten ihn immer grausam behandelt. Sie wollte sie lieber nicht sehen, und jene machten ihr keinen Schritt entgegen, sei es aus Vergeßlichkeit oder aus Verhärtung Unglücklicher.
Virginie wurde zusehends schwächer.
Bklemmungen, Husten, anhaltendes Fieber und Flecken auf den Wangen verrieten eine tiefere Erkrankung. Herr Poupart riet einen Aufenthalt in der Vrovence an. Frau Aubain entschloß sich dazu und würde ohne das Klima von Pont-l'Eveque ihre Tochter augenblicklich nach Hause genommen haben.
Sie traf ein Abkommen mit einem Wagenvermieter, der sie an jedem Dienstag nach dem Kloster fuhr. Im Garten war eine Terrasse, von der aus man die Seine sah. Dort ging Virginie auf gefallenen Weinblättern an ihrem Arm spazieren. Manchmal, wenn sie im Fernen auf die Segel blickte und auf den ganzen Himmelsrand vom Schlosse von Tancaroille bis zu den Leuchttürmen Le Havres, zwang die durch die Wolken brechende Sonne sie, ihre Lider zu schließen. Später ruhte man sich in einer Laube aus. Ihre Mutter hatte sich ein Fäßchen ausgezeichneten Malagaweines verschafft, und fröhlich bei dem Gedanken, berauscht zu werden, trank sie zwei Finger hoch davon, nicht mehr.
Ihre Kräfte kamen wieder. Der Herbst verging milde. Felicitas flößte Frau Aubain Mut ein. Eines Abends jedoch, als sie in der Umgegend eine Besorgung gemacht hatte, begegnete sie vor der Tür dem Wagen des Herrn Poupart, er selber stand im Flur. Frau Aubain band ihren Hut.
„Bring mir meinen Fußwärmer, meine Börse, meine Handschuhe; schnell doch."
Virginie hatte eine Lungenentzündung, vielleicht war cs hoffnungslos.
„Noch nicht", sagte der Arzt, und alle beide stiegen unter wirbelnden Schneeflocken in den Wagen. Die Nacht brach an. Es roar sehr kalt.
Felicitas stürzte in die Kirche, um eine Kerze anzuzünden. Dann lief sie dem Wagen nach, den sie «ine Stunde später erreichte, sprang leicht hinten herauf und hielt sich an den Federn fest, als ihr ein Gedanke kam: „Der Hof war nicht verschlossen! Wenn Diebe eindrängen?" Und sie sprang wieder herunter.
Am anderen Morgen, bei Tagesanbruch, begab sie sich zum Arzt. Er war inzwischen zu Hause gewesen und schon wieder aufs Land gefahren. Dann blieb sie, im Glauben, Fremde würden einen Brief bringen, im Gasthaus« Endlich, geaen Abend, nahm sie die Postkutsche von Lisieur.
Das Kloster befand sich am Ende einer abschüssigen Gaffe. In der Mitt« vernahm sie seltsame Klänge, Totenaeläut«. „Es ist für ander«', dacht« Feli-itas und selche vnaeftüm den Klopfer in Bewep'ing.
Nach Ablauf mehrerer Minuten schlürften ausgetretene Schuhe heran, die Tür öffnete sich halb, und eine Nonne erschien.
Die gute Schwester sagte mit betrübter Miene, daß „sie soeben verschieden sei". Zur gleichen Zeit verdoppelte sich das Geläute von Sankt Leonard.
Felicitas gelangte In den zweiten Stock hinauf.
Non d»r Schwalle des Zimmers aus sah sie Virginie mit gefalteten Häich-m. offenem Munde und zurückgefallenem Konf unter einem schwarzen Kreuz, das sich über sie nemte und zwischen starren Vorhängen, die weniger Gaß waren als sie. auf dem 3V'(f<m liegen.
Frau A-'bain stieß am Fußende des Lagers, das sie mit ihren Armen umklammert hMt, em röchelnd»« Schluchzen aus. Die Oberin stand nir Rechten. Drei Leuchter auf der Kommode malten rote blecken, und Nebel brännt« sich weist aeasn d-e lenster. Nonnen führten Frau Aubain fort
Zwei Nächte lang wich Felicitas ni*t von der Verdorbenen. Sie He> derholte immer dieselben G bete. h»fnr»not» di« Bettücher nut Weihwasser, seht« sich nieder und betrachtete sie. Am E"de der ersten Nachtwache gewahrte sie. dast das Antlitz gelb und die Linnen blau oeroorben waren, dost Ge N»le sich zusvitze und die Annen einsanken. S-'c küßte sie zu mehreren Malen auf bin Liber und würde Mn übermäßige--- Erstaunen verspürt haben, wenn Virninie sie wieder «»öffnet hätte: für solche Secl-n ist bas vebernafüA'che ganz einfach. Si» M'befe sie an. hüllt« fie in >hr Totenhemd, trug sie in ihren Sarg, setzte ihr ein« WnmenFrone auf und löste ihr b:« Haare. Sie waren bbrnb und für ihr Alter von mff'crordeR- licher L.änne. Felicitas schnitt si-ß eine oror,a Locke ah. tat die Hoffte davon auf ihren Busen und beschloß sich niemals ro’eber davon zu trennen.
Der Körner wurde nemäß Nm Absichten der ff rau Aubain. die der Leiche in n->lchlostenem Wogen solnt«. nach Bont-l'Eveque gurücfwbrmftt Nach der Meße brauchte man noch bveiviertff Stunden, um den K'rchhes zu erreichen. Paul ging an der Spiste und schluchzte Herr Bourais ging dahinter, darmff die angesehensten Einwohner die Frauen in schmaricn Schleiern, und Felicitas. Sie dachte an ihren Neffen, und da fie ihm letzte Ehre nicht hatte erweffen können, empfand sie einen Zuwachs on Traurigkeit, so als ob man ’hn zusammen mit dieser da begrübe.
Di-» Berzweifluna der Frau Aubain war gr»nzenloc-. Ansanas empörte sie sich geoen Gott, si» fand es ungerecht, daß er ihr ihre Tachtel genommen, ihr, die niemals Böses getan hatte und deren Gemisten so rem war! Ab»r nein! S'-e hätte si» in den Süden bringen fo,f-»n. Andere Aerzte würden sie gerettet haben. Sie klagte sich an, wollte ihr Nachfolgen vnh schri» vor Angst inmitten ihrer Träume auf. (Emer vor allem quölle fu- Ihr Mann kam in Matrofentcgchf von einer langen Ruse zurück und s»ete • ihr weinend, daß er b»n Befehl erf)»rfen bah». Virmm<> sortzufüh-en- Dann verabredeten sie sich, irgendwo ein Versteck au- findig zu machen.
E'nmal kam sie verstört ans dem harten zurück Jetzt eben (sie den Ort) waren b»r Vater und die Tochter ihr erschienen, einer hinter dem anderen, sie hatten nichts getan, sie hatten sie nur angesehen.
(Fortsetzung folgt.) __
ßin schlichtes Eerz.
Erzählung von Gustave F l a u b e r t.
(Fortsetzung.»
Von nun an dachte Felicitas ausschließlich an ihren Neffen. An Sonnentagen quälte sie sich mit Gedanken an seinen Durst; wenn es geroil» terte fürchtete sie den Blitz für ihn. Wenn sie hörte, wie der Wind im Schornstein heulte und die Schindeln losriß, sah sie ihn auf der Spitz« eines zerschmetterten Mastes, den ganzen Körper hintenubergebogen, unter Gischtfluten von diesem selben Sturme hm und her geschleudert, oder — eine Erinnerung an das Geograph-ebuch mit bett Kupferstichen wurde von den Wilden gefressen, im Walde von Affen geraubt oder verkam jämmerlich an einem oben Gestade —, und niemals sprach sie von ihren Aengsten.
Frau Aubain litt andere um ihrer Tochter willen.
Die guten Schwestern fanden, daß sie liebenswürdig, aber zart sei. Dl« geringste Erregung schwächte sie. Sie hatte das Klavierspiel aufgeben mii3bre Mutter heischte einen regelmäßigen Briefwechsel vom Kloster aus. Eines Morgens, als der Briefträger nicht gekommen roar, beim» ruhigte fie sich und ging in ihrem Zimmer vom Lehnstuhl zum Fenster auf und nieder. Es roar wirklich unerhört, feit vier Tagen keine Nachricht.
Damit sie sich an ihrem Beispiel tröste, sagte Felicitas zu ihr: „ „Ich, gnädige Frau, habe seit sechs Monaten keine erhalten!...
',Von wem denn?"
Die Dienstmagd erwiderte leise:
„Ich spreche von meinem Neffen.
Ah dein Nesse ..." Und mit den Achseln zuckend, setzte Frau Aubain ihren Spaziergang fort, was so viel heißen soMe, wie: .Ach^dachte nicht daran!... übrigens ist es mir auch ganz gleichgültig! ein Schiffsjunge, ein Strolch, große Sache!... meine Tochter dagegen... Bedenke doch!
Obgleich Felicitas in Rauheit aufgewachsen roar, wurde sie dennoch innerlich böse auf die gnädige Frau, später, vergaß sie es wieder
Es erschien ihr ganz natürlich, der Kleinen wegen den Kopf zu Der-
Di« beiden Kinder hatten eine gleiche Wichtigkeit, ein Band vereinigte fie in ihrem Herzen, und ihr Schicksal mußte dasselbe sein.
Der Apotheker teilte ihr mit, daß das Schiff Viktors in Havanna angekommen fei. Er hatte diese Nachricht in einer Zeitung gelesen.
Auf Grund der Zigarren stellt« sie sich die Havanna als ein Land vor, wo man nichts anderes tat als rauchen, und so ging denn Viktor zwischen Negern in einer Tabakswolke einher. Konnte man „nötigenfalls über Land zurückk-ehren? In welcher Entfernung lag es von Pont-l Evegue? Um es zu wissen, befragte sie Herrn Bourais.
Er holte seinen Atlas herbei, dann Hub er mit langen Erklärungen über die Längengrade an und lächelte mit schönem Schulmeisterlack-eln Über Fellclta«' Verdutztheit. Endlich zeigte er mit seinem Taschenble,stift in den Ausschnitten einer länglichrunden Fläche auf einen schwarzen, kaum sichtbaren Punkt und sagte: „Hier ist es." Sie beugte sich über die Karte, dieses anaetus-bte Liniennetz ermüdete ihre Augen, ohne sie etwas zu lehren, und als Bourais sie aufforderte, zu sagen, was sie bedränge, bat fie ihn. ihr das Haus zu zeigen, in welchem Viktor wohne. B» rms erhob die Arm«, weste und brach in ein dröhnendes Gelächter aus; eine derartig« Einfalt machte ihm Freude, aber Felicitas begriff nicht emmat die Veranlassung — sie. die vielleicht erwartet hotte, sogar da« Bildnis ihres Neffen zu sehen! So eng begrenzt roar ihr Verstand!
Vierzehn Tone später geschah es. daß Liebard. nüe gewöhnlich um die Marktzeit, die Küche betrat und ihr einen Brief van ihrem Schwager übergab. Da keiner van beiden lesen konnte, nahm sie ihre Zuflucht zu ihrer Herrin. „ ...... , , r. . .
Frau Aubain, welche die Maschen einer «tr-ckerei zahlte, legte sie beiseite erbrach den Brief, fuhr zusammen und mit leiser Stimme und tiefem Blick: m CE „
„Es ist ein UnaL'-ck... das man dir anzeigt. Dem Neffe...
Er roar tot. Näheres darüber teilt« man nicht mit.
Felicitas sank auf einen Stuhl, lehnte den Konf an die Wand und schloß die Lider, welche mit einem Schlage rot wurden Dann wiederholte sie von Zeit zu Fest mit gesenkter Stirn, hängenden Armen und starrem


