ab', mein« alten Beine können nun nicht mehr!" Er sah fast glücklich aus bei diesen Worten; ein Ruhepunkt roar eingetreten, und er wollt« ihn redlich zu benutzen suchen. ,
Am andern Morgen wurden die Weihnachtsgeschenke aus den Schubladen wieder hervorgeholt und, sorgsam in ein Kistchen verpackt, an Heinrich auf die Post gegeben; obenauf lag «in Brief von Anna, voll herzlichen Zuredens und voll ehrlicher Entrüstung. Als Antwort erhielt sie nach «ini^n Monaten ein Osterei von Zucker, aus welchem, da es sich öffnen ließ, eine goldene Vorstecknadel zum Vorschety kam; einige neckende Knittelverse, welche für die guten Lehren dankten, waren auf einem Papier- streifchen darumgewunden. ..
Wenn die goldene Nadel ein Ertrag der eingcfädelten Geschäfte war, so blieb sie jedenfalls das einzige Zeichen, das davon nach Haus gelangte; in den spärlichen Briefen geschah derselben entweder gar nicht oder nur noch in allgemeinen Andeutungen Erwähnung.
Die Zeit rückte weiter, und nach den Ostern Ivar letzt der Nachmittag des Pfingstfestes herangekommcn. Die Frauen befanden sich beide auf dem sonnigen Hausflur in emsiger Beschäftigung; Tante Brigitte hatte das Gardinenbrett des Ladenfensters vor sich auf dem Zahltisch liegen, bemüht, einen blütenweitzen Vorhang daran festzunageln; Anna, der eine Anzahl grüner Waldmeisterkränze über dem einen Arm hingen, suchte gegenüber an der frischgetünchten Wand nach Haken oder Nägeln, um daran den Festschmuck zu befestigen. Zwei der Kränze waren glücklich angebracht; bei dem dritten saß der Nagel doch zu hoch, als daß der ausgestreckte Arm des schlanken Mädchens ihn mit dem Kranz erreichen konnte.
„Kind, Kind!" rief Tante Brigitte vom Ladeytisch herüber; „du wirst ja kochheiß, so hol' doch einen Schemel!"
„Nein, Tante, es muß!" erwiderte Anna lachend und begann unter herzlichem Stöhnen ihre vergeblichen Anstrengungen zu erneuern.
Plötzlich wurde die Haustür aufgerissen, daß das Läuten der Schells betäubend durch den Flur schallte; dazwischen rief eine jugendliche Männerstimme: „Mannshand oben!" und zugleich war mich der Kranz aus Annas aufgestreckier Hand genommen und hing im selben Augenblick oben an dem Nagel. Anna selbst sah sich in den Armen eines schönen Mannes mit gebräuntem Antlitz und stattlichem Backenbarte, dessen Kleidung den Großstädter nicht verkennen ließ. Aber schon hatte sie mit einer so kräftigen Bewegung ihn von sich gestoßen, daß er geradeswegs auf Tante Brigitte zuflog, die vor ihrem Gardinenbrett beide Hände über dem Kopf zusammenschlug. Da brach der Mißhandelte in ein lustiges Gelächter aus, das noch das Ausläuten der Türschelle übertönt«.
„Heinrich, Heinrich! Du bist es!" riefen die Frauen aus einem Munde.
„Nicht wahr, Tante Brigitte, das nennt man überraschen!"
„Junge", sagte die Alte noch halb erzürnt; „in deinem modischen Rock steckt doch noch der alte Hans Dampf; wenn du dich ansagst, kann man sich zu Tode warten, und wenn du kommst, könnte man vor Schreck den Tod ba von haben."
„Nun, nun, Tante Brigitte, ihr sollt mich auch bald genug schon wieder loswerden, unsereiner hat nicht lange Zeit zu feiern."
„Ei, Heinrich", sagte die gut« Tante, indem sie ihn mit sichtlicher Zufriedenheit betrachtete, „so sollte es nicht gemeint sein! Was du gesund aussiehst, Junge! Nun aber hilf auch mir noch ein paar Augenblicke mit deiner hübschen Leibeslänge!"
Mit einem Satz war Heinrich über den Ladentisch hinüber und stand gleich darauf auf der Fensterbank, das Gardinenbrett mit den daranhängenden weißen Fahnen in den Händen.
Als kurz darauf ein gemessenes Läuten der Türschelle die Ankunft des bisher abwesenden Hausherrn anzeigts, saß Heinrich bereits wohlversorgt im Zimmer vor dem Kaffeetisch«, den aufhorchenden Frauen die Wunder der Großstadt und seiner eigenen Tätigkeit verkündend. Gleich darauf stand er dem Vater gegenüber, und dieser ergriff seine beiden Hände und sah ihm mit verhaltenem Atem in die Augen. „Mein Sohn! sagte er endlich; und Heinrich fühlte, wie aus dem Körper des alten Mannes ein Zittern in den seinen überging.
Noch lange, als sie schon mit den anderen am Tische saßen, hingen so die Blicke des Vaters an des Sohnes Antlitz, während dessen bald wieder in Fluß gekommene Reden fast unverstanden an seinem Ohr vorübergingen. Heinrich schien ihm äußerlich fast ein Fremder; die Aehnlichkeit mit Juliane war zurückgetreten, er sagte sich das mit schmerzlicher Befriedigung; die Zeit seines Fortganges aus der Vaterstadt, obgleich nur wenige Jahre seitdem vergangen waren, lag jetzt weit dahinter. Ein freudiger Gedanke erfüllte plötzlich das Herz des Vaters; was auch da- >nals geschehen war, es war nur der Fehler eines in der Entwickelung begriffenen, noch knabenhaiten Jünglings, wofür die Verantwortlichkeit dem jetzt vor ihm sitzenden Manne N'cht mehr aufgebürdet werden konnte. Carsten faltete unwillkürlich seine Hände; als Annas Blicke sich zufällig auf ihn wandten, hörte auch sie nicht mehr auf Heinrichs Wunderding«: ihr alter Ohm saß da, als ob er betete.
Später freilich, als Sohn und Vater sich allein gegenübersaßen, mußte Heinrich auch diesem Rede stehen. Er war jetzt auf einer Geschäftsreise für seine Firma; am zweiten Festtag schon mußte er weiter, dem Norden zu. Aus dem eleganten Taschenbuchs, das Heinrich hervorzog, wurde Carsten in manche Einzelheiten eingeweiht, und er nickte zufrieden, da er den Sohn in wohlgeordneter Tätigkeit erblickte. Weniger deutlich waren die Mitteilungen, die" Heinrich über seine auf eigene Hand betriebenen Geschäfte nrachte; er verstand es, über diese selbst mit leichter Andeutung fortzugehen und sich dagegen ausführlich über neue Unternehmungen auszulassen, die mit dem unzweifelhaften Gewinn der ersteren begonnen werden sollten. Carsten war in solchen Dingen nicht erfahren; aber wenn in Heinrichs wortreicher Darlegung die Bröselte immer höher stiegen und das Gold aus immer reicheren Quellen floß, dann war es ihm mitunter, als blickten vlötzlich wieder Julianens Züge aus des Sohnes Antlitz, und zugleich in Angst und Zärtlichkeit ergriff er dessen Hände, als könnte er ihn so auf festem Boden halten.
Die Geschäfte, von denen Heinrich sich goldene Berge versprock>en hatte mußten doch einen anderen Erfolg gehabt haben. Kaum einen Rionwt nach seiner Abreise kamen Briefe aus Hamburg, von «hm selbst und auch von dritten, deren Inhalt Carsten den Frauen zu verbergen mutzte der ihn aber veranlaßte, sich bei seinem Gönner, dem sowohl im bürgerlichen als im peinlichen Rechte wohlerfahrenen, alten Bürgermeister eine ver- trauliche Besprechung zu erbitten. Und schon am nächsten Abend tm Rais- weinkeller raunte Herr Jaspers bei seinem Spitzglas Roten seinem Nachbar dem Stadtwaagemeister, zu: der alte Carstens — der Narr mit seinem liederlichen Jungen — es sei aus guter Quelle, baß er vormittag» mehrere seiner besten Hypothekoerschreibungen mit einer hübschen Draus, nabe gegen Bares umgesetzt habe. Der Stadtwaagemeister wußte schon noch mehr: das Geld, eine große Summe, war bereits am Nachmittage nach Hamburg auf die Post gegeben. Man kam überein, es müsse dort etwas geschehen ein, das rasche und unabweisbar« Hilfe erfordert habe.
Hilfe!" wiederholte Herr Jaspers, mit den dünnen Lippen behaglich den Rest seines Roten schlürfend; „Hans Christian wollte auch der Ratze hei- fen und füllte kochend Wasser in die Kesselfalle!" ,
Jedenfalls, wenn eine Gefahr vorhanden gewesen war, so schien sie für diesmal abgewendet; selbst Herr Jaspers konnte nichts Weiteres er- kundschaften, und was an Gesprächen darüber in einer kleinen Stadt gesummt hatte, verstummte allmählich. Nur an Carsten zeigte sich von die- er Zeit an eine ausfallende Veränderung; feine noch immer hohe Gestalt schien plötzlich zusammengesunken, die ruhig« Sicherheit feines Wesens war wie ausgelöscht; während er das «ine Mal ersichtlich den Blicken der Menschen auszuweichen suchte, schien er andermal in ihnen fast ängstlich eine Zustimmung zu suchen, di« er sonst nur in sich selbst gefunden hatte.
(Fortsetzung folgt.) ,
Dennoch, als sie am anderen Vormittage miteinander In der Kirche saßen, konnte er sich einer kleinen Genugtuung nicht erwehren, wenn über den Gesangbüchern In allen Bänken sich die Köpfe nach dem stattlichen jungen Mann herumwandten; ja, es war Ihm fast leid, daß heute nicht auch Herr Jaspers aus seinem gewohnten Stuhl herüber psalmodierte.
Am Nachmittage, während drinnen Carsten und Brigitte ihr Schläfchen hielten, saßen Heinrich und Anna draußen auf der Bank unter dem Birnbäume. Auch sie hielten Mittagsruhe, nur daß die jungen Augen nicht zufielen wie die alten drinnen; zwar sprachen sie nicht, aber sie hörten auf den Sommergesang der Bienen, der tönend aus dem mit Blüten über« schneiten Baume zu ihnen herabklang. Bisweilen, und dann immer öfter, wandte Anna den Kops und betrachtete verstohlen das Gesicht ihres Iu- gendgespielen, der mit seinem Spazierstöckchen den Namen einer berühmten Kunstreiterin in den Sand schrieb. Sie konnte sich noch immer nicht zu rechtfinden; der bärtige Niann an ihrer Seite, dessen Stimme einen so ganz anderen Klang hatte, war das der Heinrich noch von ehedem? — Da flog ein Star vom Dach herab auf die Einfassung des Brunnens, blickte sie mit seinen blanken Augen an und begann mit geschwellter Kehle zu schnattern, als wollte er ins Gedächtnis rufen, wer dort statt feiner einst gesessen habe. Anna öffnete die Augen weit und blickte hinauf nach einem Stückchen blauen Himmels, das durch die Zweige des Baumes sichtbar war; sie fürchtete den Schatten, der drunten aus der Brun- nenecke in diesen goldenen Sommertag hineinzufallen drohte.
Aber auch Heinrichs (Erinnerung war durch den gefchwätzigen Vogel geweckt worden; nur sahen (eine Augen keinerlei Schatten aus irgendeiner Ecke. „Was meinst du, Anna", sagte er, mit seinem Stöckchen nach dem Brunnen zeigend; „glaubst du, daß ich damals wirklich in das dumme Ding hineingesprimgen märe?"
Sie erschrak fast über diese Worte. „Wenn ich es glauben müßte", erwidert« sie, „so wärest du jedenfalls nicht wert gewesen, daß ich dich davon zurückgerissen hätte."
Heinrich lachte. „Ihr Frauen seid schlechte Rechenmeister! Dann hättest du mich ja ebenfalls nur sitzen lassen können!"
„O Heinrich, sage lieber, daß so etwas nie — nie wieder geschehen könne!"
Statt der Antwort zog er seine kostbar« golden« Uhr aus der Tasche und ließ diese und die Kett« vor chren Augen spielen. „Wir machen jetzt selbst Geschäfte", sagte er bann; „nur noch einige Monate weiter, ba werfe ich den Erben des Senators die paar lumpigen Taler vor die Füße; wollen sie's nicht aufheben, so mögen sie «s bleiben lassen; denn freilich, bezahlt muß so etwas werden."
„Sie werden es schon nehmen, wenn du es bescheiden bietest", sagte Anna.
„Bescheiden?" Er hatte sich vor ihr hingestellt und sah ihr ins Gesicht, das sie fitzend zu ihm erhoben hatte. „Nun, wenn du meinst", setzte er wie gedankenlos hinzu, während fein« Augen den Ausdruck aufmerksamer Betrachtung annahmen. „Weißt du wohl, Anna", rief er plötzlich, „daß du eigentlich ein verflucht hübsches Mädchen bist!"
Di« Worte hatten so sehr den Ton unwillkürlicher Bewunderung, daß Anna fast verlegen wurde. „Du hast dir wohl andere Augen aus Hamburg mitgebracht", sagte sie.
„Freilich, Anna; ich verstehe mich letzt darauf! Aber weißt du auch wohl, daß du nun bald bremndzwanzig Jahre alt bist! Warum hast du immer noch keinen Mann?"
„Weil ich keinen wollte. Was sind bas für Fragen, Heinrich!"
„Ich weiß wohl, was ich frage, Anna; heirate mich, bann bist du aus aller Verlegenheit."
Sie fah ihn zornig an. „Das sind feine schönen Spähe!"
„Und warum sollen es denn Späße fein?" erwiderte er und suchte ihr« Hand zu faffen. , , , - . ..
Sie ridüete sich fast zu gleicher Höhe vor ihm auf. „Nimmer, Heinrich, nimmer." Und als sie diese Worte, heftig mit dem Kopfe schüttelnd, aus- gestoßen hatte, machte sie sich los und ging ins Haus Zurück; aber fte war blutrot dabei geworden bis in ihr blondes Stirnhaar hinauf.
Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl'fche Universitäts-Buch» und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.


