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___ Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang l93v Montag, den 2§.§ebruar Nummer 16

Spiegel der Vergangenheit.

Von Edmund Finke.

Du, Schatten deiner toten Ahnen, gehst auf Stein, der schwarz wie Erz im abendlichen Regen ist; du prägst ihm nie die Spuren deiner Schritte ein, du gehst darüber hin, er nimmt dich nicht ins Maß der Zeit. Du spiegelst dein Gesicht in Flächen Glases, im bewegten Meer, in diesen Doppelräumen gibt dir nichts Gewähr zu sein. Du warst. Das ist dein Ziel: gewesen sein. Besänftigt kehrst du in das Land der Ahnen ein.

Oer Kürasfierhelm.

Erzählung von Georg von der Bring.

I.

Ueber die Aisnebrücke zwischen Cernay und Cond« ritt ein Trupp französischer Kürassiere. Sie gehörten zur Nachhut der zurückgehenden Ar­mee und hatten feindliche Reiterei dicht auf den Fersen gehabt. Cs waren ihrer acht, eingerechnet den Führer, der, durch einen Lanzenstich am Rücken verwundet, sich krumm und verbissen im Sattel hielt.

Gleich hinter der Brücke' bog der Trupp bunt, hastig, klirrend, die Helmschweife wagerecht, über einer flachen Staubwolke von der Straße in das blendende Licht eines Feldweges ein, verfolgte auf ihm den Lauf der Aisne weiter und nahm somit die Richtung nach Süden wieder auf.

Wenige Minuten später, als sie auf die Höhe eines alleinstehenden roten Hauses gelangt waren, sahen sich die Kürassiere genötigt, eine kurze oder längere Rast zu machen, weil der Sergeant vom Pferde geglitten war und Blut erbrach. Man saß ab, band die Gäule zusammen, "stellte droben an der Ferme einen Posten auf und trug sodann den Verwun­deten zur Aisne hinunter ins Schilf. Nachdem er etwas getrunken hatte, und in Schlaf gefallen schien, tranken auch die anderen, schweigend, alle im Stehen. Jener Soldat, der vor der Haustür der Ferme Posto gefaßt hatte und seine wilden Augen unbeweglich auf die Aisnebrücke gerichtet hielt, wurde plötzlich von einer Frau, die sehr furchtsam in der Tür erschien, angerufen; gleichzeitig entriß sich ein kleiner dreijähriger Knabe ihrer Hand, hockte auf der Schwelle nieder und musterte den Kürassier, eine Entenfeder im Munde.

Es wurde folgendes Gespräch zwischen der Frau und dem Soldaten geführt:

Mein Mann Alphonse! Wo habt ihr ihn?"

He?"

Mein Mann Menin Alphonse! Seid so gut!"

Na wo soll er sein?"

Bei euch. Ein Kürassier ein schwarzer"

Menin sagst du?"

Menin sage ich. Menin Alphonse fiel er nicht hin? Seid so gut!" Menin gibt es nicht bei uns, konnte somit nicht fallen. Geh ins Haus und mach Kaffee."

Aber der fiel wo habt ihr ihn hin? Der Schwarze? Jesus, wie hieß der, welcher fiel?"

Ein Sergeant und nicht dein Alter. Gibt deren zu viele wer kann sie kennen! Bring kalten Kaffee, wenn du hast!"

Menin heißt er ins Schilf, sagst du?"

Weib, halt den Mund!"

Der Posten schrie es fast, von der Erregung der Frau angesteckt. Er hatte fortwährend nach der Brücke gespäht, nun aber, da von der Tür her em kleiner zirpender Klagelaut erklang, wandte er seinen Blick zur Seite. Der Rucken der Frau verschwand gerade, nur der Knabe saß noch da, die grüne Feder zwischen den Zähnen, und stemmte feine dicken nackten Füße gegen die Treppenstufen.

Sofort schweiften die Augen des Soldaten wieder zur Brücke.

. Nach einer Weile, und nachdem sich aus dem Hause das Geräusch einer Kaffeemühle vernehmen ließ, sagte er langsam und zärtlich zu dem Jungen:Heißt du Alphonse?"

I" diesem Augenblick erschienen auf der Aisnebrücke feindliche Reiter. Sie hielten an. Es waren Ulanen, ihre Fähnchen slimmerten über dem «taub. Der Kürassier zischte durch die Zähne, stand einige Sekunden lang wie versteinert und starrte hinüber dann wandte er sich ruckartig und uef m rasendem Lauf zu den Kameraden zurück. 6:e warfen sich auf die -pserde der Sergeant bleich, aber munter in ihrer Mitte, und waren im Nu hinter Weidenbüschen verschwunden.

II.

Jene Ulanen gelangten nicht an das rote Haus des Menin. Tags darauf aber zogen andere Truppen rittlings der Aisne auf dem Marsche nach Süden vorüber, staubig, hitzig, aufgewühlt, in großer Hast sechs Tage zogen sie, eine ganze Armee, und erfüllten das Aisnetal zwischen der Wand des Argonnerwaldes und den Kreideklippen von Tahure mit Kriegslärm. Sie spielten der Frau des Menin übel mit, hatten Hunger und Durst und räumten aus. Die Frau stand in der Küche, scheu und dürr in ihrem engen schwarzen Kleide, hielt ihren Knaben streng in der Stube und gab, was man von ihr forderte, soweit es ihr möglich war.

Später hieß es, die Deutschen seien aufs Haupt geschlagen weit im Süden, wo die Geschütze tagelang rumorten. Die Frau jedoch nahm keinen Anteil an jenen Dingen, sah gleichmütig die Feinde zurückkommen und erschrak kaum, als eines Tages eine deutsche Batterie in ihren Obstgarten schwenkte und stundenlang schoß.

Sie hatte kleine Vorräte an Lebensmitteln vor den Soldaten versteckt und brachte so ihren Knaben und sich kümmerlich durch die Zeit. Die Deutschen fürchtete sie nicht mehr, denn sie näherten sich ihr nicht. Dem Kinde gegenüber verhielten sie sich freundlich, was nicht verwunderlich fein mochte, denn es war ein außergewöhnlich lieber und runder Knabe.

Aus einem anderen Grunde geschah es, daß eine schwere Zerschlagen­heit und Verschrecktheit sie mehr und mehr ergriff. Es war ein Bild, das sie ängstigte, und das sie im Schlafen und im Wachen sah: dm vom Pferde fallenden Kürassier. Sie sah es deutlich, das Bild, bis in die kleinste Einzelheit Helm, Küraß, den sich im Sturz steil aufschwingenden Degen, den schwarzen Bart, den ganzen hingleitenden Reiter, der ihrem Manne glich, wie dieser auf einem Buntdruck in der Stube mit wehendem Helmbusch sich auf die Feinde warf, den Säbel gezückt.

Dies Bild hing über einer Kommode und ward allmählich der Kern ihrer paar täglichen Gedanken und ihrer zahllosen Träume. In den Träu­men jedoch geschah es oft, daß der Reiter des Bildes, Menin Alphonse, stürzte, wie damals der Verwundete schreiend niederfiel geschah es, daß das Bild schrie. Mancher spätdämmernde Morgen erst hielt dem Bilde mit weißer Hand den Schrei zurück.

III.

Wochen vergingen. Die Batterie im Obstgarten blieb, schoß, aber sel­ten. Die Soldaten bauten sich kleine Unterstände in die Erde, die Offiziere und Unteroffiziere hatten das Erdgeschoß der Ferme bezogen und rich­teten sich ein. Die Frau wohnte mit ihrem Knaben im ersten Stock.

Sie kochte den Offizieren, wusch für sie und für die Kanoniere, ver­harrte jedoch in ihrer ängstlichen Schweigsamkeit. Man sah sie nie lachen. Die Scherze der Soldaten, in einfältigen Gesten eigens zu ihrer Unter­haltung vorgebracht, reichten nicht in den engen Kreis ihres Denkens hinein. Es war, als habe sich hinter ihrer kleinen verschatteten Stirn eine fremde Gewalt breitgemacht. Dies empfanden auch die Soldaten bald, und sie begegneten ihr ungern. Geschah es jedoch, so war es für manchen so­viel wie eine ungünstige Vorbedeutung.

Auch als Mädchen war sie nie leichtsinnig oder auch nur fröhlich ge­wesen und hatte nie einen Freier gehabt, bis sie, als sie schon die Dreißig überschritten hatte, von dem schwarzen Menin geheiratet wurde. Sie bog diesem Erlebnis, das auf sie niederging wie ein Überheißes Bad, stumm und fast entsetzt den mageren Nacken und fand erst langsam wieder einen zuversichtlichen Aufblick, als sie das Kind kommen fühlte und ihr gleich­zeitig offenbar ward, daß Menin gut sei.

Jetzt aber war er fort, Menin, fort fein Augenzwinkern, fort das kitzelnde Liebkosen feines harten Bartes von ihrer Backe, weggewischt die behaarte Faust von dem kleinen Nacken ihres Kindes.

Statt dieser Dinge war da eine furchtbare Macht, die dm Herbstwolken gleich ewig über ihren Augen hinzog und zu ihr redete Tag und Nacht. Nicht Worte waren es was sie hörte, es klang vielmehr wie ein Saufen ober Schieben, ober wie das strudelnde Geräusch des Aisnewassers nach Wolkenbrüchen. Sie glitt vollends in dies heiße ziehende Riesengewölk, das sie von nun an immer weiter fortführte, als folgendes geschah.

Der Knabe, dessen Herz durch die heitere Gesellschaft der Soldaten, durch ihre Süßigkeiten und Fettigkeiten gewonnen worden war, strolchte einst mit einem Landwehrmann die Aisne entlang, wobei sie einen Helm fanden. Es war dies der Kürassierhelm des verwundeten Sergeanten und damals auf der eiligen Flucht im Schilf zurückgeblieben. Er war verrostet und unansehnlich.

Die Frau hörte ihren Knaben die Treppe emporsteigen, hört ihn etwas Schweres auf die oberste Stufe setzen. Sie tritt in die Tür: der Knabe bringt einen Helm, der beschmutzt ist. Sie trägt ihn in die Küche und reinigt ihn wie im Fieber.

Er bekommt Glanz es ist der Helm des Soldaten, der schreiend niederfiel. Aus seifigem Wasser taucht triefend und schwärzlich der Schweif sie vergleicht: es ist der Helm, den ihr Mann auf jenem Bilde trägt, wo er den Säbel zückt.