Sv ward es klar, und ihr Herz wie mit einein kalten Tuche zugedeckt lin*©lietrocknet den Helm und stellte ihn auf die Kommode, den Schweif mit Del geglättet — und sah nicht den Knaben, der, an das Treppengeländer geschmiegt, Tränen über die holden dicken Backen rinnen ließ.
IV.
Der Winter kam und ging. In, März lebte mit den länger werdenden Tagen die Gefechtstätigkeit an der Front wieder auf. Im Aisneabfchmtt brummten Flieger. ~ . ...... <.
Die Deutschen bauten neben der Ferme eine Brücke über den grun- flutenden Wasserlauf und leiteten die Schienen für eine Feldbahn dorthin. Die Franzosen schossen seitdem öfter in die Nähe des Hauses, auch nachts, rvenn sie die Feldbahn rollen hörten. Aber sie trafen nichts.
Die Frau wirtschaftete schweigend und teilnahmlos im Obergeschoß und kam nicht herunter. Auch um ihren Knaben schien sie sich nicht mehr zu kümmern. Tagüber wurde er von den Soldaten versorgt, und nur abends stieg er die Treppe zu seiner Mutter hinauf.
Sie schliefen in einem Bett, und seit vielen Wochen schon legten sie sich in den Kleidern nieder. Doch >var des Knaben erste und größte Tagesfreude die Morgenbegrüßung bei den Soldaten, die Abwaschung mit Aisnewasser und das lustige Frühstück: Kaffee, Brot, Butter und Schokolade. Er sprach mit den Soldaten deutsch — aber die Mutter sah er mit feinen französischen Augen an, ohne zu sprechen. Einmal nur, nach einer ausgelassenen Balgerei, trat er bei ihr ein und verkündete strahlenden Gesichts:
„Ich bin kein Fuchs!"
Als die Mutter keine Anteilnahme zeigte, fragte er sie, ob sie einen Fuchs kenne.
Nein, sie kennt keinen Fuchs — was soll ihr auch ein Fuchs!
Noch im Einschlafen, da sich der saubere Rundkopf an ihrem schmutzigen und verfilzten Haar bewegt, wiederholt der Mund des Knaben immerfort:
„Ich bin kein Fuchs!"
Seine herzlichen Lachsalven prallten gegen die geschlossenen Lider der Mutter — ihre Gedanken sind:
Auf der Kommode — der Helm — gesäubert.
An der Wand — das Bild — abgewischt.
V.
Im Frühling kam für die Frau des Menin die Erlösung. Sie schien es. mit dem Blühen der Weiden und der Himmelsschlüssel vorauszufühlen, ward sauberer und wusch sich wieder. Auf ihren mageren und schon runzligen Wangen standen rote Flecken. Stundenlang ging sie unruhig von einer Stube zur andern, kramte in Auszügen, putzte die Scheiden und summte dabei etwas wie ein Kavalleriesignal, welches Menin Alphonse in girier Zeit gepfiffen hatte.
Es fiel ihr nicht auf, daß wieder in die Nähe der Ferme geschossen wurde. Diesmal galt es der Batterie. Es gab einen Verwundeten. Da ' erschien eines Abends, während draußen in den Wiesen die Rebhühner 1 lockten, der Batterieführer auf der Treppe und teilte der Frau mit, daß sie am nächsten Tage mit ihrem Knaben das Haus verlassen müsse, um in ein weiter rückwärts gelegenes Dorf zu ziehen, wo die Zivilisten der Gefahrzone gesammelt wurden. Der Offizier war erstaunt über die Freude, - ivelckje die Frau bekundete. Sie schien fein mangelhaftes Französisch sofort zu verstehen, murmelte einige unverständliche Sätze und schickte sich wider ihrer Gewohnheit an, ihren Knaben von der Batteriestellung helmzu- holen.
Als sie den Kleinen aufs Bett gelegt hatte, stellte sie den Küraffierhelm . auf einen Stuhl, nahm das Bild von der Wand, lehnte es gegen den Rücken desselben und zog ihn ganz in die Nähe des Bettes. Danach löschte sie das Licht, legte sich leise weinend zu ihrem Kinde, stimmte noch ihr Signal und schlief mit einem frohen Gefühl ein.
Sie hatte einen Traum:
■ Ein Engel senkte sich nieder aus weißem Gewölk, er reichte ihr lächelnd die Hand und zog ihren Körper ein wenig empor, so bafj sie sich schweben
, fühlte. In großer Angst erinnerte sie sich plötzlich des Kindes, tat einen wilden Griff und fühlte beruhigt ihren kleinen Knaben auf ihrem Arm. Sie fühlte felig feine dicken Backen an ihrem alten Munde und leckte ihm eine salzige Träne fori. Sodann erklang ein Kavalleriefignal, ein wilder Pfiff, und nun war es nicht mehr der Engel, sondern Menin Alphonse, ihr Mann. Er trug Uniform, einen blanken Küraß, darüber einen großen schwarzen Kinnbart. Aber fein Haupt war unbedeckt. So neigte er sich . ganz nahe her, fo nahe, daß sie fein Augenzwinkern fühlen konnte, nahm beide, Mutter und Kind, in feine riesigen Arme und tat wiederum feinen Pfiff, diesmal leife wie ein Engel.
Wo war jetzt noch das Weib der roten Ferme?
Sie summten alle drei das kostbare Signal, wie sie es einst abends gesummt hatten, damals an der Wiege, wenn auf den Aisnewiefen die Rebhühner lockten.
Doch jetzt fchwebten sie alle mitten in diesem Gesang, von seiner kleinen Tonreihe geschaukelt wie von einer stubengroßen Wiege.
Diesen Traum brachte ihr ein französisches Geschoß, welches, mitten durch die Nachtschwärze daherbrausend, die Kammer betrat und zerbarst. Die Soldaten begruben die beiden Leichen zwischen Haus und Fluh am Abhang, pflanzten ein paar Blumen auf die Gräber und setzten schwarze Holzkreuze daneben. Auf das eine malten sie die Worte:
„Hier ruht ein kleiner Knabe."
Auf das andere:
„Hier ruht eine Frau."
Der Ordnung halber und zur Aufklärung für später zurückkehrende Franzosen fügten sie beiden Inschriften die Bemerkung bei: „Getötet durch «in französisches Schrapnell."
Auf das Grab des Knaben aber fetzten sie den Küraffierhelm, um den jener einmal Tränen vergoßen hatte.
Jacques Coeur.
Von Richard Götz.
„A vaillants coeurs rien impossible", kühnen Herzens ist nichts unmöglich, war der doppeldeutige Wahl- und spätere Wappenspruch Jac- gues Coeurs. Jacques Coeur war der Sohn eines kleinen Kürschners in Bourges. Er begann feine Karriere im Jahre 1429. Da assoziierte er sich mit Ravant, dem Münzrneister von Bourges, zu einträglicher Geldfälschung: sie erzeugten Münzen von falschem Feingehalt. Man muh das nicht mit heutigen Augen ansehen. Einundvierzigmal im Verlauf von sechzehn Jahren hat König Karl VII. feine Münze verändert. Man sah Jacques Coeurs Verbrechen mit damaligen Augen an. Er wurde feingenommen, verurteilt und begnadigt. Nichts mehr stand feinem Aufstieg im Wege. Kühnen Herzen ist nichts unmöglich. Man schrieb 1429.
In gleichen Jahre begann Scanne, „la douce pucelle", ihre kurze und glorreiche Laufbahn. Im gleichen Jahre erschien sie am Hof zu Chinon, befreite Orleans, führte ihren Dauphin zur Krönung nach Reims. Ihr Wahlspruch hatte für ein kühnes Menfchenherz nicht Raum. Er war kurz und bündig: er lautete: „Jhesu Maria". In ihrem Prozeß bildete dieser Wahlspruch keinen geringen Anklagepunkt. Daß man sie dem Feuertod überlieferte, begründeten ihre geistlichen Richter nicht zuletzt mit dieser, Ieannes verdächtiger Devise. Jacques Coeur überlebte sie um fünfundzwanzig Jahre. Er starb in den Diensten des Heiligen Stuhls.
Die Weltgeschichte ist gerecht. Jeanne d'Arc thront auf Altären. Jac- ques,Coeur ist vergessen.
Die Nationen sind ungerecht. Die Franzosen müßten seiner gedenken. Zwischen ihm und Jeanne, zwischen diesen beiden polaren Gegensätzen liegt ein grandioses Stück ihrer Geschichte und ein grandioses Stück ihres Wesens beschlossen, zwischen Coeurs Skrupellosigkeit und Ieannes keuschem Zweckbewußtsein, zwischen seinem lebensnahen Intellekt und ihrer lebensnahen Vergeistigung, zwischen seinem und ihrem Elan, zwischen seinem und ihrem Hasardieren.
Im Mai 1432, ein Jahr nach Ieannes Märtyrium und zu einer Zeit, da Frankreichs und seines gekrönten Königs Bedrängnis grenzenlos war, rüstete Coeur ein Schiff aus und fuhr nach der Levante, Spezereien zu kaufen. Es war ein Wagnis und mar ein Unternehmen sondergleichen. Frankreichs Kaufmannschaft und Frankreichs Handel waren im Hundertjährigen Krieg mit England auf einen Tiefstand gekommen, von dem aus ein neuer Aufstieg unmöglich schien. Die Straßen, soweit sie überhaupt noch vorhanden und nicht versandet, verschlammt, verwachsen waren, wurden von raubenden, plündernden, mordenden Banden umlagert und durchzogen. Die Märkte verfielen, blühende Städte sanken in Schutt. Der Handel zwischen dem üppigen Flandern und den reichen italienischen Stödten wich französischem Boden aus und wählte den Rheinweg und den durch die Alpen. Die französischen Häsen im Mittelmeer lagen ausgestorben. Was hätten die Kaufleute und Reeder der Küftenstädte wagen sollen: hinter ihnen lag ein sterbendes Land, vor ihnen die Gefahr der türkischen, arabischen, der genuesischen und katatonischen Piraten.
Jacques Coeur fuhr aus. Auf deni Rückweg litt er Schiffbruch. Auf einer Barke reitete er sich nach Korsika. Die Korsen plünderten ihn und seine Reisegefährten aus, bis aufs Hemd. Das nackte Leben brachte er nach Frankreich zurück. . ,
Sechs Jahre später war Jacques Coeur „argentier en titre König Karls VII. eine Art königlichen Finanzverwalters. Er unterhielt am Hof- lager einen schwunghaften Handel mit Möbeln, kostbaren Stossen und ßurusmaren aller Art. Und das machte sich an diesem Hofe besonders bezahlt. Aber sein Reichtum, dessen Ruhm im 15. Jahrhundert durch die Lande ging — „reich wie Jacques Coeur" wurde zu einer stehenden Formel — flammte doch ans anderen Quellen. Da war fein Handel mit dem Orient vor allem. Seine Flotte, die unter einem eigenen Kommandanten stand durchkreuzte die bekannten Meere nach allen Richtungen. Aus Alexandrien und Beirut trug sie Stoffe in die Heimat, Teppiche brachte sie aus Persien, Pelze aus dem Norden. Der Personentransport wurde organisiert. Und da war es Jacques Coeur sehr gleichgültig, ob feine Schiffe Christen ober verhaßte Muselmanen beförderten. Er hatte keine Vorurteile. Und es ist falsch zu glauben, daß seine Zeit durchaus und einheitlich solche hatte. Und wenn im „Mysterium von der Belagerung Orleans" die Ritter sprachen: „Mit ihr (der Pucelle) zu leben und zu sterben, das ist mein Wunsch und mein Verlangen", so klagte doch in dem fast gleichzeitig entstandenen „Mysterium von der Passion" „ein anderer: Nichts gibt es mehr, was nicht mit Geld zu schaffen wäre."
Jacques Coeur hatte nun Geld, und er schaffte, was damit zu schaffen war. Er blieb nicht beim Handel stehen. Seine Finanzoperationen zahlen zu den genialsten der Epoche, seine industriellen Unternehmungen umspannten fast den ganzen Bedarf seiner Zeit. Mühte man sich vor Anachronismen nicht hüten, säst könnte man von Horizontal- und Vernkal- trufts fprechen Er beutete die Bergwerke im Lyonnais aus — und zu feinem Ruhm sei's vermerkt: nirgend anderswo arbeiteten und lebten die Bergarbeiter zu seiner Zeit unter günstigeren Bedingungen. Er besorgte die Salzgewinnung in Tours, in Loches, in Montrichard und an anderen Orten. Er besah eine Seidenmanufaktur in Florenz und eine Färberei in Montpellier. In Rochetaillee hatte er eine Erzeugung von Schreibmaterialien. „Was er nicht selbst erzeugte," sagt Petit-Dutamis, „bas holte er sich unmittelbar bei den Produzenten; um die Zwischem Händler auszuschalten, errichtete er zahllose Niederlassungen in Frankreich und an den Ufern des Mittelmeeres."
Kaum war 1444 der Waffenstillstand zwischen Heinrich VI. und seinem „sehr lieben Oheim von Frankreich" geschlossen worden, eröffnete Jacques Coeur kommerzielle Beziehungen mit England. Zwei Jahre vorher hatte Karl VII. den indessen geadelten Coeur in feinen königlichen Rat berufen. Coeur nutzte die Stellung, so sehr -er sie nur nutzen konnte. Die bürgerlichen Mitglieder des Rats hatten ja feit dem Sturz des Gimm lings La Tremouille wieder Oberwasser bekommen. Die alte und bewährte Tradition des französischen Königtums, sich gegen den anspruchsvollen und ungebärdigen Adel auf Juristen und bürgerlich Beamtete 3» stützen, war wieder aufgenommen worden. Jacques Coeur fehlte M


