Ausgabe 
24.1.1930
 
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Nun die Musiker haben schon recht frühzeitig Interesse für diese Sache gehabt, besonders die modernen. Allerdings weniger wegen der derzeitig erzielten Resultate, als wegen der Möglichkeiten, die sich dadurch für die Zukunft ergeben. Erstens ist ja überhaupt jedes Bestreben, neue Klänge zu schaffen, unter allen Umständen von Wert: seit 150 Jahren ist die Musik tatsächlich durch die Vervollkommnung der bestehenden und Schaffung neuer Instrumente fortwährend bereichert worden. Anderer­seits hat sich aber gerade in der letzten Zeit die Entwicklung von jenem fast bedrohlich werdendem Ueberreichtum an Instrumenten und Klängen abgewandt; in der neuesten Musik findet man überall das Bestreben, den Orchesterapparat zu verkleinern und mit einer geringeren Zahl von Jn- strumentalindividuen auszukommen. Also dies ist es nicht allein.

Aber am Ende dieses Weges elektrischer Tonerzeugung, auf dem man' eben die ersten Schritte getan hat, lockt ein merkwürdiges Ziel. Denn die elektrische Tonerzeugung könnt«, wenn sie zu einer gewissen Vervoll­kommnung gelangt ist, dem Musiker Bereicherungen seiner Klangpalette lieferen, von denen er bisher kaum träumen durfte. Um dies zu ver­stehen, muß man sich ein wenig mit den theoretischen Voraussetzungen dieses Erfindungsgebietes befassen. .

Seit vierzig bis fünfzig Jahren ist die Akustik damit beschäftigt, den physikalischen Aufbau der Klänge bis in die kleinsten Einzelheiten hin­ein zu studieren. Seitdem Helmholz die Lehre von den Obertönen aufgestellt hat wonach der Slangdynotter eines Instrumentes und einer Stimme durch die Zahl und höhe der jeweils mitschwingenden Obertöne bedingt ist sind die wissenschaftlichen Erkenntnisie auf dem Gebiet derart weit durchgearbeitet worden, daß man jetzt tatsächlich über­aus genau über die physikalischen Bedingungen informiert ist, unter denen Klänge und Geräusche jeder Art zustande kommen. Man mutz all diese Forschungen etwa vergleichen mit denjenigen der Chemie, bei denen es sich ebenfalls darum handelt, die Struktur der gegebenen Stoffe auf das Genaueste kennenzulernen. Und ebenso, wie die Chemie nun im Verfolg dieser Forschungen ganz sinngemäß dazu gelangt ist, nach der gelungenen Analyse der Stoffe auch zu einer Synthese zu kommen so hat sich in der Musik die neue Aufgabe ergeben, Klänge irgendwelcher Art, nachdem man sie analysiert hat, in entsprechender Weise willkürlich zusammenzusetzen. Was die elektrische Musikerzeugung anstrebt, ist das Entsprechende, was man in der Chemie mit der Synthese etwa des Zuckers schon erreicht hat.

Man will also: erstens sämtliche bestehenden Klange selbst auf die bis­her übliche Weise mit Hilfe von Instrumenten, auf andere Weise künst­lich Herstellen; derart, daß zum Beispiel durch eine beliebige Hinzufugung von Obertönen zu einem Gnindton etwa der Klangcharakter eines Harnes, einer Trompete oder auch der menschlichen Stimme nicht nur imitiert, sondern vollständig naturgetreu nachgeschaffen wird.

Das allein würde aber noch nicht so belangvoll sein denn das ist ja nur ein interessantes Experiment. Wenn aber dies einmal gelungen ist, fo kann man nun weiter dazu übergehen, auch unzählige andere Klang­farben zu schaffen, die es bisher überhaupt nicht gibt. Denn sämtliche Klangfarben, die wir kennen, und die durch Instrumente und Stimmen hervorgebracht werden, sind ja nur ein ganz geringer Ausschnitt von denen, die überhaupt möglich sind. Populär gesprochen: ein Musiker könnte auf die Idee kommen, an der und der Stelle eines Ord>esterwerkes ein Instrument zu verwenden, das so ähnlich klingt wie eine Oboe, gleich­zeitig aber die Weicbheit und Fülle des Cellos besitzt; also gewissermaßen eine'Mischung von Cello und Oboe zu verwenden. Das ist ihm natürlich gegenwärtig nicht möglich denn es gibt dieses Instrument eben nicht. Wenn wir aber wissen, durch welch? physikalischen Voraussetzungen ein derartiger Klang erzielt werden kann, und wenn wir dann weiter bewußt die dazu notwendigen technischen Hilfsmittel anwenden dann steht der Musiker in diesem Fall nicht vor einer unlöslichen Schwierigkeit. Die elektrische Musikerzeugung könnte uns also, wenn sie wirklich vollkommen wird, an der Stelle des kleinen Ausschnittes von Klangfarben, die wir gegenwärtig praktisch verwenden können, fämttidje überhaupt denkbaren Klangfarben liefern.

Und nickst nur dies: in entsprechender Weise könnten auch sämtliche Überhaupt denkbaren Tonhöhen und Tonstärken erzeugt werden und auch dies würde natürlich vollständig revolutionär wirken vor allem, wenn man an die Kombination mit der ersten Möglichkeit denkt. Man muß sich vergegenwärtigen, daß alle Instrumente, die wir verwen­den, ihren Klangcharakter ja nur in bestimmten Lagen haben; es könnte aber jemand doch einmal auf die Idee koniinen, einen Geigenton in der äußersten Tiefe unserer Klangskala erklingen zu lassen oder andererseits den Klangcharakter eines Kontrabasses in andere Höhenlagen zu Über­nehmen und Aehnliches.

Und weiter: solche elektrischen Instrumente könnten eine vollkommen neue Spieltechnik haben. Es ist denkbar, daß man auf ihnen durch ge­schickte Schaltungen oder auch einfach durch Körperbewegungen, wie bei Theremin, derartig leicht spielt, wie das bisher auf unseren Instrumenten nicht möglich ist.

Fassen wir also zusammen: Was am Ende der Entwicklung elektri­scher Musikerzeugung steht und was damit erstrebt wird, ist, eine Art Universalinstrument, vergleichbar dem erträumtenOmnitonium" des Mittelalters; eine ungeheuer vervollkommnete Orgel, mir mit ganz an­derer Spielart, auf der sämtliche überhaupt denkbaren Klangfarben, ganze Orchester, sowie den Klang einzelner und zahlreicher menschlicher Stim­men in jeder Höhe frei, nach dem Gebot der allein maßgebenden musika­lischen Phantasie erschaffen kann.

Und nun wird man begreifen, wie groß das Interesse der modernen Musiker für dieses Gebiet ist.

Mager und Theremin sind übrigens keineswegs die Einzigen, die sich mit derartigen Arbeiten beschäftigen. An der Funkversuchsstelle der Berliner Hochschule für Musik befindet sich ein eigenes Bersuchslabora- torium für diese Zwecke, aus dem schon ein interessantes Verfahren zur elektrischen Ressonanzsteigerung hervorgegangen ist. Die dort künstlich neu geschaffenen Jnstrumentalgeschöpfe haben den Klangcharakter einer Geige, ober die Klanggröße etwa einer Posaune was auf den Hörer einen

fast unheimlichen Eindruck macht, gleichsam, als wenn er plötzlich eine Kreuzung von einer Maus und einem Löwen sehen würde...

Und weiter: Vor kurzem wurde in Wien das sogenannteSuper- piano" von seinem Erfinder Spiel mann gezeigt ein Instrument, das auf ähnlichen Prinzipien beruht, wie die Apparate der beiden anderen Erfinder, aber den Vorzug einer festen Tastatur besitzt, so daß man auf ihm ähnlich spielen kann, wie auf einem Klavier. Aus Ungarn wird be­richtet, daß dort ein Erfinder, Dr. Franko, eine Orgel auf ähnlicher technischer Basis konstruiert hat. Vielleicht sind wir also wirklich von der Zukunftsmusik der elektrischen Wunderorgel nicht mehr allzu weit ent­fernt.

Abendlied.

Von Gottfried Keller.

Augen, meine lieben Fensterlein,

Gebt mir schon so lange holden Schein, Lasset freundlich Bild um Bild herein: Einmal werdet ihr verdunkelt feinl

Fallen einst die müden Lider zu.

Löscht ihr aus, dann hat die Seele Ruh;

Tastend streift sie ab die Wanderschuh, Legt sich auch in ihre finstre Truh.

Noch zwei Fünklein sieht sie glimmend stehn,

Wie zwei Sternlein, innerlich zu sehn.

Bis sie schwanken und dann auch vergehn, Wie von eines Falters Flügelwehn.

Doch noch wandl ich auf dem Abendfeld, Nur dem sinkenden Gestirn gesellt;

Trinkt, o Äugen, was die Wimper hält, Von dem goldnen Ueberfluß der Welt!

Larsten Curator.

Novelle von Theodor Storm.

(Fortsetzung.)

Als er wieder in fein Haus trat, hörte er rasch die Stubentür von in­nen anziehen.Noch einen Augenblick Geduld!" rief Annas helle Stimme; bann gleich darauf wurde die Tür weit aufgeschlagen, und die schlanke Mädchengestalt stand wie in einem Bilderrahmen auf der Schwelle. Sie schritt auch nicht hinaus, sie starrte regungslos auf ihren alten Pflegevater.

Allein, Ohm?" fragte sie endlich.

Allein, mein Kind."

Dann gingen beide zu Tante Brigitte in die festlich aufgeschmückte Stube, und die Frauen, während Carsten schweigend in dem Ledersessel daneben saß, erschöpften sich in immer neuen Mutmaßungen, was cs nur gewesen sein könne, das ihnen alle Freude so zerstört habe, bis endlich der Abend vergangen war und sie still die Lichter löschten und die Geschenke wiederforträumten, welche sie kurz zuvor so geschäftig zusammengetragen hatten. *

Auch die Weihnachtsfeiertage verflossen, ohne daß Heinrich selber oder ein Lebenszeichen von ihm erschienen wäre. Als auch der Neujahrs­abend herankam und die lang erwartete Poststunde wieder so vrüberging, hatten in dem alten Manne die Sorgen der letzten Tage sich zu einer fast erstickenden Angst gesteigert. Was konnte geschehen fein? Wenn Hein­rich krank läge dort in der großen, fremden Stadt! Die diesmal ruhigere Ueberfegung der Frauen vermochte ihn nicht zurückhalten, er mutzte sel­ber hin und sehen. Vergebens stellten sie ihm die Beschwerlichkeit der lan­gen Reise bei dem eingetretenen scharfen Frost vor Aigen; er suchte sich bas nötige Reisegeld zusammen und hietz Brigitte seinen Koffer packen; bann ging er in die Stadt, um sich zum anderen Morgen Fuhrwerk zu verschaffen.

Als er nach vielfachem Umherrennen erschöpft nach Hause tarn, war ein Bries von Heinrich da; ein Versehen des Postboten hatte die Abgabe verspätet. Hastig riß er bas Siegel auf; die Hände flogen ihm, daß er kaum seine Brille aus der Tasche ziehen konnte. Aber es war ein ganz munterer Brief; Herr Jaspers hatte recht gehabt: mit Heinrich war nichts Besonderes vorgefallen, er hatte nur gedacht, es fei doch richtiger, den Weihnachtsmarkt in Hamburg zu genießen und dann später nach Haufe zu kommen, wenn erst im Hof der große Birnbaum blühe und sie mit­einander auf den Deich hinausspazieren könnten; dann folgte die lustige Beschreibung verschiedener Feste und Schaustellungen; von den Küm­mernissen, die er den Seinen zugefügt, schien ihm keine Ahnung gekom­men zu sein.

Auch eine Nachschrift enthielt der Brief: er habe auf eigene Hand mit einem guten Freunde einige Geschäfte eingefäbett, die schon hübschen Ge­winn abgeworfen hätten; er wisse jetzt, wo Geld zu holen fei, sie würden bald noch anderes von ihm hören. Wie gewagt, nach mehr als einet Seite hin, diese Geschäftsverbindung sei, davon freilich war nichts ge­schrieben.

Carsten, da er alles einmal und noch einmal gelesen hatte, lehnte sich müde in seinen Stuhl zurück; der NameJuliane" drängte sich unwill­kürlich über seine Lippen. Aber jedenfalls Heinrich war gesund; es war nichts Schlimmes vorgefallen.

Nun, Ohm?" fragte Anna, die auf Mitteilung harrend mit Tante Brigitte vor ihm stand.

Er reichte ihnen den Brief.Leset selbst", sagte er,vielleicht daß ich heute einmal besser schlafe! Und bann, Anna, bestelle mir den Fuhrmann