Ausgabe 
24.2.1930
 
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bei keiner Ratssitzung. Er war unter den königlichen Kommissären, die die Provinzen bereiteten, um den Vorsitz in den Ständeversammlungen zu sühren, Mißbräuche zu untersuchen und äbzustellen. Von seinen eigenen wagte vorläufig niemand zu sprechen. Die ständischen Deputierten und die städtischen Magistrate waren ihm gefügig. Man bewilligte dem Krö­sus noch Subventionen, man befreite seine Waren von Taxen und Steuern, ihm zuliebe wurden neue Preistarife beschlossen, Häfen und Kanäle wurden auf seinen Wunsch aus öffentlichen Mitteln wiederherqc- stellt. Er hatte ja unbeschränkten Kredit und darum unbeschränkte Macht Er konnte Existenzen aufbauen und konnte sie vernichten. Dem König lieh er während des Feldzuges in der Normandie vierzigtausend Taler.

Als Karl im wiedereroberten Rouen einzog, ritten ihm, in gleichen Prunk­gewändern, zur Seite: Dumois, der Bastard von Orleans, Pierre de Breze des Königs neuer Günstling, und Jacques Coeur, der Kürschner- sohn aus Bourges.

Sein Sturz war rasch, rascher noch als sein Aufstieg. Er hatte Feinde in den Städten, denen er bedenkenlos Geld abpreßte. Er hatte Neider und Verleumder, wie anders! Er hatte Hunderte von Existenzen auf dem Ge­wissen das hätte er überdauert. Er hatte Schuldner am Hof. Das brach ihm den Hals. Frau von Mortagne, die ihm einen ansehnlichen Betrag schuldete, erhob schwere Anschuldigung gegen ihn: er habe Agnes Corel, die Matresse des Königs, vergiftet. Es war im Jahre 1451.' Die Corel war ein Jahr vorher im Wochenbett gestorben.

Karl VII. ließ Jacques Coeur fallen. Er hatte Jeanne dÄrc fallen lassen, die Heilige, die ihm zu Krone und Reich verholfen hatte Jacques Coeur hatte ihm bloß zu Geld verholfen.

Jacques Coeur faß zwei Jahre im Gefängnis. Unter seinen Richtern waren zwei seiner Todfeinde. Die Giftmordbeschuldigung lieh man fallen Cr wurde im Mai 1453 verurteilt: weil er den Ungläubigen Waffen ver­kauft, weil er einen auf eine seiner Galeeren geflüchteten Christensklaven ausgeliefert weil er französisches Geld in den Orient ausgeführt, weil er wahrend seinen Kommissärreisen in der Languedoc große Summen bem^KoNlg und dessen Untertanen unterschlagen hatte. 'Alle diese An­schuldigungen wurden im übrigen zu Recht gegen ihn erhoben. Er wurde verurteilt: zur Strafe dauernder Verbannung, zur Konfiskation aller 'eineL^AAAr'^3yr Rückerstattung von 100 000 und zu einer Geldstrafe von 300 000 Talern. Bis zur Abstattung dieser Summe sollte er im Ge­fängnis sitzen.

Jacques Coeur gelang die Flucht. Er starb drei Jahre daraus, 1450, nachdem er für die letzten Jahre seines Lebens sein finanzielles Genie in den Dienst des Heiligen Stuhles gestellt hatte. Seine Güter wurden versteigert. Der Zuschlag bei diesen Versteigerungen war meist ein sik- twer. Einer seiner Richter wurde reich daran, er zahlte dem königlichen Schatz keinen Sous. Der Betrag saß dick und fett auf dem Grab der Coeurschen Reichtümer.

Die wirtschaftliche Renaissance Frankreichs nach dem hundertjähriqen Krieg, sagt Petit-Dutaillis, hätte sich auch ohne Jacques Coeur vollzogen. Er hatte nicht den Wiederaufstieg abgewartet, um sein Vermögen zu gründen: darin zeigte er seinGenie". Mag's immer so sein. So sitzt seinGenie" doch im Blut dieser Welt und überdauert Jahrhunderte. Und seineTat' ? Die Weltgeschichte ist gerecht. Jacques Coeur ist ver- geßen. Und das Hirtenmädchen, das seine Zeitgenossin war, thront auf Altären. 1

Torf, ein Kraftstoff der Zukunft.

Von Dr. Ignaz Sauer.

Moorboden gehörte bisher zum Oedland, das mir mit viel Arbeit andwirtschaitlich nutzbar gemacht oder für die Beschaffung des Torfes in bescheidenem Umfange ausgebeutet werden konnte. Nun 'scheint es plötz- lich, als wolle sich in den finsteren Einöden des Moorgeländes eine mäch- tige Kraft aus dem Boden erheben, die in Elektrizität, in Licht und Warme verwandelt werden kann. Der Zauberer, der dieses Wunder voll­bringen will, ist der Bergingenieur Emil Schimansky, sein Zauber­stab em winziges Stückchen Papier, das Patent Nr. 449 861 vom Jahre 1927, über dessen Ausführbarkeit jetzt nach längeren Versuchen von der Geologlschen Landesanstalt in Berlin durch Professor Ganssen eine ausführliche, sehr günstig lautende Denkschrift veröffentlicht werden wird. Der ostpreußische Erfinder, der seit längerer Zeit eine Wohnung im Ber­liner Westen hat, ist sehr unzugänglich; aber Professor Freundlich, der stellvertretende Direktor des Kaiser-Wilhelm-Jnstitutes für Chemie versichert auf Anfrage, daß das neue Verfahren zumindest theoretisch gut beurteilt werden muß. Die praktischen Versuche, die in der Geologischen Landesanstalt angestellt wurden, hat Professor Freundlich nicht überprüft; doch kennt er den theoretischen Aufbau des Verfahrens.

Torf war bisher das Stiefkind unter den festen Brennstoffen. Obwohl er in gewaltigen Mengen vorkommt, konnte man mit ihm wegen seines hohen Wassergehaltes, dem ein geringer Gehalt an brennbaren Bestand- entspricht, nicht viel anfangen. Gewiß, auch schlechte Braunkohle vefteht oft zur Hälfte aus Wasser und verbrennbaren Bestandteilen; es wynt sich daher nicht, sie weit zu transportieren. Aber beim Torf kommt Beförderung über lange Strecken noch viel weniger in Frage, «chließt er doch zuweilen bis zu 90 Prozent Wasser ein, das er hart- nnaig festhalt, und dessen Entfernung bisher mehr Energie beanspruchte ms das Endprodukt lieferte. Es lag nun sehr nahe, aus dem Torf das Wasser auszupressen und dadurch seinen Gehalt an Brennstoffen zu er- i 1 dies nicht, ebensowenig wie man aus feuchtem, frischem Ä.5 Laster durch Druck entfernen kann. Beide Brennstoffe sind nnJr, Don fcinfter Kanälchen durchsetzt, und die Zellwände

umklammern das Wasser mit ungeheurer Kraft. Wie innig das Wasser Zellgewebe verbunden ist und welche Kräfte dabei in Betracht i^"eunt man an einem Vorgang, der umgekehrt wie die Aus- mifnoiJL» , Eers verläuft; wenn die Haargefäße der Pflanzen Wasser i hmen, wie man dies etwa beim Einwässern von Hülsenfrüchten be­

obachten kann, so können durch das Aufquellen der Pslanzenteile gerade»« Sprengwirkungen hervorgerufen werden. Der Physiker und Chemiker spricht dabei von Kolloiden, deren Trennung stets nur sehr schwer gelingt. Cm Kolloid, das ganz ähnlich den im Holz oder Torf gefundenen ist und aus einem festen Bestandteil mit Wasser zusammengesetzt ist, findet sich la .den Puddmgs oder den Geleemassen, bei denen ja auch Festes und Flüssiges untrennbar miteinander verknüpft ist.

Um die gewaltigen, im Boden schlummernden Torfschätze zu imtzen, Hai man nun die verschiedensten Entwässerungsverfahren ersonnen. Es wurden Dutzende von Pressen konstruiert, die jedoch den Wassergehalt nur auf 60 Prozent erniedrigten. Man rückte der widerspenstigen Materie mir elektrischen Strömen, mit Dampf und Hitze, mit Salzen, Bakterien und Pilzen, mit porösen Stoffen und Abfällen wie Melasse zu Leibe, man wollte das Wasser absaugen oder es in Zentrifugen abschleudern, man erprobte die unwahrscheinlichsten Mittel. Nun soll das neu- Ver. fahren alle anderen verdrängen, wenn sich die daran geknüpften Hoff­nungen erfüllen. "

Schimansky geht von der Tatsache aus, daß man schon früher Torf dem Frost aussttzte, um die Zellen zu sprengen und das 'Baffer nach dem Auftauen der Torfmasse leichter auszupressen. Bisher konnten aber beim Auftauen selbst die besten Zerkleinerungsvorrichtungen, die mit den schärf­sten Mitteln arbeiteten, nur einen geringen Teil des äußerst elastischen Gewebes der Torfzellen zerstören. Die Hauptmasse blieb unberührt und be­wahrte ihre wasierhaltenden Eigenschaften, so daß das Gewebe nur äußer­lich bruchig wurde. Nach dem neuen Verfahren soll nun die Torfmasse zerkleinert und zerrieben werden, solange sie noch vollkommen erstarrt ist, wodurch selbst die kleinsten Verästelungen des Gewebes zerbrochen werden. Auf diese Weise wird der Torf veranlaßt, fast seinen gesamten Gehalt an Wasser sreizugeben, wenn er nachträglich aufgetaut wird. Die angestellten Versuche haben die Richtigkeit der Methode bestätigt. Das Wesentliche des. neuen Verfahrens liegt also darin, daß der Tors im gefrorenen Zustand ,zerkleinert wird, lieber die Rentabilität der neuen Methode gehen die Ansichten vorläufig noch weit auseinander. Der Reicks- kohlenrat, der wohl auch den Wettbewerb mit der Steinkohle und der Braunkohle in einer Zeit fürchtet, in der keineswegs alle Kohlenbergwerke Absatz finden, hält nicht sehr viel von der Herstellung der neuen Toif- briketts, die ebenso gut wie die Braunkohlenbriketts fein sollen. Er lehnt «chiinanskys Projekt keinesfalls völlig ab, möchte es aber auf eine spä­tere Zeit vertagt wissen. Der Erfinder hat dagegen errechnet, daß sich in seiner ostpreußischen Heimat die vollwertigen Torfbriketts ganz erheblich billiger stellen werden als die Braunkohlenbriketts, die aus der Lausitz herangebracht werden. 10 Tonnen Torfbriketts sollen nur 135 'Mark kosten, gegen mehr als 275 Mark für dieselbe Menge Braunkohlenbriketts.

Wenn das neue Verfahren tatsächlich rentabel ist, wird unsere Brenn- stoffwirtschaft eine umwälzende Neugestaltung Zerfahren. Soweit man bis­her weiß, besitzt Deutschland einen Vorrat flbn 10 Milliarden Tonnen 4.0rf aSoHäufin sind erst etwa 11000 Menschen mit der Torfgräberei und der Aufbereitung beschäftigt, aber bei einer großzügigen Herstellung von Torfbriketts wird sich diese Zahl bald vervielfacht haben. Allein In Nord- deutschland gibt es etwa 2,3 Millionen Hektar Moorboden, der für diesen Zweck nutzbar wäre. Nach anberere Schätzung sollen in Deutschland sogar 40 Milliarden Tonnen Torf vorhanden sein. Ein einzioes Moor in Ost­preußen könnte bei richtiger Ausnutzung den Bedarf dieser Provinz an elektrischen Strom und Brennstoff für nahezu ein halbes Jahrhundert befriedigen. Die Erschließung der norddeutschen Moore nach dem neuen Versahren könnte das Verbrennen von etwa 6 Milliarden Tonnen Braun­kohle oder fast 2 Milliarden Steinkohle ersparen. Das würde nicht nur eine wesentliche Streckung unserer Kohlenvorräte bedeuten, sondern in Ostpreußen würde der Brennstoffpreis dabei auf die Hälfte sinken. Ein« angenehme Nebenwirkung wäre es, daß allmählich weite Flächen bisher unbenutzten Landes für den Ackerbau frei würden, denn in Branden­burg sind 350 000 Hektar oder nahezu 19 Prozent der Gesamtfläche in Hannover fast 15 und in Pommern 10 Prozent der Fläche von Mooren bedeckt.

Die Gewinnung von Torf erfordert nur wenig Maschinen und kann von ungelernten Arbeitskräften ausgeführt werden. Wenn trotzdem die bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts häufige primitive To'rfheizung fast verschwunden ist, so liegt das daran, daß zur Verhetzung von nicht verarbeitetem Torf viel Bedienung nötig ist, und daß der starke Geruch sehr unangenehm wirkt. Zum Teil ist man schon dazu übergegangen, 4.orf zur Erzeugung von Gas zu verwenden, und das ist wohl auch bei dem neuen Verfahren beabsichtigt. Torfvergasung war bisher üblich in den Kraftzentralen im Schweger Moor bei Osnabrück und in Italien in her Nähe von Pisa. Bei der Verarbeitung erhielt man Kraftgas, Am­moniak und Teer. Das Gas wurde in vier Gasmotoren von je 1000 Pferdekraften in Energie umgewandelt und dadurch Strom erzeugt, der nut einer Spannung von 10 000 Volt über Land geleitet wurde. Auch in Jekaterinburg und in Marggrabowa bestehen solche Anlagen. Der ge­wonnene Teer kann wieder weiter verarbeitet werden. Aus dem Stick­stoff, der im Torf enthalten ist, gewinnt man Ammoniak, das mit Schwe- felfaure zu dem Düngemittel Ammonfulfat vereinigt wird. Aus einer Tonne trockenen Torfes kann man etwa 35 Gramm dieses Düngemittels gewinnen; dieselbe Menge Torf liefert auch 2500 Kubikmeter Gas. Wie immer man den Tors zur Verbrennung benutzt, ob man ihn unter der Dampfmaschine verfeuert und dabei nur 12 bis 13 Prozent seines Heiz­wertes nutzbar macht, ob man ihn statt dessen durch den Gasmotor 22 bis 25 Prozent seiner Energie liefern läßt, immer hängt die Verwendbarkeit des Torfes von dem Grade seiner Trockenheit ab, und darin liegt der Sinn der besprochenen Erfindung. Schon vor dem Krieg gab es um­fassende Projekte, die deutschen Torsschätze zu verwerten. Sie wurden zum größten Teil nicht ausgeführt, werden aber sicherlich von neuem erwogen werden, wenn die erste Fabrikation von Torfbriketts, wie sie geplant ist, günstige Ergebnisse zeitigen sollte.